Skip to main content

Full text of "Mittelhochdeutsche grammatick [microform]"

See other formats


Google 


This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 


Google 


IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



*»■ :ü 





V» 


t. 







^ " 




» 


'\; 


o 


o 


k^ J'/ J y^vp-^fi^fir^ici^w^^fffir ff 




SAMMLUNG KÜRZER GRAMMATIKEN 
GERMANISCHER DIALEKTE. H. 


MITTELHOCHDEUTSCHE 


&BAM1ATIK 


VON 


ÜW^ 


HERMANN PAUL. 



FÜNFTE AUFLAGE. 

• 



HALLE. 


• 

MAX NIEMEYER. 



1900. 



Preis : 3 Mark. ^ 


/ 
1 

« 

« 






V» 


l> 




« 



« .*»r._-.^ jei-jl..._ 


l:. 


t \ 


'\-J 




VI Vorrede. 

Tcann, Dem zwecke der grammatik gemäss masste ich a/uch 
auf eine darlegung der geschichtlichen entwickelung vereichten. 
Ich musste mich im allgemeinen begnügen, den spra>chgehrauch 
wehrend der hlüteeeit der mittelhochdeutschere Uteratur zu he- 
schreiben, und £fwar in einer möglichst kurzen und verstand- 
liehen fassung, womit nicht zugleich immer den anforderungen 
strengster wissenschaftlichkeit genüge geleistet werden konnte. 
Ich durfte mich wegen des praktischen Zweckes auch nicht auf 
einen absoluten Standpunkt stellen, sondern musste überall von 
dem baden unseres gegenwärtigen Sprachgebrauchs ausgehen, 
überall die abweichufhgen von demselben betonen, dagegen das 
übereinstimmende mit kurzen andeutungen abtun. Eben des- 
wegen sind auch diejenigen eigentümlichkeiten des mhd. am 
ausführlichstm behandelt, deren kenntnis für das verständniss 
der texte am unentbehrlichsten ist, und diejenigen, welche in 
den Wörterbüchern keine rechte stelle finden können oder noch 
nicht gefunden haben. Die beispiele sind alle der Überlieferung 
entnommen, nur hie und da um das für die veranschaulichung 
der regel überflüssige gekürzt. Eine angäbe der werke, aus 
denen sie entnommen sind, mit Seiten- oder verszähl würde für 
den anfänger ein unnützer ballast sein, für den controUierenden 
forscher aber würden doch die belege wegen ihrer geringen zahl 
nicht genügen. 

Schwer ist es mir geworden, mich zu einer bestimmten an- 
ordnung zu entschliessen. Ich bin darauf gefasst, dass man 
mir mangel an systemMik vorwerfen wird. Ein billiger beur- 
teiler aber wird einsehen, dass die etwas aphoristische art meiner 
darstellung zum teil eine notwendige folge davon ist, dass ich 
mich auf das für die erlernung des mhd. notwendige zu be- 
schränken versucht habe. Grössere Vollständigkeit und aus- 
führUchkeit, die mehrfache behandhing der selben sache unter 
verschiedenen gesichtspunkten nicht scheut^ ist notwendige Vor- 
bedingung zu einer mehr systematischen darstellung. Ein streng 
nach logischen prindpien gegliedertes System kann aber die 


Vorrede. vii 

Syntax einer spräche überhaupt nicht sein, so wenig wie die 
darstellung der geschichtlich gewordenen Verhältnisse auf irgend 
einem culturgehiet Wer es unternimmt, ein solches System der 
Syntax eu entwerfen, nmss entweder eine menge wichtiger er- 
scheinungen hei seite lassen oder sich mit vielen willkürlich 
eingeschobenen excursen behelfen, wobei die Systematik der ca- 
pitelüberschriften zu blossem scheine wird. Mir kam es darauf 
an, jedesmal das dem wesen nach ssuscmmengehörige zu einer 
gruppe eusammemuschliessen und die einzelnen gruppen so 
auf einander folgen zu lassen, dass so wenig als möglich eine 
kenntniss des erst später behandelten schon vorausgesetzt wird. 
Selbst die Scheidung in zwei hauptahschnitte (einfacher — zu- 
sammengesetzter satz) ist nicht ganz consequent durchgeführt, 
weil es mehrmals unzweckmässig schien, auseinanderzureissen, 
was doch eng zusammengehört So würde z. b. aus den gruppen 
congruenz und tempus manches in den zweiten abschnitt ge- 
hören. 

Freiburg i. B,, 10. Oktober 1883. 

H. PauL 


Vorrede wur d/riUen aufläge. 


Die abweichungen von der zweiten aufläge beschränken 
sich auf eine anzahl kleinerer berichtigungen und Zusätze, wo- 
runter die wesentlichsten in §§ 2. 4. 6, L 10. 40 (anmerkungen). 
75. 92. 95. 112. § 116 ist neu hinzugekommen; um die Zählung 
nicht zu verschieben ist der frühere §116 mit § 115 vereinigte 

Freiburg i. B., märz 1889. 

H. PauL 


vin Vorrede. 

Vinrrede mir vierten, anflage. 


Die bedeutendsten Veränderungen in dieser aufläge betreffen 
die Scheidung der verschiedenen e-laute (§ 6, 1. §43, anm. 3), 
die behandlung des umlauts {§ 40) und die der partihel ge- 
(§ 305 — 9. 371 — 5). Sonst sind eine anzahl Tdeinerer eusätze 
und berichtigungen gemacht 

München^ im a^gust 1894. 

H. Paul. 


Vorrede zur fünften a/uflage. 


Diese aufläge hat eine durchgreifendere umo/rbeitung und 
Vermehrung erfahren ais die beiden vora^fgehenden. Auch die 
literaturangaben sind vermehrt^ ohne dass voUständigJceit dabei 
a/ngestrebt ist. Von der meist geringwertigen dissertationen- 
literatur ist vielleicht schori zuviel aufgenommen. Den belegen 
in der syntax sind diesmal die verfassemamen , resp. die titel 
der denkmaler beigefügt, denen sie entnommen sind, soweit es 
sich nicht um ganz gewöhnliche erscheinwngen handelt, für die 
die belege leicht in massen zusammengebracht werden können. Ich 
habe die erweiterungen in solchen grenzen gehalten, dass dadurch 
der grundcharaJcter des Werkes nicht verändert ist. Kleine Ver- 
schiebungen in der paragraphenteilung (180 ff. 319 ff.) sir^l so 
eingerichtet^ da^s im grossen und ganzen die Zählung nicht ver- 
schoben ist. Herrn prof. Kluge und herm Dr. Saran bin ich 
für eine anzähl berichtigungen zu dank verpflichtet. 

München, 28. märz 1900. 

H.Paul. 


Inhalt. 


Seite 

Einleitung (§ 1—4) 1 

Lantlehre. 

Cap. I. Orthographie and aiuuiprache (§ 5—6) ....... 6 

Cap. n. Accent (§ 7—16) 9 

Cap. III. VerhSltniss der mittelhochdeutschen laute zu den neu- 
hochdeutschen (§ 17- 37) 13 

A. Orthographie (§ 17) 

B. Vocale (§ 18—27) 

C. Consonanten (§ 28—36) 

D. Ausgleichung (§ 37) 

Cap. IV. Lautwechsel (§ 38—88) 19 

A. Vocale (§ 40—62) 

1. Umlaut (§40) 

2. Wechsel zwischen '6 und i, u und o, iu imd ie 
(§ 41-45) 

S. Wechsel zwischen diphthong und einfachem vocal 
(§ 46-47) 

4. Ablaut (§ 48—57) 

5. Wechsel zwischen vollem vokal und schwachem e 
(§ 58-59) 

6. Ausstossung und beibehaltung des schwachen e 
(§ 60—62) 

B. Consonanten (§ 63—84) 

1. Orthographischer Wechsel (§ 63) 

2. Wechsel durch die Stellung in der silbe veranhusust 
(§ 64-70) 

3. Assimilation (§ 71) 

4. Ausstossung (§ 72—74) 

5. Gemination (§ 75—77) 

6. Der grammatische Wechsel (§ 78—82) 

7. Lautveränderungen vor t (§ 83) 

8. Verschiedene sonstige arten des consonantenwechsels 
(§84) 


X Inhalt. 

C. Vocal und consonant (§ 85—86) 

D. Wechsel durch die Satzbetonung veranlasst (§ 87—88) 
Cap. V. Dialektische abweichungen (§ 89—116) 42 

A. Verhalten der dialekte in bezug auf die lautverschie- 
bung (§ 90—95) 

B. Sonstige eigenheiten des mitteldeutschen (§ 96 — 109) 

C. Sonstige eigenheiten des oberdeutschen (§ 110— 116) 

Flexionslehre. 

Gap. I. Declination der substantiva (§ 117—135 50 

A. Starke declination (§ 118—128) 

B. Schwache declination (§ 129—132) 

C. Declination der personennamen (133 — 135) 

Gap. n. Declination der adjectiva (§ 136—139) 59 

Anhang 1. Gomparation (§ 140 — 141) 

Anhang 2. Bildung des adv. aus dem adj. (§ 142—144) 

Gap. III. Declination der pronomina und Zahlwörter (§ 145—152) 63 

Gap. IV. Gonjugation (§ 153—181) 66 

I. Starke verba (§ 155—165) 

II. Schwache verba (§ 166—170) 

m. Unregelmässige v^ba (§ 171—181) 

Syntax. 

I. Einfacher satz. 

Wortstellung (§ 182—195) 81 

Subject und praedicat (§ 196—201) 86 

Praedicat und attribut (§ 202—207) 88 

Substantivum und adjectivum (§ 208—215) 92 

Pronomina (§ 216—222) 95 

Artikel (§ 223—225) 97 

Flexion des adjectivums (§ 226—227) 99 

Gongruenz (§ 228— 239) 101 

Gebrauch der casus. Accusativus (§ 240-247). Dativus (§248 
—249). Genitivus (§ 250—268). Instrumentalis (§ 269). Rec- 

tion der praepositionen (§ 270—276) 105 

Tempora (§ 277—79) 119 

Modi (§ 280—285) 120 

Nominalformen des verbnms. Partioipium (§ 286 — 292). In- 
finitiv und gerundium (§ 293—300) 122 

Verallgemeinernde Partikeln und pronomina (§ 301—304) . . .128 

Gebrauch der partikel ge- (§ 505—309) 130 

Verneinung (§ 310—815) 138 

Goordination von Satzteilen (§ 316—317) 135 

Vergleichung (§ 318—319) 136 

Sparsamkeit im ausdruck (§ 320—324) 137 

Pleonasmus (§ 326—329) ' 139 

II. Znsanunengesetzter satz. 

Goordination von Sätzen (§ 330—333) 141 


^ 


Inhalt ZI 

Logische abhängigkeit ohne grammatische bezeichnnng (§ 384 

—835) 142 

Bezeichnung der abhängigkeit durch den conjunctiv des verbums 

(§ 386—340) 146 

Abhangige fragesätze (§ 341—342) 149 

Relativsätze (§ 343—347) 149 

Nebensätze von conjunctionen eingeleitet (§ 348—354) .... 154 

Nachsatz (§ 355) 161 

Wortstellung in den abhängigen frage-, relativ- und conjunctions- 

sätzen (§ 356—357) 161 

Modusgebrauch im nebensatze (§ 358—869) 162 

Verallgemeinernde partikeln und pronomina (§ 370) 168 

Gebrauch der partikel ge- (§ 371—373) 169 

Negation im abhängigen satze (§ 374—375) 171 

Satzstellung (§ 376-877) 172 

Form der abhängigkeit ohne regierenden satz (§ 378—380) . .174 

Ersparung (§381-385) 175 

Ersatz des speciellen ausdrncks durch einen allgemeinen (§ 386 

—388) 178 

Pleonasmus (§ 389) 179 

Mischung verschiedener constractionen (§ 390 — 391) . . . .179 

Satzverschlingung (§ 392) 180 

Nomen an stelle eines satzes (§ 393) 181 

Anomalie (§ 394—397) 181 


Abkürzungen. 

ahd. = althochdeutsch. mhd. = mittelhochdeutsch. 

al. = alemanisoh. mnd. = mittelniederdeutsch, 

bair. = bairisch. nd. = niederdeutsch. 

Beiträge =; Beiträge zur geschichte der oberd. ■= oberdeutsch, 
deutsch, spräche u. literatur, praet. = praeteritum. 
hrsg. von Paul und Braune, st. f. = starkes femininum. 
Germ. = Germania, Yierteljahrschrift st. m. = starkes masculinum. 
für deutsche altertumskunde. st. n. = starkes neutrum. 
got. = gotisch. st. Y. = starkes verbum. 

fränk. = Mnkisch. sw. f. = schwaches femininum etc. 

idg. = indogermanisch. urgerm. = urgermanisch, 

instr. = Instrumentalis. Z. f. d. altert. = Zeitschrift fElr deutsches 

md. = mitteldeutsch. altertum imd literatnr- 

mfränk. = mittelfränkisch. geschichte. 

Für die Verfasser und denkmäler, denen die syntaktischen belege ent^ 
nommen sind, gelten folgende abkürzungen: G = Gottfried von Strassburg, 
H = Hartmann von Aue, Ku = Kudrun, N = Nibelungslied, Wa = Walther 
von der Vogelweide, Wo = Wolfram von Eschenbach. Die übrigen an- 
gaben werden für jeden, der einigermassen in der mhd. literatur bescheid 
weiss, ohne weiteres verständlich sein. Statt des namens ist die heimat 
angegeben, wo dieselbe eine genauere unzweideutige bestimmnng gibt. 




Einleitnn?. 


§ 1. Man teilt die dentschen mnndarten gewöhnlich zu- 
nächst in drei hauptgruppen: ober- oder hoch-, mittel- 
nnd niederdentsch. Diese scheidnng gründet sich yornehm- 
lich anf den consonantenstand der mundarten, ihr verhalten 
zu der sogenannten zweiten oder hochdeutschen lautverschie- 
bung. Niederdeutsch ist dasjenige gebiet, in welchem die Ver- 
schiebung auf der untersten stufe stehen geblieben ist (ungenau 
ist es, wenn man sagt, dass überhaupt keine Verschiebung 
eingetreten sei), oberdeutsch dasjenige, in welchem sie am 
weitesten gegangen ist, mitteldeutsch das dazwischenliegende, 
in welchem sie weiter als im niederdeutschen, nicht so weit 
als im oberdeutschen gegangen ist. Man pflegt aber auch 
unter der bezeichnung 'hochdeutsch' das ober- und mittel- 
deutsche zusammenzufassen. Insbesondere bezeichnet man unsere 
jetzige Schriftsprache als hochdeutsch, welche doch im wesent- 
lichen auf mitteldeutscher grundlage ruht. Auch wir werden 
in unserer darstellung die mitteldeutschen mundarten neben den 
oberdeutschen berücksichtigen. 

§ 2. Das oberdeutsche zerfällt in die beiden hauptmund- 
arten bairisch und alemannisch (im weiteren sinne). Zum 
bairischen gehört auch das östreichische. Das oberpfalzische 
(mit Nürnberg und einem teile von Böhmen) bildet einen Über- 
gang zum ostfränkischen. Das heutige alemannische im weiteren 
sinne scheidet man gewöhnlich zunächst in alemannisch im 
"engeren sinne und schwäbisch (letzteres die hauptmasse von 
Wtirtemberg, bairisch Schwaben und HohenzoUem umfassend). 
Die charakteristischen unterschiede zwischen beiden sind zum 

Paul, mittelhochdeatsohe grammatik. 5. aufl. 1 


2 Einleitung. 

teil schon im XIII. jahrh. zu bemerken, namentlich in der 
zweiten hälfte desselben. Das alemannische im engeren sinne 
mnss wider mindestens in zwei hanptgrnppen zerlegt werden^ 
hoch- nnd niederalemannisch. Zu dem ersteren gehört 
die Schweiz mit ansschlnss von Basel, zu dem letzteren Basels 
das Elsass nnd das badische Kheintal von Basel abwärts bia 
an die fränkische grenze. Das obere badische Eheintal nnd 
der badische Schwarzwald schliessen sich näher an die Schweiz 
an. Alemannisch ist anch Vorarlberg. Der unterschied zwischen 
hoch- und niederalemannisch ist schon in den ältesten denk- 
mälem zu bemerken. Das mitteldeutsche scheiden wir zunächst 
in ost-und westmitteldeutsch. Das letztere umfasst daa 
alte Frankenland, soweit dasselbe nicht auf niederdeutscher 
stufe stehen geblieben ist (niederfränkisch in den Niederlanden 
und dem nördlichen ende der Rheinprovinz), ausserdem das. 
hessische, welches vom sprachlichen gesichtspunkte aus dem 
fränkischen zugerechnet werden kann. Wir machen im anschluss 
an Braune (Beiträge 1, s. 3 flf.) folgende Unterabteilungen: mitte 1- 
fränkisch, genauer mittelrheinfränkisch (die hauptmasse der 
Rheinprovinz von Düsseldorf bis Trier, von Westphalen der 
kreis Siegen, der nordwestliche zipfel von Nassau, Luxemburgs 
der nordwestliche teil von Deutsch-Lothringen), südfränkisch,, 
genauer sttdrheinfränkisch , jetzt gewöhnlich schlechthin als. 
rhein fränkisch bezeichnet (der südlichste teil der Rhein- 
provinz, der andere teil von Deutsch-Lothringen, die hauptmasse 
der provinz Hessen, Hessen-Darmstadt, der nordwestliche zipfel 
des bairischen Franken mit AschaflTenburg, der nördliche teil 
von Würtemberg und Baden, Rheinpfalz, der nördlichste streifenr 
des Elsass), ostfränkisch (bairisch Franken, ein teil von Baden 
mit Wertheim und Tauberbischofsheim, Koburg, Meiningen, daa 
Vogtland). Das mittelfränkische ist aber wider in zwei nicht 
unwesentlich von einander verschiedene teile zu zerlegen, die^ 
man vielleicht besser den beiden andern mitteldeutschen ab- 
teilungen des fränkischen selbständig zur Seite stellen würde 
(vgL Nörrenberg, Beiträge 9, s. 372 flf.), einen nördlichen und 
einen südlichen, wovon ersterer dem niederdeutschen, letzterer 
dem südfränkischen näher steht. Man hat dafür die bezeich- 
nungen ripuarisch und moselfränkisch vorgeschlagen, wo- 
von die letztere aber deshalb nicht sehr passend ist^ weil auch. 


Einleitang. 3 

rechtsrheinisches gebiet einbegriffen wird. Das rheinfränkische 
nähert sich im Süden mehr nnd mehr dem alemannischen. Man 
trennt daher den südlichen teil des gebiets auch als eine be- 
sondere mnndart ab, für die man dann den ansdmck süd-* 
fränkisch vorbehält (vgl. Böhme, Zur kenntnis des ober* 
fränkischen). Das ostmitteldentsche, fast ganz anf ehemals 
slavischem gebiete, nmfasst das thüringische, obersächsische 
nnd schlesische, zn welchem letzteren auch das lausitzische 
zu rechnen ist Das ostfränkische und da« südfränkische im 
engeren sinne stehen dem oberdeutschen am nächsten und 
werden vielfach nicht mit zum mitteldeutschen gezählt, was 
auch eine gewisse berechtigung hat. Auch in Preussen ist die 
literatur während des mittelalters md., während jetzt nur ein 
kleiner teil davon md. ist. 

Anm. Die hier aufgestellte gruppierung kann nur als eine provi- 
sorische und sehr unvollkommene gelten. In Wirklichkeit ist die abstufung 
eine viel mannigfaltigere, wobei sich die grenzen der mundartlichen Ver- 
schiedenheiten nicht immer mit den alten Stammesgrenzen decken. Eine 
genauere abgrenzung der lebenden mundarten wird erst möglich sein, 
wenn Wenker's Sprachatlas des deutschen reiches vollendet |sein wird. 
Berichte über die bisher fertiggestellten karten hat Wrede geliefert in dem 
Anzeiger der Zschr. f. d. Altert, von 18, 300 an. Vgl. auch dessen aufsatz 
Hochfränkisch und oberdeutsch, Zschr. 37, 288. Es wird dann noch ein- 
gehende Untersuchung erfordert, wieweit die heutigen unterschiede und 
grenzen in die ältere zeit zurückgehen. 

§ 3. Man pflegt in der entwickelung der deutschen wie 
der übrigen germanischen dialekte drei hauptperioden an- 
zusetzen, die man als alt, mittel und neu unterscheidet, also 
althochdeutsch, mittelhochdeutsch und neuhochdeutsch. jDie 
grenze zwischen ahd. und mhd. setzt man gewöhnlich um 1100, 
die zwischen mhd. und nhd. um 1500 an. Doch ist der Über- 
gang natürlich ein ganz allmähliger, und innerhalb der periode 
von 1100 — 1500 lassen sich wider verschiedene entwickelungs- 
stufen unterscheiden. Wir legen unserer darstellung die Ver- 
hältnisse in der blütezeit der mittelhochdeutschen literatur zu 
gründe, d. h. am ende des Xu. und in der ersten hälfte de» 
Xni. jahrh. Wenn wir etwas als nhd. dem mhd. gegenüber- 
stellen, so soll damit nicht gesagt sein, dass es nicht vielleicht 
schon etwas früher oder erst etwas später als um 1500 ein^ 
getreten ist 

1* 


4 Einleitung. 

§ 4. Es ist die herrschende ansieht, dass während der 
bltttezeit der mittelhochdeutschen literatnr eine von den mnnd- 
arten verschiedene gemeinsp räche bestanden habe, die aller- 
dings nicht so fest geregelt gewesen sei wie die nenhochdentsche 
Schriftsprache und manche besonderheiten nnd Schwankungen 
zugelassen habe. Die einen bezeichnen dieselbe als schrifir 
Sprache, die andern als hofsprache oder höfische spräche, 
weil sie an den fürstenhöfen, speciell am kaiserlichen hofe 
gesprochen sei. Als ihre grundlage nimmt man gewöhnlich 
die alemannische mundart an, welche nach einigen durch frän- 
kische einflüsse modificiert sein soll. Der Verfasser hält diese 
verbreitete ansieht für irrig. Ein massgebendes Zentrum fär 
das ganze gebiet des hochdeutschen gab es nicht. Damit ist 
aber nicht ausgeschlossen, dass in den literarischen erzeugnissen 
die mundartlichen eigentümlichkeiten ihrer Verfasser durch 
verschiedene momente mehr oder weniger stark eingeschränkt 
und modificiert wurden. Eine solche einschränkung liegt schon 
im wesen der schriftlichen aufzeichnung, indem dabei viele 
Verschiedenheiten der mündlichen rede gar nicht zum ausdruck 
kommen. Nachdem sich einmal eine tradition herausgebildet 
hat, bleibt die geschriebene spräche hinter der entwickelung 
der gesprochenen immer etwas zurück, und es pflegen daher 
in jener manche dialektische unterschiede noch zu fehlen, die 
in dieser schon vorhanden sind. Es übertragen sich auch zu- 
weilen Schreibgewohnheiten von dem dialektgebiet, auf dem 
sie entstanden sind, auf ein anderes, für das sie nicht gan^ 
passen. Die spräche des volkstümlichen epos hat sich früh- 
zeitig von der Umgangssprache differenziert, namentlich durch 
erhaltung von altertümlichkeiten in wertschätz und syntax. 
Die kunstdichter lassen sich davon meistens mehr oder weniger 
beeinflussen. Diese letzteren widerum bilden ausdrucksformen 
heraus, die der Umgangssprache fremd bleiben, aber in der 
literatur nachgeahmt werden. Es scheint auch, dass man sich 
frühzeitig bemüht hat, besonders auffallende mundartliche eigen- 
heiten, die ftlr die angehörigen eines anderen gebietes störend 
sein mussten, nach möglichkeit zu vermeiden, namentlich reime 
zu vermeiden, die durch Umsetzung in eine andere mundart 
zerstört, werden mussten. Zu dieser negativen enthaltsamkeit 
kamen positive einflüsse, die angehörige verschiedener dialekt- 


Einleitung. 5 

gebiete anfeinander ausübten. Am stärksten haben sieh die- 
selben wohl im wortgebrauehe geltend gemacht. Sie fehlen 
aber auch nicht ganz auf dem gebiete der lantgestaltnng, der 
flexion nnd wortbildnng. Namentlich sind von den dichtem formen, 
die ihrer mnndart fremd waren, aufgenommen, wenn sie zn be- 
quemen reimen verhalfen. Im 14. und 15. Jahrhundert nehmen 
die mundartlichen unterschiede zu. aber auf der andern seite 
bilden sich in den kanzleien verschiedene Zentren heraus mit 
mehr oder weniger fester Schreibtradition, welche die ent- 
stehung der nhd. gemeinsprache vorbereiten. 

Aus rttcksicht auf das nächste praktische bedürfniss habe 
ich mich, wo die dialektischen Verschiedenheiten nicht aus- 
drücklich hervorgehoben werden mussten, möglichst an die ge- 
regelte Schreibweise unserer kritischen ausgaben angeschlossen, 
wodurch allerdings eine nicht ganz zu rechtfertigende scha- 

blonisierung herbeigeführt wurde. 

Anm. Vgl. Lachmann, Auswahl aus den hochdeutschen dichtem des 
13. jh.y s. VIII. Pfeiffer, Ueber wesen und bUdung der höfischen spräche 
in mittelhochdeutscher zeit (Wien. Ak. 1861 u. Freie forschung, s. 309 ff.). 
MüUenhoff, Denkmäler deutscher poesie und prosa', s. XXVII. Braune, 
Zeitschrift für deutsche phil. IV, 252 ff. und Beiträge 1, 1 ff. Paul, Gab es 
eine mittelhochdeutsche Schriftsprache? Halle 1873. Heinzel, Zur geschichte 
der niederfränkischen geschäftssprache, Paderborn 1874. Behaghel, Zur 
frage nach einer mittelhochdeutschen Schriftsprache, Basel 1886. Socin, 
Schriftsprache und dialekte im deutschen, Heilbronn 1888, s. 80 ff. Kauff- 
mann, Beiträge 13, 464 ff. H. Fischer, Zur geschichte des mittelhoch- 
deutschen (progr. Tübingen 1 889). Brandstetter, Prolegomena zu einer urkund- 
lichen geschichte der Luzemer mundart. Einsiedeln 1890 und Die Luzemer 
kanzleisprache 1250—1600 (1892). Böhme, Zur kenntnis des Oberfränkischen 
im 13. 14. und 1 5. Jahrhundert, diss. Leipzig 1893. Behaghel, Schriftsprache 
und mundart (akademische rede, Giessen 1897). Bohnenberger, Beiträge 
XX, 209. Zwierzina in Abhandlungen zur germ. phil. (festgabe für Heinzel) 
Halle 1898, s. 437 ff. C. Kraus, Heinrich vonVeldeke und die mittelhoch- 
deutsche dichtersprache, Halle 1899. Böhme, Zur geschichte der sächsischen 
kanzleisprache I, Halle 1 899. Singer, Die mittelhochdeutsche Schriftsprache 
(Mitteilungen der gesellschaft für deutsche spräche in Zürich V) 1900. 


Lautlehre. 


Cap. I. Orthographie und ausspräche. 

§ 5. Die gewöhnlich in den kritischen ausgaben mittel- 
hochdeutscher texte angewendeten lantzeichen sind folgende. 
Kurze vokale: a, e, i, o, u, ö, ü. Lange vokale: ä, e, % ö, ü, 
OB, <B, iu (doch vgl. § 6, 2). Diphthonge : ei, ou, öu, ie, uo, üe, 
Consonanten: Je, c, q, t, p, g, d, b, ch, f^ h, s, seh, z, j, w, m, n, 
r, l. Für öu wird häufig auch eu geschrieben (selten oi, öi, zu 
unterscheiden von einem oi, welches nur in lehnwörtern aus 
dem französischen vorkommt). Nicht in allgemeinem gebrauch, 
aber für genauere phonetische Unterscheidung notwendig und 
daher von uns angewendet ist das zeichen ä neben e; y und x 

werden gewöhnlich nur in fremdwörtern gebraucht. 

Anm. Die Schreibweise der kritischen ausgaben versucht sich mög- 
lichst der ausspräche anzupassen, indem sie jedem besonderen laute sein 
besonderes zeichen gibt. Sie stützt sich dabei auf die etymologie and auf 
die beobachtung der reime. Die Schreibweise der handschriften, wie sie 
ganz oder teilweise in vielen ausgaben beibehalten wird, ist eine viel 
regellosere und ungenauere. Auf die wichtigsten abweichungen mag hier 
ai^erksam gemacht werden. 

1. Zwischen länge und kürze wird nicht unterschieden. Der cir- 
cumflex als längezeichen findet sich nur hier und da, und nicht immer 
richtig gesetzt, consequent angewendet ist er erst in den modernen aus- 
gaben. Ebenso ist die Unterscheidung von ä, ö als zeichen für die kürze 
und (s, 0? als zeichen für die länge dem alten schreibgebrauche fremd. 

2. ö und cß sind gewöhnlich nicht von o geschieden. Noch weiter 
geht die Verwirrung bei den verschiedenen u-lauten, indem % ü, iu, tu>, tee, 
und selbst ouy öu häufig durch das gleiche zeichen widergegeben werden. 

3. Für ce wird in vielen handschriften auch e, ^ geschrieben. 


Orthographie und ausspräche. 7 

4. Die fouchstaben i und u werden auch zur bezeichnung der con- 
sonanten j und v gebraucht und umgekehrt j und v auch für i und u; 
w ist öfters = vu oder tou, 

5« Für 8ch wird in den handschriften des XII., mitunter auch in 
solchen des XIIL jahrh. sc geschrieben. 

§^ß. üeber die Verwendung und anssprache dieser zeichen 
ist folgendes zu bemerken: 

1. Das e in betonter silbe ist entweder geschlossen (dem 
i näher stehend) oder offen (dem a näher stehend). In den ans« 
gaben werden beide e gewöhnlich nicht imterschieden. Wir 
verwenden fttr den offenen laut das zeichen e. Der lautliche 
unterschied entspricht im allgemeinen einem etymologischen, 
indem e durch umlaut aus a (s. § 40) entstanden, e ursprüng- 
lich oder aus i entstanden ist (s. § 42. 43), doch gibt es aus- 
nahmen (s. § 43, anm. 3). Einen noch offeneren 6 -laut (etwa 
wie a in engl, man) bezeichnen wir durch ä, während die aus- 
gaben wie die handschriften dafür bald d', bald e schreiben. 
Das ä ist gleichfalls durch umlaut aus a entstanden, vgl. dar-^ 
über § 40, anm. 2. 9. 10. Die gleiche Qualität wie ä hatte ce. 
Noch einen andern klang hatte das e der unbetonten silben, 
welches sich wie im nhd. durch eine geringere intensität des 
Stimmtones von den übrigen vokalen unterschieden haben wird« 

Für die Unterscheidung der verschiedenen laute haben wir folgende 
hilfsmittel, t) Die anwendung des Zeichens ä in den hss., welches in der 
älteren zeit für den offensten laut, später in manchen texten auch fUr 
e angewendet wird. 2) Die reime der dichter, die, wenn sie es genau 
nehmen, offenes e nicht mit geschlossenem binden, während dagegen die 
bindung von S mit ä meist nicht gemieden wird. 3) Die Verhältnisse in 
den lebenden mundarten; die niederdeutschen unterscheiden offenes und 
geschlossenes e nur, wenn es gedehnt ist (manche auch dann nicht), die 
x)berdeutschen dagegen auch, wenn es kurz geblieben ist, auch die mittel- 
deutschen haben den unterschied zum teil bewahrt; einige wenige mund- 
arten unterscheiden noch eine dreifache qualität. Vgl. Franck, Zs. f. d. Alter- 
tum 25, 218. Luick, Beiträge 11, 492 u. 14,127. Eanffmann, Vokalismus 
des Schwäbischen § 8 ff. u. Geschichte der schwäbischen Mundart § 63 ff. 
Paul, Beiträge 12, 548. Eauffmann, ib. 13, 393. Holthausen, ib. 370. Braune, 
ib. 573. Nagl, ib. 18,262. Heusler, Germania 34,112. Bohnenberger, ib. 
194. Dazu das material bei Heimburger, Beitr. 13, 217 u. Hoffmann, Der 
mundartliche Vokalismus von Basel- Stadt § 20 ff. 154 ff. Früher unter- 
schied man e und '6 nur nach dem Ursprung, welchem gebrauche ich mich 
auch bis zur dritten ausgäbe angeschlossen habe. In den pronominal- 
formen cför, d^, d'iSm, d^, '&r, g^, gs ist g durch^gig geschrieben, wiewohl 


8 Lautlehre. Gap. I. 

dafür wahrscheinlich in enklitischer Stellung das schwache e der flexions* 
Silben eingetreten ist. 

2. tu hat eine doppelte ausspräche gehabt: wo es nmlaut 
von ü ist (s. § 40), war es sieher langes ü ; wo es einem ur- 
sprünglichen tu entspricht (s/ § 45), war es vielleicht zum teil 
noch diphthongisch. Doch können die laute nicht sehr ver- 
schieden von einander gewesen sein, da sie auf einander reimen. 
Im alemannischen (aber nicht im schwäbischen) scheinen die 
laute frühzeitig ganz zusammengefallen zu sein. 

~ Der unterschied ergibt sich aus der verschiedenen schreibang in 
manchen hss. und daraus, dass die beiden laute zum teil noch in den 
lebenden mundarten auseinander gehalten werden. Vgl Brenner, Germania 
34, 245 ; Behaghel, ib. 247 ; Bremer, Beitr. 20, 80 ; Sievers, ib. 330. Ueber 
teilweisen zusammenfall des alten iu mit dem unlaut von ü b. % 40. an- 
merkung 4. 

3. ie ist als wirklicher diphthong, nicht wie im nhd. als 
langes i auszusprechen. 

4. Statt ouw, öuw, euw, iuw wird häufig nach den hand- 
«ehriften aw, öw, ew, iw geschrieben. Man darf diesen kür- 
zeren bezeichnungen aber nicht, wie allerdings viele heraus- 
geber tun, einen abweichenden lantwert beilegen. 

5. k und c bezeichnen den gleichen laut, aber k pflegt 

im Silbenanlaut, c im silbenauslaut gebraucht zu werden, also 

kunst, dankes, senken, aber danc, sancte (senkte); demgemäss 

bei Verdoppelung ck: sac-kes. 

In den handschriften wird c ausserdem häufig vor r und l geschrieben. 
Vor e und i wird es der spätlateinischen ausspräche gemäss öfters für z 
angewendet. 

6. ch ist im oberdeutschen durchgängig wie unser cä 
nach a, o, u gesprochen. Die abweichende ausspräche unserer 
jetzigen Schriftsprache nach e, i, ä, ö, ü ist zuerst im mittel- 
deutschen aufgetreten. 

7. Ä hat eine doppelte ausspräche: = nhd. h im silben- 
anlaut {hoch, nähe), = nhd. ch, wenn es nach dem vokal der 
Silbe steht, in den Verbindungen ht und hs == nhd. cht, chs, 
{näht, fuhs). Niemals ist es wie im nhd. dehnungszeichen. 

8. f bezeichnet bald einen stärkeren laut wie in nhd. 
hoffen, bald einen schwächeren wie in nhd. höfe, finden. Der 
erstere hat statt, wo es einem gotischen (niederdeutschen) p 
entspricht (niemals im wortanlaut), ferner im auslaut und in 


Orthographie und ausspräche. 9 

den yerbindiingen ft und fs, der letztere im silbenanlant, wo es 
gotischem (niederdeutschem) f entspricht. Fttr diesen wird wie 
im nhd. auch das zeichen v angewendet, nnd zwar im innem 
des Wortes fast durchgängig, ebenso im anlaut vor a, o, e, i, 
während vor r, l, u, ü, in, uo, üe das /"mindestens ebenso be- 
liebtist. Man schreibt also fanden (gefunden), für neben vunden, 
vür, Siber vinde, vant, vor; hoves, brieves, aber hof brief; neve, 
aber niftel (nichte); treffen, träfen, weil nd. drcepen. Auch 
dürfen wird stets mit f geschrieben, wiewohl das wort im got. 

f hat. 

Im md. wird v auch für den laut des neuhochdeutschen w ange-» 
wendet. 

9. hat doppelte geltnng. Erstens bezeichnet es einen 
doppellaut wie nhd. js., zweitens ein einfaches hartes s, wahr- 
scheinlich gelispelt wie nhd. in der jndensprache. Wir unter- 
scheiden im folgenden das letztere in Übereinstimmung mit 
anderen granmiatiken und manchen ausgaben als g. Im an- 
laut kommt nur z, nicht ^ vor. Zwischen vokalen pflegt man 
fttr den doppellaut t^ zu schreiben, wenn der vorangehende 
vokal kurz ist, dagegen im silbenauslaut nur 0, also setzen, 
aber sa^te (setzte), sa^, gen. sattes, 

10. ph bezeichnet den gleichen doppellaut wie pf Man 
schreibt neben einander phlegen und pflegen, 

11. w scheint noch die ausspräche des englischen w ge- 
habt zu haben. 

12. g wird auch als zeichen fttr den ^'-laut gebraucht 

Cap. II Accent. 

§ 7. Man unterscheidet zwischen hochtonigen (haupt^ 
tonigen), tieftonigen (nebentonigen) und unbetonten silben. 
So trägt in dem neuhochdeutschen werte hausvater haus- den 
hochton (hanptton), -va- den tiefton (nebenton), -ter ist unbetont. 
Wo man die betonung durch besondere zeichen kenntlich machen 
will, ist es üblich, den hochton durch den acut, den tiefton 
durch den gravis zu bezeichnen. 

§ 8. Für das einfache wort gilt die regel: der hochton 
ruht im mhd. wie im nhd. und in allen übrigen germanischen 
dialekten auf der Wurzelsilbe, welches immer die anfangs- 
silbe ist. 


10 Lautiehre. Cap. II. 

Anm. Die fremdw5rter sind mit der betonung aufgenommen, welche 
ihnen in der spräche, aus der sie entlehnt sind, zukam; aber diejenigen, 
welche schon seit längerer zeit eingebürgert sind, haben den accent auf 
die anfangssilbe zurückgezogen. Manche schwanken. Ebenso verhalt es 
dich mit den fremden eigennamen. Besonders zu beachten Ist, dass manche 
ebräische eigennamen noch den ursprünglichen accent bewahren, vergL 
Adä'my AMlj Davit Umgekehrt findet sich Zurückziehung des accents 
in Mdrjd neben Marie, 

§ 9. Ein tiefton ist da vorhanden, wo zwei nicht hoeh- 
tonige Silben aufeinander folgen, indem dann immer die eine 
höher betont ist als die andere. Er hat daher statt in drei- 
und mehrsilbigen Wörtern, in zweisilbigen nur dann, wenn im 
Zusammenhang der rede eine unbetonte silbe folgt, z. b. da^ 
hat der Mrre getan, 

§ 10. Für die Stellung des tieftones im mehrsilbigen ein- 
fachen Worte findet man in den grammatiken die regel auf- 
gestellt : nach langer hochtoniger silbe trägt die nächstfolgende 
silbe den tiefton, nach kurzer die zweitfolgende. Danach hätte 
man zu betonen mdneger (mancher), sdteles, lebende, lebete, 
aber heüeger, mdnteles, weinende, weinete. Diese regel hat sich 
aber als nicht stichhaltig herausgestellt (vgl. Sievers, Beiträge 
4, s. 528). Die Stellung des tieftones hängt nicht von der 
quantität der hochtonigen silbe ab. Es lässt sich dafür über- 
haupt keine einfache allgemeingültige regel aufstellen (vergl. 
Beitr. 6, s. 130 flf.). Die Stellung wechselte wahrscheinlich inner- 
halb desselben wertes je nach dem zusammenhange der rede. 
Nur fallt, wenn aus einem schon eine ableitungssilbe ent- 
haltenden werte ein neues mit einer besonderen ableitungs- 
silbe gebildet wird, auf die letztere stets ein stärkerer ton als 
auf die erstere, eine regel, welche der in § 14 gegebenen über 
den compositionsaccent entspricht. Daher hat in senedcerinne 
die silbe -rin- einen stärkeren ton als die silbe -d<B-, da es 
aus senedcere abgeleitet ist. Hiermit hängt es auch zusammen, 
dass die ableitungssilben -cere, -unge, -nisse, -sal, Anne, 4n, 
4tn u. a. regelmässig den tiefton an sich ziehen, weshalb sie 
auch ihre vollklingenden vokale bewahrt haben (vgl. § 58). In 
viersilbigen Wörtern wie wunder cere (Wundertäter), wdndelünge, 
hunegmne u. dergl. besteht ein stärkerer tiefton als in Wörtern 
wie maneger, den man vielleicht angemessener als schwachen 
hochton bezeichnet. 


Accent. 11 

Anm. Hinfällig ist auch die gewöhnlich gemachte onterscheidong 
zwischen unbetontem e nach langer hoch- und tieftoniger sübe (z. b. in 
muoter, stimme, loeinbnde) und stummem e nach kurzer hoch- oder tief- 
toniger sübe (z. b. in vater, name, gevänghne). VergL darüber Beitr. 8, 
S. 187. 

§ 11. Bei zusammengesetzten Wörtern mnss ein imter- 
Bchied gemacht werden, ob die Zusammensetzung nominal 
oder verbal, d. h. ob das zweite glied ein nomen oder ein 
yerbnm ist Im nominalen compositum trägt die Wurzelsilbe 
des ersten gliedes einen höheren ton als die des zweiten, im 
verbalen die des zweiten gliedes einen höheren ton als die 
des ersten, welches immer eine partikel ist. In morgengäbe^ 
Widerrede haben also die Silben mor- und wi- einen höheren 
ton als -gä' und -re-, dagegen in Widerreden hat -re- einen 
höheren ton als wi-. Eine ausnähme machen die mit den Par- 
tikeln ge-, ver- und le- zusammengesetzten nomina, in welchen 
der höhere ton stets auf das zweite glied fällt, vgl. geschiht, 
Verlust, hegin. 

Anm. 1. Nur folgende partikeln können in verbaler composition 
erscheinen: durch, über, under, umhe, hinder, wider; die aus ursprünglich 
selbständigen praepositionen abgeschwächten be-, ge-, en-, ent-, er-, zer- 
oder zc-*, femer volle- {vol-) und misse-. 

Anm. 2. Nicht als composita zu betrachten sind Verbindungen wie 
abe wi^en, zuo sprachen, in denen das verbum einen schwächeren ton 
hat als die partikel; denn man sagt ^ wirf et abe, '&r sprichet zw>. So 
ist auch zu unterscheiden zwischen dwrch varn und durchväm {ich var 
durch — ich durchvär). 

Anm. 3. Nicht zu verwechseln mit den verbalen Zusammensetzungen 
sind die ableitungen aus nominalen Zusammensetzungen, deren betonung 
zu der des grundworts stimmt. So sind hälsslagen (ohrfeigen) und änt- 
toürten nicht composita aus hals und alagen, ant- und würten, sondern 
ableitungen aus hdlsslac, dntwürte, 

Anm. 4. Ebenso müssen von den nominalen Zusammensetzungen 
geschieden werden die ableitungen aus verbalen Zusammensetzungen. So 
sind erldßsOBre^ erldbsunge, behdltnisse, erb&rmde (barmherzigkeit), durclv- 
Uuhtec (hellstrahlend) nicht composita, sondern ableitungen aus erUßsen 
behalten, erbarmen, durchliuhten. 

Anm. 5. Die nominalen composita mit ver- und be- sind erst durch 
angleichung an die correspondierenden verbalen composita entstanden, 
z. b. vergift (gift) nach vergeben, Sie haben althochdeutsche mit fwri- 
{= mhd. für-) oder fra- und bi- verdrängt, welche der allgemeinen regel 
gemäss den stärkeren ton auf dem ersten gliede hatten. Auch noch im 
mhd. steht betontes für- und H- neben unbetontem ver- und be-, z. b. in 
bigrafl (begräbniss) neben begräft (vgl. § 59). 


12 Lautlehre. Gap. II. 

Anm. 6. Verstärkendes aZ- vor adjectiven und adverbien pflegt 
diesen in der betonong untergeordnet zu werden; vgl. alwä^, alnUktiCf 
cHdä, alümbej (rings hemm), (düne, alwHnende etc., aber gewöhnlicher 
also als also'. Die partikel un- kann im verse nach belieben betont oder 
unbetont gebraucht werden. 

§ 12. In nominalen Zusammensetzungen wie Widerrede 

kann man die tonsilbe des zweiten gliedes noch als hochtonig 

betrachten, wenn sie auch schwächer ist als die des ersten; 

denn die beiden silben verhalten sich nicht anders za einander, 

als in der Verbindung landes herre sich her- zu lan- verhält. 

Ist aber da^ erste glied ein einsilbiges wort wie in juncfrouwe, 

durchva/rt^ so kann die höchstbetonte silbe des zweiten gliedes 

bis znm tiefton herabsinken, bleibt aber immer höher betont 

als irgend eine folgende silbe. 

Anm. Nur wenn das bewusstsein dafür, dass das wort ein compo- 
situm ist, aus dem Sprachgefühle geschwunden ist, kann der nebenton auf 
eine andere silbe rücken (vgl. § 58 schluss). 

§ 13. In verbalen Zusammensetzungen trägt die Wurzelsilbe 
des zweisilbigen ersten gliedes den tiefton (überwinden), das 
einsilbige erste glied dagegen ist unbetont (durchstecJien, er- 
Jcennen), 

Anm. Nur vor den dreisilbigen fremdwürtem auf -ieren fällt auch auf 
die einsUbigen partikeln ein nebenton, weil die darauf folgende Wurzel- 
silbe unbetont ist, vgl. ghzimieret (mit helmschmuck versehen), vhmoi^ 
jieren (sich, abtrünnig werden.) 

§ 14. Composita aus drei dementen gibt es nicht. Wol 
aber kann ein compositum wider glied eines nominalen com- 
positums werden. Die abstufung der betonung ergibt sich dann 
von selbst durch eine zweimalige anwendung der allgemeinen 
regeln. Demnach ist in hantwerc-liute die silbe -liu höher be- 
tont als w&rc, dagegen in houbet-huochstap die silbe huoch- höher 
betont als stap etc. 

§ 15. Wie zwischen den einzelnen silben eines Wortes, 
so finden auch zwischen den einzelnen Wörtern eines Satzes 
abstufungen der betonung statt. Dabei kann sich ein wort 
dergestalt einem folgenden oder voraufgehenden worte unter- 
ordnen, dass seine Wurzelsilbe nicht mehr als hochtonig, sondern 
nur als tieftonig oder unbetont bezeichnet werden kann, dass 
es proklitisch oder enklitisch wird. Proklitisch sind namentlich 
die praepositionen und viele pronomina, insbesondere der artikel 


Accent. 13 

(vgl. ze lande, ich sol, der man\ enklitisch Damentlich dem 

verbüm nachgestellte pronomina (vgl. tuot er, gab e;), 

Anm. Zasammenschreibuiigen eines proklitischen wertes mit dem 
folgenden wie fürwär, überäl u. dergl. dürfen natürlich nicht mit eigent- 
lichen compositis verwechselt werden, und man darf auf sie nicht die für 
die letzteren geltenden beton angsgesetze übertragen. 

§ 16. Die betonang im verse lehnt sich zwar an die be- 
tonnng der prosaischen rede an, aber das bedtlrfniss zwingt 
doch zn vielfachen modificationen. Man mnss streng nnter- 
scheiden zwischen den freiheiten, die im verse gestattet sind, 
und der natürlichen betonnngsweise. Die vemachlässignng 
dieses Unterschiedes hat vielfach zur anfstellnng falscher regeln 
geführt. 

Cap. ni. Yerhältniss der mittelhochdeutschen 
laute zu den neuhochdeutschen. 

A) Orthogpraphie« 

§ 17. Manche abweichungen des mhd. vom nhd. sind nur 
orthographisch, z. b. dass im mhd. noch nicht das h, das e 
nach iy die doppelschreibnng als dehnnngszeichen benutzt 
wurden, dass ht geschrieben wird, wo man im nhd. cht an- 
wendet, dass die anwendung von f und v sich anders verteilt, 
u. dergl. Ein wesentlicher unterschied der mhd. Orthographie 
von der nhd. besteht darin, dass in der ersteren das phone- 
tische princip strenger durchgeführt ist, während in der 
letzteren für die etymologisch zusammengehörigen formen viel- 
fach auch gegen die ausspräche gleichmässige Schreibung ein- 
geführt ist. Vgl. mhd. tac — tages = nhd. tag, leit — leides 
= leid, grap — grobes = grab, zeicte — zeigen = zeigte ; stam 
— Stammes = stamm, brante — brennen = brannte, sante — 
senden = sandte etc.' Hierher gehört auch, dass im nhd. ä 
statt des mhd. e eingeführt ist, wo man dasselbe noch als 
Umlaut des a empfunden hat, vgl. vater — väter = mhd. veter, 
ich fahre — du fährst = mhd. verst, hangen — hängen = mhd. 
hengen, lang — länge = mhd. lenge etc. 

B) Tokale. 

§ 18. Die abweichungen im vokalismus sind bedeutender 
als die im consonantismus. Die durchgreifendste Veränderung, 


14 Lautlehre. Cap. III. 

welche schon im spätmhd. eingetreten ist, besteht darin, dass 
alte kürze in der betonten silbe in sehr vielen fällen gedehnt 
ist. Den meisten langen vokalen des nhd. entspricht im mhd. 
kürze (vgl. Beitr. 9, s. 101). 

Beispiele : tragen, jagen, Idagenf sagen, wagen (cumis, dagegen wägen 
aadere), laden, adel, waten, haben, graben, laben, stap, -bes, aber, hose, 
neue, haven (topf), name, 8cham(e), zam, vane, sal, kal, maln (vom müller, 
dagegen malen vom maier), ar, schar, gar, gewar, art, bart, vaart\ w'6c, 
-ges, pfl&gen, s'igen, Uder, trUen, hüten, JdiSben, Üben, str'iben, w'6ben, r'ibe, 
sShen, geschahen, Visen, w'isen, nJ^men, Jc'il (kehle), b'6m (tragen), gebüm 
(gebären) gr, (för, hSr (her), b'6r (bär), wlim (währen — gewähren), ^de, 
w'&rden; legen, wegen (bewegen), edele, heben, wenen (gewöhnen), wein 
(wählen), her (heer), nem (nähren, erretten), wem (wehren), jener; ligen, 
lit, 'des (glied), wider, biber, rise, wise, bine, kil (caulis, aber Jckl navis), 
vil, gir, wir, ir, mir, dir; ooge (bogen), vogeh gelogen, boden, böte, loben, 
obene, hose, oven, hof, wonen, Tool, wol, tor (porta, aber töre stultus), vor\ 
öl-, ftuc, -ges, zuc, -ges, jugent, Jude, sun (söhn), geburt, wr-; künec (könig), 
mül (mühle), tür, gebüm, 

§ 19. Umgekehrt ist Verkürzung eines langen vokals ein- 
getreten, meist durch folgende doppelconsonanz veranlasst (vgl. 
Beitr. 9, s. 122). In folgenden fällen entspricht länge der neu* 
hochdeutschen kürze: 

brdhte, brdht (gebracht), dähte, gedäht, andäht, ähte (ächtnng, aber 
aMe anfmerksamkeit), tdht (docht), kldfter, krdpfe (haken, p&nnkuchen), 
du hast, '&r hat, er häte (hatte), bläter (blatter), näter, wäfen (neutr. waffe), 
wäpen, jdmer, lä^en (lassen), nach, räche; truhsas^e (truchsess); h^rsen 
(herrschen), herltch, hSrschafl, Urche, GMrüt\ dthte (dicht), -Itch in ad- 
jeotiven wie Mich etc., -rieh in eigennamen wie Dietrich; Mchzit (hoch- 
zeit, fest), höchvart (hofifart), sl6^ (schloss), genö^ (genösse), gö^ (praet 
zu gießen). 

Anm. 1. Neben -lieh nnd -rieh erscheint auch schon im mhd. -lieh 
und -rieh. 

Anm. 2. Auch hirre (herr) wird in vielen ausgaben geschrieben, 
wahrscheinlich aber mit unrecht Ans der alten form hirro (= heriro 
der vornehmere) haben sich zwei formen entwickelt: hSrre nnd h$re, 
letzteres nieder- und mitteldeutsch. 

§ 20. Mhd. ou ist zu au geworden, vgl houm, ouge, ge^ 
hübe; öu (eu) zu eu {äu), vgL vröude, höume. Ebenso ist ei in 
der ausspräche zu ai geworden, in der schrift wechselt ai mit 
ei, vgl. lein, teil, eigen, heiser, leie, meie (mai). 

§ 21. Die einfachen vokale I, ü, tu sind regelmässig zu 
ei, au, eu (äu) diphthongisiert. Einem nhd. ei entspricht daher 


Yerhältniss der mhd. laute za den nhd. 15 

in einigen Wörtern ei, in andern I, einem au in einigen ou, in 
andern ü, einem eu (äu) in einigen öu (eu), in andern iu. 

Beispiele: bt, bthte, bi2;en, blt, bri, gedthen, dtn, min, «in, dri, gtge, 
gtsel, grts, Mrät, tic, itel, ts, tsen, Up (aber leip brot), beliben (bleiben), 
Itden (aber leit leid und leiden leid machen), Wien, 2im, 2tn, ^eZic^ (gleich) ^ 
lUCf mtden, milej ntt, nigen (intr. sich neigen, aber neigen trans.), pin(e), 
pr%8, rtben, rieh, rtfe (pruina, aber reif funis), rihe, rim, Bin, ris, schibe, 
schin, schriben, schrien, schrin, aide, sin (esse), sit, Site (= nhd. seite, aber 
Seite = nhd. saite), sniden, smen, spise, strit, swin, triben, vint, vliz, vri, 
wüCj win, wipf wise (modus — sapiens, aber weise waise), loit, u;^, zit, 
zwic, zwtvel; bü, brächen, brün, brüt, buch, hübe, hüs, hüt, krüt, lüt, lüter, 
mül, müs, rüm, strüch, strü^; sü, süber, süfen, sügen, trübe, trüt, tübe, 
tüsent, üf, %, vül, vüst, zun; hiuser, miiise, Hute, biule, diuten, iuch, hiuite, 
Tcitische, liuhten^ niun, riuten, riuwe (reue), tiuvel, triifiwe, tivre (teuer)^ 
vriunt, geziuc, gr biutet (beut), ziuch (zeuch, ziehe). 

Anm. Im nd., im al. (im engeren sinne) und in mehreren mittel- 
deutschen mundarten ist die diphthongisierung nicht eingetreten. Wer 
daher eine von diesen mundarten kennt, kann über die Scheidung der in 
der Schriftsprache zusammengefallenen laute nicht zweifelhaft sein. Auch 
die übrigen volksmundarten halten die neuen diphthonge von den alten 
gesondert. 

§ 22. Umgekehrt sind die diphthonge ie, uo, üe zn ein- 
fachem langen i (geschrieben noch ie\ u, ü geworden. Einem 
nenhochdentschen i entspricht also mhd. ie oder i, niemals i, 
einem ü mhd. uo oder u^ niemals üj einem ü mhd. üe oder ü, 
niemals iu. 

Beispiele: bieten, diep, dienen, fliehen, kiel (navis), kriec, liep, liet, 
siech, tier, stie^ (praet. von stoßen), brief, ziegel, zieren, riet (praet. von 
raten); bluot, buoch, guot, huon, kluoc, mmt, genuoc, ruoder, ruom^ 
sttochen, tuoch, vuoge (geschicklichkeit), iouot, zuo, vfMr (praet von vam) ; 
bUecher, güete, rüemen, rüeren, vüeren, kUele, mUede, blüejen (blühen). 

Anm. ie ist zu je geworden in ie und den damit zusammengesetzten 
Wörtern iegelicher, ietwlder, ieman, iezuo (jetzo, jetzt). 

§ 23. Auch die ans ie, uo, üe entstandenen langen vokale 
sind nnter umständen verkürzt (vgl. § 19). 

Y^ gienc, hienc, vienc, lieht, viehte, dieme, iergen (irgend), niergen-, 
situmt (altertümlich stund = stand), umohs, Uolrtch, muoter, vuoter, miM^ 
(muss) ; niimtem, müeter, müe^en. Neben iemer und niemer stehen schon 
im mhd. immer und nimmer. 

§ 24. Statt mhd. u erscheint jetzt mehrfach o. 

Regelmässig vor nn, vgl. nunne, sunne, unmne, begtmnen, genmnen, 
getounnen; ferner vgl. sumer, frum, geklummen, geswummen, stmder, sun 
(söhn). Entsprechend ist ö fjJa ü eingetreten: ich gewünne (conj. praet), 
Rinnen, süne, künec, münech, mügen. 


16 Lautlehre. Gap. III. 

§ 25. Vielfach ist im mhd. noch unbetontes e erhalten, 
wo im nhd. ansstossnng eingetreten ist. 

Beispiele : hirtef schrthcerej gelücke, wonunge, schcentj Übende, '6r wirdet 
neben wirt, '6r rcetet, vgl. über anderes die flexionslehre ; ferner abbet, 
ambetj arzet oder arzdt, hottbet, jaget, maget, market , nacket, vd^et (feist), 
voget, hemede, vremede, ackes (axt), Icebese (kebsweib), angest, bähest (papst), 
dienest, lernest, hengest, kerbest, krSbe^, obe^, münech, 

Anm. Umgekehrt fehlt mehrfach das e im mhd., wo es im nhd. 
wider hergestellt ist, vgl. k'6l (kehle), sals (sales), koln (kohlen), nem 
(nähren), Min (hehlen), <£gr ober (obere), d^ be^^er (bessere). 

§ 26. r im silbenanslant nach altem i, üy iu hat sich im 
nhd. zu -er entwickelt. 

Beispiele: g^r (geier), Itre (leier), vtre, Spire, Stire; gebür (bauer), 
schür (hagel), sür, müre, trüre(n), ür (anerochse); vtt*r (feuer), Mure 
(heuer), gehiure, schiure, stiv/re, tiure. äventiure (abenteuer). 

§ 27. Ausserdem finden sich andere weniger durchgreifende 
abweichungen. 

1. Für cp ist in der Schreibung e eingetreten, meistens auch mit 
lautlichem Übergang in den geschlossenen laut in lasre (leer), swcere (schwer), 
schasre (die scheere), droejen (drehen), wcejen (wehen), faslen (fehlen), scelic, 
genosme, bequceme. 

2. ^ ist zu geworden in ämaht (ohnmacht), äme (ohm), äne (ohne), 
mdne (mond), mänöt (monat), mähe oder mäge (mohn), quät oder kät (kot), 
slät (schlot), tähe (ton), tähele (dohle), wä, wäc (woge), wägen (sie wogen), 
arcwän; mit kürzung in täht (docht), brämber (brombeere) zu bräme 
(domstrauch). 

3. ü ist zu i geworden in küssen, sprützen, würken (doch auch 
schon mhd. [md.] daneben wirken); umgekehrt t zu t^ in hilfe, rimpfen, 
Sprichwort, wirdic, sin(t)fluot (durch anlehnung an sünde); zu u in wiste; 
liegen und triegen sind nhd. lügen und trügen durch anlehnung an lüge 
und trug, 

4. e ist zu ^ geworden in ergetzen, helle, leffel, erleschen, leschen, 
lewe, sehe ff en (schöffe), schephen, schrephen, swem (schwören), welben, ge- 
loelbe, wenen (gewöhnen), zwelf; wellen lautet jetzt wollen nach dem praet. 

5. Volle vokale in ableitungssilben sind mitunter zu e geschwächt, 
vgl. § 58. 

C) Consonanten« 

§ 28. Im nhd. wird nach allen kurz gebliebenen hoch- 
tonigen vokalen einfacher consonant im inlaut und durch an- 
gleichung auch im auslaut verdoppelt Den neuhochdeutschen 
doppelconsonanten entspricht daher im mhd. nur zum teil 
doppelter, zum teil dagegen einfacher consonant. Es sind 
besonders tt und mm häufig erst aus einfachem t und m ent- 


Yerhältniss der mhd. laute zu den nhd. 17. 

standen, während ck und ss immer schon ans dem mhd. über- 
kommen sind, in der regel anch ff, nn und II 

Einfachen consonanten haben unter andern: biten (daneben bitten) j 
bUelen, blat, pl. bleterj botech, brH, pl. brUer, bütel, buiter^ got, pl. gote^ 
£iate, 8atler\ achate, si^e, slitCf snit, gen. snites, schrit, gen. schrites, spoten, 
stat, pl. stetej trit, gen. triteSj vetere, wHer, witewe^ ziteren^ si schriten, 
sniteUf striten, gegliten^ geriten etc., gesoten, wider^ fyive, dümeren, hamer, 
hamdy himd, kamere, körnen^ zesamene, sumcTf vrum, doner, sutn, 

§ 29. Mhd. ^ ist im nhd. (schon seit ende des dreizehnten 
Jahrhunderts) mit dem harten s zasammengefalleD, und es wird 
jetzt dafür ss oder sz geschrieben, vgl. ha^j hagres = has/s, 
hasseSy meggen = messen, strafe = Strasse. Im anslant wird 
dafür einfaches s geschrieben, wenn keine verwandten formen 
daneben stehen, in denen es inlantend wird, vgl. das;, was;, eg, 
dig (woneben di£i), alle^, guote^, big, w|' = nhd. dos, was etc. 

Anm. In einigen Wörtern ist ^ in weiches s übergegangen: ämei^e, 
kreis;, 16^ (sors), (ver)wt^en (verweisen, hat nichts mit weisen zu thun), 
€me^pCj em^ec (emsig), sime^ (gesims), bine^ (binse), arewei^, ärwei^, 
ärtoi^ (erbse), kr'ebe^ (krebs). Geschrieben . wird 8, -aber mit hartem laut 
auch in obst = mhd. obe^ und feist = mhd. vei^et, 

§ 30. Nhd. seh vor l, m, n, w ist durchgängig erst aus 

s entstanden, vgl. slange, släfen, sliegen, smal, smehsen, smiegen, 

snecJce, snel, snuor, swert, swellen, swinden, 

Anm. Ein weniger weit greifender Übergang des s in seh ist der 
nach r, vgl. mhd. ars, bars (fisch), birsen (pirschen), hersen (herrschen), 
kirse, kürsencere (kürschner von kürsen pelzrock), wirs (schlimmer, nhd. 
[nn]wirsch). Entsprechend ist hirsch aus hir^ entstanden. 

§ 31. Das h ist nhd. im innern des Wortes im silbenanlaut 
verstummt und nur in der Schrift beibehalten. Im mhd. ist es 
noch überall auszusprechen. 

Anm. 1. In befehlen = mhd. bevBlhen ist das h vorangestellt. In 
scheel = mhd. achslch, -hes, schielen = mhd. schilhen, quer = qtiSrch 
{tw^ch)f 'hes ist es auch in der Schreibung fortgelassen. / 

Anm. 2. In manchen fällen ist im nhd. nach der verstunmiung des 
h contraction eingetreten, die sich in der regel auch schon im mhd. neben 
der uncontrahierten form findet, vgl. gemahel = jüid, gemakl; mähelen = 
nhd. (ver')mäKlen; stahel = nhd. stahl; trahen, pl. trähene = lihd. träne; 
zäher, pl. zähere = nhd. zähre; äher = nhd. zähre ; (ge)wähenen = (er)- 
icähnen; v^hede — fehde; z'ihen = nhd. zehn', bthel = nhd. beil; tdhe, gen. 
^en = ton (des töpfers). 

Anm. 3. Die verstummung des h ist die Ursache, durch welche es 
liom dehnungszeichen geworden ist und in vielen andern fällen eingefügt, 
wo es historisch nicht überliefert war, wie söhn, wahr etc. 

Paul, mittelhochdeutsche gnunniatlk. 6. aufl. 2 


18 Lautlehre. Cap. III. 

§ 32. Wo im nhd. au oder eu (äu) vor e erseheint, da 
ist, von den oben § 26 besprochenen fällen abgesehen, ein w 
ausgefallen. Es heisst mhd. frouwe == nhd. frau (e), ouwßy 
houwen, schouwen ; fröuwen, ströuwen ; niuwe = nhd. neu (e), viuwe^ 
triuwe, iuwer\ buwen, sü, pl. siuwe (säue). Ausgenommen sind 
nnr noch einige wenige fälle, in denen au aus äw eontrahiert 
ist: bräwe (braue), kläwe, phäwe, hlä, gen. hlawes (blau), grä^ 
gen. grawes. Buhe ist gleich mhd. ruowe. Scheinbar ist der 
ausfall des w nach hellen vokalen und nach consonanten^ 

Tgl. § 37. 

§ 33. Nach l und r \&t w im nhd. zu h geworden, vgL 
milwe, swälwe, alwosre (albern), gel — g'elwes (gelb), val — valwes 
(fahl, falb); garwe (Schafgarbe), gerwen (gerben, überhaupt 
unrecht machen), mürwe, no/rwe, sparwcere (sperber), varwe. 

§ 34. Ein j zwischen vocalen ist ausgefallen, vgl. drcejeti 

(drehen), scejen, blüejen, müejen (mühen, quälen), mdje {meige\ 

leye {leige) etc. Doch finden sich auch schon im mhd. di& 

formen ohne j, vgl. § 73. 

Anm. Irrigerweise nimmt man an, dass in drehen, mühen u. dergL 
; zu h geworden sei. Das h ist nur orthographisch. 

§ 35. Mhd. mb ist im nhd. zu mm geworden, vgl. imbe^ 
Jcamp, gen. -hes, hrump, gen. -ies^ lamp, gen. -hes, stump, gen. 
'hes, tump, gen. -hes (dumm), umhe (um), wamhe, zimher, 

§ 36. Dazu kommen eine anzahl weniger durchgreifender 
abweichungen. 

1. Dem nhd. ck entsprechen im mhd., wenigstens im oberdentschea 
zwei verschiedene laute. Beide werden zwar durch ck widergegeben,, 
aber bei dem einen wechselt es mit gg, bei dem andern mit {c)ch\ vgL 
brücke — bruggCj ecke — egge, mucke — mugge, rucke — rugge, sn&cke^ 
— sn^gge; dagegen bücken (bttcchen), schicken, gelücke etc. Auch neben 
pp wird hb geschrieben, vgl. rippe — rihbCf sippe — aibbe (Verwandt- 
schaft), stüppe — atübbe (staub). 

2. Die aus dem lateinischen und romanischen entlehnten Wörter mit. 
anlautendem p schwanken im mhd. in der Schreibung zwischen b und p, 
vgl. bäbes — päbes (pabst), bahne — palme, b'ich — p'ich, bilgertn — 
pilgeren, brüeven — prüeven. Seltener steht g neben k in fremdw5rtern :: 
gollier — kollier (koller). 

S. Mhd. t vor w ist im nhd. zu z verschoben, vgl twdhen (waschen,, 
oberd. zwagen), twähele (handtuch, oberd. zwehle), tw'^ch (quer, nhd. in 
zwerchfeU), getw'drc (zwerg), twingen. 

4. Mhd. t gegen d der jetzigen schrifteprache findet sich in tähele 
(dohle)^ tdht (docht), tarn (damm)^ tihten, tiutsch oder tiuschf tolde, toter ^ 


Verhältiuss der mhd. laute zu den nhd. 19 

trache, tuft, tump, tunkel, türen (zu kostbar scheinen =» nhd. dauern), 
mute, schilt, gen. -tes, bröt, gen. brötes. Umgekehrt d = nhd. t in d&n, 
dcenen, dösen, droben, drum, pL drümer (trttmmer), hinder, under, im 
schwachen praet nach m und n (diende etc.), in der aide neben alte, arde 
neben arte, g. d. von art. 

5. Vereinzelte abweichuDgen in bezng auf die consonantenstnfe nnd : 
Krieche (Grieche), flücke (flügge), rocke (roggen), sarc, gen. -kes (sarg), 
starc neben storch, manec, gen. -ges (mancher), bloch (block), lachen (laken), 
biüich (billig), solher (solcher), lodher (welcher), porte (pforte), phahte 
(pacht), kripfe neben krippe, scharpf (scharf) neben scharf, harpfe, 

6. Auslautendes m ist zu n geworden in bodem, buosem, vadem, 
bBseme (besen). 

7. Im anslaut ist Öfters t (d) angetreten, welches sich zum teil schon 
im mhd. neben den formen ohne t findet, vgL eigerdich, offenlich, ordehltch, 
iergen (irgend), niergen, tDilen{t) (weiland), anders, sus (sonst), bdbes, ackes 
(axt), palas, ieze (jetzt), obe^ (obst), habech (habicht), bredige (predigt). 

D) Anggleichnngeii. 

§ 37. Ein beträchtlicher teil der abweichnngen des nhd. 
Yom mhd. beruht nicht anf lautlichen Veränderungen, sondern 
darauf, dass zwischen lautlich abweichenden verwandten formen 
eine ausgleichung eingetreten ist (vgl. § 39). Wenn z. b. zu 
sehen das praet im mhd. sach lautet, im nhd. sah^ so ist nicht 
ch zu h geworden, sondern h ist aus dem praesens und dem 
pL praet. (mhd. sähen) eingedrungen. Wenn der pl. praet von 
binden im mhd. bunden lautet, im nhd. banden, so ist nicht u 
zu a geworden, sondern der pl. hat sich nach dem sing, ge- 
richtet (mhd. bant). 

Ebenso verhält es sich mit mhd. rech — rehes = nhd. 
reh — rehes, se — sewes = see — sees, mel — melwes = 
mehl — mehles, val — valwes = fahl — fahles oder fM — 
falbes, wolle — wülltn = wolle — wollen, ich leit — wir Uten 
= ich litt — wir litten, ich bot — wir buten = ich bot — 
wir boten etc. 

Cap. IV. LantwechseL 

§ 38. Bei dem wandel der laute, der sich mit der zeit 
vollzieht, geschieht es sehr häufig, dass da, wo früher derselbe 
laut gleichmässig durchging, später eine Spaltung eintritt, 
indem in einigen fällen der alte laut bleibt, in andern ver- 
ändert wird, oder indem in einigen fällen diese, in andern 
jene Veränderung eintritt. So hiess im got zu Musa (ich wähle) 

2* 


20 Lautlehre. Cap. IV. 

das praet. Tcaus^ wie es zu Jnuga (ich biege) haug hiess. Aber 
im ahd. heisst es Ms, dagegen loug. Die spaltuDg zeigt sich 
aüch an den verschiedenen formen des gleichen wortes nnd 
an den verschiedenen Wörtern, die ans der gleichen grundlage 
abgeleitet sind. Im got. heisst es gasts (fremdling) — pl. gasteis, 
im ahd. gast — pl. gestio im got. heisst es kann (ich weiss) 
— kannja (ich mache bekannt), im ahd. kan — kennu. . Auch 
das gleiche wort kann verschiedene formen annehmen, je nach 
der Stellung im satze nnd der betonnngsweise. So lautet z. b. 
unsere praeposition in im ahd. durchgängig in, im mhd. hat sie 
sich in in und en gespalten. Es heisst in da^ lant, aber enlant, 
weil im ersteren falle ein stärkerer ton auf der praeposition 
lag als im letzteren. Die spräche ist jederzeit voll von solchen 
nachwirkungen des lautwandels. 

§ 39. Die durch den lautwandel bewirkte differenzierung 
wird im laufe der zeit vielfach wieder aufgehoben mit hülfe 
der analogiebildung. Es drängt sich statt einer von den 
verwandten formen lautlich unnötig abweichenden form eine 
neugebildete ein, welche diese abweichung nicht enthält. Wir 
können diesen Vorgang als ausgleichung bezeichnen. Beispiele 
dafür haben wir in § 37 kennen gelernt. Dieser Vorgang tritt 
bei einigen Wörtern früher, bei andern später, bei manchen 
gar nicht ein. Die jüngere und die ältere form stehen häufig 
gleichzeitig neben einander (nhd. sänne — sonne, schwämme — 
schwömme). Daher kommen viele Unregelmässigkeiten. Es 
kommt auch vor, dass nicht bloss eine von zwei verschiedenen 
lautgestaltungen, sondern beide eine analogiebildung hervor- 
rufen, und dann entsteht eine durchgängige doppelformigkeit. 
Es hiess im ahd. früher einmal wessa (ich wusste), aber wis^ 
(ich wüsste). Indem aber sowohl zn wessa eine conjunctivform 
als zu wissi eine indicativform gebildet wurde, hiess es mm 
wSssa und wissa, wissi und wes^. 

Wir betrachten jetzt von diesen gesichtspunkten aus den 
im mhd. bestehenden lautwechsel, indem wir ihn, soweit es in 
kürze tunlich ist, historisch zu erläutern suchen. 

A) Tokale. 
1. Umlaut. 
§ 40. Ein i oder j in unbetonter silbe hat eine partielle 
assimilation des vokals der vorhergehenden betonten silbe 


Lautwechsel. 21 

heryorgernfen, die man i-ümlaüt oder gewöhnlich schlechthin 
mnlant nennt. Das j ist im mhd. ansser zwischen vokalen 
stets geschwunden, das i meist wie jeder andere vokal zn e 
abgeschwächt, nnd man mnss auf den älteren lantstand zurück- 
gehen, um die erscheinung zu begreifen. Auf diese weise 
wird a zvi e, zu ö, u zu ü^ a %Vi ce, ö zu ce, ü zu iu, ou zu 
öu {eu)y uo zu üe, Beispiele: gast — pL geste (ahd. gesti)y 
sun — pl. süne (ahd. suni)y Jcrafi — g. d. sg. und n. pl. hrefte 
(ahd. Jcrefti), hrüt — g. d. sg. und n. pl. hriute, hant — n. pL 
hende — d. pl. handen (ahd. henti — hantum), hüs — hiuser (ahd. 
hüsir), loch — locker, ich grabe — du grebest — er grebet 
(ahd. grabu — grebis — grebit\ ind. wir sungen (sangen) — 
eonj. wir süngen (ahd. sungum — sungim), ind. wir gäben — 
conj. wir geeben, ind. mr fuoren — conj. wir fiteren, ind. mohte 

— conj. mohte (ahd. mohta — mohtt), praes. hoeren — praet. 
hörte (ahd. hör[j]en — hortd) ; hoch — comp, hoeher — superl. 
hoehest (ahd. höhir, höhist) ^ adj. veste, schcene — adv. vaste, 
schöne (ahd. festi — fasto), guot — güete (ahd. guoti)^ adel — 
edele (ahd. adal — edili), sal — geselle (ahd. giseIl[j]o der mit 
jemandem den sal gemein hat) , lant — eilende (ahd. elilenti 
Bubst. anderes land, adj. in anderem lande befindlich), bachen 
(backen) — becJce (bäcker) (ahd. bahhan — beck[j]o), zam — 
zemen (ahd. zemm\j\en zähmen), hangen — hengen (ahd. hangen 

— heng[j]en), sät — scejen, väre (nachstellung) — gevcere 
(nachstellend) (ahd. fura — gißri), vater — vetere (vetter) (ahd. 
fater — fßtir[j]o)y gebären — gebcerde (ahd. gibären — gibä- 
rida), wurf — Würfel (ahd. wurfil), durch — dürJcel (ahd. durhil, 
durchil durchlöchert), mäge (fem. mass) — mcegec (ahd. mägig)^ 
bast — bestin (adj. von hast), gast — gestin und gestinne (weib- 
licher gast), buoch — büechlin, töre — toerisch, man — mensche 
(ahd. mennisco). 

Anm. 1. Der nmlaut des a zu e ist schon im ahd. vorhanden, wäh- 
rend derjenige der übrigen vokale sich wenigstens in der Schreibung noch 
nicht zeigt; nur der umlaut des ü erscheint zuerst bei Notker (um 1000) 
als iu. In der ausspräche aber wird der umlaut wohl dnrch^gig bis in 
die ahd. zeit zurückreichen, wenn auch der unterschied von den nicht um- 
gelauteten vokalen anfangs nicht so bedeutend war wie später. 

Anm. 2. Entsprechend verhält es sich mit dem umlaut des a zu ä. 
Im ahd. erscheint in bestimmten fällen trotz folgendem i kein umlaut 
des a (s. Braune, Beiträge 4, 540). Nichtsdestoweniger wird aber bereits 


....v>-^ 


22 Lautiehre. Cap. IV. 

eine lautliche modificatioD vorhanden gewesen sein, die nur nicht so be- 
deutend war, dass man eine bezeichnung für nötig hielt. Im mhd. finden 
wir zwar in einigen wenigen von diesen fällen nnumgelauteten vocal, der 
auch durch die jetzige lautgestalt bestätigt wird, so in arte (gen. dat. 
sg., nom. acc. pl. von art), einvalte (ein&lt), drivalte (dreifaltigkeit), ge- 
waUec neben seltenerem getceUec, wo aber sonst noch hie und da a ge- 
schrieben wird, stehen Schreibungen mit ä und e daneben, und die neuere 
spräche hat daftir [ä. Es ergibt sich als regel, dass das i (j) auch da 
gewirkt hat, wo im ahd. noch a geschrieben wird, dass dann aber die 
entwickelung nicht bis zu geschlossenem e gegangen, sondern bei dem 
ganz ofifenen e-laute = ä stehen geblieben ist. Dies ä als umlaut von a 
erscheint 1) vor gewissen consonanten, die eine den umlaut hemmende 
Wirkung hatten: vor ht: mähte (pl. zu mäht oder conj. praet. von mügen 
mögen), mähtec, nähte , geslähte-, vor hs: wähset; vor einfachem h: äher 
(ähre), twähele (handtuch, zu twahen waschen), gewähenen (erwähnen) ; vor 
ch: rächen(en\ hächel; vor r in Verbindung mit gewissen consonanten: 
gärwen (bereiten, zu gar), värwen (färben), härwe (herb), wärmen, äme 
(ernte), märhe (stute, fem. zu march ross), phärit, phärt (älter phärfrit) ; 
vor 2 -Verbindungen: wäüiisch, wälsch (welsch, zu Walch der Welsche); 
2) in formen, in denen der umlaut von der zweitfolgenden silbe ausging: 
mägede {== ahd. magadi, gen. dat. sg. u. nom. acc. pl. zu magad = nhd. magd), 
mägedin (dim. zu maget), frävele (kühn ahd. frafali), häxe (aus ahd. haga- 
^^^a?)j zähere (pl. von zäher zähre = ahd. zahari), trähene (pl. von trahen 
träne = ahd. Hrahani), in welchen beiden noch das h hinzukommt, ähte 
(= ahd. ahtowij flektierte form zu dem zahlwort ahte), worin auch ht 
hemmend gewirkt haben würde; 3) in äUiu neben alliu (nom. sg. fem. u. 
nom. acc. pl. n. zu oZ) ; 4) in den ableitungen mit -lieh und -2in, gleichviel, 
ob das a in der nächstvorhergehenden oder in der zweitvorhergehenden 
silbe steht: mänltch, väterlich, väterltn. 

Anm. 3. Die ableitungssilben -Uch und -lin scheinen wie im nhd. 
auch auf die übrigen vokale umlaut gewirkt zu haben, wenn dieselben 
auch nicht in der nächstvorhergehenden silbe standen, also z. b. töhterlin, 
müeterlin. Doch lässt sich meistens wegen der mangelhaftigkeit der hand- 
schriftlichen Orthographie keine bestimmte entscheidung trefifen. Dagegen 
pflegt das Suffix -nisse nicht wie im nhd. umlaut zu wirken, also vanc- 
nisse (gefängniss), behaltnissef erkantnisse. Ebenso haben die mit suffix 
'Oere (nhd. -er) gebildeten wOrter, die im nhd. grossenteils umlaut haben, 
denselben im mhd. noch nicht, vgl. waMasrej gartenoere, hwrgcßre, schuoUere. 

Anm. 4. Es gibt] auch einen umlaut von altem tu (vgl. § 45), der 
mit dem von ü zusammengefallen ist. Dies wird erwiesen durch die 
Schreibung und jetzige mundartliche ausspräche von Hute (= ahd. litUi), 
tiutsch (= ahd. diutisc), geriute, kriuze, fiuhte, kiusche, liuhten, die zu 
hriute (= ahd. brüti) etc. stunmen. Verhindert wird dieser umlaut durch 
w und r. In der 2. 3. sg. der starken verba (blutest, -et) ist er durch aus- 
gleichung beseitigt. Vgl. § 6, 2. 

Anm. 5. Vielfach unterbleibt der umlaut des u. So durch^gig 
vor It und Id, vgl. dulten (verb. auf -jan), gedidtec (ahd. 4g), verschulden, 


Laatwechsel. 23 

schvMec, hulde (ahd. huld%), gtddin (golden). Im oberd. hmdem gg, ck, 
pf^ tz den nmlant (vgl. E. y. Bahder, Gnindlagen des nenhochdeatschen 
lantsystems, 199), daher hrugge, mugge, rugge, hucken, drucken, jucken, 
rucken, zucken, stucke, hupfen, lupfen, rupfen, schupfen, «tupfen, nutze, nutzen 
gegen md. brücke etc. ; femer nasal + cons., wobei aber die Verhältnisse 
nicht so regelmässig sind: wunne neben wünne, ku/nde neben künde, dünken 
neben dünken ; in adverbialem gebrauch stehen umbe und ümhe (ahd. vmhi) 
neben einander, als praep. wird wohl nur die erstere form gebraucht. Be- 
sonders fehlt der umlaut im conj. praet., in manchen denkmälem durch- 
gängig, also selbst zuge (zöge), verlur (verlöre) etc., in andern nur vor 
nasal + cons. ; auch die verschiedenen nasal Verbindungen sind nicht immer 
gleichmässig behandelt; vgl. über die Verhältnisse bei Hartmann, Wolfram 
und Gottfried Kraus, Festgabe fdr Heinzel, s. 111 ff. 

Anm. 6. Der umlaut von ü, uo, ou ist im oberd. durch einen folgenden 
labialen consonanten verhindert: rümen (räumen), »(lmen,.uoben (üben), 
gelouben, erhüben, touben (betäuben), houbet, zoubem, toufen, koufen, 
stroufen (abstreifen), träumen, zoumen; das md. hat hier umlaut, auch in 
gelöuhen, erlöuben, höu^et, zöubem, töufen, köufen\ durch ^^ ist der umlaut 
im oberd. gehindert in gouggeln (goukeln) = md. geukeln ; gg war ursprüng- 
lich auch vorhanden in lougnen = md. löugnen (nebenformen louken, 
leiücen). Durch ch ist der umlaut auch im md. gehindert in ruochen (sich 
kümmern) und suochen. Vor w bleibt ou durchweg ohne umlaut, daher 
ouwe, frouwe, wiewohl sie ursprünglich ein j enthielten. Wenn trotzdem 
in manchen Wörtern ou und öu neben einander stehen, so beruht dies darauf, 
dass im ahd. ew (umgelautet aus aw) und ouw mit einander wechselten: 
daher : gouwe — göuwe (gau, ursprünglich geu)i, gen. gowves, umlaut noch 
In Allgäu), hou/we — höuwe (heu), douwen — döuwen (verdauen), drouwen 
— dröuwen (drohen), frouwen — fröuwen (freuen), strouwen — ströuwen. 
Vgl. V. Bahder a. a. o. 213. 

Anm. 7. Der umlaut von ä scheint durch h verhindert zu sein, daher 
smähen neben smoehen, 

Anm. 8. Durch ein enklitisches wort veranlasst ist der umlaut in 
sem mir neben sam mir (= so mir). 

Anm. 9. Ein ei hat umlaut hervorgebracht in arbeit, ärwei^, ceheim, 
nebenformen zu arbeit, arwei^ (erbse), öheim. Vgl. Behaghel, Beiträge 
20,344; dazu die modificierende auffassung von Schröder, Anz. d. Ztschr. 
f. d. Altertum 24, 29. 

Anm. 10. Im al., schwäb. und südfränk. findet sich ein umlaut des 
A; der durch folgendes seh bewirkt ist, in äsche = asche, täsche, waschen, 

2. Wechsel zwischen e und i, u und o, iu und ie. 

§ 41. Ebenso wie der nmlant bernhen noch andere Vokal- 
wechsel in der betonten silbe anf dem einflnsse der nach- 
folgenden unbetonten silbe. Zunächst der von i nnd e. Hier 
sind zwei verschiedene fälle zu unterscheiden. In dem einen 


24 Lautlehre. Cap. IV. 

ist e\ in dem anderen i die grnndlage, nnd danach gestalten 
sieh die Verhältnisse verschieden. Der erstere fall ist der 
häufigere. 

§ 42. Ein ursprüngliches e ist im nrgermanischen aus- 
nahmslos zn i geworden, wenn darauf nasal -f- cons. folgte, vor 
andern consonanten nur dann, wenn in der folgenden silbe 
ein i oder j stand. Die Wirkung ist auch da eingetreten, wo 
das \i bereits im ahd. geschwunden ist. Im ahd. ist dann 
auch Übergang des e zu i vor folgendem u eingetreten: Bei- 
spiele: helfen — ich hilfe — du hilf est — er hilf et (ahd. helfan 

— hilfu — hilfis — hilfit), lesen — ich lise — du lisest — 
er liset, hern — ich hir — du hirst — er iirt, vel (feil, urgerm. 
*fello) — Villen, (geisein. ahd. /?K[;]ew), verre (fern) — virre 
(entfemung) '-:^^^mrren (entfernen) (ahd. ferro — firri — 
/?rr[;]e«), reht — rihte (gerader weg) — rihten — gerihte (ahd. 
reht [urgerm. "^rehto] — rihtt — riht[j]en — girihti), gebe 
(gäbe) — giß {geba — gift [urgerm. *giftijs]), herde — hirte 
Qierda — hirti), herc — gebirge {berg [urgerm. %ergo0] — 
gibirgt), sedel (sitz) — gesideU (masse von sitzen) {sedal — 
gisidili), wert — wirdic, erde — irdtn (irden) — irdisch, leder 

— liderin. Dagegen heisst es swimmen, binden^ sinnen, dringen 
mit constantem i durch alle formen des praes. hindurch, ebenso 

_sin(nes), gewin{nes), rinde etc. 

§ 43. Ein ursprüngliches i scheint im ahd. durch ein 

folgendes a, e oder o in e gewandelt zu sein. Hinterher aber 

sind die diflferenzen zwischen den verwandten formen durch 

ausgleichung beseitigt. In den meisten fällen geht i durch, 

so namentlich im part. perf. der verba mit i im praes. (gestigen 

von stigen etc.); in einigen e, vgl. leben, hieben, lebere, (leber), 

. qu'ec (lebendig), stec (steg), wehsei, wehsein ; in einigen bestehen 

doppelformen : schif — schef, schirm — scherm, schirmen — scher- 

men, line — lene (lehne), linen — lenen, wisse oder wiste — wesse 

oder weste (wusste), misse — messe (missa), Jcrisme — Jcresme 

(chrisma). 

Anm. 1. J. Grimm hatte die ansieht, dass iu allen fällen i das ältere 
sei. Dieser imrichtigen auffassung begegnet man aueh jetzt noch öfters, 

sowie der bezeichnung brechnng für den angenommenen tibergang des 

• . •• 
1 m e. 

Anm. 2. Bei manchen Wörtern sind falsche ansätze üblich geworden. 


Lantwechsel. 25 

Unrichtig ist e statt g in drUc, sn^e, 8n<&pfe, v'igen, umgekehrt g statt e 
in weUen (wollen). 

Anm. 3. Manche Wörter haben geschlossenes e, wiewohl nach der 
etymologie '6 zu erwarten wäre. Meistens erklärt sich dies dnrch eine art 
von Umlaut, der durch ein i in der folgenden silbe bewirkt ist, welches 
im ahd. entweder in allen oder wenigstens in einigen formen des betrefifen- 
den Wortes vorhanden war, so in heilig, hels; (pelz), welher, vels (worin der 
vokal nicht als umlant von a aufgefasst zu werden braucht), helm{e), schelme, 
ledec, sehs (nach der flektierten form sehse = ahd. sehsi)^ aehste (dagegen 
slhzisihen, s'dhzec), ete- in etewSr, etewa^, eteltch, wahrscheinlich auch eben. 
Eine ähnliche Wirkung hat seh gehabt (vgl. § 40, 10), daher dreschen^ 
leschen. Auch vor st steht meist e : weste (wusste), stoester, toeste, gestern^ 
deste\ doch für nest weisen die mundarten teils auf e, teils auf ^, und all- 
gemein ist bristen (brechen) ; teilweise könnte auch hier das e auf Wirkung 
eines i zurückgeführt werden. Geschlossenes e haben auch die lehnwörter 
Uwe (löwe), woneben vielleicht Uwe anzusetzen ist, und zedel (zettel, aus 
lat. scedula). Femer jener ^ in dem vielleicht das anlautende j assimilierend 
gewirkt hat (eine andere, wie mir scheint, unzulässige annähme hat Sievers, 
Beiträge 9, 567 vorgetragen). Zweifelhaft bleibt die qualität noch in 
manchen Wörtern, namentlich solchen, in denen die neueren mundarten 
von einander abweichen. So steht auch die richtigkeit der von mir an- 
genommenen Schreibweise nicht für jeden fall durchaus fest. 

§ 44. Wie für e—ij so ergibt sich auf für o — u doppelter 
nrsprang, Tvenn wir die Verhältnisse bis in die indogermanische 
gmndsprache zuriickverfolgen. Aber die nächste grnndlage 
für letzteres im urgermanischen ist immer u, und o daraus ab- 
geleitet. Vor nasal + cons. ist u stets geblieben, vor andern 
consonanten ist es zu o geworden, wenn a, e oder o folgte. 
Hierbei sind wider auch diejenigen vokale massgebend gewesen, 
die schon im ahd. geschwunden sind. Das u kann weiter zu 
ü umgelautet sein. Beispiele: si zugen (zogen) — gezogen 
(ahd. zugun — gizogan), si suln — er solte {sculun — scolta), 
fürhten — vorhte (fürchtete) {furihi^]en — forahta), vol — 
füllen, zorn — zürnen, holt — hulde, loch — lüeke, wort — 
antwürte (antwort), vogel — gefügele, loben — gelühede, wolf 
— wülpinne (wölfinn), golt — guldin, holz — hülzin (hölzern), 
Inof — hübesch, daneben hövesch. Dagegen gebunden, gewunnen, 
sunne (sunna), brunne {brunno) etc. 

§ 45. Es gibt im mhd. zwei dem Ursprünge, teilweise 
auch der ausspräche nach verschiedene m. Das eine haben 
wir schon als umlaut von ü kennen gelernt. Das andere ist 
Yon hause aus ein diphthong gewesen. Ebenso gibt es zwei 


26 Lautlehre. Gap. IV. 

dem nrsprunge nach verschiedeue ie. Das eine ist = ahd. 
ia (älter ea), welches dnreh diphthongisiernng ans e entstanden 
ist. Das andere ist «= ahd. io (älter eo). Dies zweite ie (io) 
steht zu dem zweiten iu in dem nämlichen Verhältnisse wie 
zn w. Sie wechseln nach der gleichen regel. Beispiele: ich 
muhe {muhu) — du muhest (ziuhis) — er eiuhet {jsiuhif) -. — si 
ziehent {ziohant) — inf. ziehen (ziohan) etc., lieht — liuhten, 
siech — siuche, bieten — biutel. Vor w bleibt immer iu: 
briuwen (brauen, ahd. briuuuan), riuwe, triuwe (ahd. riuuua, 

triuuua). 

Anm. 1. Doppelformen durch ausgleichung hat knie — kniu, g. 
kniewes — kniuwes (sollte eigentlich lauten knie — g. kniuwe8)\ entsprechend 
hie — hin (hieb, praet. zu houwen\ pl. hietoen — hiuwen. 

Anm. 2. Im oberd. wurde ursprünglich das iu auch vor &, p, fj m, 
€/, k, ch durchgängig bewahrt (vgl. Braune, Beitr. z. gesch. der deutschen 
spr. 4, 557). In der mittelhochdeutschen zeit ist gewöhnlich ie nach der 
obigen regel eingetreten, doch findet sich daneben noch in manchen 
Wörtern iu, vgl. diup, Hup, tiuf, stiuf-, vliuge, triugen, tiufel, Huf (praet. 
von loufen) neben diep, liep etc. 

3. Wechsel zwischen diphthong und einfachem vokal. 

§ 46. Die langen vokale e und d sind durch contraction 

aus ai und au entstanden. Äi ist zu e geworden vor h, w, r 

und im auslaut. Das praet. von gedihen, spiwen lautet daher 

gedech (ahd. gideh), spS, während es zu heliben, nigen beleip, 

neic lautet. Zu nigen lautet das causativum neigen, dagegen 

zu risen (fallen) reren (fallen lassen). Zum comparativ mere 

lautet der Superlativ meist. 

Anm. Ausserdem ist ai contrahiert in wenec (bejammernswert, dann 
gering) zu weinen und in bide neben beide. Ein i findet sich ausserdem 
in lehnwörtern: rigel, zider, 

§ 47. Au ist zu d contrahiert vor d, t, z, g, s, n, r, h und 

im auslaut. Daher praet. sot^ goß;, verlos, zöch (ahd. zoh) zu 

sieden, giegen, Verliesen (verlieren), siehen, dagegen bouc zu 

biegen. Zu biegen lautet das causativum böugen, dagegen zu 

friesen, (frieren) frceren. Zu vro gehört vröude, vröuwen, zu 

strö ströuwen, zu töuwen (sterben) tot. Durch ausgleichung sind 

doppelformen entstanden : drouwe und drd (drohung), dröuwen, 

dröun und dran (drohen). 

Anm. Ist ursprüngliches auw in den auslaut getreten, so ist die con- 
traction unterblieben (vgl. Kögel, Beiträge 9, 524 ff.); daher tou, gen. touwes, 
blou, praet. von bliuwen (schlagen). 


Lautwechsel. 27 

4. Ablaut. 
§ 48. Unter ablant versteht man eine art des Vokal- 
wechsels, die sieh im mhd. noch innerhalb der verschiedenen 
formen des gleichen verbnms und innerhalb der verschiedenen 
ableitangen ans der gleichen wnrzel zeigt. Dieser Wechsel 
beruht auf einer grundlage, die bereits in der indogermanischen ^ 
grundsprache vorhanden wa^, und steht in Zusammenhang mit 
' dem in dieser bestehenden Wechsel in der Stellung des accentes. 
Man bezeichnet die gesammtheit der innerhalb der gleichen 
Wurzel möglichen Vokalschattierungen als eine vokalreihe 
(ablautsreihe). Die zahl der Schattierungen schwankt im 
urgerm. zwischen 2 und 4. 

§ 49. Man hat früher gewöhnlich dreierlei reihen unter- 
schieden, die man als a-, i- und w-reihe bezeichnete. Diese 
einteilung ist nach den neueren Untersuchungen über den indo- 
germanischen vokalismus nicht mehr aufrecht zu halten. Wir 
begnügen uns hier mit einer darstellung der im mhd. factisch 
vorliegenden Verhältnisse und zurückführung derselben auf das 
urgermanische, ohne uns auf das verhältniss zu den verwandten 
sprachen und die entstehung einzulassen. Durch die eben vorher 
besprochenen lautveränderungen ist der stand der dinge com- 
plicierter geworden, und diese müssen gewissermassen erst in 
abzug gebracht werden, damit die älteren einfacheren Verhält- 
nisse zur erscheinung kommen. Im starken verb. sind die mass- 
gebenden formen, die im folgenden immer angeführt werden: 
1 sg. ind. praes., 1 sg. ind. praet, 1 pl. ind. praet, part. perf 
Es gibt sechs reihen, deren jede durch eine grössere anzahl 
von wurzeln vertreten ist. Dies sind die folgenden. 

§ 50. I. reihe. 

i (teUweise aus gi) ei — % (urgerm. ai) i (8). 

Beispiele: helibe — beleip — helihen, dazu Itp — leibe 

(Überbleibsel), lefiben (übrig lassen) — leben\ 0ihe — 0ech — 

jsigen, ge/ngen, dazu /geigen — imsiht (beschuldigung); weiß; (ich 

weiss) — pl. wi^^en, dazu wi^en (verweisen), itewi^ (vorwurf), 

wt^e (strafe), wigage (weissager) — wit^ie (verstand), gewis; 

Uden (leiden, ursprünglich gehen) — leiten (= gehen machen) 

— ledec{?); leren — Urnen (lernen), list 

§51. II. reihe. 

iu — ie (aus gu) ou —- 6 (urgerm. au) u — o* 


28 Lautiehre. Cap. IV. 

Beispiele: liuge (inf. liegen) — louc — lugen, gelogen, da- 
zu lougen (st. n. das läugnen) — lüge; Mute — bot — buten, 
geboten, böte, gebot, bütel; biegen — botic (ring), böugen — böge, 
bücken; liebe — gelouben — lop, loben, gelübede\ niesen — nö^ 
(nutzvieh), gen6g{e) — nuis, nütee ; siech — suht In einigen 
Wurzeln dieser reihe erscheint auch ü: suge — souc — sugen, 
gesogen, dazu saugen; triuwe — truwen, trüt — trost 

§52. in. reihe. 

e — i a u — 0. 

In diese reihe gehören namentlich wurzeln, die auf nasal 
oder liquida + consonant ausgehen. Beispiele: binde — bant, — 
bunden, gebunden, dazu binde (die binde), underbint (st. n. Unter- 
bindung, unterschied) — bant, gebende — bunt, bündel; rinne 
— ran — runnen, gerunnen, dazu rinne (die rinne) — rennen, 
(ahd. renn\f]en, eigentlich rinnen machen, laufen machen vom 
reiter) — runs oder runst (fluss, kanal); unrbe (inf. werben) — 
warp — würben, geworben, dazu gewerp (gewerbe), wirbel — - 
warbe (drehung, ander warbe zum zweiten mal) ; trinken — tranc, 
trenken — trunc; trinnen in entrinnen — trennen — trunne 
(schwärm), abetrünnec; bergen — borgen, bürge, burc; werc — 
würken; sint (weg), gesinde (gef olgschaft) — senden, 

§53. IV. reihe. 

S — i a & (urgerm. e) u — o. 

Die hierher gehörigen wurzeln haben meist einfachen nasal 
oder einfache liquida nach dem vokal. Beispiele: nime (inf. 
nemen) — nam — nämen — genomen, dazu näme (das nehmen), 
genceme — nunft in nötnunft (raub), sigenunft (sieg), vemunß; 
bir (inf. bem tragen, gebären) — bar — baren — geborn, 
dazu bam (kind) — bare, gebmre (angemessen), bmre in er- 
beere etc., gebären — bürn, (aufheben), geburt, urbor (ertrag); 
0emen (sich geziemen) — £fam, eemen — gezceme (geziemend) — 
eunft\ heln, heim — helle — hceU (Verheimlichung) — hol, hülle; 
brechen, breche (Instrument zum brechen) — bräche — bruch, 
brocke; leschen (intr. erlöschen, mit sekundärem Übergang von 
e in Cj vgl. § 43, anm. 3) — leschen (trans. löschen mit aus a 
umgelautetem e). 

§54. V. reihe. 

S — i a & (argerm. $). 
In diese reihe gehören wurzeln mit einfachem consonanten, 
der nicht nasal oder liquida ist. Beispiele: gibe (inf. geben, 


Lautwechsel. 29 

'psLit gegeben) — gap — gäbest, dazu gebe (gäbe), giß — gäbe, 
gcebe (adj. was leicht za geben ist, angenehm); wegen (wägen, 
bewegen), wec — wagen (subst.), wagen (verb. sich bewegen), 
wegen (bewegen) — wäge, wäc, (st. m. woge), wägen ^ wmge 
(gewogen, vorteilhaft, gut); ligen, part. gelegen, leger (lager) — 
legen — läge (hinterhalt). 

§55. VI. reihe. 

a no (nrgerm. ö). 

In einigen wurzeln erscheint daneben auch u. Beispiele: 
var (fahre), gevam — vuor(en\ dazu vart, verge (fährmann) — 
vuore (lebensweise), vüeren — vurt; grabe — gruop, dazu grabe 
(graben), bigraft (begräbniss) — gruobe — gruft{?), grübelen; 
Sache — suochen, 

§ 56. Neben diesen sechs reihen gibt es noch einige, die 
im mhd. nur durch schwache reste vertreten sind. Vgl. tat, 
getan — tuon; räwe — ruowe (gleichbedeutend); vla^jen (spülen), 
vlät (Sauberkeit), nhd. in unflat — vluot; stän (ich stehe) — 
stuont — gestanden; gän (ich gehe) — gegangen, ganc, 

§ 57. Vom Standpunkte des mhd. aus erscheint auch der 
Vokalwechsel in einer anzahl starker verba als ablaut, die im 
praet. ie (einige iu) haben, welches aber bei manchen auf ahd. ia, 
bei andern auf io zurückgeht, vgl. ra^e — riet, scheide — schiet, 
std$e — sties;. Diese praeterita sind jedoch aus alten redupli- 
eierten formen entstanden, und das ie erscheint niemals in 
einem abgeleiteten werte. 

5. Wechsel zwischen vollem vokal und schwachem e. 

§ 58. Die im ahd. vorhandenen vollen vokale der ab- 
leitungs- und flexionssilben sind meistens zu e abgeschwächt. 
In einigen fällen aber sind sie erhalten, durch den tiefton oder 
schwachen hochton geschützt. So z. b. durchgängig in den 
ableitungen auf -unge, -nisse (woneben -nitsse, nüsse), -cere 
{schribcere etc.), -inne oder in {Jcüneginne, künegin), in den dimi- 
nutiven auf 'in, gewöhnlich -lin (al. -t, -ß). Durch den Wechsel 
in der Stellung des nebentones ist aber vielfach ein Vokal- 
wechsel entstanden, so dass dieselbe ableitungs- oder flexions- 

silbe bald mit vollem vokal, bald mit unbetontem e erscheint. 

Das part. praes. geht auf -ende aus; aber einige substantivierte parti- 

cipia haben -ant: heilantj wigant (kämpfer), vdlant (teufel), viant neben 

vtent (vint). Neben einander stehen -ic — -ec in acyectiven (saslic — 


30 Lautlehre. Cap. IV. 

acBlec, heüic — heilec). Ersteres geht auf ahd. -tg zurück. Mit den ad- 
jectiven auf -ic hat sich aber im mhd. eine andere klasse vermischt, die 
im ahd. -ag hat, so dass beide nicht mehr auseinander zu halten sind 
(ahd. aältg, aber heilag). Ebenso künic — künec (ahd. kuning). Neben 
-lach kommt -esch vor (irdisch — irdesch); das e wird sogar mitunter 
ausgestossen, vgl. § 60. Im Superlativ steht noch zuweilen -ist neben -est: 
minnistj obrist Die adjectivendung -oht neben -eht: hoveroht — hove- 
reht (höckerig), rasseloht — rceseleht (rosig). Neben einander stehen 
liumufd — liument (leumund), zuweilen noch tüsunt, äbunt (auch äbant) 
neben tüsent, dbent, Arzdt neben arzet (arzt). Mitteldeutsch ist -en 
neben -in in den Stoffbezeichnungen irdtn, steintn etc. Neben mdnöt 
(monat) kommt zuweilen mdnet vor. In den schwachen verben, die im 
ahd. auf -dn ausgehen, erscheint 6 (o) neben dem gewöhnlichen e, be- 
sonders von verben mit dreisilbigem inf. in der 3 sg. Ind. praes. (ver- 
zwiveldt: tot) und noch öfter in dem gleichlautenden part. perf., zuweilen 
auch im praet (wandelote neben wandelte). Im Superlativ zuweilen noch 
-Ost neben -est : vorderöst, oberöst (im reim auf tröst), Ueber die erhaltung 
der volltönenden endsilben im alemannischen vgl. § 116. In einigen fällen 
ist die Wurzelsilbe des zweiten teiles eines compositums, welches als solches 
nicht mehr empfunden wurde (vgl. § 12), behandelt wie eine ableitungssilbe, 
daher iemer, niemer'^ie mir; iemen, niemen neben ieman, nieman (je- 
mand, niemand); zweinzec, dri^ec neben zweinzic, dri^c {zic = dekade). 

§ 59. Ebenso haben einige partikeln in der composition 
eine verschiedene gestalt erhalten, je nachdem sie betont waren 
oder unbetont (vgl. § 11). So stehen antläg (loslassung, Sünden- 
vergebung), amphanc (empfang) neben entlägen, emphähen; imbig 
neben embtgen (gemessen, frühstücken); bivilde (begräbniss) 
neben hevelhen (begraben), neben einander btderbe — bederbe 
(tüchtig); urstende (auferstehung), urteil neben erstän, erteilen, 
(prteilen); fürsae (einsatz, pfand) neben versetzen, 

6. Ausstossung und beibehaltung des schwachen e. 

§ 60. Durch ausstossung eines schwachen e sind manche 
ungleichmässigkeiten in der flexion und Wortbildung entstanden, 
auf die wir zum teil noch in der flexionslehre zurückkommen 
müssen. Ein durchgreifendes gesetz ist, dass e nach r und l 
mit Yoraufgehendem kurzen vokal ausgestossen wird. Es heisst 
demnach hil (federkicl), gen. hils, pl Ml, dat. Min gegen tac, 
tages, tage, tagen \ ar (aar), am gegen name, namen\ ich ner 
(nähre), du nerst, er nert, mr nem gegen ich hcere, du hcerest, 
er hceret, wir hceren. Ebenso schwindet e gewöhnlich nach 
den ableitungssilben -er, -el und auch -en : ahsel, ähseln gegen 
vrouwe, vrouwen\ lüter, lüters, lütem gegen guot, guotes, guoten; 



V 


Lautweehsel. 31 

der gevangen, die gevangen (statt ^^gevangenn) gegen der guote,, 

die guoten etc. 

In der proklisis und enklisis habea ursprünglich zweisilbige Wörter 
ein -e eingebüsst, während sie es bei voller betonong bewahrt haben» 
Daher sind ane, abe, miU, che als praepositionen zu an^ ab, mit, ob ge- 
worden, während sie als adverbia und als erste glieder eines nominalen 
compositums ihre volle form bewahrt haben; daher sind hSrrexmd frouwe 
vor namen imd titeln zu hSr und frou (frö) geworden; daher auch die 
doppekformen unde — und, wände (denn) — wan, same (ebenso) — sam, 
ime — im, diSme — (föm, w'ime — w'im. Endlich ist unbetontes e im 
innem des Wortes zwischen hoch- und tieftoniger silbe ausgefallen. Daher 
ambet — gen. am(p)te8, market — gen. marktes, dienest — gen. dienetes 
und danach auch amt, markt, dienst; gemeinde neben gewi^^-ede (das 
wissen), wälsch neben wälhisch (vgl. § 58), tiiUsch, tiusch (deutsch) neben 
• seltenem tiutesch, mensche — mennescMtch; superl. schoenest — schcßn(e)ste*,, 
comp, mimre neben minner(e), tiurre neben tiwrer\ dat. eime neben einem{e) ; 
praet. machte neben machete etc. 

Anm. Die meisten dieser ausstossungen sind erst nach der mitte 
des 12.jahrh. eingetreten. 

§ 61. Auch das unbetoate e der partikeln in der compo- 

sitioa unterliegt mehrfach der ansstossnng. So namentlich in der 

Partikel ge- vor vokal, auch r, l, n und w ; vgl. günnen (gönnen) y 

gegß;en, part. zu e^^ew, genden, geren neben geenden, geeren ; 

grade, grech (in gutem stände) neben gerade, gerech; glich,^ 

glimph, glit, glauben, glücke neben gelich, gelimph, gelii, gelou- 

hen, gelücJce; gnade, gnanne (namensvetter), gnög, (genösse), 

gnuoge (viele) neben genäde, genanne, genög, genuoge. Die 

Partikel he- hat ihren vokal verloren in erbarmen, erbünnen 

(missgönnen), bange (zu ange, adv. von enge), binnen; bliben, 

blangen (verlangen) neben beliben, belangen. 

Anm. Im oberdeutschen, namentlich der späteren zeit kommt auch 
vor andern consonanten ausstossung des e in ge- und be- vor, so nament- 
lich vor s (gseUe, gstn etc.), auch mit assimilation des g oder b an den 
folgenden consonanten, so dass die partikel ganz verschwunden scheint r 
vgl. krcßnet, birge, gunde =i gkroenet, gbirge, bgunde, 

§62. In den kritischen ausgaben der poetischen werke 
sind viele ausstossungen des e des metrums halber vorgenonmien^ 
ohne durch die handschriftliche Schreibung beglaubigt zu sein. 
Dass dieses verfahren unberechtigt sei, wird Beiträge 8, 181 ff» 
zu zeigen versucht. 


32 Lautlehre. Cap. IV. 

B) Consonanten. 
1. Orthographischer Wechsel. 
§ 63. Mitunter ist ein scheinbarer consonantenwechsel 
rein orthographisch. Hierher gehörige fäUe sind schon in 
cap. 1. angeführt. Wahrscheinlich gehört hierher auch der 
Wechsel zwischen j und g, welches letztere dann nichts anderes 
als den j'-laut bezeichnet, g wird neben j im inlaut geschrie- 
ben, namentlich nach i, vgl. dger (eier), Idge (leie), meige (mai), 
bliges, gen. von bli neben eijer etc., nerigen neben nerjen 
(nähren); aber anch sonst zuweilen, vgl. hlüegen neben blühen. 
Vielleicht auch nur graphisch ist der Wechsel in den verben 
jehen (behaupten), jesen (gähren), jeten (jäten), bei denen ein 
g in den formen mit i in der Wurzelsilbe eintritt: gihet^ giset^ 
gitet Wenn in oberdeutschen denkmälern p neben b und 
seltener h neben g geschrieben wird, so soll damit kein anderer 
laut bezeichnet werden, sondern p und 6, Tc und g sind nur 
verschiedene zeichen für den gleichen zwischen eigentlicher 
media und tenuis stehenden laut. So sind auch bb neben pp 
in rihbe, sibbe etc. und gg neben ck in egge, rügge etc. nur 
abweichende Schreibungen (vgl. § 36, 1). 

2. Wechsel durch die Stellung in der silbe veranlasst. 

§ 64. Media wird im silbenauslaut oder, wenn noch ein 

zu der gleichen silbe gehöriger consonant folgt, zur tenuis. 

Vgl. tac — tages; nigen (sich verneigen) — praet neic; neigen 

(causativum dazu) — praet. neicte; nit — ntdes; niden — praet. 

neit; stoup — stoubes; stieben — praet. stoup; gelouben — praet. 

geloupte; äbbet — verkürzt apt 

Anm. Die handschriften sind nicht consequent, und es finden sich 
Schreibungen wie tag^ neig, neigte. Keine ausnähme von der rege! ist es, 
wenn ein mit einem vokale anlautendes pronomen angelehnt und damit 
•der consonant zur folgenden silbe hinübergezogen wird, z. b. neiger statt 
neic er, gahe^, gaben (== gab in). 

§ 65. Ein V wird in der selben Stellung zu f. Vgl. hof 

— hoveSj gräve — gräfschaft, neve — niftel (nichte). 

§ 66. Ein A erhält, wo es auf den vokal der silbe folgt, 
zu der es gehört, den laut unseres eh. In den Verbindungen 
ht und hs bleibt die Orthographie unverändert, z. b. in sehen 

— siht ist nur die ausspräche verschieden. Sonst tritt im 
«ilbenauslaut ch ein, vgl. sehen — praet. sach — pl. sähen. 


Laatwechsel. 33 

hoch — hohes — Mch-zii^ rück (ranh) — rühes, va/rch (ferkel) 
* — varhes, tw&rch (schief) — iwerhes, schelch (scheel) — schelhes^ 
ievelhen — praet. bevalch. 

Anm. 1. Auch das h kann durch anlehnung geschützt werden, se 
kann saher (sah er) auf zäher (träne) reimen. 

Anm. 2. Seit dem vierzehnten Jahrhundert wird cht und chs wie im 
nhd. geschrieben. 

§ 67. Ein w im silbenanslant fällt fort. Vgl blä — bläwer, 
grä — gräwery Ue — Jclewes, le (hügel) — Uwes, se — sewes, sni 

— snewes, spiwen — praet. spe, hu — huwes^ buwen — büte^ knie 
oder Jcniu — kniewes^ spriu (st. n. spreu) — spriuwes, houwen^ 

— praet. hiu — pl. hiuwen^ kiuwen (kaaeu) — praet. kou, gärwen 
{bereiten) — praet. garte, var (gefärbt) — varwer, hör (schmatz) 

— horwes, smer (fett) — smerwes, smirwen (schmieren) — 
smirte, mel (mehl) — melwes, val (fahl) välwes, kal — kalwes* 
Ebenso j {g) : ei — pl. eiger, zwei — gen. zweiger, zwi (zweig) 

— zwtges. 

§ 68. Gemination wird im anslant und vor consonanten 
vereinfacht: stam — stummes \ stoc — Stockes; rinnen — praet 
ran; treffen — praet traf; brennen — praet brunte, part ge- 
brant; decken — praet dacte, part. gedact; kan (ich kann), 
kathst — pl. kunnen, rast (er rät) verktlrzt ans rastetj wirt verr 
kürzt ans wirdet, vint verkürzt ans vindet. 

§ 69. Ebenso wird gemination nach langem vokal nnd 
nach consonant vereinfacht Vgl. vollen — praet viel, vielen; 
meggen — praet jl[.mägen; treffen -— ^rsiet pl. träfen; schaffen 

— schuof(en); leiten — praet leite (= Heit-te)^ part geleiter \ 
heften — praet hafte; rihten — praet rihte; senden — praet 
sante oder sande. 

§ 70. Ein r im anslant nach langem vokal ist abgefallen, 
hat sich aber da bewahrt, wo es bei engem anschlnss an ein 
mit einem vokal anlautendes wort zur folgenden silbe hintLber- 
gezogen ist. Vgl. da (ahd. dar) — därinne, wä (ahd. war wo) 

— wärinne, hie j(ahd. Mar) — hierunder, sä (ahd. sär alsbald) — 
särie (verstärktes sä). Hierher gehören auch die adverbialen 
comparative mi, e (ahd. mer, er) neben mere, der erre (frühere). 
In ältere zeit zurück reicht der Wechsel zwischen zer- und 
jse- (zer-). . , 

Paul, mittelhoohdeatBohe grammatik. 5. aufl. 3 


34 Lautlehre. Gap. IV. 

3. Assimilation. 
§ 71. Es zeigen sieh im mhd. verschiedenartige partielle 
und totale assimilationen , die meist nicht conseqnent durch-^ 
geführt scheinen, weil sie teilweise wider durch ansgleichnng 
beseitigt sind. Die wichtigsten hierher gehörigen fälle sind 
folgende : 

1. Ein n wird vor einem labial zu m; ummcere (unlieb,, 
gleichgültig), umpris (unehre)^ umbilUch, ambo; (neben aneb6^\ 
imbig, embor {^in-hor empor). Doch kommen in allen fällen^ 
wo die etymologie noch deutlich ist, auch Schreibungen mit n^ 
vor {unmasre etc.). 

2. Das t der partikel ent- (ant-) assimiliert sich an den 
folgenden verschlusslaut. Dabei wird t aus U und tdy k aua 
th und tg, p aus tb : entrinnen (aus ent-trinnen), entecken (aber 
daneben endecken, entdecken)^ enkleiden (entkleiden), enkelten 
(engelien, entgelten), enkürten (engürten^ entgürten), emprecheny 
(enbrechen, enfbrechen). Aus tf wird ph (pf): emphahen (auch 
enphähen geschrieben), amphanc (empfang), emphinden,emphelhen^ 
(vgL bevelhen), empharn (entvarn), emphüeren (entfüeren) etc. 

3. Eine partielle assimilation, die sich im späteren ahd. 
vollzogen hat, ist die erweichung des t nach nasalen, vgl ahd. 
untar — mhd. under, ahd. hintar — mhd. hinder. Daher diö: 
schwachen praeterita rumde (räumte), diende, nande, sande gegen 
hörte etc.; daneben rümte etc. durch ansgleichnng. 

4. Auch nach l findet sich erweichung des t zu d, aber 

nur in einer beschränkten anzahl von Wörtern und so, dasa 

immer t daneben vorkommt. 

Anm. 1. Ursprünglich geminiertes t hat sich der erweichung zunächst 
entzogen, daher in manchen denkmälem sante aus sandte neben wände etc» 
Auch nach nn bleibt in denselben texten t, also brante etc. Später hat 
sich dieser nnterschied verwischt. Ueber Hartmanns gebrauch vgl. Zwier- 
zina, Festgabe für Heinzel s. 483. Geminiert durch den einfluss einea 
folgenden r (vgl. § 75) war das t ursprünglich auch in winter, munter^ 
woneben selten winder, mtmder, 

Anm. 2. d neben t nach l erscheint besonders in den Wörtern 
holden, wcUdenj valden, scMlden; in den flectierten formen von altf kalt, 
we(r)lt, schilt; in solde, wolde, während die übrigen praeterita ÜBust durch« 
gängig nur t haben. 

Anm. 3. Vereinzelt ist (2 für ^ nach r. Nicht hierher gehört vierde 
(vierte) = ahd. fiordo (fiortho), wahrscheinlich auch nicht arde, dat. von art^ 


Lautweclisel 35 

Anm. 4. Von emzelnen Wörtern, welche eine alte aasimilation be- 
wahrt haben, sind hervorzuheben: stSrre, vlirre neben 8t'6me, v'^me, gtioU 
lieh neben guotltch (in der bedeutnng „herrlich*'), lusaam neben lustsamy 
deste (= d(^ diu) ; namentlich aber gehören hierher eigennamen wie Liup- 
(p)olt (ans IAut'bolt)j Litücari (aus Liutgart), Uolrtch (aus Uod(e)lrtch) 
nnd viele andere. Jünger, aber noch dem IX jahrh. angehörig sind assir 
milationen wie rÜich neben richlich, gei8{t)lich, ange8{t)lich, ioB(r)lt, tiu{t)8ch, 
tnaspoum (masboum) neben mastboum. Zahlreiche assimilationen begegnen 
in den oberdeutschen denkmälem des 14. und 15. jahrh., vgl. z. b. achpcer 
= ahtebcere , wilpan »> wiltban, wilproet = wiUbrcete, Auch manche assi- 
müationen im Satzzusammenhang kommen vor, häufig z. b. (schon im 12. jahrh.) 
giinmir = gib mir, 

Anm. 5. Folge einer assimiUition ist es auch, wenn in schwachen 
verben seh des praes. im praet» und part. zu 8 wird : leschen — laste^ 
gelost (ahd. lesken — la8[k]te), mischen — miste, toischen — wiste, wünschen 
— wunste. Diese formen sind alemannisch. 

4. Ausstossnng. 

§ 72. Hänfig ist h zwischen vokalen ausgefallen, jedoch 

im oberd. in der regel nur, wenn der voraafgehende vokal 

lang ist, woranf dann contraction eingetreten ist. Doch finden 

sich fast immer die formen mit erhaltenem h daneben nnd 

sind in der regel die gewöhnlichen. VgL nä — wdÄe, ho — 

hohe (adv.), hän — hähen (hängen), van — vähen (fangen) 

smoen — smcehen, vlen — vlehen, eien — ziehen, sen — sehen. 
Anm. Scheinbar ist h (eh) auch mitunter im auslaute abgefallen. 
Doch beruhen die betreffenden formen wahrscheinlich nur auf anlehnung 
an solche, in denen es im inlant zwischen vokalen stehei^ würde, vgl hd 
= h6ch. 

§ 73. Die Wörter mit j (g) im inlaut zwischen vokalen 
haben alle nebenformen ohne jj zum teil contrahiert. Vgl. 
eiger — eier, leige — leie, meige — meie, reige — reie (der 
reigen), ßweiger — zweier (g. pl, von zwei)^ meiger — meier, 
frigen — frien (frei machen), mcejen — mcen, wcejen — wcen, 
blüejen — blüen, mü^en — müen. 

§ 74. Weniger häufig ist der ausfall des w zwischen 
vokalen. Vgl. Jcräwe (krähe) — kräe, hrä\ bräwe (braue) — 
hrä] spiwen — spien \ dröuwen — dröun; ströuwen — ströun; 
vröuwen — vröun; iuwer — iur (euer); iuwele — iule (eule). 

5. Gemination. 

§ 75. Gemination ist vielfach durch den einfluss eines 
folgenden eonsonanten bewirkt (vgl. Beitr. 7, s. 105. 9, 149 [Kluge]. 

3* 


36 Lautlehre, Cap. IV. 

12, 504 [KauflmanD]). Solehe Wirkung haben w, j, r, l und 
wahrscheinlich auch n gehabt, von denen die beiden ersteren 
später ausgefallen sind, vgl. acker (ahd. accar) = got. akrSy 
ackes (ahd. tickus axt) = got. aqizi (q = Jcw), recken (ahd. 
reck\j\en) = got. räkjan. Die Wirkungen von r^ l, w sind 
meist durch alle zusammengehörigen formen hindurchgegangen, 
doch vgl. wachen {ch aus einfachem Tc) — wacker (wachsam). 
Nachwirkung einer durch n bewirkten gemination liegt wahr- 
scheinlich vor in knabe — knappe (gleichbedeutend), rohen — 
rappe (rabe), vielleicht auch in backe (schinken) — ba^ke, stecke 
(stecken) neben stechen, brocke neben brechen, tropfe neben 
triefen u. a. Am häufigsten war der fall, dass j in nahe ver- 
wandten formen bald vorhanden, bald nicht vorhanden war, 
und daher entstand vielfacher Wechsel zwischen einfachem und 
genainiertem consonanten. Wiewohl derselbe zum grossen teile 
durch ausgleichung wider beseitigt ist, so liegen doch im mhd. 
noch erhebliche reste davon vor. Beispiele: sal — geselle'^ 
heln — helle, hüllen; han — henne; treten (st. v.) — tretten 
(sw. V. gleichbedeutend). 

Anm. In andern faUen sind durch ausgleichung doppelformen ent- 
standen. So sind qvsllen, seUeny zdlen, wellen, dennen, memien, wennen, 
bitten nebenformen von queln (quälen), sdny (übergeben), zeln (zählen, er- 
zählen), wein (wählen), denen, menen (treiben), wenen (gewöhnen), biten; 
ziemlich gleich häufig sind twellen — tweln (aufhalten, zögern), schütten 

— Schuten, Die formen mit gemination sind besonders dem alemannisch- 
schwäbischen eigen. 

§ 76. Die gemination ist vor der hochdeutschen laut- 
verschiebung eingetreten. Bei derselben ist der geminierte laut 
teilweise anders behandelt als der einfache, und in folge davon 
ist noch eine weitere Verschiedenheit verwandter formen ent- 
standen. Es kommen dabei folgende entsprechungen in be- 
tracht: altes g = mhd. g, gg = ck (gg); altes b = mhd. b, 
bb=pp (66); altes ^A = mhd. d, thth = tt\ altes k == mhd. 
ch, kk = ck; altes p = mhd. ff (/), pp =pf; altes t = mhd. 
SS (s)y ^^ == ^^ (^)- Beispiele: ha^c, -ges — hecke; slac^ -ges 

— man-slecke (menschenschläger, mörder); wegen — wecke 
(keil, keilförmiges gebäck); stoup, -bes — stüppe (staub); weben 

— weppe (gewebe); smit, -des — smitte (schmiede); wachen 

— wecken; dach — decken; bachen (backen) — 6ecÄ6 (bäcker); 
■rechen (rächen, ursprünglich vertreiben) r— recke (m'sprttnglich 


Lantwechsel. 37 

der vertriebene) ; tocÄ — lücke ; sitzen — sa^ , geseggen —* 
setzen] erge^^en = vergeggen — ergetzen (eigentlich vergessen 
machen); nag — netzen; lag — letzen; hag — hetzen; meggen 

— metze; weig (ich weiss) — witze; 1mg — hitze; schaffen 

— schepfen. 

AnnL Doppelformen sind: licken (liggen)^ lecken (leggen) neben 
ligen, legen; femer beizen — beiden (causatiynm zn &%en); reizen — 
reiben (zu ri^en); heizen — heilen (heiss machen); büezen — büe^en\ 
grüezen — grüe^en; weize — wei^e (waizen) ; wtze — wt^e (strafe); 
sleipfen — sleifen (cansativum zu slifen gleiten); streipfen — streifen, 

§77« Auch wo die gemination einen andern und älteren 
Ursprung hat, findet sich mehrfach einfacher consonant neben 
doppeltem: riter — ritter; strichen — stric, -cJces, stricken; 
niegen — nuz, nützen; rigen — riz, ritzen; sUefen (st. v. 
schlüpfen) — slüpfen, 

6. Der grammatische wechseL 

§ 78. Unter der [allerdings zu allgemeinen bezeichnung 
'grammatischer Wechsel' begreift man eine erscheinung, die 
durch K. Verner (Kuhns Zeitschrift XXIII, s. 97 flF.) ihre er- 
klärung gefunden hat. Wir können das von ihm aufgestellte 
und nach ihm schlechthin als das Vernersche bezeichnete 
gesetz folgendermassen fassen: die nach Vollzug der urgerma- 
nischen lautverschiebung vorhandenen vier harten reibelaute h 
(== unserm cä), p (th), f, s sind im in- und auslaut ausser in 
den Verbindungen ht, hs, ft, st, sJc, sp, ss in die entsprechenden 
weichen reibelaute tibergegangen (in der lateinischen Umschrift 
des gotischen widergegeben durch g, d, b, z), wenn der näehst- 
vorhergehende vokal nicht nach der ursprünglichen (indoger- 
manischen) betonung den hauptton trug. Durch die hochdeutsche 
lautverschiebung sind dann mehrere Veränderungen eingetreten: 
]> ist zu d, die weichen reibelaute sind zu verschlusslauten, 
d weiter zu t verschoben, ferner ist got. z zu r geworden. 
Es wechseln demnach im mhd. h mit g, d mit t, f (v) mit b, 
s mit r. Neben diesem neuen r giebt es ein älteres, welches 
niemals mit s wechselt. Der Wechsel ist im mhd. schon viel* 
fach wider durch ausgleichung beseitigt, wie noch mehr im 
Bhd. Er zeigt sich besonders zwischen verschiedenen aus 
gleicher wurzel abgeleiteten Wörtern, aber auch zwischen den 


38 Lautlehre. Gap. IV. 

yersehiedenen formen des gleichen starken yerbnms. Hier gilt 
nrsprttnglieh die regel: harter reibelaut in praes. nnd im sg. 
praet, weicher im pl. praet und im part. perf. 

§ 79. Beispiele ftlr h — g: zxhe (ich zeihe), zech — eigefn, 
geetgen^ dazu zeigen; zinke, zöch — zugen, gezogen, dazu zuc, 
^ges, her-zoge, zügel; slahe — sluoc (angleichung an den pl.), 
sluogen, geslagen, dazu ä&wj, -ges; sweher (Schwiegervater) — 
swäger ; zehen — zwein-zec (zwanzig) ; doppelformen in swelhen 

— swelgen (verschlucken); vUhen — vUgen. 

§ 80. Beispiele fftr d — t: snide, sneit {t in folge des 
auslautgesetzes) — sniten, gesniten, dazu snide (die "öchneide) 

— snit, snite ; mide, meit — miten, gemiten; siude, sdt — suten, 
gesoten ; Itden — leiten, 

§81. Beispiele für v — 6: dürfen — darben, verderben; 

hof — kubesch (hövisch); weben — wefel (einschlag beim 

gewebe); wolf — wüljpe, wülpinne (wölfinn, jp aus bj). 

Anm. Doppelformen: heven neben heben (aber stets kuop, huoben)f 
dazu keve — hebe (hefe); entseven neben entseben (wahrnehmen)'; werven 
neben wl^en; draven — drohen; havere — habere (hafer); süver — 
süber; 8wlh)el — awühel; vrävei — vräbei. Dagegen ist (iber erst im späteren 
ahd. aus dem noch daneben vorkommenden aver entstanden. 

§ 82. Beispiele ftlr s — r : rtse (falle nieder), reis — rim, 

gerim, (daneben risen, gerisen), dazu reise — riren (fallen 

lassen); Muse (wähle), kös — Jcum, gekorn, dazu kür (wähl), 

(be)korn (kosten, prüfen) — ktist (eigenschaft), kosten; genise 

(bleibe am leben), genas — genären (daneben genäsen), dazu 

nar (st. f. nahrung), nem (nähren, erhalten) — genist (erhaltung, 

errettung); wesen (sein), was (war) — wären; leren, lernen — 

list; größter — groR^est; mere — meist; ta/r (ich wage), pL 

türren — praet. torste; dürre — d/wrst 

7. Lautveränderungen vor t 

§ 83. Vor t sind bereits im indogermanischen modificationen 
der verschlusslaute eingetreten, die sich noch in den Verhält- 
nissen des mhd. reflectieren. Wir können vom Standpunkte des 
letzteren aus, ohne damit die wirkliche geschichtliche ent Wickelung 
zu bezeichnen, folgende regeln aufstellen: k, g und ch werden 
vpr t zu h; pf und b zu f; t, d, z und ^ zu s. 

Beispiele: würken — praet. worhte, part. geworht, dazu 
gewürhte (arbeit), schaoeh-würhie (Schuhmacher); mac, pl. mügen 


LautwechseL 39 

— du mäht, praet. mohte, dazu maJit; tragen — irahte; pflegen 

— pfiiht; wegen — gewihte; suochen — suohte; heben — hafl 

(snbst. — adj. gefangen, fest), heften; geben — gift; Mieten — 

Jcluft; schrtben — schrift; laden — last; ich muos; — du muost\ 

ich weig — du weist Weiter ist st zu ss geworden: weig — 

praet tvisse, dazu geuns, -sser; muog «=» praet. muose {s fttr ss 

wegen der länge des vokals); wetzen — was, -sses (scharf), 

giegen — güsse (ansehwellen des wassers). Diese regeln gelten 

nur da, wo die betreffenden eonsonanten von alters her an 

einander stiessen, nicht für die fälle, in denen sie erst durch 

die spätere entwickelung an einander gerückt sind. Es heisst 

daher z. b. neicte, leite (fttr ^leitte), geloupte, praet. zu neigen, 

leiten, gelouben, weil hier frtther vor dem t noch ein vokal stand. 

Anm. Doc& bilden die schwachen verba mit ck im praes. das praet. 
nnd part.mit ht neben cf: dahte, gedaht — dactCj gedact von decken: strahte 

— stracte von strecken; strikte — stricte von stricken', druhte — dructe 
von drücken; markte — marcte von merken. Die nrsache wird sein, dass 
bei einigen von ihnen von anfang an kein vokal vor dem t gewesen ist, 
und dass sich nach diesen auch diejenigen gerichtet hab^n, bei denen ein 
vokal ausgestossen ist, vgl. g 170. Erst spät ist der Übergang des z in 
s in sastCj kraste, swiste etc. fUr sazte, krazte, swizte, 

8. Verschiedene sonstige arten des 
consonantenwechsels. 

§ 84,. Wir fassen hier verschiedene arten des wechseis 
zusammen, die von weniger durchgreifender bedeutung sind. 

1. pf — /'nach r und l in scharpf— scharfe g'dpf — g'^lf (glänzend, 
Übermütig), dazu ein gleichlautendes substantivum. 

2. z — ^ in hirz — hir^. üeber die falle, in denen ^ — ^r = 
< — tt ist, vgl. § 76. 

3. ttc — qu: twahen (waschen) — quahen, twähele — quähele (hand- 
tnch), twingen — quingen, twi6rch — qu^ch (nhd. zwerch- in zwerchfeU 
"— quer); qu ist md. 

4. r — Z in kirche — kilche (al.), smieren — smielen (lächeln); femer 
in der unbetonten silbe von lehnwörtem in folge von dissimilation: prior 

— priolf marmor — marmel (marmor), marter — martd, pfeüer — pfeüd 
{z=pfeüe Seidenstoff). 

5. Der w-lsLUt des qu fällt öfters ans, namentlich im al., vgl. kein, 
(quälen), käle (quäl), k'^ (lebendig), kit (sagt) neben queln, quäle, quSc, 
quU. Weiter verbreitet ist der ausfall mit hinterlassnng von verdumpfnng 
des folgenden vokales, vgl. koln, korder (lockspeise), koste (büschel, quast), 
kotembeTj kucken (lebendig machen), küten (quitte) neben qudn, qu^der 


40 Lautlehre. Cap. IV. 

qtOgtef guateniber, quicken, quiten. Allgemein Ist dieser Vorgang in komen^ 
ich kume, vgl. § 161. Anm.2. 

6. m kann im auslant zu n werden: heim — hein, öheim — ohein,, 
ruom — ruon, ätem — dten, bodem — bodeitf buosem — buosen, gadem 

— gaden (zimmer), vculem — vaden. 

7. n in unbetonter silbe vor consonant kann ausfallen, vgl. künec 
= ahd. kuning. Neben einander stehen pfenninc — pfennic, teidingen — 
teidigen (nhd. in verteidigen), liument — liumet (leumund). Auch im part. 
praes. kommt der ausfall vor, vgl. Mlde = hMende, klagede = klagende,, 
und besonders häufig sihiede = sinnende. Begünstigt ist dieser ausfall durch, 
ein n in der vorhergehenden silbe (vgl. E. Schröder, Zeitschr. f. d. Alter- 
tum 37, 124). 

Ueber die abwerf ung des n in verbalendungen vgl. § 155. Anm. 2. 8. 

8. Ebenso kann h in unbetonter silbe ausfallen, vgl. cht und et 
(enklitische partikel = eben, nun) ; ambet neben seltenem ambehte (amt) ; 
niet und niut, nebenformen von niht, entstanden aus niewet, niwet, älter 
'nieweht ;Mnetj hmte, hint==htnaht (heute nsßht); bivilde {hegt&hms) neben 
bevelheh (begraben). Durch einen schon im ahd. erfolgten ausfall eines 
h in unbetonter silbe sind auch zu erklären die alemannnischen formen 
dur = durch (aus ahd. duru[h])f wekr — welher, soler (oder seier nach 
weler) = solher (ahd. uueUr, solir, aus uueli[h]erj soli[h]ir), 

9. Im auslaut eines Wortes oder eines compositionsgliedes tritt öfters 
ein t an, dessen Ursprung noch nicht aufgeklärt ist. So namentlich nach 
n: wilent (nhd. weiland) neben wUen (d. pl. von wile), iergent, niergent 
neben iergen, niergen, allen(t)halbenj ellen{t)haft Nach r: iender{t), nien- 
der(t), ander{t)halp, inner{t)hdU}en, Vgl. auch § 36, 7. 

C. Vokal und consonant. 

§ 85. Ginige falle, in denen der Wechsel zugleich den 
vokalismns nnd consonantismus betrifft, stellen wir hier nnter 
eine besondere rubrik. 

Schon im urgerm. ist der nasal vor h geschwunden mit 
Unterlassung einer dehnnng des vorhergehenden vokals. Wo 
daher das h mit andern consonanten wechselt, ergibt sich in 
folge davon noch ein weiterer Wechsel. Vgl. denJcen — praet. 
dähte (= *danhte), part. gedäht, dazu andäht; ehemo dünken 

— dühte, gedüht; haken (hängen = ^hanhen) — hienc, ge- 
Jiangen; vähen (fangen) — vienc, gevangen. 

§ 86. Die mediae werden, wenn ihnen im ahd. ein i folgte, 
'gewissermassen za vokalen aufgelöst und dann mit deib vor- 
hergehenden vokale contrahiert. Aus ursprünglichem igi wird 
i: du list, er lit (daneben ligest, liget); erjpflit {=pfliget pflegt); 
Stfrit; Uhte (aus higiht zu jehen bekennen). Ebenso aus ibi: 


Lautwechsel. 41 

du gtst, er zu geben; ans idi: quit (spricht) zn queden, Aa» 
egi wird ei: gein (neben gegen); getreide (aus getregede); gejeidß 
(jagd); eide = egede (egge); eidehse (= egedehse); eislich 
(= egesUch schrecklich); teidinc (Verhandlung = tegedinc) 
teidingen (verhandeln); du treist, er treit zu tragen; du leist, 
er leity er leite, geleit zu legen; meide aus megede g. d. sg. und 
n. pl. zu maget (Jungfrau) und danach auch im n. sg. meit 
Die formen er reit, reite, gereit zu reden entsprechen althoch- 
deutschen er rediöt etc. 

Anm. 1, Vgl. V. Bahder , Zschr. f. d. phil. 12, 485. H. Fischer, Zur 
geschichte des mittelhochdeutschen ; über besonderheiten im gebrauch Hart- 
manns und Wolframs Zwierzina, Festgabe für Heinzel s. 470. Das durch 
contraction entstandene ei war wenigstens im schwäbischen verschieden von 
dem alten ei {ei gegen ei). 

Anm. 2. Weniger durchgreifend sind andere zusammenziehungen: 
age zu ^ in tälanc (aus tagelanc den tag über), alä (spur neben slage, wenn 
es nicht auf *8lahe zurückgeht); ade zn (2 in Häwart. Statt bätj bäte, 
gebät = badet, badete, gebadet und schät, schäte, geschät = schadet, schadete^ 
geschadet, wie öfters angesetzt wird, ist wol vielmehr bat, batte, gebat und 
schat, schatte, geschat anzusetzen. 

B) Wechsel durcli die Satzbetonung veranlasst« 

§ 87. Die Wurzelsilben der proklitischen und enklitischen 
Wörter (vgl. § 15) können den selben lautlichen abschwächungen 
unterliegen wie die ableitungs- und flexionssilben oder die un- 
betonten Vorsatzpartikeln. Diese abschwächungen treffen haupt- 
sächlich die vokale. Die vollen vokale werden zu schwachem 
6 oder fallen ganz aus. Aber auch assimilation und ausfall 
von consonanten wird durch die anlehnung veranlasst. 

§ 88. Wir verzeichnen die am häufigsten vorkonmienden 
fälle. Von den formen des artikels schwächt sich daß; zu deg^ 
und weiter zu ^, welches dann gewöhnlich mit dem vorher- 
gehenden Worte zusammengeschrieben wird, z. b. lätg Jcint; 
des zu Sj z. b. s morgens ; diu und die zuweilen zu de und vor 
vokalen zu d {d'ougen.) Sehr gewöhnlich verschmelzen die formen 
des artikels mit einer voraufgehenden praeposition, vgl. üf[e)g^ 
{üf daf), umbe^, an^, in^, über^; üfen (uf den), umben, übern\ 
anme, ame, am (aus an deme); inme, ime, im; Mme; jsfeme, jsfem; 
üfme, üfem; vorme, vorm; underm; z'en {=jsfe den), zer {=ze 
der) etc. Anlehnung des pron. er zeigt sich in reimen wie 
mohter : tohter, saß; er: wag^er, vander: einander, zoher (zöch eV) : 


42 Lautlehre. Cap. V. 

hoher y hästes : gastes, baten (=hat in):staten, dun {=du in): 
sun, tuog (=tuo e^): fuo^. Ganz gewöhnlich sind ichj;, ichs, 
wir^, wirs, bin^, mdhtens;, wim, mim, mdhtens für mohten si 
vor vokal und dergl. Fttr tuost du gewöhnlich tuostu, zuweilen 
tuoste, tuost; deist, dest {deis, des), auch dost ftir dag ist; eist, 
ist (\lT es; ist; erst, der st fllr er ist, der ist; nust fttr nu ist*^ 
^deir, der für daß; er, deig fttr das; eg (aber in den anggaben 
meist ohne handschriftliehe gewähr eingesetzt). Die negations- 
Partikel erscheint in den formen en and ne, nnd damit ver- 
schmelzen vorhergehende pronomina nnd partikeln; sone, son; 
Jane, jan; dune, dun; ichne, ine, ichn, in, Fttr dar mite, dar 
M etc. finden sich dermite, derbi; fttr darinne, darüge etc. drinne, 
drüge; seltener dinne fttr da inne, hinne fttr hie inne; ein wird 
^n en in enwiht neben ein unkt (ein unbedeutendes wesen = 

gar nichts). 

Anm. Der volle vokal einiger praepositiunen ist zn e geschwächt, 
wo sie nnmittelbar vor einem vollbetonten worte standen (nicht durch den 
artikel getrennt). So tritt en fUr in ein in Verbindungen wie enhant oder 
enhende (in der hant), enrihte (in gerader richtung), enz'iU (im passgang), 
enzU (zur rechten zeit) und in den ganz adverbialen entriuwen (fiirwalur), 
envoUen (vollständig), enmitten, enzwischen (eigentl. in zwei&chen), enzwei, 
envieriu (in vier stücke), enetn (in eins, zusammen), enbor oder enibor 
(empor), engegene; he für hi (sonst wird die adverbialform h% gebraucht) 
in heda^ (während dem), hediu (deshalb), behende (bei der band), behanden 
(bei den bänden), benamen (bei namen = fürwahr), bevoüen { = envoüen)f 
bewUen (bisweilen), beztte (=enztte); mef für mit in metaüe, gewöhnlicher 
befalle (gänzlich); ver fUr für in ver guot Die praeposition ze (woneben 
auch die adverbialform zuo als praep. gebraucht wird) verliert ihr e vor 
vokalischem anlaut, vgl. zeinem, zerate; vor w in zwdre neben zewäre 
(fürwahr), zwiu (wozu); in verliert seinen vokal in nouwe neben enauwe 
(stromabwärts), niiben neben eriiSben. 

Cap. V. Dialektische abweichnngen. 

§ 89. Wir haben bisher im wesentlichen die Verhältnisse 
in der normalsprache darzustellen versucht^ wie sie in den 
kritischen ausgaben der klassischen dichtung erscheint, wenn 
wir auch dialektische Verschiedenheiten nicht ganz unberück- 
sichtigt lassen konnten. Als ergänznng verzeichnen wir in 
diesem cap. wenigstens die hervorstechendsten besonderheiten 
der einzelnen mundarten. 

A) Terhalten der dialekte in bezng auf die lantrerscliiebimg. 

§ 90. Schon in der einleitong haben wir bemerkt, dass 


Dialektische abweichnng^n. 43 

der eigentlich charakteristische unterschied zwischen ober- 
nnd mitteldeutsch darauf beruht, wieweit die sogenannte hoch- 
deutsche lautyerschiebung gegangen ist. Auch die verschie- 
denen mitteldeutschen dialekte gegen einander sind in dieser 
hinsieht mannigfach abgestuft. Der lautstand, der als der nor- 
male angesetzt wird, ist der des ostfränkischen, welcher im 
wesentlichen auch der der neuhochdeutschen Schriftsprache ist. 
Von demselben entfernen sich nach der einen seite die ober- 
deutschen, nach der anderen die übrigen mitteldeutschen dia- 
lekte, welche letzteren sich stufenweise dem niederdeutschen 
nähern. 

§ 91. Ohne auf die historische entwickelung der laut- 
yerschiebung einzugehen, begnügen wir uns das verhältniss der 
mittelhochdeutschen normalsprache zum mittelniederdeutschen 
zu bestimmen, um danach die Zwischenstellung der mittel- 
deutschen dialekte zu bezeichnen: mhd. ch = mnd. Je (wachen 
«= wäken) ; mhd. /(/) =» p (treffen = dreien, ruofen = rdpen, 
dorf=dorp); mhi. pf=p, nach YoksL\=pp (pflegen ^^plegen, 
schimpfen ==> sMmpen, apfel = appel); mhd. ^(^) = t (wag^er 
= fvater, lä^en = läten); mhd. (t)£f = t, nach vokalen —» tt 
(jsraZ«= tal, swarz = swart, sitzen = sitten); mhd. t (ausser in 
den Verbindungen ht, st, ft und teilweise tr oder ter, aus 
älterem tr entstanden [tvinter, lüter], wo auch im nd. t besteht) 
= d(tac'=^ deich, rtten = riden); mhd. h im inlaut ausser nach 
m = v (mit stimmton wie jetzt w), welches im silbenauslaut zu 
/"wird (lop, 'bes = lof, -ves; werben, praet. warp = werven — 
warf)\ mhd. g^=g, welches aber jedenfalls im inlaut ausser 
nach n als reibelaut zu sprechen ist wie in der heutigen nieder- 
deutschen ausspräche, und daher im auslaut zu ch wird (mhd. 
tac, -ges == dach, -ges). Während in allen diesen punkten das 
niederdeutsche auf einer älteren stufe steht als das hochdeutsche, 
hat es eine Veränderung erlitten, die dem letzteren fremd ist, 
indem im inlaut altes /=»mhd. v erweicht ist. Geschrieben 
wird V, die ausspräche ist nicht verschieden von der des v = b. 
Es reimt hoves (gen. von hof) auf loves (gen. von lof == mhd. 
hp, -bes). 

§ 92. Das mittelfränkische hat ch, ^(fj, z, f(f) in 
Übereinstimmung mit dem hochdeutschen, abgesehen von einigen 
fällen, in denen das niederdeutsche t unverschoben geblieben 


44 Lautlehre. Cap. V, 

ist Dies sind die pronominalformen dat, wat, dit, it, allet =s 
mild, dag, was;, dig, e^, alleg\ die sehwachen praeterita und 
participia der verba, die im praes. z (j) haben: satte, gesät zu 
setjgen; latte, gelat zn letjsen\ boete (für *boette), geboet za boegen 
{z=zbüegen)\ groete, gegroet zu groegen (= gräeß;en); ferner toi 
(zoll) und tuschen {=ewischen). In der grösseren nördlichen 
hälfte des gebietes (im ripuarisehen) ist auch das p in üp oder 
up = mhd. üf unverschoben geblieben. In ebenderselben ist 
auehp nach r und l nicht verschoben; es heisst dorp, werpen^ 
helpen, dagegen in der kleineren südlichen hälfte (im mosel- 
fränkischen) dorf, werfen, helfen. Dem sttdlichen teile ist auch 
die Verschiebung von rd zu rt eigen (vgl. Sievers, Oxforder 
Benedictinerregel, s. XVI), während sonst in diesem gebiete nur 
ausnahmsweise t für nd. d geschrieben wird, was aUerdings auf 
eine annäherung an hd. t (verlust des stimmtons) weist, welche 
dem ripuarisehen fremd ist. Im übrigen steht das mfränk. auf 
niederdeutscher stufe. Es hat unverschobenes p im anlaut, 
nach m und in der gemination {punt, paffe, schimpen, appel = 
pfunt, pfaffe, schimpfen, apfel), v für b und f im inlaut (es reimt 
hove : love, hof: lof), und g ist reibelaut (plegen — praet. plack), 

§ 93. Das südfränkische (rheinfränkische) geht darin 
über das moselfränkische hinaus, dass es die ausnahmen der Ver- 
schiebung des t nicht kennt; nur dit, tuschen und satte, gesät 
finden sich noch (satte, gesät kommen selbst lin alemannischen 
denkmälern vor). Die Verschiebung des d und p ist nicht 
weiter gediehen als im moselfränkischen (rt, sonst schwanken 
in der Schreibung zwischen d und seltenerem t; dorf, helfen^ 
aber schimpen, appel, plegen, pant, parre, pärt etc.) Mhd. b und 
mhd. f sind im inlaut ebenso wie im nd. und mfränk. zusammen- 
gefallen, es wird aber dafür seltener t; als & geschrieben (hobez 
lobe, ebenso briebe = brieve, nebe = neve etc.), gesprochen ist 
wahrscheinlich rein labiales w wie noch jetzt. Das südfränkische 
im engeren sinne steht im wesentlichen auf dem Standpunkte 
des ostfränkischen. 

§ 94. Im thüringischen, obersächsischen und schle- 
sischen ist d zu t und anlautendes p zu pf verschoben, aber 
mp und pp sind geblieben, abgesehen vom südthüringischen, 
welches in seinem lautstande ganz mit dem ostfränkischen 
übereinstimmt. 


Dialektische abweichimgen. 45 

§ 95. Das oberdentsehe hebt sich durch zwei eigen- 
tümlichkeiten ab. Erstens : indem alle weichen verschluss- und 
reibelaute {g, d, b, s) (durch yerlust des stimmtons) den harten 
angenähert sind, ist in folge davon ein schwanken der Ortho- 
graphie entstanden, so dass im anlaut mitunter k neben g und 
noch öfters j> neben b geschrieben wird, seltener ^ ftii ä; femer 
gg fflT ck, bb fttr pp, vgl. § 36, 1. § 63. Eine weitere folge dieser 
annäherung der media an die tenuis ist, dass sie an die stelle 
lateinischer und romanischer tenuis gesetzt^ wird, vgl. § 36, 2. 
Zweitens tritt für nd. k auch in denjenigen fällen ch ein, wo 
es im md. unverschoben geblieben ist, im anlaut, nach n, r, l 
und in der gemination. Man schreibt also chint^ chomen, chranchy 
starch, schdlch, decchen oder decken. Doch wenden auch manche 
oberdeutsche Schreiber daneben und selbst ausschliesslich k an. 
Welchen laut dies ch bezeichnet, ist nicht mit Sicherheit aus- 
zumachen. Vielleicht war derselbe nicht überall gleich, wie 
heutzutage, wo im hochal. blosser reibelaut ( = cä der Schrift- 
sprache), nur in der gemination a£Fricata gesprochen wird, dagegen 
in einem teile des niederal. a£Fricata (wenigstens im anlaut vor 
vokal), im übrigen tenuis, meist mit einem nachfolgenden hauche. 
Nach r und l wird das bestehen des reibelauts erwiesen durch 
reime wie uerch : v'erch (gen. verhes sitz des lebens, seele), 
marscJialch '.bevalch (praet. von bevelhen). 

Anm. 1. In einigen hss. zeigen sich noch spnren der im ahd. von 
Notker durchgeführten regel, dass im wortanlant b, g, d nach vokal nnd 
nif n, r, l, dagegen jp, A-, t nach den übrigen consonanten geschrieben 
werden, z. b. ich pin^ vert tä. 

Anm. 2. In einem teile von Oberdentschland scheint g noch wie 
im mhd. als reibelant gesprochen zn sein nnd wird daher im auslant nicht 
Cj sondern ch. Es finden sich reime wie burch: durch-, p flach (praet. von 
pflegen) isach (praet. von sgÄen); sweich (praet. von swtgen): streich (praet 
von strichen), 

Anm. 3. Im anlaut haben niederalemannische hss., namentlich der 
späteren zeit, d häufig für hochd. t der jetzigen mundart gemäss, welche 
hierin auf der gleichen stufe wie das mosel- und südfränkische steht. 

B) Sonstige eigenheiten des mitteldentschen« 

§ 96. Die im nhd. vorliegende vokaldehnung (vgl. § 18) 
hat im md. früher begonnen als im oberd. und es zeigen sieh 
schon im XIII. jahrh. spuren davon. Ebenso auch die Ver- 
kürzung vor doppelconsonanz (vgl § 19). Daher auch formen 
wie vint, frunt=vint, friunt 


46 Laudehre. Cap. V. 

§ 97. Nor der umlaut des a und ä scheint ttberall stark 
von dem nicht umlautenden vokale yerschieden gewesen zu 
sein. Bei den andern vokalen wird der umlaut vielfach* im 
reime nicht berttcksichtigt Vorhanden gewesen sein muss er 
nichtsdestoweniger, sogar in weiterer ausdehnung als im oberd., 
vgl § 40. Amn. 5. 6. 

§ 98. Ebenso wird der unterschied von e und e in den 
reimen nicht beachtet, ohne dass er darum doch ganz ver- 
schwimden sein kann. Auch i muss beiden nahe gestanden 
haben. Häufig reimen e oder e und i mit einander, besonders 
vor r und l : velde : milde, verre : irre, vel : spil, lengen : bringen, 
erkennen : sinnen, geselle : wille, merken : wirken. Auch finden 
wir häufig e tHr i geschrieben, z. b. erdisch, gevelde, hemel, vel 
(vil), ich werbe, erren, brengen; umgekehrt, wenngleich seltener, 
auch i fttr e und e, z. b. nimen, giben^ mirken, brinnen, er- 
kinnen. Entsprechend verhält es sich mit u — o, vgl. Schrei- 
bungen wie dorst, holde, bedorfen, vorste (vürste), gebort, hondert, 
mögen (mögen) — genumen, hulz, wurt, muhte und reime wie 
gevult (gefllllt) : golt, vlugen (flogen) : herzogen, geburt : gehört, 
vürste : torste. — Fttr gemeindeutsches o steht a in van, säl 
und wal{e), auch wanen. Selten kommen diese formen auch 
im oberd. vor. 

§ 99. Statt ce wird gewöhnlich e geschrieben, und es 
finden sich reime wie wcere : ere, sundcere : sere, bewceren : Uren. 

§ 100. Die diphthonge ie und uo sind frtthzeitig zu ein- 
fachen vokalen zusammengezogen wie in der neuhochdeutschen 
Schriftsprache (vergl. § 22), die in dieser hinsieht auf mittel- 
deutscher gruijdlage ruht ; vgl. reime wie diet (volk) : Ht,. schiere 
(bald) : vtre (feier), tier — gir, viel : wil; ruof : uf, swuor : sür, 
ruom : palladium, fruo : nu. Die zusammengezogenen laute sind 
aber lautlich von den alten längen noch verschieden gewesen. 
Vor doppelconsonanz ist kurzes i und u entstanden: ginc, vinc, 
liht, wuhs. Das mittelfränkische, teilweise auch das hessische 
hat ^ fUr ie und 6 neben ü fttr uo. Mhd. iu wird durch ü 
vertreten, mindestens reimt iu auf u, z. b. viur:sur, gehiure: 
müre. Sicher ist ü ttn iu im östlichen teile des md., ein- 
schliesslich des hessischen, vor iv, z. b. in Nüwenburc (daher 
heute Naumburg). 

§ 101. Besonders dem mittelfränkischen, namentlich der 


Dialektische abweichnngen. 47 

späteren zeit eigentümlich ist ein nachklang von e oder % nach 
den yerschiedenen vokalen, vgl. haetj Mit, Mir, mür, nöit, 
ddet, döit (=tuof)j hüis etc. 

§ 102. Das md« bewahrt das anbetonte e besser als das 
oberd.^ namentlich anch nach r nnd l. Daher formen wie 
varen, quelen, geboren, verholen, du verest, er veret, ir sulet, 
bilede, helet, here, vile, deme, dere, grdgeme, rittere sehr ge- 
wöhnlich. Sehr üblich ist die schreibang i für anbetontes e^ 
and daher aach reime wie lönis : Symeönis, tröstis -.is {=> ist)j 
schönist (schönst) : krönist (= Jordne ist). Dies i findet sich aach 
in den anbetonten partikeln (int-, ir-, vir-). Für ver- findet 
sich aach vor- and vur-, für ent- aach unt- and ont^. 

§ 103. Viel verbreiteter als im oberd. ist aasstossang des 
h zwischen vokalen and contraction. Allgemein sind formen 
wie vän:=vähen, hän, versmän, när^^ naher, trän — trene 
= irahen (träne) — trähene, slän = slahen, er slet = släh{e)t,^ 
sen = sehen, gesehen, siet, geschiet = sihet, geschihet, vie = 
vihe (vieh), host = höhest, ein = dhen, zien = ziehen etc. 
Im Süd- and mittelfränkischen finden sich die contractionen 
gien, sien, geschien =jehen, sehen, geschehen. Ferner schwindet 
h nach r and l vor vokal: tweres = twerhes (gen. za twerch 
qaer), mare (pl. za march ross), mere = merhe (state), bevelen 
«= bevelhen, schilen = schilhen (schielen); zwischen r and t 
in vorte = vorhte (farcht), Worte = worhte (wirkte), Berte = 
Berhte. Aach im aaslaat ist h häafig geschwanden (jedoch 
vielleicht nar darch anlehnang an den inlaat), vgl. nä = nach, 
ga = gäch (eilig), vä = väch (fange), ho = hoch, schü = 
schuoch, twer = twerch, dur = durch, beväl = bevälch, Mittel- 
fränkisch and hessisch ist die assimilation von hs. za ss : wassen, 
osse, vos, -sses (faehs). 

§ 104. Für inlaatendes^ findet sich w, vgl. m&wen, sSwen, 
blüwen, müwen, früwe = m€EJen, sc&jen, bliiyen, mü^en, friede. 

§ 105. Die assimilation des mb za mm (vgl. § 35) ist im 
md. schon sehr früh eingetreten. 

§ 106. r wird zaweilen amgestellt, vergL bimen, bemen, 
bume, dirte, kirsten, bersten =^brinnen, brennen, brunne, drite, 
hristen, bresten\ amgekehrt vrohte, vruhten, gewroht = vorhte, 
vürhten, geworht. 

§ 107. Im aaslaat ist r abgefallen in den pronominal- 


48 Lauüehre. Cap. V. 

formen wi (wir), gi (ir), mt, di, M (er), de oder die (der), die 
aber nicht in dem ganzen gebiete des md. nnd zum teil neben 
wir^ ir etc. vorkommen. 

§ 108. Besonders mfränk. ist der Übergang von ft in ht, 
<M\ vgl. achter (= after hinter), hacht^ gracht (=graft graben), 
Jcrachtj nichtel (mhd. niftel niehte), suchten^ lucht 

§ 109. Mfränk. ist altes w im anlant vor r erhalten: wrizsej 
wrechen, wringen, wriven {=r%ben\ wrtiegen {=rüegen), 

C) Sonstige eigenheiten des oberdentsclien. 

§ 110. Im bair. ist die § 21 besprochene diphthongisierang 
fichon im XIII. jahrh. vorhanden; nnd zwar ist i zu ei, ü zu 
ou, iu zn eu geworden. Gleichzeitig sind die diphthonge ei und 
ou in ai und au übergegangen. Die neuen und die alten diph- 
thonge sind also nicht zusammengefallen. Sie stehen einander 
aber doch so nahe, dass sie zuweilen auf einander reimen, z. b. 
leiden (= liden) : schaiden {= scheiden) , säume (= soume) : 
Jkoume {=küme), heute (j=hiute):vreute, 

§ 111. Am häufigsten in bairischen, zuweilen auch in 
alemannischen denkmälem wird a für o geschrieben, daneben 
auch umgekehrt o ftir a, und o reimt auf a, namentlich vor 
r, z. b. vorigewar, verworren : pharren, artiwort, dorf: bedarf, 

Anm. Seltener ist a für d, z. b. in Wiüehalm. har = hSr im al. ist 
ansgleichung an dar (dahin). 

§ 112. Für ä erscheint in alemannischen, namentlich el- 

sässischen und Baseler quellen d, besonders im XIV. und XV., 

doch auch schon im XIII. jahrh.^ und es reimt ä auf ö, z. b. 

^wäre : ore, jären : toren, getan : Ion. Im schwäbischen wird 

seit der zweiten hälfte des XIII. jahrh« ä zu au (a) diph- 

thongisiert (vgl Eauffmann, Geschichte der schwäbischen mund- 

art § 60. 61.); desgleichen wird 6 zu ou (o) (vgl ib, § 79. 80). 

Anm. Ueber die entwickelung von d in den heutigen alemannisch- 
schwäbischen mnndarten, woraus sich auf die ältere zeit scliliessen lässt, 
vgl. Bohnenberger, Beiträge 20, 535. 

§ 113. Besonders bei bairischen, aber auch bei alemanni- 
schen dichtem finden sich reime von ie auf i und uo auf u, 
namentlich im auslaut {nu, du : tuo) ; vor r {wir : tier, hurte : 
fuorte), vor n {sun : tuon, Jcunt : stuont), vor ht und hs {niht : 
lieht, 0uht : versuoht, fuhs : wuohs). In solchen fällen sind in 
manchen kritischen ausgaben geradezu die Schreibungen nuo^ 
duo, wier, suon, kuont, nicht, zuoht, fuohs etc. eingeführt. 


Dialektische abweichnngen. 49 

§ 114. Seit dem ende des XIII. jahrh. dringt ch im inlaut 
häufig an die stelle von h (vgl. § 66), z. b. hocher nach hoch^ 
geschechen, verliehen, vächen etc. So kommen auch reime vor 
wie sähen : sprächen, verzihen : geliehen, 

§ 115. AI. ist der abfall eines j im anlaut in ämer und 
ener. In späteren bairisehen handschriften wird häufig & für tc^ 
geschrieben, z. b. hört, gebaltig, kubischen, blaber (blauer), graber 
(grauer), seltener umgekehrt w für 6, z. b. gewom, offenware. 

§ 116. Im al. erhalten sieh die vollen vokale der ablei- 

tungs- und flexionssilben, soweit dieselben im ahd. lang waren. 

Die einzelnen fälle sind: 1. a in den ortsadverbien danndn, hinnän 
etc., im nom. acc. pl. der weiblichen a-stäinme {g^a pl. zu giibe), 2. o im 
gen. und dat. pl. der weiblichen a-stämme und der schwachen declination 
(.on = ahd. -dn, im gen. früher öno; für den gen. erscheint daneben -o); 
in den endungen der zweiten schwachen conjugation (auf -6n), nicht bloss 
in den § 58 erwähnten formen; in der 2. sg. und im pL ind. praet der 
schwachen verba (-tost, -tonf -tont); neben o ausser im auslaut erscheint 
auch a und u, letzteres besonders in schwäbischen denkmälem. 3. u im 
g. d. a. sg. und n. a. pl. der schwachen feminina; daneben erscheint auch 
o. 4. i in den eigenschaftsbezeichnungen , die im ahd. auf -f ausgehen, 
(vgl. §126, anm. 3); im conj. praet. der schwachen verba (z. b. santi)^ 
teilweise auch der starken durch formübertragung. Daneben aber findet 
sich fast in allen diesen fällen die abschwächung zu e, nur das i ist in der 
regel constant. 


Paul, mlttelhoohdentsche grammatik. 5. aufl. 


Flexionslehre. 


Cap. I Declination der sabstantiva. 

§117. In der declination der snbstantiva spielt der ge- 
ßchleclitsunterseliied eine rolle. Im übrigen beruhen äie 
abweichnngen der einzelnen declinationsklassen von einander 
weniger auf einer Verschiedenheit der eigentlichen casussuffix^ 
als auf Verschiedenheit des st am mauslaut s. Daher ist es. 
auch in der historischen grammatik ttblich, diese klassen nach 
dem Stammauslaut zu bezeichnen, von einer vokalischen und 
consonantischen, von einer a-, i- und w-declination zu sprechen. 
Der Stammauslaut ist aber gewöhnlich durch contraction mit 
der flexionsendung verschmolzen, und es sind dann vielfaehe^ 
abschwächungen und abwerfungen der vokale und consonanten 
eingetreten. In folge davon ist eine Scheidung des ursprüng- 
lichen Stammes und der ursprünglichen flexionsendung meist 
nicht mehr möglich, so wenig wie im nhd., und vom Standpunkte 
des Sprachgefühls aus erscheint der stammauslaut als zur 
flexionsendung gehörig. So ist der dat. sg. tage entstanden aus 
"^dagai, welches in dagor und -i zu zerlegen wäre. Im nom. sg. 
tac ist nicht nur das casussuffix -s^ sondern auch der stamm- 
auslaut -0- (oder -a-) abgefallen, und so erscheint jetzt tag-^ 
nicht mehr tago- als der stamm. Der ursprüngliche stamm von 
hote kommt vollständig erst in den obliquen casus zum Vor- 
schein: boten; nachdem das stammhafte n im nom. getilgt ist,^ 
wird es in den übrigen casus, wo es erhalten ist, als flexions- 
endung aufgefasst. Da nun ausserdem mehrere ursprünglich 
verschiedene klassen im mhd. zusammengefallen, andere bis. 
auf geringe reste verschwunden sind, so ist es für die prak- 


Declination der substantiva. 


51 


tische einftihrnng kaum zweckmässig, die einteiinng nach dem 
alten stammausiant conseqnent dorchznftlhren. Wir behalten 
als faanpteinteiinng die von J. Grimm gemachte nnd allgemein 
eingebürgerte Scheidung in starke nnd schwache declination 
bei nnd unterscheiden innerhalb dieser beiden hauptgruppen 
zunächst die yerschiedenen geschlechter« 


§ 118. 

1. dedioation 
(o-stämme). 

Sg. N. tac Stil nagd 

G. tages 8til(e)8 nagel(e)8 

D. tage 8til(e) nagd{e) 

A. tac Stil nagel 


A) Starke declination« 

1) Masculinum. 

2. declination 
(i-stiunme). 


PI. N. tage stil{e) nagel(e) 

G. tage 8tü{e) nagel(e) 

D. tagen 8til(e)n nagd{e)n 

A. tage, stil{e), nagel(e). 


back 
baches 
backe 
back 


3. declination 
(jo- und u-stämme). 

hirte 
hirtes 
hirte 
hirte 


beche hirte 

beche hirte 

bechen hirten 

beche, hirte, 

Anm. Die o- stamme werden gewöhnlich als a -stamme bezeichnet. 
Die erstere bezeichnung ist aber vorzuziehen, weil o das ursprüngliche ist 

§ 119. Im ahd. gingen die casus des pl. bei den o-stänmien 

auf -a, -0, [-um, -a, bei den t-stämmen auf -i, ^jo, -im, -i aus. 

Durch die abschwächung der vokale ist die Verschiedenheit 

getilgt, ihre nachwirkung aber zeigt sich in der Wurzelsilbe, 

indem d ie end ungen der t-declination umlaut hinterlassen haben. 

Anm. 1. Alte t- stamme, deren [wnrzelvokal nicht umlautsfähig^ist, 
fallen natürlich mit den o-stämmen zusammen, z. b. schrit — schrite, brief 

— brieve, geziuc (gedlt, zeuge) — geziuge. 

Anm. 2. Manche alte o-stämme haben nach analogie der i-stämme 
den umlaut im pl. angenommen ; daher auch das schwanken in gedanke 

— gedenke (von gedanc gedanke), halme — helme, sarke — serke (von sarc 
sarg), Schalke — scheHke, nagele — nägde, satde — sätde, snabde — snäbde, 
wagene — wägene, . Andere Wörter, die im nhd. den umlaut angenommen 
haben, erscheinen im mhd. noch überwiegend oder ausschliesslich ohne 
umlaut: hove (vgl. nhd. -hofen in eigennamen), koche, f rösche, wolve, boume, 
träume, kaufe, vademe (fäden), vögele, arzäte. 

Anm. 3. Manche mehrsilbige Wörter haben den umlaut unter dem 
einfluBse der ableitungssilbe durch alle casus hindurch, vgL esd, engd, 
zügd, 

Anm. 4. Die pluralendung -er kommt beim m. noch nicht vor; es 
heisst also geiste, gote, l&>e (leiber), würme (göter, abgöter vom neut. got). 

4* 


52 Flexionslehre. Cap. I. 

Anm. 5. Abweichend vom nhd. sind starke masculina: lop (auch n.), 
Bchrotf segelf ziuc, -ges; list (md. f.), luft (md. f.), vurt (md. f.), angd, 
angestj art, banky distel, Imt^ gewalt, Mrät (alle daneben anch f.), g^el 
(auch n.), humbelj oter, (fischotter); trahen (träne), zäher (zähre), asch 
(esche), grät (gräte), hc (locke), fuc (tücke), wäc (woge), ptn (neben pine 
f.), Mne^ (binse), hornu^ (hornisse), borst (anch n., daneben borate f.). Nnr 
masculina sind si und fluojr, 

§ 120. Die elosilbigen Wörter auf l nnd r mit karzem 

wnrzelvokal stossen das e der endnng gewöhnlieh ans; ebenso 

die mehrsilbigen auf -el, -er, -em, -en, wenn die Wurzelsilbe 

lang iat, häufig aber auch, wenn sie kurz ist; vgl. § 60. 

Anm. Dative sg. ohne -e kommen auch von anderen Wörtern schon 
um 1200 nicht selten im reime vor, z. b. wänigdn W&, 

§ 121. Die dritte declination unterscheidet sich von der 
ersten nur durch das -e im nom. und acc. sg. Es gehören in 
dieselbe a) alte jo-stämme: hirse (nhd. f.), hirte, Jccese, rücke 
(rttcken), wecke, wewe (weizen), ende (gewöhnlich n.) und die 
zahlreichen nomina auf -CBre = nhd. -er, vgl. lercere, schnboBre, 
wahtasre; b) kurzsilbige w-stämme: mete (met), site, fride, sige, 
woneben sie üblicher ist ; die form sune ist nur von den heraus- 
gebern statt des schon allgemein üblichen sun eingesetzt; 
c) ein kurzsilbiger i-stamm: wine (freund); d) ein alter wo- 

stamm: schate, gen. schatewes und schates. 

Anm. 1. JSirsef hirte, rücken weize, site, fride, schate werden zuweilen 
auch schwach flectiert; site ist md. f. 

Anm. 2. Neben -oere steht -ere, gewöhnlich (mit abwerfung des e) -er, 
so dass in den hierhergehörigen Wörtern wie ritter keine Verschiedenheit 
mehr von der ersten declination besteht. 

§ 122. Die alten consonantischen stamme sind grössten- 
teils in die erste oder zweite declination übergetreten, doch 
haben sich einige reste erhalten, die sich durch den mangel 
jeglicher flexionsendung im gen. und dat. sg. und im nom. (acc.) 
pl. charakterisieren. 

a. Von vater und hruoder lautet der gen. und d. sg. un- 
verändert vater, hruoder, doch konmit auch vater{e)s, bruoders 
vor; der pl. gewöhnlich mit umlaut veter, brüeder. 

b. Die flexion von man zeigt folgendes paradigma:;, 

Sg. PI. 

N. A. man man — (manne) 

G. man — mannßs manne — man 

D. man — manne mannen — man. 


Declination der substantiva. 


53 


Anm. Die pronominal gebrauchte Zusammensetzung ieman {nieman) 
wird regelmässig flectiert : iemannes, iemanne^ abgeschwächt iemens, lernen» 
Der acc. lautet zuweilen iemanne (vgl. Kraus, Deutsche gedichte des 12. 
jahrh.| zu IX, 36) oder iemannen, 

c. Das alte part. vriunt (freund) bildet den nom. (aee.) pL 
noch vriunt neben vriunde, 

d. Genog kann im nom. (acc.) pL, zuweilen auch im dat. 
sg. ohne flexion bleiben, aber nur, wenn es so viel als gleich 
bedeutet, z. b. ir gendg ihresgleichen, der engel genög. 


2. Neutrum. 

§ 123. Im neutr. ist die o- und ^o-flexion vertreten, mit 
welcher letzteren die schwachen reste der i- und w-klasse zu- 
sammengefallen sind. Die regelmässige flexion unterscheidet 
sich von der des masc. nur im n. und a. pL Einige Wörter 
aber, jedoch weniger als im nhd., erweitern im pl. ihren 
stamm durch -er (ahd. -ir), welches in der Wurzelsilbe umlaut 
hervorruft. 


1. 
(o-declination). 
Sg. N. A. wort venater 
G. Wortes venaters 
D. wort venster 


PI. N. A. wort venster 
G. Worte venster 
D. Worten, venstern. 


2. 

O'o-declination). 
künne (geschlecht) 
künnes 
künne 


3. 
(pl. auf -er), 
lamp 
lambes 
lambe 


leniber 

lember{e) 

lember{e)n. 


künne 
künne 
künnen, 

Anm. 1. Nach 2 gehen viele Wörter, die in der jetzigen Schriftsprache 
das 6 des n. und a. sing, abgeworfen haben : antlitze (antlitz), bette, bilde^ 
eilende (aufenthalt in der fremde, elend), höuwe (heu), hime, kinne, klein- 
äste (kleinod), kriuze, netze, riche, stücke, vihe (vieh, alter it-stamm), ge- 
heine, gelücke, gemüete, gerihte, gesihte, geslähte, gesprceche, gesteine, ge- 
stime, gevidere und andere coUectiva; die Wörter auf -nisse, -nusse (auch 
feminina). 

Anm. 2. Eegelmässig bilden den pl. mit -er: et, hvton, kalp, lamp, rint, 
rat, tat, also ei(g)er, hüener, kelber, rinder, reder, teler, (doch auch rint, 
rat, tal) ; dazu das jetzt untergegangene hol (höhle). Die übrigen Wörter, 
welche im nhd. den pl. auf -er bilden, haben im mhd. noch tiberwiegend 
oder ausschliesslich die ältere bildung ohne -er, also diu kint, diu kle.it etc. 
Sehr selten bilden Wörter der jo-klasse den pl. auf -er. 

Anm. 3. Im al. findet sich zu den diminutiven auf -t (= -tri) ein n. 
a. pl. auf 'iw, kindeliu, 

Anm. 4. Im md. wird der n. a. pl. schon frühzeitig wie im nhd. auf 
-e gebildet. 


54 Flexionslehre. Oap. I. 

Anm. 5. Von hüs lautet der dat. hüs neben hüse. Die ländemamen 
auf -lant bleiben im dat gewöhnlich ohne flexion. Im übrigen gilt für den 
ab&ll des e die gleiche regel wie für die masculina, vgl. § 120. 

Anm. 6. Abweichend vom nhd. sind starke nentra: gou oder göu^ 
getwerc (zwerg, md. masc), mort, tranCj apgot, addj zouber (alle auch masc), 
honec] armhruatj her (auch f.), spriu (pl. spriuwer, auch f.), mcere (md. f:), 
armüete (armut), heimüete (heimat), rippe (alle auch f.), jaget (md. f.); 
milzef wette (md. f.), tenne (auch m. und f.), zuweilen ecke und zU (ge- 
wöhnlich f.); äher (ähre), wölken (wölke), wäfen (waffe, schwert). Auch 
menschej gewöhnlich sw. m., wird daneben als st. n. gebraucht. 

3. Femininum, 

§ 124. Wir unterscheiden ä- und i-declination. Eine be- 
sondere ^a-deelJnation brauchen wir nicht anzusetzen, da das 
j nur noch an dem hinterlassenen umlaut zu erkennen ist, der 
durch das ganze wort durchgeht. Die u-stämme und die eon- 
sopantischen sind bis auf geringe reste in die V-declination 
übergetreten. Ausstossung des e nach den allgemeinen regeln. 


Sg. 

1. 

((2-stämme). 
N. A. gi^be zal 
G. D. g'dbe zal 

mandel 
mandel 

2. 
(i-stämme). 
kraft 
krefte, kraft 

PI. 

N. A. gISbe zal 
G. gSben zaln 
D. g'6ben, zaln. 

mandel 

mandeln 

mandeln. 

krefte 
krefte 
kreften. 


§125. In die o-declination gehören: hete (bitte), luo^e^ 
ere, gebe und gäbe (gäbe), genäde, helfe (hülfe), helle (höUe), 
ile, klage, kröne, lere, miete (lohn), minne, mile, nmoge, pflege, 
räche (räche), rede, reise, rippe (auch neut.), riuwe (schmerz), 
sage (bericht), sache, schände, schuole, sele, sorge, spise, spräche, 
stunde, sünde, suone (sühne), toufe (auch der touf), triuwe (treue), 
troufe, varwe, vehte (kämpf), volge, vräge, wäge, wa/rte, weide, 
wile, wise, wunne oder wünne (wonne) ; güete, hulde, liebe, schome 
und alle ähnlichen ableitungen aus adjectiven; ebenso die 
bildungen, welche ahd. auf -ida ausgehen, wie gebcerde, gemeinde, 
saslde (glück), vröude, 

§ 126. Im nhd. sind die feminina nach der a-declination 
mit den schwachen zusammengefallen, so dass beide jetzt im 
sg. stark, im pl. schwach flectieren : sg. -(e), pl. -(e)w. Schon im 
mhd. werden beide klassen vielfach miteinander vermischt. 


Declination der snbstantiva. 55 

Am reinsten erhält sich die a-declination bei den eigensehafts- 

und tätigkeitsbezeiohnnngen wie güete, schcene (Schönheit), 

vröuäCy ere, bete, volge^ während die meisten arsprtinglich starken 

dingbezeichnnngen auch schwach flectiert werden, z. b. brücke, 

erde, strafe* 

Anm. 1. Im nhd. ist in vielen Wörtern das auslautende e abgeworfen. 
Hierher gehören: ahte (acht), dhte oder (Bhte (gerichtliche Verfolgung), 
hane, huote, kostCj marke (grenze), ptne, quäle, schamey schoutoe (schau), 
schulde, stimey trahte, vorhte (furcht), mä^e (jetzt dcis mass), äventiwre 
(jetzt das abenteuer), müre, Ure (leier), schiwre (scheuer), stiure, trüre 
oder triure (trauer), vire; die nomina agentis auf -inne wie küneginn^ 
(daneben künegtn), die abstracta auf -unge wie manunge und auf -nisse 
wie erkantnisse (zwischen fem. und neut. schwankend). 

Anm. 2. Die Wörter auf -en (= ahd. in [na]) mussten ganz flexions- 
los werden. In folge davon ist im nhd. in einigen das -en als endung 
der schwachen declination anfgefasst und demnach ein sg. auf -e gebildet, 
vgl. lügen(e) (doch daneben auch schon mhd. lüge f= ahd. lug%\ versen 
(ferse), keten{e) (aus lat. catena), küchen (aus lat. coquina), metten (aus lat. 
matutina), 

Anm. 3. Die von adjecliven abgeleiteten eigenschaftsbezeichnungen 
wie schcene, menege (von manec viel) gehörten früher in die schwache de- 
clination. Sie lauten im ahd. acöni etc., seltener daneben scönin. Aus 
der ersteren form entsteht mhd. schcene (al. noch schceni), von der letzteren 
haben sich nur noch einige reste erhalten wie menegtn neben menege, 
vinatertn (finstemiss) neben vinster{e). 

Anm. 4. Wenn abstracta wie ere, minne personificiert werden, so 
pflegen sie schwach flectiert zu werden. Man darf sich aber nicht ver- 
fuhren lassen in der eren u. dergl einen schwachen g. sg. zu sehen, wenn 
vielmehr der g. pl. vorliegt. Der pl. dieser abstracta ist im mhd. viel 
häufiger als im nhd. 

Anm. 5. Einige Wörter mit inlautendem w haben nebenformen, in 
denen das w ausgestossen und contraction eingetreten ist: bräwe und brd 
(braue), pl. brä, auch schwach bräwen und brän-, kldwe und klä (klaue), 
pL klä, auch schwach kläwen und klän^ kräwe, kräe und krä, auch kroEJe, 
krcee, pl. krä(w)e, krä, krä(we)n, krcBije)n', iwe (nur noch selten) und e 
(gesetz, ehe); diuwe und diu (dienerin); drouwe (drohung), dröuwe, dröu, 
drd (häufigste form). 

Anm. 6. Zuweilen wird der g. pl. auf -e statt auf -en gebildet, 
namentlich von äventiure, kröne, mtle, raste (wenn es zur bezeichnung 
eines wegemasses j gebraucht wird), rotte, strdle (pfeil, nhd. der strahl), 
ünde (woge). 

Anm. 7. Die nominative auf -e sind eigentlich accusativformen, die 
in den nom. eingedrungen sind. Der nom. der langsilbigen und mehr- 
silbigem fem. hatte schon im ahd. seme endung eingebüsst. Beste davon 
mnd die formen künegtn, färstin neben küneginne, fürstinne, die nun aber 


56 Flexionslehre. Gap. I. 

für alle casas des sg. gebraucht werden. Ausserdem hat sich noch von 
einigen Wörtern die nominativfonn, zugleich fUr den acc. verwendet, in 
bestimmten gebrauchsweisen erhalten: bi^o^f in 'is uoirdet huo^, ich tuon 
huo^ eines dinges (es wird abhülfe, ich schaffe abhülfe wogegen), sonst 
buo^e ; hälp in einhälp (auf der einen seite), a'nder(t)hälpj oherhalp u. dgl.^ 
sonst halbe-j sU in einsU (auf der einen seite), jensU u. d^L. sonst 8Ue\ 
stunt in einstwntj drtstunt, (einmal, dreimal) etc., sonst stunde wts in ander 
wis (auf andere weise), manege wis etc., sonst wtse. 

Anm. S. Von sUe, stunde, wtse kommen auch dative sg. mit ab- 
geworfener endung in adverbialer Verwendung vor: ze einer sUj ze hHer 
Sit (auf beiden selten) ; ze stunty an der stunt, an dSr s'dben stunt, in kurzer 
stunt etc. ; dSr sUben wis (auf die selbe weise), ze solher wis etc. 

Anm. 9. lieber den n. a. pl. auf -a, den g. pl. auf -onf den d. pl. 
auf -on vgl. § 116. 

Anm. 10. Nach der weiblichen a-declination flectieren auch die 
jetzigen masculina witze, scheitet (auch schw.); frävel{e), gehorsame (bil- 
dungen wie giieie)\ rame (rahmen); die jetzigen neutra md^e, gewi^^en, 
äventiurCf baniere, reviere. 

§ 127. Nach der i-deelination gehen im mhd. noch viele 
Wörter, die sieh im nhd. nach der durch Vermischung der a- 
declination mit der schwachen entstandenen klasse gerichtet 
haben. 

Anm. 1. Hierher gehören: arbeit f arty burc^ geburt, gei^, gluot, lastf 
listf phlihtf sätf Schrift, tätt vart, vluot, vrist, gewalt, w'erlt (weit), zit, 
jugentj tugent, die Wörter auf -heit, -keit und -Schaft. Es heisst also im 
g. d. sg. und n. a. pl. arbeite, gebürte, eigenschefte etc. In andern fällen 
ist der übertritt in der weise erfolgt, dass die längeren formen des g. 
und d. sing., die sonst im nhd. untergegangen sind, auch in den n. und a. 
eingedrungen sind, vgl. ant, g. ente (auch masc.) = nhd. ente, bluot = 
blute, druos =drüse, eich= eiche, huft (früher huf) = hüfte, hurt = h.\iide, 
Itch (gestalt, körper) = leiche, geschiht = geschichte, sül = säule, stuot = 
Stute, vurch (g. vurhe) = furche, arwei^ = erbse. Einige Wörter haben 
sich dadurch in zwei gespalten: stat, g. sfe^e = statt, Stadt und statte; 
vart, g. verte = fahrt und tährte. 

Anm. 2. Die längeren formen mit umlaut im gen. u. dat. sg. treten 
allmählich hinter den kürzeren nmlautslosen zurück. lieber den gebrauch 
Hartmanns und Wolframs vgl. Zwierzina, Festgabe für Heinzel, s. 4S6. 

Anm. 3. Zu kuo (kuh) lautet der pl. küe{J)e, zu sü (sau) siuwe, 

Anm. 4. Zuweilen erscheinen formen wie w'erlde, tugende im acc. sg. 

Anm. 5. Abweichend vom nhd. sind f. schö^ (doch auch m.), gift, 

§ 128. Die alten ti-stämme und die consonantischen sind 
in die i-declination übergetreten. Ein rest der w-declination 
zeigt sich in dem pl. handen (noch nhd. in vorhanden), woneben 
aber schon henden, und in dem g. pl. Jiande, der aber nur üblich 
ist in den Verbindungen aller hande, maneger hande etc. (nhd. 


Declination der substantiva. 57 

allerhand), wonach man auch einer hande sagt. Muoter und 
tohter werden wie die mascnlina vater und bruoder flectiert: 

sg. unverändert, pl. müeter, töhter. 

Anm. 1. Ein unumgelauteter d. sg. von hant erscheint in formein 
wie hant von hande, von hande ze hande, 

Anm. 2. Seltenere reste der consonantischen declination sind brüst, 
naht als n. a. pl. statt brüstef nehte and briMten als d. pl., ebenso nahten 
(vgl. nhd. Weihnachten ans z'^ wihen nahten); nahte erscheint auch als g. 
d. sg. und n. g. a. pl. Der alte consonantische gen. nahtea wird wie nhd. 
nachts nur als Zeitbestimmung gebraucht und dann mit der männlich-neu- 
tralen form des artikels verbunden. 

B) Schwache declination. 

§ 129. Die grundlage der sehwachen declination bilden 
die alten abgeleiteten w-stämme (vergl. lat. homo — hominis, 
ratio — rationis) Durch den lautlichen verfall ist jede spur 
der ursprünglichen flexionsendung getilgt und das stammhafte 
n erscheint als casusendung. Für alle drei geschlechter gilt 
im n. sg., für das neut. auch im a. sg. -e als ausgang, in den 
übrigen casus des sg. und pl. -ew, abgesehen von der üblichen 
ausstossung des e. 



Masc. 


Neutr. 

Fem. 

Sg. 

N. böte 

ar 

"herze 

Zunge 


G. D. boten 

am 

h&rzen 

Zungen 


A. boten 

am 

hi^ze 

Zungen 

PI. 

boten. 

am.. 

h^zen. 

Zungen 


§ 130. Beim masc. weichen die neuhochdeutschen Verhält- 
nisse hauptsächlich in folgenden punkten ab. Das -e des n. 
sg. ist in vielen Wörtern abgefallen, vergl. mhd. fürste, herre^ 
mensche, töre etc. In folge davon sind einige stark geworden, 
manche nur im sg. (vgl. schmerz), eine mischung die im mhd, 
noch nicht existiert. Bei andern ist der übertritt in die starke 
flexion dadurch erfolgt, dass das n aus den obliquen casus in 

den nom. gedrungen ist. 

Anm. 1. Schwach sind aber'dle (april), ar, auch das compositum 
addar, adeler (dieses aber auch schon stark), briutegome (bräutigam), grise 
(substantiviertes adj., nhd. greis), hane, herzöge, junch'&rrej ktme, lenze, 
lich(n)ame (leichnam), gemahele, mäne (mond), meie, merze, pfäwe (pfau)^ 
rife (pruina), salme (salm — psalm), schelme, sniSrze, star, stimme, swane, 
b'^seme (besen), haber(e) oder haver{e), k'^ver(t), gevater(e), veter{e), um- 
gekehrt ist stark, abweichend vom nhd. helt, g. heldes und die stammbe- 
Zeichnung Swäp, g. Swäbes, Stark auch im pl. sind dorn, mast, se (siwe). 


58 Flexionslehre. Cap. I. 

Anm. 2. Wörter, bei denen jetzt das n in den nom. gedrungen ist, 
sind backe, balke, balle, böge, brate, brunne, düme, galge, garte, grabe, guome, 
oder goume, hdke, hopfe, httoste, karre, karpfe, käste, klobe, knocke, knolle, 
knarre, knode oder knote, kolbe, krage, kräphe, kuoche, lade, mage, nache, 
phoste, phrieme, rase, rei{g)e, rieme, rocke (roggen — Spinnrocken), schade, 
(vgl. nhd. es ist schade), scMime, scherbe, schinke, schupfe (schuppen), 
slite (schütten), snupfe, spa/rre, sticke, stolle, tropfe, vlade, vlücke, wase, 
zapfe, mähe, gewöhnlicher mäge (mohn), spor(e) (sporn). Von ursprünglich 
starken Wörtern haben die selbe entwicklung gehabt rücke, schate, wei^e; 
bolz, leist (leisten), nac (nacken,noch in Schabernack), nu^r (nutzen, noch in eigen- 
nutz, zu nutz und frommen), vels. Anderseits gibt es einige masculina auf 
-en, die im nhd. zu schwachen auf -e geworden sind : heiden (beide), kristen 
(Christ), raben. Genitive auf -ens von schwachen masculinen gibt es im 
mhd. noch nicht; es heisst also name — namen, gdoube — gelouben etc. 

Anm. 3. Manche masculina schwanken schon im mhd. zwischen 
starker und flacher flexion: buochstap — buochstabe, gebür — gebüre (bauer), 
nächgebür — nachgebüre (nachbar) , ger — gire (in der bedeutung *rock- 
schoss, zipfeF regelmässig schwach), grif — grtfe, heim — helme, hir^ — 
hir^e, mdnöt, mänet — mdnde (monat) , storch — storche , strü^ — strü^e, 
vtecÄ — vl'icke (nhd. fleck — flecken) u. a. Auch fride, hirte, rücke, schate, 
Site werden schon öfters schwach flectiert. 

Anm. 4. Schwankend zwischen masc. und fem. sind ämei^e, bluome, 
r^be, rose, seite, slange, stüche (ärmel, muff); sunne, trübe. Noch ganz oder 
fast ausschliesslich sind masculina : backe, borte, blintsliche, br'eme (bremse), 
höuschrdcke , karre, köl(e) (auch st. n.), made, metze, niere, ratze, schSrbe, 
sn'ecke, snupfe, vane, wade, weise (waise), toiwe (wie, wige, weihe). 

§ 131. Von neutris werden nur folgende schwach flectiert: 

herze, öre, ouge, wange, 

Anm. 1. Zuweilen werden diese Wörter im n. a. pl. auch nach der 
Jo-declination (ohne n) flectiert, namentlich Mrze. 

Anm. 2. Eine mlschklasse mit starker flexion im sg., schwacher im 
pl. (vgl. nhd. bett, hemde) gibt es im mhd. noch nicht. 

§ 132. üeber den zusammenfall der schwachen feminina 
mit den a-stämmen im nhd. ist oben § 126 gehandelt. Wie 
von ursprünglich starken femininis formen nach der schwachen 
declination gebildet werden, so umgekehrt, wenngleich seltener, 
von ursprünglich schwachen femininis formen nach der starken. 

Anm. 1. Fast durchgehend schwach flectiert werden ämei^e, amme, 
asche, bte (biene), bir (birne, das n des nhd. aus den übrigen casus in 
den n. sg. gedrungen), bluome, gälte, ga^^e, gtge, glocke, harpfe, hose, 
iuwel(e) (eule), kapelle, katze, kU(e), k^ze, kirche, muome, ne^^el, lunge, 
porte, röse, schtbe, spinne, sunne, stube, tasche, tübe, videl(e), vrouwe, witewe, 
woche, Zunge. 

Anm. 2. Ueber die formen mit vollen endvokalen (-un, -on, -o) vgl. 
§ 116. 


Declination der snbstantiva. 59 

Declination der personennamen. 

§ 133. Die personeDDamen werden stark oder schwach 
flectiert. Die schwache flexion weicht nicht von der der übrigen 
substantiva ab.- Sie ist auch bei mascnlinen häufig, wo das 
nhd. nur starke flexion kennt, z. b. in Otte, Fruote, Wate, Etzel{e\ 
Hagene, Hetele, George. Die feminina auf -e werden sämmtlich 
schwach flectiert, also Hilde — -en, Uote en etc. 

§ 134. Die starken masculina weichen dadurch ab, dass sie 
den acc. sg. wie die adjectiva auf -en bilden: Gernot — Gemoten, 
Sifrit — Sifriden. Statt -en findet sich öfters -e, umgekehrt 
im dat. statt -e öfters -en. Seltener bleibt der dat. und acc. 
ohne fiexionsendung. Ein pl. kommt fast nur von geschlechts- 
und Stammesbezeichnungen vor. Die auf -unc sind stark, auch 
im pl.: Nibelunc, -ges — pL Nibelunge. 

§ 135. Die starken feminina flectieren nach der a-decli- 
nation, weichen aber dadurch ab^ dass sie die alte nominativ- 
fonn ohne fiexionsendung (vgl. § 126. Anm. 7), die bei den 
appellativen durch die accusativform verdrängt ist, beibehalten 
haben, also n. Kriemhilt — g. d. a. Kriemhilde. Hierher ge- 
hören die namen auf -gunt, -hilt, -lint, -rün, -trüt nach deren 
analogie sich auch die auf -burCj -heit, -rät u. a. richten. Zu- 
weilen kommen schwache formen auf -en oder formen ohne 
fiexionsendung vor. 


Cap. n. Declination der a^jectiya. 

§ 136. Jedes adjectivum kann stark und schwach fiectiert 
werden. Die schwache declination unterscheidet sich nicht 
von der des substantivums und weicht vom nhd. nur dadurch 
ab, dass auch der acc. sg. fem. auf -en ausgeht. Die starke 
fiexion dagegen weicht wie im nhd. von der substantivischen 
erheblich ab, und zwar in folge davon, dass sich eine anzahl 
von formen nach der schon im idg. abweichenden pronominalen 
declination gerichtet haben. Die übrigen fiectieren nach der 
0- oder jö-declination, im fem. nach der d-declination. Als 
paradigmen dienen blint und michel (gross). 


60 


Flezionslehre. Cap. 11. 


Masc. 

Neutr. 

Fem. 

Sg. N. blint — blinder 

blint — blinde^ 

blint — blindiu 

G. blindes 


Minderte) 

D. blindem(e) 

blinder(e) 

A. blinden 

blint — blinde^ 

blinde 

PI. N. blinde 

blindiu 

blinde 

G. 

blinder{e) 


D. 

blinden 


A. blinde 

blindiu 

blinde. 

Sg. N. michel — michekr 

micJiel — michel{e)^ 

michel — micheliu 

G. wtcÄcZ(e)8 


\ michdrCy micheler 
f (anderre, ander) 

D. michelme, 

michel(e)m 

A. mic^2(e)n 

michel — mic1iel(e)^ 

michel{e) 

PL N. michel(e) 

micheliu 

michel(e) 

G. 

michelrey micheler (anderre, ander) 

D. 

michel{e)n {gevangen) 


A. michel(e) 

micheliu 

micheUe), 


§ 137. Die form Mint als n. sg. (a. sg. n.) wird gewöhn- 
lich als unfleetierte form bezeichnet, wiewol sie nicht von 
hause ans ohne flexionsendnng gebildet ist, sondern dieselbe 
durch die lautliche entwickelung eingebüsst hat, gerade wie 
tac^ wort, huo?. 

§ 138. Die volleren formen blindeme, blindere finden sich 
in der Übergangszeit vom ahd. zum mhd., später hauptsächlich 
nur im md., auch mit ausstossung des mittelvokals (vgl. z. b. 
grögme bei Herbort). Wie michel flectieren die adjectiva auf 
-el, -er, -en und die einsilbigen auf l und r mit kurzer Wurzel- 
silbe Qiol, bar) ; femer die proklitischen ein, min, dtn, stn, wo- 
bei einme, ^nme weiter zu eime, stme entwickelt werden. Die 
formen mit ausstossung des e nach l, r, n sind die lautgesetzlich 
entwickelten, die andern sind nach der analogie der übrigen 
adjectiva neugebildet; michelme und michelre sind hauptsächlich 

im md. üblich. 

Anm. 1. Im md. geht der n. sg. fem. and der n. a. pl. neutr. wie 
im nhd. auf -e ans. 

Anm. 2. Die nämlichen formen haben in manchen denkmälem (al. 
fränk.) regehnässig nmlant, also gänziu^ vöUiu, grcepu etc. Besonders 
verbreitet ist älliu (md. alle), nicht ganz so ändriu. Ans der schreibang 
ergibt sich, dass der umlant des a in diesem falle offen gewesen ist, vgl. 
§ 6, 1. Von diesen casus her erklärt sich wol auch die nebenform mänige 
zn manige, 

Anm. 3. Die comparative flectierten ursprünglich nur schwach. Die 


/ 


Declination der adjectiva. 61 

scheinbar unflectierte form des comp, ist eigentlich schwache nominativ- 
form mit abgeworfenem ex he^^er aus be^^ere. Erhalten ist das aus- 
lautende -e in einigen fsQlen, wo das mittlere ansgestossen ist: tiurre, minre. 

§ 139. Die ^0- Stämme nnterscheiden sieh nur dadurch 
von deD übrigen, dass die unflectierte form auf -e ausgeht 
(ans älterem i), and dass mnlant durch alle formen hindurch- 
geht, wenn der wurzelvokal umlautsfähig ist 

Anm. 1. Hierher gehören drcete (schnell), goebe (gebbar, angenehm), 
hcele (glatt, schlüpfrig), leere G^^^)» mcere (berühmt), gemoe^e^ genceme, 
seltscene (seltsam), amcehe (verächtlich), spoBhe (klug), spcete, staste, gevcere 
(nachstellend), trcegCf wcege (geneigt), wcehe (kunstvoll), zmhe, gezasme (ge- 
ziemend), die composita auf -beere (= nhd. -bar) ; Hderbe (tüchtig, bieder), 
edel(e), enge^ eilende (ahd. elilenti, in fremdem lande befindlich), genge^ 
aenfte, strenge, vremede, vrävel(e) (kühn); bleede, boßse, broede (schwach), 
heene (höhnisch, hochfahrend), oßdCf achoene, sncede; gehiure (lieblich), kiusche, 
nimoey getriuwej tiiMrej viuhte; dünne, dürre, lücke (lügnerisch), nütze, 
vlücke-y grüene, küele, küene, müede, diemüete (demütig), süe^e, trüebe, 
wüeate; grimme, irre, linde, milte, mitte (medius), ringe (leicht), stille, wilde; 
6ß(ic (fröhlich), Uhte, Itse; kleine, gemeine, reine, veige, ffeih) ziere; femer 
alle participia praesentis (g'ibende). Manche Wörter sind doppelformig: 
dicke — die, geehe — gäch, grtse — grts, h^e — Mr, herte — hart (haupt- 
sächlich md.), künde (selten) — kunt, lenge (selten) — lanc, bereite — bereit, 
resche — rascK, riche — rieh, acherphe (seltener) — acharph, aweere — 
atvär, veate — vaat (seltener), gevüege (der schicklichKeit gemäss) — gevtwc 
(selten), waa — weaae (scharf), totae — wta. Während weere eine seltene 
nebenform zu war ist, lauten die composita regelmässig geweere (wahrhaft), 
alwoBre (albern), urweere (treulos). Auch statt -beere findet sich zuweilen -bär. 

Anm. 2. Im urgerm. gab es auch zahlreiche i- und u-stämme. Aber 
schon im got. werden von diesen alle formen nach analogie der jo-stämme 
gebildet bis auf den nom. sg. (acc. sg. n.). Im mhd. ist meist auch dieser 
(d. h. also die sogenannte unflectierte form) der gleichen analogie gefolgt, 
so dass ein völliger zusammenfall der drei klassen eingetreten ist. Die 
meisten adjectiva auf -e sind alte i- oder ti-stämme. Die oben angeführten 
nebenformen ohne -e sind reste der i- oder n-declination: hart = got 
hardwa, awdr = got. awira (urgerm. *8wiriz), 

Anhang 1. Comparation. 

§ 140. Der comparativ der adjectiva wird durch anhängung 
von -er, der Superlativ durch anhängung von -est gebildet; vgl. 
kreftic — Tcreftiger — Jcreftigest (flectiert der Jcreftigeste). !hn 
ahd. bestehen zwei bildungsweisen : -iro, 'ist(o) und -öro, '6st(o). 
Die naehwirkung davon zeigt sieh noch im mhd. daran, dass 
einige comparative und Superlative in der Wurzelsilbe den Um- 
laut annehmen, andere nicht. Doch haben die meisten ein- 


62 Flexiönslehre. Cap. II. 

silbigen adjectiva die umgelauteten formen entweder aus- 
schliesslich oder neben den nichtumgelanteten, vergl. gro^ — 
groeger, alt — alter und elter ^ arc — arger und erger, arm — 
armer und ermer, lanc — langer und lenger, smal — smaler 
und smeler, junc — junger und jünger. Diejenigen, welche 

schon im positiv den umlaut haben, behalten denselben. 

Anm. 1. Zuweilen kommen noch Superlative auf -ist und -ost vor 
(oberist — oheröst), vgl. § 58. 

Anm. 2. Das e des Superlativs wird häufig ausgestossen, namentlich 
in den flectierten formen, nicht bloss der allgemeinen regel nach in amdste, 
underste, mittelste u. dergl., sondern gewöhnlich auch nach r und langer 
Silbe {horste, tiurste) und sonst vielfach; mit assimilation grcßste neben 
grce^este. 

Anm. 3. Auch im comp, findet sich zuweilen ausstossung, wobei 
dann der sonst abgeworfene auslautende vokal (ahd. -o, -a) erhalten bleibt, 
vgl. michelre neben micheler , lüterre, tiurre. Vgl. § 138, anm. 3. 

§ 141. Einige adjectiva bilden den comp, und sup. aus 
einem andern stamme als den positiv. 

guot be^^er be^^estj beste, 

übel wirser toirsestj wir(8e)8te. 

lützel (klein) minner, minre minnest, min(ne)ste. 

michel (gross) mirerj merre meiste. 

Zu erer, erre — erest, erste giebt es keinen positiv. 

Anm. le^^este, leste (letzte) ist sup. zu 2a^, entspricht aber dem po- 
sitiv nicht mehr in der bedeutung. 

Anhang 3. Bildung des adverbiums aus dem acyectivum. 

§ 142. Das adv. wird aus dem adj. gebildet durch an- 
hängung eines -e, vgl. lanc — lange, hoch — höhe. Die ad- 
jectiva der /o-klasse können kein e mehr annehmen {kleine — 
kleine), bei den umgelauteten zweisilbigen aber unterscheidet 
sieh die adverbialform durch den mangel des umlauts, vergl. 
enge — ange, herte — harte, senfte — sanfte, veste — vaste, 
spcete — späte, swcere — swäre, trcege — träge, schoene — 
schöne, stiege — suo$e\ zu vrüeje lautet das adv. vruo. Die 
mehrsilbigen behalten den umlaut {edele — edele\ 

§ 143. Nicht aus jedem adj. kann ein adv. gebildet 

werden. Man behilft; sich zum teil damit, dass man das adv. 

aus einer ableitung mit -lieh bildet', vgl. ganz — gänzliche^ 

sasUc — scelecltche, mute — miltecUche. Zu guot ist das adv. wol. 
Anm. Neben den formen auf -liehe stehen formen auf -liehen. 


Declinatioii der adjectiva. 63 

» 
§ 144. Der comp, und sup. des adv. stimmt überein mit 

der nnflectierten form des adj., nur dass auch hier der umlaut 

fehlt; lange — langer — langest, hohe — höher — höhest, 

schone — schöner — schönest Auch Superlative auf -e kommen 

vor: beste, erste, meiste, minste, wirste neben er{e)st, meist, 

minnest, mrsest Zu begß^er, wirser, erre, merre, minre lauten 

die adverbialformen baß;, wirs, e, me, (mir) neben mere, min 

neben minner, minre, 

Anm. Nach analogie von ba^ lautet zaweilen auch der sup. hast 

Cap. ni. DeclinUtion der pronomina 

und Zahlwörter. 

A) Pronomina. 
§ 145. Die pronomina zerfallen ihrer deelination nach in 
drei hauptklassen : 1) ungeschlechtliche pronomina (personal- 
pronomina), welche eine von der der übrigen nomina gänzlich 
abweichende flexion haben; 2) geschlechtliche pronomina, 
deren flexion zwar mit der der substantiva verwandt ist, die 
aber in den meisten casus abweichende, namentlich vollere 
endungen zeigen; 3) pronominaladjectiva, d. h. adjectiva, 
die sich erst später dem pronominalen Charakter genähert haben 
und im allgemeinen nicht anders als gewöhnliche adjectiva 
fleetiert werden. 


1. Ungeschle 

ehtliche 

prono 

mina. 

§146. 





1. pers. 


2. pers. 


Reflexivum. 

Sg. N. ich 


du, du 



6. min 


dtn 


8lH 

D. mir 


dir 


[im] 

A. mich 


dich 


sich 

PI. N. wir 


ir 



G. unser 


iuwer 


M 

D. uns 


iu 


[in] 

A. (unsich 

)%ms. 

itich. 


sich. 


Amn. 1. Die echte accasativform unsich kommt nur noch selten 
vor, ist fast ganz durch die dativform uns verdriUigt. Seit der zweiten 
hiUfte des 13. jahrh. wird auch iu für iuch und umgekehrt iuch für tu 
gebraucht 

• Anm. 2. In mitteldeutschen mnndarten kommen statt mir, dir, wir, 
ir die formen mf, di, wi, t oder gi vor, vgl. § 107. 


64 Flexionslehre. Cap. HI. 

Anm. 3. Seit dem 14. jahrh. erscheint in bairischen denkmälem für 
die 2. pl. ein nom. 8^, ein acc. dat. 8nc (dazu auch ein possessivum ünker), 
welche fonnen reste des alten doalis mit ploralfanction sind. 


2. Geschlechtliche pronomina. 

§147. 

Masc. Neutr. Fem. 

Sg. N. 8r 

G. (88) 

D. 

8^ 
'da 

im(e) 


8t, 8t, siuj sie 
ir{e) 
He) 

A. in 

^i 


sie, sij 8tf siu. 

PI. N. 

sif 8%f ste. 

8iu 


G. 
D. 

ir(e) 
in 



A. 

si, 8t, 8ie, 

siu. 



Die flexion dieses pron. setzt sich aus zwei ganz ver- 
schiedenen stammen, i- nnd si- zusammen. 

Die volleren formen ime und ire sind hauptsächlich in den 
älteren und mitteldeutschen denkmälern üblich. 

Die genitivform es wird frühzeitig auf die beziehung auf 
•einen satz beschränkt. Auf ein subst. oder ein ein subst. ver- 
tretendes pron. bezogen verwendet man statt ihrer das ursprüng- 
lich nur reflexive sin. 

Anm. 1. Die form siu kommt von hanse aus nur dem nom. sg. f. und dem 
nom. acc. pL n. zu, hat aber ihr gebiet weiter ausgedehnt, vgl. die zu- 
sammensteUungen bei Kraus, Deutsche gedichte des 1 2. Jahrhunderts, zuVUI, 9. 

Anm. 2. Mitteldeutsche nebenformen für er sind ^8r, hi, auch hie, 
hei, Mfränk. ist it für 8^. 


§148. 









Masc. 


Neutr. 

Fem. 


Sg 

. N. 
G. 
D. 

d^r 

(288 
eföm(e) 

da^ 

diu 

d8r(e) 

(i8r(c) 



A. 

d»n 


da^ 

die 


PI. 

N. 
G. 
D. 

die 


diu 

dSr(e) 

d&n 

die 



A. 

die 


diu 

die. 


Von diesem pron. findet sich auch noch ein instrumentalis 

neutrius diu. 

Anm. 1. Für den n. sg. m. erscheinen im md. die nebenformen de, 
die, di, vgl. § 107. 

Anm. 2. Für diu tritt zuweilen schon die ein, namentlich im md. 
Selten ist dei neben diu im nom. acc. pl. 

Anm. 3. Eine alemannische nebenform für den im d. pl. ist dien. 


Dedination der pronomina. 65 

§149. 

Masc. (persönlich). Nentr. (unpersönlich). 

Sg. N. tD'6r wa^ 

G. W'68 

D. w9m(e) 

A. lo'in wa^. 

Das fragepron. flectiert wie der artikel, nur dass fem. und 
pl. fehlen. Auch ein instr. Ysird gebildet: wiu. Ebenso flectieren 
die composita swer (aus so wer), verallgemeinerndes relativum, 
etewer oder eteswer irgend einer, neigwer = ne weig wer ich 
weiss nicht wer, irgend einer. 

§150. 

Sg. N. dirre ditze, diz, di^ diaiu 

G. düea dirre 

D. di8em(e) dirre 

A. disen ditze^ diz, di^ dise 

PL N. dise disiu dise 

G. dirre 

D. disen 

A. dise disiu dise. 

Dies pron. ist durch Zusammensetzung aus dem pron. der 
mit der partikel se entstanden. Allmählich hat sich die mehrzahl 

der formen an die gewöhnliche adjectivflexion angelehnt. 

Anm. 1. Zuweilen werden die formen mit ss für s geschrieben, und 
die gemination wird durch das versmass bestätigt 

Anm. 2. Der n. a. sg. des neutr. lautet in den meisten mitteldeutschen 
mundarten dit, vgl. § 92. 93. 

Anm. 3. Neben dirre konmit auch schon diser vor, im n. sg. m. 
auch dise. 

3. Pronominaladjectiva. 

§ 151. Die pronominaladjectiva weichen nur insofern von 
der flexion der gewöhnlichen adjectiva ab, als von manchen 
keine schwachen formen vorkommen und im n. sg. und a. sg. n. 
die sogenannten unflectierten formen herrschen. Hierher gehören 
die possessiva min, din, sin, unser, iuwer (auch nach dem be- 
stimmten art. häufig stark flectiert); ferner ein (auch schwach 
in der bedeutung allein) und die composita dehein, dechein, 
nehein, kein; ander; weder (wer von beiden), deweder (keiner 
von beiden), ieweder, ietweder (jeder von beiden); solch, welch, 
flectiert solher, welher, ieglich, etesUch. Von jener kommen 
keine unflectierten formen vor. 

Paul, mittolhoohdeatsche grammatik. 6. aufl. 5 


66 Flexionslehre. Cap. IV. 

Anm. Zn tmser und imoer werden im md. zuweflen die übrigen 
formen aus den stammen una-, iuw- gebildet, also wnses, unaem, urue etc» 

B) Zahlwörter. 

§ 152. Bei den Zahlwörtern finden sieh manche eigen- 
heiten, die zum teil darauf bemhen, dass sie zwischen substan- 
tivischer und adjeetiyiseher flexion schwanken. Die flexion 
von 2 und 3 zeigt folgendes paradigma: 


Masc. 

Fem. 

Neutr. 

N. A. zwSne 

zwo (ZfüUO, zwä) 

zwei 

G. 

zu)ei(g)er 


D. 

zweirif zweien. 


N. A. dri, drie 


driu 

G. 

dn(g)er 


D. 

drin, dri(e)n. 



vier, fünf(finf)y sehs, siben, aJite, niun, eehen, einlif(eilf), zwelf 
werden teils unflectiert gebraucht^ teils adjectivisch flectiert. 
jsweinzic {-jsiec), dri^c etc. bleiben unflectiert. hundert und tüsent 
sind neutrale substantiva. 

Cap. IV. Ooivjugation. 

§ 153. Im mhd. ist der ursprüngliche formenreichtum des 
verb. schon ebenso zusammengeschmolzen wie im nhd. Es gibt 
kein medium oder passivum mehr, nur zwei tempora, praesens^ 
und praeteritum (in der starken conjugation dem perfectum 
der verwandten sprachen entsprechend), in beiden zwei modi^ 
indicativ und conjunctiv (formell dem griechischen optativ^ 
in der bedeutung dem conj. und opt entsprechend). Vom praes« 
wird ausserdem ein imperativ, ein inf initiv und ein parti- 
eipium gebildet, femer ein gerundium in zwei casus, gen. 
und dat., welches gewöhnlich als flectierter inf. bezeichnet wird, 
ursprünglich aber mit diesem nichts zu tun hat. Das parti- 
eipium praeteriti oder perfecti wird nicht vom stamme dea 
praeteritums gebildet, ist vielmehr seinem Ursprünge nach mit 
dem griechischen verbaladjectivum zu vergleichen. 

§ 154. Man teilt die verba nach dem vorgange J. Grimma 
in zwei hauptklassen, starke und schwache. Massgebend 
für diese einteilung ist die bildung des praeteritums. Die 
starken verba bilden ihr praet. ohne zusatz am ende durch 
eine Veränderung des wurzelvokals, den ablaut (vgl § 48 ff.),. 


Conjugation. 67 

die schwachen dagegen durch einen znsatz am ende, der mit 
einem dentalen consonanten beginnt (mhd. gewöhnlich -te), und 
in dem man das praet. des verb. tuon vermutet hat, wahrschein- 
lich mit unrecht. Der gegensatz beider klassen zeigt sich aber 
auch in der bildung des participiums perfecti« 

I. Starke yerba. 

A) Die enduDgen. 
§ 155«, Zur Übersicht geben wir ein paradigma mit neben- 
einanderstellung der althochdeutschen und mittelhochdeutschen 
formen. 

Praesens. 

L^dicativ. GoBJunctiv. 

Sg. 1. nimu — nime nSme — nime 

2. nimi8{t) — nimest n^m^(Q — n^imest 

3. nimit — nimet nSme — n'dme 

PL 1. nSmemiSs) — nSmen nSmen —^ nSmen 

2. n^met — nSmet nSmit — nimet 

3. n^hnant — nSment n'änen — n^men, 

Imperativ. Infinitiv. Gerundium. 

Sg. 2. nim — . nim nSman — nSmen 

PL 1. nSmem^ — nSmen G. nSmannes — nSmennes 

2. nSmet — nSmet. D. n&manne — n&nenne, 

Participium. 
fiSmanti — nSmende, 

Praeteritum. 
Indicativ. Gonjunctiv. 

Sg. 1. nam — nam nämi — fueme 

2. nämi — nceme nämU(t) — nasmest 

3. nam — nam nämi — nasme 

PL 1. ndmum — nämen nämt/m — wemen 
2. ndmut — nämet ndmib — ncemet 
8. nämwn — nämen, nämin — noemen, 

Participium perfecti. 

ginoman — genomen. 

Die ab- und auswerfung des unbetonten e erfolgt in der 

gewöhnlichen weise, daher z. b. ich vor, du verst, er vert, wvr 

vorn etc. Häufig ist sie ausserdem vor t^ namentlich in der 

3 sg.: er siht, wirf, gilt, vint, rast neben sihet, toirdet, gütety 

vindetf rostet 

5* 


68 Flexiönslehre. Cap. IV. 

Anm. 1. In der 2 sg. erscheint neben -st noch -s, besonders im md. 

Anm. 2. In der 1 pl. kann das n abgeworfen werden, wenn das 
pron. nachgesetzt wird: neme wir, nasme wir; vgl. § 84, 7. 

Anm. 3. Die 2 pl. ind. praes. wird im al., auch im rheinfränk. der 
dritten gleich anf -ent gebildet. Dies -ent dringt auch in den conj. und 
imp. und in das praet. 

Anm. 4. Die 3 pl. ind. praes. wird im späteren mhd. anch auf -en 
gebildet wie im nhd. Im md. erscheint diese endnng schon sehr früh. 
Umgekehrt findet sich in späteren, namentlich demannischen quellen -ent 
statt -en im conj. und im praet Es wird auch in die 1 pl. ül^ertragen. 

Anm. 5. Die 2 sg. imp. nimmt zuweilen schon ein -e an nach analogie 
der schwachen verba, also nime, gibe, tribe etc. 

Anm. 6. In der 1 und 3 sg. ind. praet. wird zuweilen nach analogie 
der schwachen verba ein -e angehängt, z. b. fände, warde, schuofe, 

Anm. 7. Die 2 sg. ind. praet. nimmt schon zuweilen nach analogie 
des conj. und des praes. die endung -es, -est an, namentlich im md.: du 
ncemest, dann ohne umlaut du nämest. 

Anm. 8. Das n des Infinitivs wird in mitteldeutschen mundarten, 
namentlich im thüringischen und ostfränkischen, hie und da auch im oberd. 
abgeworfen. 

Anm. 9. Das gerundium kommt auch mit einfachem n vor (n^mene). 
Daneben erscheinen formen mit nd {viümende), die in der späteren zeit 
überhand nehmen (daher nhd. der zu nehmende etc.). 

Anm. 10. Vom part. praes. kommen zuweilen formen 9Xif -wnde vor, 
z. b. brinnunde im reim auf munde. Ueber die ausstossung des n in 
helde etc. vgl. § 84, 7. 

§ 156. Die althochdeutsche gestaltung der endungen zeigt 

zum teil noch nachwirkungen in der Wurzelsilbe gemäss den 

in der lautlehre cap. IV A besprochenen gesetzen. Umlaut hat 

statt, soweit die Wurzelsilbe umlautsfähig ist, in der 2. 3 sg. 

ind. praes., vgl. verst, vert zu varn, rostest, rostet, stoR^est, stwget; 

in der 2 sg. ind. praet. und im ganzen conj. praet., vgl. du sünge 

(sangst), ich sünge (sänge), du goßbe, ich goßhe, du füere, ich 

füere, du gü^^e (gössest), ich gü^^e. Femer kommt in betracht 

der Wechsel zwischen i und e\ u und o, iu und ie. Wo im 

praes. i mit e\ iu mit ie wechselt, da erscheint das erstere im sg. 

ind. praes. und im sg. imp., das letzere in allen übrigen formen, 

vergl. ausser dem paradigma ich giu^e, du giu^est, er giu^et 

(älter nhd. geusst), unr gießen, inf. gieß;en, imp. giu^ (älter nhd. 

geuss). 

Anm. Der umlaut unterbleibt zuweilen, auch abgesehen von den 
fällen, wo er durch die folgenden consonanten verhindert wird, in der 
2 und 3 sg. ind. praes. bei den ursprünglich reduplicierenden verben, vgL 


Conjugation. 69 

gr släfet, stoßet neben slcefet, stce^et. Ueber das unterbleiben des umlants 
von u im conj. praet. vgl § 40, anm. 5. 

B) TempnsbildnDg. 

§ 157. Man ist über die bildungsweise eines starken 
yerbmns im klaren, wenn man vier formen kennt: 1 sg. ind. 
praes. — 1 sg. ind. praet. — 1 pl. ind, praet. — pari perf. 
Nach der 1 sg. praes. richten sich in bezug auf die gestalt des 
wnrzelyokals alle übrigen formen des praes., der 1 sg. praet. 
ist die 3 sg. gleich, nach der 1 pl. richtet sich der ganze pl. 
und die 2 sg. ind. praet., sowie der ganze conj. praet. Nur 
müssen noch die § 156 besprochenen lautverändernngen be- 
rücksichtigt werden. Das part. hat beim starken wie beim 
sehwachen verb. die partikel ge- vor sich mit ausnähme einiger 
weniger verba. Wir unterscheiden folgende klassen der starken 
verba. 

§ 158. I. Verba nach der ersten ablautsreihe (vgl. § 50). 

Diese zerfallen in zwei abteilungen, die einen mit ei, die andern 

mit e (vor h, w und im auslaut, vgl. § 46) im sg. praet., vgL 

stige — steic — stigen — gestigen, lihe — lech — lihen — 

gelihen. 

Anm. 1. In die erste abteilung gehören: hUen (warten), hi^en, 
blichen, gittert (glänzen), grtfen, grtnen (winseln, knarren), JcUben (kleben), 
bellen, ntgen (sich neigen), phiferif riben, rUen, rt^en, schiben (rollen), 
schinen, achtren, schriben, achrttenf atgen (sinken), sZteAen, sUfen (gleiten), 
sitzen (zerreissen), antuen, atrichen, atrtten, awtchen (entweichen), awigen, 
sunnen (schwinden), trüben, vli^en (befleissigen) , wichen, verteilen (vor- 
werfen); mit grammatischem Wechsel (vgl. § 78 ff.) lide — leit — Uten 

— gellten, femer briden (flechten, weben), miden, niden, riden (drehen), 
sniden; riae (ich falle) — reia — rim — gerim, daneben aber riaen — 
geriaen. In die zweite abteilang mit grammatischem Wechsel dihe (gedeihe) 

— dSch — digen — gedigen, femer rihen (heften, aufstecken), zthen 
(zeihen). Doppelformen haben achri(g)en and api(w)en: achrei and achrS 
(ahd. acrei), api and apei (ahd. apeo, ape). 

Anm. 2. Von lihen lautet das part. neben gelihen auch geligen, ge- 
liuwen, gduhen. Im conj. praet kömmt liuwe neben lihe vor. 

Anm. 3. Von achrien und apiwen lautet der pl. praet. achriuwen, 
schrütoen, achrim, apiuwen, apüwen, apim, das part. geachriuwen , ge- 
achrüwen, geachrim, geapiuwen, geapüwen, geapim. Beide verba werden 
auch schwach flectiert. Neben apiwen erscheint apüwen oder apiuwen. 

§ 159. IL Verba nach der zweiten ablautsreihe. Zwei 
abteilungen, die einen mit ouy die andern mit 6 (vor t, d, g^ 


70 Flexionslehre. Cap. IV. 

s, h, vgL § 47) im Bg. praet. Vgl. biuge (inf. biegen) — bouc 

— bugen — gebogen, Mute (inf. bieten) — bot — buten — geboten. 

Anm. 1. Hierher gehören a) Mieben (spalten), kriechen, liegen (lügen), 
riechen, schieben^ sliefen (schlüpfen), mniegen, stieben, triefen, triegen, 
vliegen; b) diesen (rauschen), verdries;en, gießen, niesen (geniessen), ries;en 
(weinen), schieben, sprießen, vlie^en, vliehen\ mit grammatischem Wechsel 
sieden {siude — söt — satten — gesoten) ; kiesen {kiuse — kös — kwm — 
gekom), Verliesen (yerfieren), niesen, vriesen (frieren); ziehen (ziuhe — zoch — 
zugen — gezogen). 

Anm. 2. Die verba mit inlautendem w behalten iu durch alle formen 
des praes. hindurch (vgL § 45): bliuwen (schlagen, bliutoe — blou — 
blütoen — geblüwen), briutoen (brauen), kiuwen (kauen), riuwen (schmer- 
zen). Das part. hat auch iuio, der pl. praet. iuio und ouic, 

Anm. 3. Drei verba haben im praes. ü: lüchen (schliessen), süfen, 
sügen-, praet aotic — sugen, part. gesogen. 

§ 160. in. Verba naeh der dritten ablautsreihe, sämtlich 

mit nasal oder liqnida + consonant nach dem wnrzelvokal. Die 

mit nasal haben im praes. durchgehendes i, im part. u, die mit 

r oder l im praes. Wechsel zwischen i und e, im part. o. VgL 

brinne (inf. brinnen) — bran — brunnen — gebrunnen, gute 

*(inf. gelten) — galt — gulten — gegolten. 

Anm. Hierher gehören a) brimmen (brummen), glimmen, grimmen, 
klimmen, krimmen (mit den klauen packen), limmen (brüllen), swimmen, 
dimpfen (dampfen), klimpfen (fest zusammenziehen), krimpfen (das selbe), 
rimpfen (rümpfen), beginnen (praet. auch schwach: begunde, begonde, md. 
begunste, begonste), rinnen, sinnen, spinnen, entrinnen, gewinnen, binden, 
dinsen (schleppen), dringen, hinken, klingen, gelingen, ringen, schinden, 
schrinden (sich spalten), singen, sinken, slinden (schlingen = schlucken), 
slingen, springen, stinken, swinden, swingen, trinken, ttoingen, vinden (part. 
vunden ohnQ ge-), winden; b) kSrren (schreien), schBrren (scharren), w'drren 
(wirren, stören), biegen, verdarben (intr.), stoben, w'6rben (bair. auch w'drven, 
ursprünglich mit grammatischem Wechsel), w^den (pl. praet. in älteren 
texten noch mit grammatischem Wechsel würfen), warfen, b'iüen, gBüen, 
hsllen (hallen), q%Men, schälen (schallen), sw'dlen, w'iUen (rollen), b'ilgen, 
(sich, aufschwellen), gBlten, Mlfen, m^ken, schalten, smUzen (schmel- 
zen), sw'^lhen und swHgen (verschlucken), tBlben (graben), bevSlhen, em- 
phUhen. 

§ 161. IV. Verba nach der vierten ablautsreihe, meist mit 

nasal oder liqnida nach oder vor dem wnrzelvokal. Vgl. nime 

(inf nemen) — nam — nämen — genomen. 

Anm. 1. Hierher gehören: z'imen (ziemen, part. auch geziemen), b^m 
(tragen), schiim, swihm (eitern, schmerzen), qulüln (quäl leiden), stein, 
brl^hen, rechen (rächen), sprechen, stechen, trechen (schieben, scharren), 


Ck)]ijiigatio]i. 71 

•whr^ken, treffen (part. troffen), dreschen, leschen, hresten (brechen), veMen, 
vWiiten, dithsen (flachs schwingen). Md. werden vMen und vVSihten nach 
HI flectiert (pl. praet: vuhten, vluhten). 

Anm. 2. Hierher gehört auch leomen = ahd. quiXman, 1 sg. ind. praes. 
ich kwne\ hier ist quüi zu ko, qui zu ku znsammengezogen. Die 2. 8 sg. 
•zuweilen mit nmlaut hHm(e)8t, hüm{e)t Praet. regelmässig quam, q%i,ämen, 
namentlich im md., daneben kom, körnen (bair.) und kam^ kämen (alem.). 
Part komen ohne ge-, 

§ 162. y. Yerba nach der fünften ablantsreihe, mit ein- 
fachem oder erst in folge der lantverschiebung geminiertem 
consonanten nach dem wnrzelvokal (nicht nasal oder liquida): 
gibe (int geben) — gap — gäben — gegeben. 

Anm. 1. Hierher gehören: phl&gen, w^gen (wägen, bewegen), j'6hen, 
(behaupten, 1 sg. ich gihe vgl. § 63), geschahen, «Men, fiten (jäten, 1 sg. 
ich gite), kneten, treten, weten (binden), wiben, l^^en (part. ge^^en), 
vr^^en (got fra-itan, part. vre^^en), verg^^en, me^^en; mit gramma- 
tischem Wechsel jSaen (gähren, 3 sg. gisef), Usen, genesen, wesen (sein), 
praet. pl. jdren, lären (daneben Idsen), gendren, (daneben gendsen), todren, 
aber part. gelesen etc. (nur vereinzelt noch in älteren texten geHSren, ge- 
ftSm); mit unregelmässigem praesens (vgl. § 165) bit(t)en (bat — bdten — 
gebUen), sitzen (sa^ — sd^en — gese^^en), ligen-^ endlich qtiSden, zusammen- 
gezogen koden (sprechen), wovon aber fast nur noch die 8 sg. in der 
formel da^ quU {ktt, kiut) = das heisst vorkommt. 

Anm. 2. Im md. zeigt auch der pl. praet. von sehen und geschehen 
grammatischen Wechsel: sdgen, geschdgen. Von geschahen kommt im md. 
auch ein schwaches praet. und part. vor: geschiede, geschiet, Yonjehen 
lautet im md. zuweilen das part. geigen. Neben gephlegen erscheint zu- 
weilen gephlogen, selten wird das verb. schwach flectiert. 

Anm. 3. Zu e^^en, vre^^en lautet der sg. des praet ä^, vrds;, £s 
steckt darin noch die reduplication : urgerm. et zusammengezogen ans e-at, 

§ 168. VI. Yerba nach der sechsten ablantsreihe: grabe 

— gruop — gruoben — gegraben. 

Anm. 1. Hierher gehören: laden (eine last laden, dagegen schwach 
laden, ladete zu gaste laden), maln (mahlen), nagen, schaffen, spanen (ver- 
locken), tragen, vam, wahsen, waschen, waten; mit granunatischem Wechsel 
filahen (slahe — shioc — sluogen — geslagen), twahen (waschen); mit nn- 
regelmässigem praesens heben (hiwp — gehaben, zuweilen noch mit gramma- 
tischem Wechsel heven), entseben (zuweilen noch entseven wahrnehmen), 
mcem (woneben swerigen schwören) — swtior — geswam, gewöhnlich ge- 
moam; femer gewähenen (erwähnen) — gewwic ^ gewogen \ stdn (stehen 
yg\. § 177) — stuont — «tuenden — gestanden, 

Anm. 2. Das verbum backen flectiert ursprünglich: backe — buoch 

— gebachen. Das praes. lautet aber auch bache durch angleichung an das 


72 Flexionslehre. Cap. IV. 

praet. und part. Der umgekehrte Vorgang, dass ck ans dem praes. in das 
praet. und part. eindringt, ist erst nhd. 

§ 164. VII. Ursprünglich rednplicierende verba. Diese 

haben sämmtlich im sg. und. pl. praet. ie, welches teils aus 

ahd. ia, teils aus io entstanden .ist; nur in wenigen verben 

steht daneben tu. Der vokal des praes. ist verschieden, der 

des part. stimmt immer damit überein. Vergl. valle — viel — 

gevallen, blase — blies, ruofe — rief, hei^e — hie^ , stö^e — 

stie^, laufe — Huf und lief 

Anm. 1. Hierher gehören noch: banneny halsen (umhalsen), halten^ 
salzen, schalten (stossen), spalten, spannen, valten, walken, waUen (von 
'^üssigkeiten, dagegen wällen pilgern ist schwach), walten, walgen (sich 
wälzen) ; hägen (zanken), braten, lä^en, raten, sldfen, verwä^en (verfluchen^ ^' 
ohne praet, am häutigsten im part. perf. gebraucht); ruofen, wuofen (weh- 
klagen); meinen (schneiden), scheiden, sweifen; schroten (schneiden)^ 
houwen (praet. hiu und hie, hiuwen und hiewen, daneben schwach houte^ 
part gehout); mit grammatischem Wechsel hdhen (hän) — hienc oder hie 

— hiengen — gehangen, vdhen (vän) — vienc oder vie — viengen — ge- 
vangen (vgl. § 85) ; mit unregelmässigem praesens erren oder em (pflügen) 

— ier — geam (auch schwach: erte, geert)\ gän — gienc — giengen — 
(ge)gangen. 

Anm. 2. Von büwen giebt es ein starkes part gebüwen {geibcuwen} 
neben dem schwachen gebüwet-, ebenso von blcejen und dra^'en: erblän^ 
gedrän neben^ geblät, gedrät; praet. nur schwach, ursprünglich schwach 
ist eischen, woneben schon heischen, und das compositum vreischen (er- 
fahren), beide bilden aber auch ein starkes praet.: iesch, vriesch.] 

Anm. 3. Von loufen lautet der pl. praet. auch luffen, das part 
gdoffen. 

§ 165. Abweichende praesensbildung. Bei einer 
anzahl starker verba ist das praes. mit hülfe einer erweiterung 
durch j gebildet. Das j ist im mhd. geschwunden, hat aber 
Wirkungen auf den wurzelvokal und teilweise auch geminatiou 
hinterlassen. Hierher gehören aus klasse V biten {bitten), sitzeny 
ligen (J,icken)\ aus VI heben, entseben, swern (swerigen) ; aus VII 
er(re)n. Die flexion ist wie die eines schwachen praes. nach 
der ersten klasse, also imp. Ute etc. Isoliert steht die er- 
weiterung in gewähenen (praet. gewuoc), gleichfalls wie ein 
schwaches praes. flectiert. 

Anm. ursprünglich hatten noch mehr verba die erweiterung mit j. 
Neben schaffen, ruofen, wuofen stehen schepfen, rüefen, wüefen, wozu aber 
auch schwache praeterita und participia gebildet werden. 


Conjugation. 73 

n. Schwache rerba. 

§ 166. Im ahd. kann man drei klassen der schwachen 

verba unterscheiden. In der ersten endigt der inf. auf -en ans 

älterem -jen (got. -jan), in der zweiten auf -on (got. -6n) in der 

dritten auf -en (got. -an). Dle-^rste scheidet sich in zwei 

Unterabteilungen^ je nachdem die Wurzelsilbe kurz oder lang 

ist Im mhd. sind die klassenu^terscbiede durch die ab- 

Schwächung der unbetonten vokale zum grössten teile verwischt. 

Aus den noch vorhandenen V'Crschiedenheiten lässt sich nur 

teilweise erkennen, welcher klasse ein verbum ursprünglich 

zugehört hat. 

A) Das praesens. 

§ 167. Die flexion des praes. ist in allen drei klassen 
übereinstimmend. Die endungen sind die gleichen wie beim 
starken verb., und es gilt alles, was dort darüber bemerkt ist^ 
auch hier. Der einzige unterschied ist^ iäass die 2 sg. imp. auf 
-e ausgeht: lege, lobe^' sage gegen gip; allerdings ner, hol etc., 
den allgemeinen syncopierungsgesetzen entsprechend. Der 
wurzelvokal bleibt durch alle formen des praes. hindurch un- 
verändert. 

Anm. 1. Dasj der ersten klasse hat sich erhalten zwischen vokalen, 
vgl. drasjen, masjen, ncejen, sc^'en, wc^en, hlüejen, mü^en, woneben aber 
droen, mcen etc. Femer nach r in nerljeUf nerigen, nergen (nähren) und 
toerigen, wergen, woneben aber nern \mi wemi üblicher sind. 

Anm. 2. üeber die erhaltung; des ö in den endungen als o oder u 
vgl. § 58. 116. 

Anm. 3. Im ahd. endigt die 1 sg. ind. in der zweiten und drititen 
klasse anf -ön und -^. Daher kommen .im al. und im md. noch formen 
auf -en vor {ick sagen, lohen = ahd. aagenf lohön). Das n wird aber anch 
auf verba der ersten klasse and selbst auf starke verba übertragen. 

Anm. 4. Im al. finden sich von den verben der zweiten und dritten 
klasse conjunctive praesentis auf -t^e, -ege^ -ee, ei, z. b. machege, macheie, 
hesorgege, minnegest, dienegeat, betei, ahtei, rnanei, volgei, 

B) Die endungen des praeteritums« 
§ 168. Die personalendungen des praei sind schon im 
ahd. in allen drei klassen gleich. Als paradigma diene das 
praet. von hceren. 

Sg. 1. hörte PL 1. hörten 

2. hörtest 2. hörtet 

8. hörte 8. horten. 

Der conjunctiv lautet wie der indicativ. 


74 Flexionslehre. Cap. IV. 

Anm. Im al. finden sich noch die vollen vokale des ahd.: 2 sg. ind. 
häriost, pl. hörton, hörtot, daneben hörtiist, hörtun, hörtui; conj. hörti, 
hörtist, pl. hörtin, hörtit, vgl. § 116. In der 1 nnd 3 sg. ind. wird das e 
nicht selten abgeworfen. 

C) Blldimg des praeteritiims und partieipiums aus dem praesens» 

§ 169. Bei der bildnng des praet und part. kommt der 
klassenunterschied im mhd. noch teilweise zur geltung. Die 
bildungsweise des ahd. zeigt folgende tabelle. 

Inf. Praet. Part. 

nnflectiert — flectiert. 
I. klasse, kurzsilbig. nerigen nerita ginerit gineritir, 
langsilbig. brennen branta gibrennit gibrantSr. 
II. klasse. hbön hböta giloböt giloböter. 

ni. klasse. habin häbita gihab^ gihabHir, 

Bei den langsilbigen der ersten klasse ist also im praet 

nnd in den flectierten formen des part. i frühzeitig syncopiert. 

Diese formen sind deshalb ohne nmlant, wo das praes. nmlant 

hat, oder, wie man sich gewöhnlich ausdrückt, in ihnen ist 

rückumlaut eingetreten. Später ist auch in die unflectierte 

form des part syncope und rückumlaut eingedrungen: gibrant 

neben gibrennit. Durch die vokalschwächung im mhd. sind 

die kurzsilbigen der ersten klasse mit den verben der zweiten 

und dritten zusammengefallen. Diese bilden also praet. und 

part. mit e, die langsilbigen der ersten ohne e und eventuell 

mit rückumlaut Beispiele: a) I) denen (dehnen) — denete — 

ged>enet; H) jagen — jagete — gejaget; III) leben — lebete — 

gelebet; b) Mren — Mrte — gekeret und gekert, leiten — leite 

— geleitet und geleit, vellen — valte — gevellet und gevait, 

füllen — fulte — gefüllet und gefult, bewceren — bewärte — 

hewosret und bewärt, rüemen — ruomde — gerüemet und ge- 

ruomt Die Scheidung von a) und b) ist aber nicht streng 

aufrecht erhalten, weil auch in verben^ die zu a) gehören, das 

e vielfach weggefallen ist, regelmässig in den kurzsilbigen nach 

r und l {nerte, spilte, dolte = ahd. nerita, spilota, doleta) ; nach 

n, r, l in mehrsilbigen (segente, vorderte, wandelte); aber auch 

sonst vielfach: wonte, trürte, Jcuolte, ahte, trähte, gdhte, macktej 

sseicte etc. neben wonete, ahtete etc. 

Anm. 1. Zuweilen, namentlich im md. kommen auch von lang- 
silbigen der ersten klasse praeterita mit e nnd omlaut vor, z. b. gerwete^ 


GonjngatioiL 75 

verwetey vermcerete neben garte, varte, vermärte» Von den yerben mit er- 
haltenem j im praes. sind die nmgelanteten formen ganz üblich, auch mit 
e, also säte, scete und scejete zu scEJen, muote, müete und müe^'ete zu mü^'en. 
Die mit den ableitongssilben -er-, -d- gebildeten yerba haben keinen rück- 
nmlant: vüeterte. 

Anm. 2. Zn den ursprünglich kurzsübigen praesentia, welche neben- 
formen mit geminierten consonanten haben (vgl. § 75 anm.) werden häufig 
auch praet und part. nach analogie der hugsilbigen gebildet; vgl. zeln 
— zeüeUj zelte — zäUCf gezdt — gezeltet und gezalt; quel(le)nj qudte — 
qudlte\ 8el{U)n, selte — satte; twel(le)n, twelte — twalte, 

Anm. 3. Ein eigentlich nicht berechtigter rückumlaut erscheint in 
ante neben endete, ente von enden (ahd. enteon) und lühte von liuhten (mit 
mngelautetem iu, vgl. § 40, anm. 4). Als eine art rückumlaut haben wir 
es wahrscheinlich auch aufzufassen, wenn im md. zu kiren und liren das 
praet härte, lärte^ das part. gekärt, geldrt gebildet wird (vgl. bewSren = 
mhd. beioceren — bewärte). 

Anm. 4. Nicht selten komme.n von verben der zweiten klasse noch 
participia auf -ot oder -ot im reime vor, z. b. verwanddöt : not, gewamot : 
tötf gesegenot : got; seltener praeterita auf -öte, -ote, -dt, -ot, z. b. schovr 
wote : nöte, marteröt : tot Manche alemannische handschriften schreiben 
noch ziemlich regelmässig ot{e) oder ut(e)j vgl. § 58. 116. 

Anm. 5. Von hdben kommt zuweilen ein nach der ersten klasse ge- 
bfldetes praet. und part. vor: hebete, gehebet; auch 3 sg. lad. praes. hebd. 

§ 170. Manche verba der ersten klasse haben das praet 
nnd part. von vornherein ohne zwischenvokal gebildet, was 
noch an gewissen consonantischen nnd yokalischen Veränder- 
ungen zu merken ist^ die in den syncopierten formen nicht 
eintreten, ausserdem daran, dass der conj. praet. nmlant hat. 
Hierher gehören: denken — dähte (2 sg. dcehte neben dahtest), 
conj. dcehte — gedäht; dünken (dünken) — dühte^ diuhte — ge- 
duht\ würken (woneben wirken) — worhte — geworht (selten 
warhte — gewarht); fürhten — vorhte — gevorht; mit starkem 
praes. bringen — brähte (2 sg. brcehte neben brähtest), brcehte 
■ — bräht Auch suochenj ruochen (sich kümmern), brücken n. a. 
gehören ursprünglich hierher, ohne dass sich das noch an der 

'flexion erkennen lässt. 

Anm. 1. Daneben erscheinen schon neubildungen wie ämikte, ge- 
dünketf wwrkte, gewürkd, gefürhtd. Von fürhten kommt auch ein starkes 
part. vor: ungevorhten, (un)ervorhten, 

Anm. 2. Nach analogie dieser verba sowie der praeteritopraesentia 

i (^gl* § l'^l) nehmen im ^md. auch die umlautsfähigen praeterita mit syn- 

eopiertem vokal im conj. den umlaut an, also brante — brente, stalte — 

steUe, auch machte (ahd. machöta) — mechte, bedrachte (betrachtete) — 

I bedrechte. 


76 Flexionslehre. Cap. IV. 

III. Unregelmässige yerba. 

A) Yerba praeteiito-praesentia. 

§ 171. Die praeterito-praesentia sind starke verba, deren 
perf. praesensbedentang angenommen hat, und deren eigentliches 
praesens in folge davon verloren gegangen ist (vgl. lat. novi, 
griech. olda). Sie bilden dann aus der Stammform des pl. einen 
inf. nnd ein pari praes. sowie ein schwaches praet. ohne zwischen- 
vokal, zum teil auch ein part. perf. Sie lassen sich grössten- 
teils nnter die ersten sechs klassen der starken verba einordnen, 
einige aber zeigen abweichende bildnng. Die flexion des praes. 
ist die eines gewöhnlichen starken praet, abgesehen von der 
2 sg. ind., die auf -t ausgeht und im wurzelvokal mit der 1 
und 3 sg. übereinstimmt. Ausserdem ist in den pl. ind. umlaut 
eingedrungen.; 

§ 172. Folgende verba gehören hierher: 

1. weig (ich weiss), 2 sg. weist, pl. wi^^en, inf. wiggen, part. 

wiegende, praet. wisse — wesse — wiste — weste (spät wuiste, 

woste\ part perf. gewist — gewest {gewiggen adjectivisch). 

Anm. Im gebrauch der formen des praet. miterscheiden sich die 
denkmäler. Hartmami reimt weste, nur einmal wesse, Wolfram und Wimt 
wesse, Gottfried wiste und weste, vgl. Zwierzina, Festgabe für Heinzel, 
s. 444. 8. 

2. touc (ich tauge), 2 sg. nicht nachzuweisen, pL tugen — 

tilgen, ebenso inf., praet. tohte, conj. töhte. 

Anm. Die Umbildung zu einem regelmässigen schw. verbum^ foulen 
beginnt schon im 13. jahrh. 

3. gan (aus ge-an ich gönne) 2 sg. ganst, pl. gunnen — 
günnen, praet. gunde, conj. gunde — günde, part gegunnen, 
gegunnet, gegunst Ebenso erhan, verbau (ich missgönne). 

4. Tcan (ich weiss), 2 sg. Tcanst, pl. kunnen — künnen, praet. 
hunde {konde, kunste), conj. künde — künde. 

5. darf (ich bedarf), 2 sg. darft^ pl. dürfen — dürfen, praet. 
dorfte, conj. dörfte, inf. und part perf. nur von hedürfenihedorft. 

6. tar (ich wage), 2 sg. tarst, pl. turren — türren, praet. 
torste, conj. törste, 

7. sol (sal, selten noch schol, schal), 2 sg. solt {sali), pL 
suln — süln, praet. solde — solte, conj. solte und sölte, 

8. mac (ich kann), 2 sg. mäht, pl. magen — megen, häufiger 
mugen — mügen, praet. mähte — mohte, conj. mähte — möhta. 


Conjugatioii. 77 

Anm. Genaueres über den gebrauch der formen bei Kraus, Festgabe 
für Heinzel, s. 150. 

9. muo^, 2 sg. muostj pl. müe^en, praet. muose — nmoste, 

conj. müese — müeste, 

Anm. Die plnralformen mit umlaut (fügen etc.) können aus dem 

conj. übertragen sein. Brenner (Beitr. 20, 84) erklärt den umlaut ans der 

einwirkung der nachgestellten pronomina U7ir, ir, 8t. In bezug auf das 

schwanken zwischen gunnen — günnerij hinnen — hilnnen, sowie im conj. 

praet. zwischen guTide — günde, hmde — künde findet die bemerkung in 

§ 40 anm. 5 anwendung. Ueber die zusammengezogenen formen sün etc. 

vgl § 181. 

B) Das Terbum wellen (wollen). 

§ 173. Von diesem verbum ist die indicativform verloren 

gegangen nnd an deren stelle die optativform getreten. Dazn 

ist dann wider ein conj. nnd ein schwaches praet. gebildet. 

1. 3 sg. wil, verkürzt ans wile (mfränk. 1 sg. mlle, 3 sg. tmlletj 

wilt), 2 sg. wil nnd wilt, pl. wellen (wein), conj. welle, inf. wellen, 

praet. wolle — wolde, conj. wolte nnd wölte, 

Anm. Formen mit o im praes. wie im nhd. finden sich im md. 

C) tuon, gänj atdn^ «in. 

§ 174 Während die regelmässigen verbalklassen den 
griechischen verben auf -a> entsprechen, haben sich auch einige 
reste einer bildnngsweise erhalten, welche derjenigen der verba 
^Tif'lii entspricht. Die hierher gehörigen verba haben einsilbige 
praesensformen nnd n in der 1 sg. ind. 

§ 175. tuon. 

Praesens. 
Indic. Conj. 

Sg. 1. tuon {tuo) tiu> (al. tüe^'e) 

2. ttiost (mfränk. deiat) tuost (tüejeat) 

3. tuot (mfränk. deit) tuo (tüeje) 
PI. 1. tiion tuon (tüejen) 

2. ttiot {tuont) tuot (tü^et) 

3. tuont, tuon (tüejen, 

Inf. ttion. 
Imp. tiu>. 
Part, tuonde. 

Indic. Conj. 

Sg. 1. tue teste (tete) 

2. täte tostest 

3. tUe taste 
PI. 1. täten (tosten, teten), testen. 

Part, getan (mfränk. gedön). 


78 Flezionslehre. Gap. IV. 

§ 176. gä/n (gehen) mit complementärformen ans einem 
stamm gang- (nach klasse YII der starken verba); 

Praesens. 

Indic. CSoBJ. 

Sg. 1. gdn, gin gi (gä, aL gange) 

2« gast, gist (mfränk. geiat) gist (gast, gangeat) 
3. gätf git (mfränk. geit) gi (gä, gange) 
PL 1. gän, gin, gin (gän, gangen), 

Inf. gänj gSn. 

Imp. ganc, genc, ginc (gä, ge), 
Part, gände^ ginde. 

Praeteritnm. 

Ind. 1. 3 sg. gienCf gie, pl. giengen. 

Part. (ge)gangenf gegän. 
Anm. Das alemannische kennt im inf. und ind. praes. nnr formen 
mit ä, das bairische nnr solche mit iy aber wegen der reimbequemlichkeit 
verwenden bairische dichter häufig auch formen mit ä, selten umgekehrt 
alemannische formen mit i. Vgl. Bohnenberger, Beitr. 22, 209. Genaueres 
über den gebrauch der formen auch bei Kraus, Festgabe für Heinzel s. 
152 und Zwierzina, ib. 467. 

§ 177. stän (stehen) mit complementärformen ans einem 

stamme stand- (nach klasse VI). 

Praesens. 

Indic. Conj. 

Sg. 1. stän, stin (8tä, stS) stä, sU (al. stände) 

2. stdst, Btist (mfränk. steist) etc. 

3. stdtj stit (mMnk. steit) 
PI. 1. atdny 8t^. 

Inf. stän, 8t^, 
Imp. stantj stdj sti, 

Praet. stuont (selten stuot), part. gestanden, zuweilen gestän. 

§ 178. ^n (sein), nnregelmässig noch dadurch, dass sich 
die flexion aus verschiedenen stammen zusammensetzt 






Praesens. 





[ndic. 


Conj. 

Sg. 

1. 

bin 



8i (al. stgCf sie) 


2. 

bist 



8t8t (aigeat, siest) 


8. 

ist (md. 

is) 

• 

8t (aigej sie) 


PI. 1. bim, 8tn (md. sint) «in (atgen^ aien) 

2. birt (bint), att (aint) ait (atget, atet) 

3. aint (md. ain). atn (atgen, aten). 

Inf. atn, toeaen. 
Imp. ioia, bia. 


Gonjugation. 79 

Fraeteritnm waSy pL wären^ part. gewesen (gewest), daneben im 
al., zuweilen anch im md. gestn. 

Anm. Die formen bim, birt kommen im 13. jahrL allmählig ausser 

gebrauch. 

B) Gontractionen. 

§ 179. Von einigen starken verben und schwachen nach 

der ersten klasse mit inlautender media konmien contrahierte 

formen vor in der 2. 8 sg. ind. praes. und im schwachen praet. 

und part., vgl. § 86. Auch seist, seit, seite, geseit zu sagen sind 

formen nach der ersten klasse aus ahd. segis, segit, segita, 

gisegit (vgl. hebet § 169 anm. 5). 

Anm. 1. Danach werden auch von anderen schwachen verben der 
dritten klasse contrahierte formen gebildet, namentlich von klagen {kleit^ 
hielte, gekkit), seltener von behagen, jagen, verdagen (verschweigen), ver- 
zagen, erst spät von vrägen. Nach Fischer, Zur gesck des mhd. gehören 
diese formen nur der literatursprache an. 

Anm. 2. Ueber die contraction der verba mit inlautendem h vgl. § 72. 

§ 180. Zusammengezogene formen neben den vollen zeigen 
die verba lägen und haben. Auf die ersteren hat die analogie 
der verba gän, stan eingewirkt. 

Von lagen kommen folgende contrahierte formen vor : ind. 
praes. län, last oder losst^ lat oder IcBt^ lan, lät, länt; imp. Zä, 
lät] inf. län; part. gelän; selten sind contrahierte formen im conj. 
Das praet. lautet im sg. lie neben lieg, gebildet zu län wie 
gie zu gän, wonach auch hie, vie zu hän, vän (== häJien, vähen) 
gebildet sind. 

Bei haben wird (allerdings nicht ganz consequent) der 

unterschied gemacht, dass die vollen formen in der bedeutung 

* halten' gebraucht werden, die contrahierten in der Verwendung 

als httlfszeitwort. 

Praesens. 

Ind. hän hast hat hän hat hänt. 
Inf. hän. 

Praeteritum. 

Ind. häte, hete, hite hiete (2 sg. auch hcete neben häteat etc.). 

Conj. hcBte, hete, hHe, hiete, 

Anm. 1. Im conj. praes. sind die uncontrahierten formen die üblichen^ 
selten im pl. hän, hat, hän, ganz vereinzelt im sg. ^. Im al. ist eine 
contrahierte form heige üblich, ans hdiege (vgl. § 167 anm. 4), danach auch 
zuweilen im ind. heit, heint, im inf. hein. Selten sind die formen Mt, 
hibit oder het, hent im ind. praes. 


80 Flexionslehre. Cap. IV. 

Anm. 2. Genaueres über den gebrauch der formen des praet. bei 
Hartmann, Wolfram, Gottfried und Wimt gibt Zwierzina, Festgabe für 
Heinzel s. 491. Selten ist die form heite, kontrahiert aus der zuweilen 
neben habete vorkommenden vollen form hebete (ahd. hMta), 

Anm. 3. Das selten vorkommende part perf. lautet gekaJbetj gehapt, 
md. auch gehät 

§ 181. Seit der zweiten hälfte des 13. jahrh. erscheinen 
im al. znsammenziehnngen wie sün, sunt ftlr sülen, sülentj 
mün für mügen, wen ftlr wellen, gm für geben, nen fftr nemen. 


Syntax. 


L Einfacher satz. 

Wortstellung. 

§ 182. Die prosaische Wortfolge des mhd. weieht nieht 
fiehr von der des nhd. ab. Dagegen sind in der poesie viel 
49tärkere freiheiten gestattet als heutzutage. Am weitesten in der 
freiheit gehen die in Strophen abgefassten volkstttmlichen epen. 

§ 183. Für die folge der glieder im einfachen satze lassen 
«ieh im mhd. wie im nhd. vier grundschemata aufstellen. 
1) er ist [mir] guot (er tuot woT) d. h. subject — verbum finitum 
{copnla) — adverbiale bestimmungen (nominales praedicat, ad- 
verbium, infinitiy, object, praep. mit casus etc.). 2) ist er [mir] 
guot, d. h. verb. fin. — subj. — adverbiale bestimmungen. 
S) güot ist er [mir] (mir ist er gtwt), d. h. eine adverbiale 
Bestimmung — verb. fin. — subj. — die ttbrigen adverbialen 
Jbestimmungen. 4) er [mir] guot ist, d. h. subj. — adverbiale 
bestimmungen — verb. fin. 

§ 184. lieber die anwendung dieser Schemata ist folgendes 
zu bemerken : 

1) ist die normale folge des unabhängigen Satzes sowie 
desjenigen abhängigen, der sich ohne zuhttlfenahme eines inter- 
TOgativen oder relativen pronomens oder adverbiums oder einer 
•eonjunetion aus dem unabhängigen entwickelt hat (vgl. § 335, 
1. 336 «.). 

2) ist die Stellung der direkten frage, soweit sie nicht 
•durch ein frage-pron« oder -adv. eingeleitet ist, f)ir welchen 
fall 1) und 3) gelten; des aus der direkten frage entstandenen 
iiypothetischen Satzes (vgl §335,2); des daraus entstandenen 

Paul, mittelhochdeutsche grammatik. & aufl. Q 


82 Syntax. L Einfacher satz. 

wunsehsatzes (vgl §284. 285); der einschiebungen in direkte 
rede wie sprach der künic, warne ich. 

8) ist überall als modification von 1) zulässig und not- 
wendig in einem selbständigen satze, der dnreb ein fragepron.^ 
welches nicht snbj. ist, oder ein frageadv. eingeleitet ist 

4) ist die Stellung des abhängigen Satzes, der darch ein 
relatives oder fragendes pron. oder adv. oder durch eine con- 
junction eingeleitet ist. Das angegebene Schema setzt also erst 
nach diesen Wörtern und dem, was mit ihnen in engem zu- 
sammenhange steht, ein, ausser wo sie selbst subj. sind, also 

von dem ich sprechen wü, swie ofte &r in widerriten bat. 

Anm. 1. Sowohl 1) als 2) ist möglich im imperativsatze, vgl. § 196 
und im anfforderungssatze, vgl. § 282. 8. 

Anm. 2. Als normale Stellung des hauptsatzes kommt 4) vor rin 
Sätzen mit so ie — so ie = nhd. je — desto; vgl. 86 ä^ ie nceher umbe 
die geburt 8%, 80 ir iuch ie ba^ hüeten 8tdt Berth. so ^ ie 8irer dannen 
ranCy 80 minne ie vaster toiderttoanc, 80 er ie harter dannen vldch, 8& 
minne ie vaster widerzöch 6. 

Anm. 3. Nur scheinbare ausnahmen bilden abhänge sätze, bei denen 
der regierende satz nicht ausgedrückt ist, ygU § 878—80. 

§ 185. Zu den adverbialen bestimmungen, deren voran- 
Stellung das Schema 3) zur folge hat, gehört auch die häufig 
den satz einleitende Versicherungspartikel ja (ja hörten wir wol 
dag) und das seltenere gleichbedeutende joch. Femer so, nu^ 
ouch (doch nur, wenn es sich auf den ganzen satz, nicht, wenn 
es sich speciell auf das subj. bezieht), doch, noch u. a., während 
die reinen ttbergangspartikeln wie aber, wände (denn), wan 
(sondern), oder die normale Wortfolge nicht stören ; so gewöhn- 
lich auch unde, doch vgl § 330, 2. 3. 

Amn. Nach nu kommt auch 1) vor, vgl nu^ diz u)a8 unwendic (daa 
liess sich nun einmal nicht ändern), nu, diz ge8chach 6. 

§ 186. Modificiert werden die grundschemata 1) — 3) in 
prosa dadurch, dass sich Wörter von geringem tongewicht an 
das verbum anlehnen; proklitisch die negation en- (vgl §310); 
enklitisch partikeln und personalpronomina, vgl. sprach dö Sifrit. 
wü aber du mit recken rtten. holt wurden im genuoge. des sol 
ouch er genießen. 

§ 187. In der poesie, namentlich im volksepos sind für 
den selbständigen aussagesatz fast alle erdenkbaren freiheiten^ 
gestattet 


WortsteUung. 83 

Schema 4) statt 1) : KrieinhÜt in ir sinne ir Silber nie venjaeh (ge- 
stand sich selbst nicht zu) N. diu edele küniginne vil sBre weinen began 
N. Die adverbialen bestimmungen dorch zwischenschiebong des yerbnms 
von einander getrennt: manec schcmiu meit von wirke was tmmüe^ N. 
Silde vl^iclichen dö hegunde hiten En. 

Schema 1) nach voraosstellang einer adverbialen bestimmong: t^ der 
edelen steine die fromoen leiten in da^ golt N. dwreh s^nes Itbes sterhe ir 
reit in manegiu lant N. 

Schema 4) im gleichen falle': die rede si lie beltben N. gote man dö 
zin Sren eine messe sanc N. von hvrte (durch lanzenstoss) dös; geschehen 
was N. 

Zu diesen beiden kommt eine dritte Variation mit der stellang: 
verbnm — adverbiale bestimmungen — snbj. Vgl. do neic der küniginne 
Stvrit N. des wwrden stt gezieret stnes vater lant N. Stvrit was geheimen 
dir sneUe digen N. niht wolde tragen kröne ir beider liebe^ kint N. 

Mehrere adverbiale bestimmnngen können voraosgestellt werden: 
mit dim jungen künige swirt genämen si sU 1^, an dim vierden morgen 
ze hove si dö riten N. vil siUen äne huote man riten lies; das; kint N. 
ir höchgemHete zuo dir Silben sttmt an der juncvrouwen so manec helt 
ervant N. 

§ 188. In der anordnnng der Wörter, welche znsammen 
ein Satzglied bilden, weicht wider die prosa wenig, die poesie 
ziemlich erheblich von dem jetzigen gebrauche ab. 

§ 189. Das attributive adj. kann in der poetischen spräche, 
namentlich im volksepos seinem snbst. nachgesetzt werden): 
der degen gtwt, den mllen min, einem herzen fugende bar (ent- 
blösst von tagend), vgl. § 227, 3. Nicht selten ist im volksepos 
aaeh die Stellung : subst — art. — adj., nicht bloss bei eigen- 
namen {Günther der edele\ sondern auch sonst: ha^ den altenj 
golt dag röte, swert diu scharpfen, werc diu vil smcehen, hört 

den aller meisten. 

Anm. (1. Vgl. Hellwig, Die stellang des attributiven adjectivs im 
deutschen, diss. Giessen 1898. Es kommt sogar vor, dass von zwei durch 
und verbundenen adjectiven das eine voran, das andere nachgestellt wird): 
die bluotvarwen hdde unde hamaschvar N. ein trüebe^ wölken unde die H. 
größer siege unde tief Stricker. Vgl. Behaghel, Eneide GIX. 

Anm. 2. Allgemein ttblich in der poesie ist beim prädicat die Stellung 
des adjectivums vor dem unbestimmten artikel: sS wcere ir küene ein man 
N. und ist unnütze libende ein man G. wie reine ein name Reinmar. 

Anm. 3. Ebenso kann das adj. vor das possessivpron. treten: ge- 
tnuwer miner friunde N. mit starken sinen handen N. liebiu min frou 
Küdrün Eu 

§ 190. Der gen. kann zwischen artikel oder attributivem 
adj. und dem dazu gehörigen subst. gesetzt werden, aber nur, 

6* 


84 Syntax. I. Ein&cher satz. 

wenn er selbst keinen art. bei sich hat. Dabei sind verschie- 
dene fälle zu nnterscheiden. 

1. Das im gen. stehende snbst. bezeichnet den begriff des 
Wortes an sich, nähert sich daher in seiner fanction einem 
ersten compositionsgliede. Dann ist die zwischensetznng all- 
gemein üblich. Vgl. der sanges meister. ein mannes heil, ein 
schceneg wibes heil, nach rtchem Tmneges site. ir hinsehen wibes lip. 

2. Allgemein üblich ist auch die zwischenstellnng von 
gotes: der gotes segen, diu gotes hant diu waren gotes kint, 

3. Häufig im epischen Stile ist die Zwischenstellung eines 

eigermsLmenA: dag Etjselenwip. die Büedegereshelde, dieHagenen 

vräge. ein Guntheres man. alleg Sivrides lant. genuoge Gunt- 

heres man. 

Anm. Der gen. des personalprön. ir (vgl. § 217) kann die selbe 
zwischenstellnng erfahren wie das possessiynm (vgl. § 189, anm. 8): dSn 
ir vriunt. üf liehte^ ir gewant 

§ 191. Gleichfalls episch ist die Stellung subst. — art. — 
abhängiger gen. : hört dir Nihelunges. sun den KriemhiMe. phant 
da? Kriemhilde (vgl. § 223, 6). 

§ 192. Poetisch ist die Stellung des abhängigen gen. vor 
dem unbestimmten artikel: er was der werlde ein wunne, der 
ritterschefte ein lere^ siner möge ein ere, sines landes ein zuo- 
versiht G. 

§ 193. Die bezeichnung der herkunft wird häufig dem 
regierenden subst vorangestellt: von TenenHorant üg Hegelingen 
HeteU. von TenemarJce der käene degen. Zuweilen auch andere 
durch eine praeposition angeknüpfte bestimmungen : jsen Hiunen 
iuwer värt N. üf AUschanjs den strit Wo. von palmat üf ein 
matrojsf Wo. 

§ 194. Die von einem inf. abhängigen bestimmungen 
werden demselben nicht so regelmässig wie im nhd. voran- 
gestellt, auch in der prosa nicht: des mohte er wol gewinnen 
Hute unde lant dö hieg sin vater Sigemunt künden stnen man. 
ich wil dag sehen gerne, dag solt du niht üf schieben langer, 
dag volc si kapfen an (anschauen) legan. der wirt sich wolte 
lägen M stnen gesten sehen. 

§ 195. Auseinanderreissung der näher zusammengehörigen 
Wörter durch dazwischenschiebung von femer stehenden konmit 


Wortstellnng. 85 

im allgemeinen nur ausnahmsweise vor. Die wichtigsten hier^ 
her gehörigen fälle sind folgende. 

Allgemein üblich ist es da und hie von einem zugehörigen 
adv. zu trennen, also da — inne = darinne etc. Vgl. da wont 
ein smlic geist bt (dabei weilt), da ist min swester üf. da din 
lierise inne swSbt hie vähet man den hSrn mite. 

Häufig wird eine apposition nachträglich angefttgt: die 
Jcüenen Nibelunge sluoc des heMcs hant, Schilbunc und Nibelungen. 
wa ich dm Jcünic vinde, dag sol man mir sagen, Günthern den 
riehen, durch des wissagen munt herren Davides, Auch ein 
attributives adj.: wie ein schoeniu meit woere in Burgonden ze 
wünsche wol getap, (von vollkommener Schönheit). 

Nicht selten wird der gen. part. von dem regierenden nomen 

abgetrennt, vgl. § 255. 

Anderes ist seltenere poetische freiheit. So trennimg coordinierter 
glieder: dö der künic die minne und diu küniginne von in zwein gesähen, 
dSr künic bat in bringen unde stne man N. und ich doch von dir beide 
wart hän unde wtse (sowohl text als melodie) Wa. die bluotvarwen helde 
unde hamaschvar (die von blut und vom hämisch gefärbten helden) N. 
Adjectivisches bei wort: Waten schifd^ alten Ku. in Etzeln hof d^s riehen 
N. ir mcere beider (ihrer beider pferde) Biterolf. ir lip beider Lohengrin. 
Gen., von einem adj. abhängig : manege Schilde volle man dar Schatzes truoc 
N. Bezeichnung der herknnft: des fürsten milte % Osterrtche (die frei- 
gebigkeit des ftirsten aas Oesterreich) Wa. dür dSn werden fürsten habe 
eralagen von Kölne Wa. mtn meister klaget sS sire von dSr Vogelweide 
Singenberg. des fürsten panier von Bräbant Lohengrin. des hant von 
Riuwental Neidhard. got wei^ das; wol von himele N. Sogar der grdve 
zonüiche sprach von dihn lichten brunnen Stricker. Andere durch eine 
praepos. an ein snbst. angeknüpfte bestimmnngen : mtner reise ir stt mit 
iu gewert (dass ich mit mit euch reise, ist euch bewilligt) Wo. si begunde 
ir Sprunges gähen von dem phärde üfe^ gras (sie beeilte sich von dem 
pferde auf das gras zu springen) Wo. gro^jämer ir^ nach im gebot Wo. 
iuwers ritens wcere von mir ztt (es wäre zeit dazu, dass ihr von mir rittet) 
Wo. ir komens was er zuo zim vrö Wo. von golde und von gestdne was 
eg überhangen mit einem netze riche (mit einem netze aus gold und edel- 
steinen war es bedeckt). Stellung solcher bestimmnngen vor den artikel: 
dö si ze Hegelingen der verte heten muot Ku. mit Ghuntheres mannen da^ 
spil er in verbot N.; bei ankntipfung an ein adj. oder part.: gein valsch- 
heit diu tumbe Wo. nach prise die vil gevamen Wo. Dieselben durch 
ein subst. abgetrennt: ich was ein volley va^ süntlicher schänden (ein ge- 
fäss voll von) H. diu heimliche linde von rügen und von winde (die vor 
regen und wind verwahrte linde) G. zw^e stritiger man nach werltltchen 
iren (die mehr nach ehren strebten) H. unr stn vertribene Hute von unser 
8iU>er landen Ku. be^'agten pris mit ritterschaft (mit ritterlichem tun er« 


86 Syntax.. I. Einfacher satz. 

worbenen preis) Wo. si ist zollen eren ein wtp wol erkant (sie ist eine 
frau, von der man weiss, dass alle elire an ihr ist) Morangen. Nachge- 
stelltes adv., von dem adj., zu dem es gehört, getrennt: mit leidigem muote 
vü Passional. Sehr selten sind freiheiten wie e^ lech min vater Hagene 
hundert unde drt einem vater bürge En. 

Anm. Vgl. noch über Wortstellung § 203. 256. 260. 330; über Wort- 
stellung im abhängigen satze § 335, 1. 341. 346. 349 und besonders 356. 7. 

Subject und praedicat. 

§ 196. Das subject war ursprünglich schon in der per- 
sonalendung des verbums enthalten. Im mhd. kann dieselbe 
aber nur noch in bestimmten fällen allein als subj. genügen. 

1. Wie im nhd. bei der 2. pers. des imp. Es kann dem- 
selben aber auch ein pron. beigefügt werden^ welches entweder 
vorangehen oder nachfolgen kann: du merke mine Ure, ir egj^et, 
übel hat (Schimpfwort), wis du von dan, "her Jcünic, ^t ir wüle- 
Jcomen. 

2. Bei der 1. pers. des imp. und dem conjunctiy, wenn er adr 
hortativ ist (vgl § 282. 3) : nu binden üf die helme (lasst ubs 
aufbinden), nu si uns willeJcomen (nun möge er uns willkonmien 
sein), dag sol s6 sin, nu si also, rücken (sie mögen rücken) 
eg vorne hoeher, decken bag dae näckelin. 

3. Bei dem fast wie ein adv. gebrauchten wcen = wcene 
ich : wir wcen unmcere geste U dem Btne sin (wir sind, glaube 
ich^^unangenehme gaste), si wem des lihte enbmren (sie würden 
wol den gern los sein). 

4. Vereinzelt in sprüchwörtlichen Wendungen wie selbe 
twte, selbe habe (du hast es selbst getan, magst auch selbst die 
folgen tragen). 

Anm. 1. Selten sind sonstige auslassungen des pron. der 1 sg.: hihrre, 
gerite al deste ba^ (ich werde um so besser reiten) Wa. hbe dichj herre 
G. q geschiht äne grölen list, und sage dir rehte wie 8^ ist Stricker. 

Anm. 2. Nur scheinbar ist die auslassung des pron. der 2 sg. in 
fällen wie vindest ieman, wes bist im geha^ (warum bist du ihm feindlich). 
Hier stehen vindest, bist für vindeste = vindestu, biste (vgl. § 88). 

Anm. 3. Keine ausnähme von der regel ist, wenn das subj. statt 
des nomens durch einen satz gebUdet wird. 

Anm. 4. lieber entnähme des subj. aus dem vorausgehenden vgl. 
§ 381. 2. 

§ 197. Es gibt [aber auch Sätze, die gar kein subject 
haben, indem durch sie nur ausgesagt wird, dass eine tätigkeit 


WortBtellmig. Snbject und pntedicat 87 

überhaupt stattfindet Man nennt dann das verb. nnpersön- 
lieh. Doeh wird anch dann der satz gewOhnlieh anf die 
normale form gebracht, indem ein eg als formelles snbj. bei- 
gefügt wird. Das eg fehlt wie im nhd. dann, wenn irgend eine 
bestimmnng dem verbnm vorangestellt wird, z. b. mich hungert 
gegen eg hungert mich; aber anch nach und ist es entbehrlich. 

§ 198. Unpersönlich werden im mhd. im allgemeinen die 
gleichen verba gebraucht wie im nhd. Ausserdem noch manche 
andere, vgl. mir ist wol gelungen, wie in gelungen wcere, do 
muose in misselingen, mir missegie (ich hatte schlechten erfolg). 
mir ist sanfte (wol), liebe, leide (weh), gäch (ich habe es eilig), 
mir geschiht liebe, leide, wol, übele, bag, wirs etc. mir ge- 
schiht ze ritenne etc. (ich komme in die läge zn reiten). lieber 
andere vgl. § 265. lieber unpersönliche passivische Sätze vgL 
§ 290. 

§ 199. Der normale satz verlangt für das praedicat ein 

verbum. Sollen daher andere Wörter als praedicat fungieren, 

so wird ihnen in der regel wie im nhd. eine form des verbnms 

sin oder werden beigegeben, die sogenannte copula. Auf diese 

weise können nicht nur nomina, sondern innerhalb gewisser 

grenzen auch adverbia praedicat werden, namentlich alle die^ 

jenigen, welche kein entsprechendes adj. zur seite haben. Vgl. 

er ist da, hie, darinne etc. uns mir bi (sei in meiner nähe), unr 

sin der bürge näh^ eg was noch vil unnähen (es war noch 

weit davon), er wart des innen, dag ist s6, er ist eine, aleine, 

er wart freuden dne (ohne freude, der freude beraubt), dag ist 

wol (gut, in [der Ordnung), er was wol des hoves (stand mit 

dem hofe gut), er was ge hamasche wol (in bezug auf hämisch 

wol versehen). lieber genitive als praed. vgl. § 258. 

Anm. Aach die sätze mit copula können unpersönlich sein. VgL 
itg ist heis; etc. M dtn liuten ist aö gußt (es ist so angenehm bei leuten 
zu sein), ze d&n tum wart vil enge (in den türen fing es an eng heiza- 
gehen). nuwaslB^über desjäres ziL dem ze ritterschaft ist kunt (der mit 
ritterlichem wesen bescheid weiss); ebenso mir ist kunt umbe. tote dir st 
gewi^^en (was dir bekannt sei) unibe der küniginne muot N. 

§|200. In gewissen fällen kann die copula entbehrt werden, 
so dass der satz ohne verbum ist. Vgl. vil mtchel iuwer genäde 
(gross ist eure gnade), so hceher berc, s6 tiefer ial (je höher 
der berg, um so tiefer das tal), s6 hoeher ire, so tiefer vai, ie 
grcßger sände, ie tiefer helle und heiger fiur und ie groeger martel. 


88 Syntax. I. Einfacher satz. 

toer danne fröer danne der tiuvel (wer war da froher als der 

tenfel) Berthold, er smlic man^ si smlic wtp, er schalo dar 

triege sinen herren (der ist ein gemeiner mensch, der seinen 

herm betrttgt). dag ist ze zwein dingen guot: dag eine, dag . . 

dag ander, dag . . Berthold. 

Anm. Seltener sind solche sStze wie und Sr dBs endes sä zestunt 
(und er schlag alsbald die richtong ein) G. 

§ 201. Hierher gehören auch eine anzahl von Sätzen, die 
man gewöhnlich nicht sehr treffend als elliptisch bezeichnet^ 
wie hie der lewe, dort der man H; hie slac und da stich H; 
hie dog, dort schal Herbort (ähnlich oft); stürm, slac, stich, 
dög, schal, geschreige, ruof, dbg ib.; üfdie ros, sper an die hont 
ib.; wol balde zwene Jcnehte her (zwei knechte mögen rasch 
her kommen) G; wä nu ritter unde frouwen? (wo sind ritter 
und damen geblieben) Wa; wa nu sper? (speere her) Wo. BMßg 
sind unpersönliche Sätze der gleichen art, namentlich impera- 
tivischer natur, vgl. wol äbe von den rossen euo mir üf dag lant 
Alphart. So besonders wol her, wol hin, nu hin, wol dan (von 
dannen auf), nu dan, nu dar (dahin), nu zuo, nu naher etc.; 
wie nu ? (wie ist es jetzt = was soll das), wie do? (wie dann^ 
was dann) ; wol mir oder mich, wS mir. Hierher können auch 
die interjectionen gezogen werden, deren satznatur deutlieh 
iiervortritt, wo sie mit einem abhängigen casus verbunden 
werden, z. b. ach mtnes Ubes (vgl. § 267). Auch Sätze ohne 
praedicat kommen vor, vgl. wag ob (wie wenn, häufig durch 
„vielleicht" zu ttbersetzen); wag danne (was ist dann^ was liegt 
daran) und das synonyme wag darumbe, beide mit nachfolgen- 
dem hypothetischen satze. 

Praedicat und attribut. 

§ 202. Im allgemeinen kann jedes praedicative verhält- 

niss in ein attributives umgesetzt werden. Auch die praep. 

mit ihrem casus kann attributiv werden, vgl. got von himele,. 

herzöge üg dsterriche etc. In beschränktem masse auch ad- 

verbia, vgL hie min hant. 

Anm. 1. Stellung des adv. zwischen art. und subst. wie im griechi- 
schen kommt nur ausnahmsweise vor: diu ir unmä^en schcene (unmä^en 
adv., eigentlich dat. pl. des subst unmd^e) N. 'In folge davon entwickelt' 
sich ein flectiertes adj. : ze unmä^er wU (in nnmässiger weise). Ganz za 
adjectiven geworden sind so die adverbia nähe und verre. 


Sabject n. praedicat. Praedicat u. attribut. 89 

Amn. 2. Attributive construction wird nicht selten angewendet, wo. 
wir im nhd. einen gen. part. oder eine praep. gebrauchen: ein stn lant- 
man (einer seiner landsleute, ein landsmann von ihm), einem friunde mtn, 
ein dir Hurste man (einer der wertesten mSnner)! ein da^ achcsnste gras, 
ein der Biterolfes man, deheiner ainer vrümecheit etesUch mtn zolnasre 
(mancher von meinen Zöllnern), mit hundert i^nen mannen, weihe mtne 
mäge zlr kochzU weüen stn, 

§ 203. Zwisehen praed. und attribut lässt sich keine ganz 
seharfe grenze ziehen. Es gibt etwas mittleres, das wir als 
praedicativesattribut bezeichnen können. Dieses charakte- 
risiert sich dadurch, dass die eigenschaft nicht als schon dem 
subst. anhaftend gedacht, sondern ihm erst in dem augenblicke, 
wo man den satz ausspricht, beigelegt wird. Wegen seiner 
grösseren Selbständigkeit kann es von dem zugehörigen subst. 
getrennt werden. So kann jedes adj. gebraucht werden. Vgl. 
er hestuont si müeder (griff sie an als ein müder), er Team wdl 
gesunder an da^ lant weit ir dar hlo^er (ungewaffent) gän, also 
nagger muose ich scheiden, den lieg (verliess) ich wol gesunden, so 
ivir dich tragen töten für den hruoder dtn, der was der erste dar 
komen (als der erste, zuerst), nieman lebet so siecher (niemand, 
der so krank wäre), da bedorfte ich rätes isuo gegeben (ich hätte 
nötig, dass man mir dazu rat gäbe). So werden besonders häufig 
vol, al, halp, ein, beide, selbe gebraucht: siben tage volle (volle 
sieben tage), allen den tac (den ganzen tag); dag er vor minnen 
aller begunde brinnen; si muose ir gorn allen län. der mtnen 
schaden halben (die hälfte meines Schadens) nie gewan; ich wil 
der wärheit halber niht verjehen (die Wahrheit nicht bloss zur 
hälfte bekennen), in einen (ihn allein) muog er minnen; an iu 
einer; lät mtn eines wesen dri (lasst statt meiner, des einen, drei 
sein); min eines hant etc. (daneben aber auch unflectiertes einCy 
wozu das compositum aleine = nhd. allein), under den kargen 
beiden, des ich selber nie gepflac; ich kan iu selbe (schwacher 
nom. sg.) niht gedanken; dich selben, mir selbem oder selben, mir 
selber (vom fem.); mtn selbes swert etc.; in Verbindung mit 
Ordinalzahlen selbe ander, dritte, vierde etc. Auch neben einem 
rein praedicativen adj. kommt das praedicative attribut vor: 
so wcere er maneges begger tot (so wäre er als toter viel besser, 
d. h. so wäre es viel besser, wenn er tot wäre) 6. Vgl. § 292. 

Anm. 1. Als praedicatives attribut kann ein adj. auch in abhängigkeit 
von einer praep. gebraucht werden: nach größer stner Bre (so dass es ihm 


90 S^tax. I. Einfacher salz. 

zu grosser ehre gereichte), nach starkem iutoemi leide. b% gestmdem 
Hnem Wte, 

Anm. 2. Das praedicaüve attribat kann auch für ein partitives ver- 
hältniss gebraucht werden (vgl. § 202 anm. 2): sie weinten sumeUehe (es 
weinte mancher von ihnen) N. edel %mde rtche sint sie sumeliche Wa. dSn 
bot man sumeltchen ros und h$rlich gewant N. troume sint sumdtche 
senftey die andern starc Berthold, jd sint iu doch genuogen diu mcBre wol 
bekant N. die das; zShenteü (von denen der zehnte teil) niht wdpens 
mohten hän Lohengrin. die körnen nach ir sorgen iesUcher heim En« dö si 
üz den schiffen von dSm mer iesUcher reit zuo siner schar Wo. dSn sitzen, 
disen leinen (sich lehnen) sach man manegen dBgen N. 

Anm. 3. Ein subst. als praedicatives attr. erscheint nur noch in 
wenigen fällen: des starp er mensche (als mensch) und starp niht got. 
dd got erstuont von dem töde wärer got und war mensche, äJtn gebar sie 
maget reine (als eine jongfran). ein Wäleis von dSr muoter din bistu ge- 
bom Wo. da^ ich in ritter solde tragen Biterolf. ich scheide iuwer ge- 
vangen hin H. Für ein partitives verhäitniss : wasr Swarzwalt ieslich stüde 
ein Schaft Wo. 

Anm. 4. Auch manche adverbia können entsprechend verwendet 
werden : ich schiet von ir aller vröuden äne. äJitr ist svoasre bt (der ist un- 
angenehm in der nähe, seine nähe ist unangenehm) Morungen. Ebenso 
praepositionen mit ihrem casus: da^ Sr ir wan in einem hemde beste (um 
sie bäte, wenn sie auch nur in einem hemde wäre) En. 

§ 204. Das praedicative attribut kann sich dem wirkliehen 

praedicate sehr nähern, indem das verbnm sieh der function 

der copnla nähert. Vgl. diu heide wol geblüemet stät die 6 da 

wunde lägen, die venster sä^en vrouwen vol (voll von franen). 

ouch gienc der walt wildes vol. guJMner schellen -Jdenc dag 

netze vol. Ganz wie ^n, auch mit substantivischem praed. 

werden gebraucht dünken, schinen, beliben, heigen. Synonym 

mit beliben iBt bestän, aber nur mit adjectivischem praed.: dag 

sper doch ganis bestuont; ähnlich gestän: schaffe dag ich frö 

geste (froh werde) Wa. 

Anm. Das subst. maget oder magedin wird zuweilen praedicativ verr 
wendet in fällen, wo sonst kein subst zulässig ist: aUer wibe wünne diu 
git noch magedtn (die herrlichste aller frauen ist noch Jungfrau) Eürenberg. 

§ 205. Ein praedicatives adj. kann anch in beziehnng zu 
einem objectsacc. gesetzt werden, mit dem es dann, wenn 
es nicht nnflectiert gelassen wird, in formelle äbereinstimmnng 
gebracht wird. Diese construction findet im mhd. noch etwa43 
ausgedehntere anwendung als im nhd. YergL ich gelege in 
wüeste ir bürge N. ja vellent sine dcene (melodieen) manegen 
hell tot N. man sol si erslähen tot Passional. si gewan ir 


Praedicat nnd attribut. 91 

Hartmuoten holden (sie erreichte, dass ihr Hartmnt geneigt 
ward) Eu. si wcenent dag ich in schüefe erslagen Wo. er hete 
in heigen geblant Herbort, den sagent sie von Sünden vri, oh 
du mir in sagst Jcumenden äne wunden LohengriD. min sin dich 
kreftec merket Wo. Besonders hervorzuheben sind die verba: 
tuon, wie nhd. machen gebraucht, welches im mhd. in dieser 
Verwendung viel seltener ist: dag lant si im täten undertän; 
ich tuen iu dienest schtn (ich mache euch dienst sichtbar, ich 
zeige, erweise euch dienst); tuet mich von sorgen erlost frumen 
in gleicher bedeutung: ja vrumte er manegen helt tdt; si frumten 
derhelde vil erslagen, lägen: dag si alleg war lieg (wahr sein 
liess, leistete) ; dag lieg er harte stoete (das hielt er beständig) ; 
dag lät iu leit (das lasst euch leid tun), sehen: ir sehet mich 
wol gesunden, vinden: dag man in so rehte hirlichen vant. 
wiggen: ich weig in wol so küenen; ich weig eg wareg, er- 
kennen: ich erkenne si so kiiene. haben in der bedeutung 
„wofür halten^ behandeln als": habe die statten minne wert; 
man sol in holden hän. Bei Umsetzung in das pass. entsteht 
natttrlich ein praedicativer nom. neben dem subjectiven: ouwe 
mtnes bruoders, der tot ist hie gevrumt sin prts was so hdch 
erkant, kamere unde tüme (tttrme) wwrden vol getragen, 

§ 206. Bei heigen und nennen steht auch ein substanti- 
vischer praedicativer acc. (nom. bei dem pass.). Derselbe 
findet sich ausserdem in gewissen Verbindungen: einen ritter 
machen, maget lägen {die künegin er maget lieg). Vereinzelt 
sind constructionen wie he wolde si maken sin toif Yeldeke. 
dag wäre hluot macht in der enget husgenög Helbling. ja mohte 
man in selben einen guoten swertdegen vinden Eu. dag man 
sie erkennet dag beste wip Gliers. wiste er dich Tristanden Tristan 
mönch. Gewöhnlich müssen die praepositionen ze oder für zu 
hülfe genommen werden^ meistens übereinstimmend, teilweise 
aber auch abweichend vom nhd. Das im nhd. ähnlich gebrauchte 
als findet sich in dieser Verwendung noch nicht. Vgl. den hete 
er ze einem lügencsre (den hielt er für [einen lügener); waw 
häi mich für einen man, wcere er ze rihtosre erkant die sint 
erkant für guotiu wip, zeit mich für die armen (betrachtet 
mich als eine arme), der zel si ze keinem buoche (der schätze 
sie nicht für ein buch). Diese construction kommt auch bei 
solchen verben vor, die einen einfachen acc. oder nom. bei sich 


92 Syntax. I. Einfi^cher satz. 

haben können: die Krist ze gote nanden Rad. y. Ems. sol man 

den für einen wisen nennen Wa. sie endühten sich ze nihte 

N. Ferner neben einem gen. : ir jähet min ee Teebesen (ihr habt 

mich für ein kebsweib erklärt) N. 

Anm. Selten stellt statt des praedioativen acc. der nom.: den heilet 
man ein bceser man Kenner. dSr nennet sich dSr ritter röt Wo. und lä^e 
mich ir töre stn Keinmar. Vgl. J. Grimm, Kl. Sehr. III, 340. 

§ 207. Analog dem praedicativen acc. eines nomens können 
wider manche adverbia gebraucht werden: 

wir hat mich mtnea kindes äne getan? lä^ dir eine witze bi (beobachte 
in einem dinge ein verständiges benehmen) Wo. Ebenso praepositionen 
mit ihrem casns: die selben machent uns die biderhen äne schäme (die 
edelen schamlos) Wa. lä mich äne not (unbelästigt). da^ Id^e ich äne ha^ 
(dawider habe ich nichts einzuwenden), in hohem prtse erkenne ich man- 
egen Biterolf. do mohte man si kiesen an herlichen siten (bemerken, dass 
sie ein herrliches benehmen hatten) N. die höveschen prüeveten stniu kleit 
wol nach knappeltchen siten (urteilten, dass sie der sitte von knappen ent- 
sprechend waren) Wo. swer^ an im wei^ (wer weiss, dass es an ihm ist) 
Wa. ich wei^ iuch in dSn tugenden. die man hat erkant in also stcetem 
muote H. ob ir d&r niht äne wandet j&ht (fdr makellos erklärt), nu en- 
fürhte ich niht d^ horrnmc an die zShen (dass der frost an die zehen 
kommt) Wa. w'6s sol ich danne in arken oder in barken j'6hen (wovon 
soll ich dann erklären, dass es in kisten oder in schiffen sei) Wa. Ueber 
praedioativen gen. vgl. § 258. 

Substantivum und adjectivum. 

§ 208. Jedes adj. kann wie im nhd. substantivisch ge- 
braucht werden. Es muss dann im sg. einen artikel oder ein 
adjectivisches pron. neben sich haben; vgl. der wtse und der 
tumhe, dag niuwe, dag beste, ein altiu — rtche und arme. Ohne 
artikel steht im sg. der von einem substantivischen pron. ab- 
hängige gen., vgl. § 253. Bemerkenswert ist, dass der superl. 
als praed. im mhd. unflectiert ohne art. wie der positiv ge- 
braucht werden kann: du bist allerliebest dag ich meine, scheine 
unde schcene, aller schcenest ist si. 

§ 209. Die pronominalen adjectiva ein und seine com- 
posita (dehein^ dekein, kein etc.), weder (welcher von beiden) 
und seine composita, welher, die composita von -Itch (iesUchy 
iegltch etc.), maneger werden substantiviert, ohne einen artikel 
zu hülfe zu nehmen. Man beachte besonders mtn gelich (meines 
gleichen), menne-glich (jeglicher der männer), alles leides geltch 
und ähnliches. 


Praedicat und attribnt. Subst. und Adj. 93 

§ 210. Die schwache flexion hatte ursprünglich substan- 
tivierende kraft. Beste davon finden sich im mhd. So werden 
alte, junge, tote, blinde, stumhe, sieche, dürftige, heilige als sub- 
stantiva schwach flectiert, auch da, wo die allgemeine regel 
für das adj. starke flexion verlangen würde ; vergl. swä blinde 
gät dem andern vor, mit dürftigen gewande (mit dem gewande 
eines bettlers). Von alters her auf die nämliche weise sub- 
stantiviert sind junger, eitern, herre (= Mrere), fUrste. 

§ 211. Von einigen adjectiven wird die unflectierte 
form des nom. ace. sg. neut. substantivisch gebraucht und 
dann wie ein gewöhnliches subst. flectiert: guot, übel, reht, liep 
(angenehmes), leit, war, das letzte nur in eingeschränktem ge- 
brauche : war sagen (die Wahrheit sagen), war hän (recht haben 
mit einer behauptung), für war, zewäre (flirwahr). Unflectiert 
gebraucht wird substantivisches ein: eg ist dl ein (es ist eins, 
einerlei); abhängig von praepositionen : in ein, enein (in eins, 
zusammen), über ein, under ein (unter einander) etc. Vgl. femer 
enzwei, envieriu (in vier stücke); über dl (allgemein, durchaus), 
mit alle, metalle, betalle (durchaus). Aus dem substantivischen 
gebrauche ist auch der adverbiale von al zu erklären: al blög, 
dl geliche, al swigende etc. 

§ 212. Solche substantivierte nom. acc. sg. neut. sind auch 
die quantitätsbezeichnungen vil (das adj. dazu verloren ge- 
gangen), me(re) (mehr, daneben das adj. merre grösser), wenic 
und das gleichbedeutende lützel (als adjectiva beide in der 
bedeutung „klein"), wmweroderwmre(weniger,als adj. „kleiner"), 
genuoc (genug, viel, auch als adj. üblich.) Sie sind als sub- 
stantiva indeclinabel und werden mit dem gen. part. verbunden: 
vil dinges, vil der eren, vil süeger freuden, vil Hute, me des roten 
goldes, lützel leides etc. Zugleich werden sie auch als adverbia 
verwendet. Seltener wird auch Meine so gebraucht, in der 
bedeutung „wenig", vgl. er engap ir niht ze ldeine\ mir ist ^n 
(davon) harte Meine her ze lande bräht lützel, wenic und 
Meine kommen auch mit dem unbestimmten art. verbunden vor. 

Anin. 1. Die formen des nom. -acc. müssen zuweilen auch den gen. 
.vertreten, oder vielmehr der eigentlich von dem substantivierten adj. ab- 
hängige gen. wird als abhängig von einem andern nom. oder verb. ge- 
dacht, vgl. d'(hr man vil dSr eren giht (viel ehre zugesteht, fihen regiert 
den gen.). da^ ist vil houfliute site. Auch statt des dat. kann die accusativ- 
form gebraucht werden: mit maneger fröude und liebes vü Dietmar mir 


94 Syntax« L Einfacher satz. 

und mire Hutes muo^ wol in ir dienste leiden Neidhard. mire stner vriunde 
tUe man <bs kunJt En. Gewöhnlich tritt dann aber statt des gen. der dat 
ein: das; 8i ml Hüten aol stn gemeine, zuo vil Hüten, mit freuden vü. 
mit winic Hüten, Zweideutig sind talle wie von größer liebe vil Wa. 

Anm. 2. Auch das part. ungezaU wird substantivisch mit dem gen. 
gebraucht: voUees, hordes ungezalt, 

§ 213. Aehnliche sabstantivierangen kommen aneh bei 

massbestimmungen vor, zum teil auch adverbial gebraucht, vgl. 

ich han so breit der erden, der strtt werte eines halben tages 

lanc. über lanc (nach verlauf längerer zeit), sin woere niht 

minner einer marJce wert si schämte sich niht eines häres grög. 

Anm. Nicht ganz sicher ist es, ob man Substantivierung anzunehmen 
hat in fällen wie ir habt gedrenge oder wtt Wo. minne tuot mir Keis; (vgl. 
zu Erec 4498). d&r wBc enhdt ze hei^ noch ze kalt H. 

§ 214. Die Zahlwörter eweinzec, drtgec etc., hundert, 
tüsent sind eigentlich substantiva, werden aber meistens als 
unflectierte adjectiva gebraucht. Auch die übrigen Zahlwörter 
können ebensowol substantivisch wie adjectivisch gebraucht 
werden, vergl. ewelf küener man, starker rigele viere, guoter 
videlcere drt, 

§ 215. Substantiva ohne art. als praed. gebraucht, 
können sich der natur von adjectiven annähern, vgl. e> ist 
schade, vrume (vorteilhaft), dag ist in ere, dag ist sin, dag sint 
sinne (das ist verständig), dag was dem fürsten ande (ver- 
driesslich, eigentlich verdruss). deist dir eom (das ist dir ver- 
anlassung zum zom). In andern fällen nähern sich substantiva 
der function von adverbien, z. b. in was euo einander ger (ver- 
langen). Folge dieser annäherung ist, dass solche substantiva 
mit wirklichen adjectiven oder adverbien parallel gestellt werden: 
dag was in leit unde eorn\ eg wcere ir schade unde schedelich; 
in was vil ange (adv. zu enge) und ande\ dass adverbia bei- 
gefUgt werden, namentlich so: sit wurden si im s6 vient; swie 
grimme und swie starke si im vient wcere; im wart unmägen 
gom\ mir wart nie s6 not diner helfe; s6 dürft enwas mir rätes 
nie (solches bedürfiiiss nach rat hatte ich nie); ouch was in so 
ger (hatten sie solches verlangen) an in; swie zom dem wirte 
wosre (wie zornig der wirt sein mochte); dass endlich ein com- 
parativ oder superl. -gebildet wird: do enkunde GtselMre nimmer 
zomergesin; der reinen stat helfe (gen.) noch nie nceter wart; dag 
im nie orses dürfter wtxrt; der was den Kriechen scheder danne 


Subst. und adj. Pronomina. 95 

ieman; d6ne hunde im Kriemhüt nimmer vinder gewesen; der 
ir aller vtendest ist; dag ist gar sünde — dag ist aber sünder. 

Pronomina.^ 

§ 216. Für die anrede an eine person aas den höheren 
gesellschaftoklassen ist der plur. des pron. der 2. person üblich. 
In der poetischen spräche aber, namentlich des volksepos und 
der lyrik gestattet man sich neben dem ir anch noch das du. 
Beides steht oft in raschem Wechsel neben einander. YgL ick 
gihe iu gerne dag ich in wese holt; du hast mit dienste Mute 
dag versölt En. 

§ 217. Das reflexivpron. hat den dat. verloren. Als er- 
satz dafbr gebraucht man nicht wie im nhd. die accusativform^ 
sondern den dat. des geschlechtlichen pron. der dritten person 
im, ir, pl. in. Der gen. ^n gilt nicht mehr wie sich ftlr alle 
geschlechter nnd nnmeri, sondern nnr fUr den sg. m. und n., 
das fem. nnd der pl. mnss durch ir ersetzt werden. Anderseits 
hat sin sein gebiet erweitert, indem es nicht mehr bloss reflexiv 
ist. Entsprechend ist das aus dem reflexivpron. abgeleitete 
poss. in seiner beziehung auf den sg. m. und n. beschränkt, 
aber nicht mehr bloss reflexiv. Als ersatz fUr die beziehung 
auf das fem. und den plur. wird der gen. ir verwendet, z. b. 

ir friundes, ir friunde^ ir friunden etc. 

Anm. 1. Anhängong adjectiviseher flexionsendnngen an den gen. iry. 
wodurch derselbe zum possessivpron. wird (ires, irem etc.), kommt ver- 
einzeit schon frühzeitig vor nnd wird zuerst im md. regel. 

Anm. 2. Eigentümlich ist beibehaltnng des reflexivpron. bei Um- 
setzung in das pass., wo keine rückbeziehung auf das subj. mehr statt hat ^ 
dss wart sich von in angenomen Lanzelet Anders geartet ist dSr was 
sieh wol gefii^^ea (ib.), wo das pron. ganz fortfallen sollte. 

§ 218. Das pron. er hat häufig stärkere demonstrative 
kraft gerade wie der: er was ir noch vil fremede, dem si wart 
sider (später) undertän. gedachte man ir niht, von den dar werlte, 
guot geschäht. 

§ 219. Die beziehung des pron. der 8. person wechselt 
oft in dem selben satze, mehr als es jetzt fbr zulässig gehalten 
wird: si was des an angest ga/r, dag si (ihre Schwester) iemen 
hrashte dar, dSr ir kempfen überstrite (ihren eigenen kämpfer 


Ueber das fehlen des snbjectspron. vgl. § 196 und 381. 2. 


96 Syntax. I. Einfacher satz. 

besiegte), ob si ir joch ein jär Ute (wenn sie der Schwester 

auch ein jähr fnst gäbe). 

Anm. Zuweilen bezieht sich das pron. auf ein erst im folgenden 
genanntes snbst. : si mac sin g'dme hugen dSs Firünhilt verj'ihen hat (Brünn- 
hild mag gern zurücknehmen, was sie behauptet hat) N. dd gr da^ ge- 
hörte, me liep das; Chanthere was N. hat Sr sichs gerüemet, (ts; git Sifride 
an d&n Up N. Vgl. dazu auch solche falle wie ^n habe deheiniu grce^er 
kraft dan unsippiu geseüeschaft (es habe keine frenndschaft grössere kraft, 
als die verwandtschaftelose, die unter unverwandten) H. 

§ 220. Wie eg als formelles snbjeet des unpersönlichen 
fiatzes fungiert, so kann es auch für ein ganz unbestimmtes 
object gebraucht werden (vgl. nhd. es treiben). Hierher ge- 
hören namentlich die Wendungen: eg rümen (platz machen, sich 
entfernen), eg scheiden (eine entscheidung herbeiführen), eg 
süenen (eine Versöhnung, einen frieden zu stände bringen), eg 
tlchen (tätig sein), e'ß; heben (den anfang machen), eg erbieten 
(vergl. ir erbutet mir eg hie so wol [ihr habt mich hier so gut 
behandelt]), eg wol tuon, eg guot tuon (sich auszeichnen), eg 
^enblanden (sauer werden lassen, vgl. wir müegen eg starke en- 
blanden den armen und dm handen), Vergl. noch swer eg da 
guot gewan, der holte eg unsanfte (wer da einen vorteil gewann, 
der erlangte ihn mit mtthe) Eu. 

§ 221. Als unbestinuntes persönliches subj. gebraucht man 
im mhd. wie im nhd. man. Das gefUhl fllr die ursprüngliche 
bedeutung des wertes ist aber im mhd. noch lebendiger. Daher 
kann es in dieser Verwendung auch mit dem art verbunden 
werden (vgl. der man nmog vil übersehen^ ein man sol haben 
ere) und es wird bei einer rtickbeziehung das pron. er ange- 
wendet: des oberes mohte man eggen swie vil oder swag er 
wolde. so man aller beste gedienet hat dem ungewissen manne 
s6 hüeie (httte man) sick danne dag er in iht beswtche (dass 
man von ihm nicht betrogen werde). 

' § 222. Das nentrum der pronomina.wird häufig auf einen 
satz oder einen unausgesprochenen gedanken bezogen. 
In dieser Verwendung ist von dem pron. der 3. person der gen. 
es noch allgemein üblich, wenn auch schon sin daneben Tor- 
kommt, während auf ein männliches oder neutrales subst. .be- 
zogen es schon fast durchweg durch sin verdrängt ist Der 
dat. wem ist nur persönlich; im und dem können auch auf 
Sätze und gedanken bezogen werden, aber nicht in abhängig- 


Pronomina. Artikel. 97 

keit von praepositionen. Nach diesen stehen statt des dat. 
die instrumentale diu und wiu, vgl. § 269. Noch gewöhnlicher 
aber fungieren wie im nhd. statt der praep. mit ihrem casus 
däy wäj stvä und hie in Verbindung mit den bezüglichen ad- 
verbien: davon = von diu, darumhe = umbe da^ etc. Nicht 
selten greift diese construction auch schon über in die beziehung 
auf nomina : e^ ensin niht Meiniu moere darumhe er her geriten 
ist, er ist ein schcene heide, darabe man hluomen brichet wunder 
(von der man wunderbar viel blumen bricht). Gyburge not da 

si inne was. von der bare da er üfe lac. 

Anm. 1. Auf ein den dat. (instr.) des pron. vertretendes adv. kann 
ein pron. bezogen werden: d(^ du niht trüwest gebe^^emy dd üebe din ge- 
dvU an. wie mohte sich Siimt da vor hewam da^ si truogen an (anstifteten) 
N. da^ mich kein arbeit da von gescheiden mac düs ich in mir bevinde. 

Anm. 2. Anch für sich stehend dienen znweilen die ortsadverbia 
zur Vertretung für einen casns des pron.: sft ir da^ dar ich trage unver- 
komen ha^? (seid ihr derjenige, gegen den ich unversöhnten hass trage) 
Wo. swar ich die sinne wenden wil^ diüs geUme ich schiere vil H. iuwer 
Mrze in stner hende ligt dar iuwer h&rze ha^^es pfligt (in der hand des- 
jenigen, gegen den) Wo. dd hin d'^ bilde ^ ist (zu dem hin, wovon es 
ein bild ist) Mystiker. 

Artikel. 

§ 223. In der anwendung des artikels ist das mhd. noch 
sparsamer als das nhd. Es sind besonders folgende fälle her- 
vorzuheben : 

1. Viel häufiger als im nhd. fehlt der art. bei abhängigkeit 
von einer praeposition. a) Wenn das subst als bezeichnung 
eines allgemeinen begriffs gebraucht wird: got gtt 0e hUnige 
swen er wil; jse ritter werden, machen; und so gewöhnlich^ wo 
die Verbindung mit ^e in praedicativem sinne steht, vgl. § 206. 
Femer bei raumbestimmnngen allgemeiner art wie £fe wälde 
(im wald, in den wald), ^e velde, ze hove (am hofe), jse kirchen. 
b) Bei räum- und Zeitbestimmungen auch^ wenn das subst. einen 
einzelnen gegenständ bezeichnet, der durch den Zusammenhang 
bestimmt ist: ze lande (in das heimatsland), her enlant (her in 
dies laut), von sedele stän (von seinem sitze aufstehn), über 
dhsel, under arm u. dgl. 

2. Entbehrlich ist der unbestimmte artikel neben einem 
verallgemeinernden pron. oder adv. (vgl. § 301 flf., 343, 2): 
swa^ munt von schcene hat gesaget, m^re denne ie Teint manne 

faul, mittelhochdeatsohe gxammatik. 6. aufl. 7 


98 Sjmtax. I. Einfacher satz. 

enbot (mehr als je ein kind einem manne erwies), nie heiser 
iccM^t so riche, 

3. Desgleichen, wo eine Wechselbeziehung zwischen ver- 
schiedenen wesen der gleichen gattnng ausgedrückt wird : friunt 
sol friunde U gestan, s6 friunt dem andern dicke tuot. 

4. Desgleichen in Wendungen wie ir sorge het nu ende, 
diu höchzit ende nam. 

5. Der bestimmte art. steht nie neben einem eigennamen^ 
dem nicht ein adj. oder ein titel vorangeht, auch nicht vor dem 
gen. weiblicher eigennamen, also der sweher Kriemhilde (der 
Schwiegervater der Kriemhilde). Auch wenn vrou vorhergeht, 
pflegt der art. zu fehlen: der junge sun vroun Uoten, 

6. Im epischen stile ist der bestimmte art. entbehrlieh 
neben einem subst., von dem ein gen. abhängig ist; gewalt des 
grimmen, Hagenen, zuJit des jungen heldes. tot des vergen (fähr- 
manns). in hove Sigemundes, Vgl. dazu § 191. 

7. Desgleichen neben einem subst^ welches durch einen 
relativsatz bestimmt ist: si sähen Icampf der vor in was, got 
vergelte iu gruog den ich vil gerne dienen muo;, Artüses her 
wider galt maricet den man in da bot i dag er von im selben 
goch harnasch dag er e het an. 

§ 224. Umgekehrt braucht man den art. in einigen fällen, 
wo er im nhd. nicht mehr möglich ist. 

1. In der anrede : ich wil dich warnen Hagene, dag Äldrt- 
änes Jdnt sit willeJcomen Stfrit, ein künic üg Morlande, nu 
zeige uns überg wagger, dag aller wiseste wtp. genäde, ein 
küneginne, 

2. Der unbestimmte art. steht neben Stoffbezeichnungen, 
wenn ein bestimmtes quantum des Stoffes gemeint ist: an ein 
gras (auf eine mit gras bewachsene stelle), mit einem brunnen 
(mit etwas frischem wasser). Häufig auch, wo man ihn nicht 
erwarten würde, bei vergleichungen : wtg alsam (wie) ein snL 
grüene alsam ein gras, swodre alsam ein bli, 

§ 225. Der unbestimmte art. kann im plur. gebraucht 
werden neben pluralia tantum: zeinen pfingesten, seinen sune^ 
wenden (zur zeit der Sommersonnenwende); auch in andern 
fällen^ wo eine singularische auffassung möglich ist: ze einen 
stunden, in einen ziten, einer dinge, mit einen Sachen, von einen 
genäden, ze einen eren. 


Artikel. Flexion des adjectiyiims. 99 

Flexion des adjectivums. 

§ 226. In der verwendang der starken und schwachen 
fiexion des adj. wird im grossen nnd ganzen der gleiche unter- 
schied gemacht wie im nhd. Hervorzuheben sind folgende 
eigenheiten. 

1. Hinter dem bestimmten artikel steht neben der regulären 
sehwachen form ausnahmsweise auch die starke: in dem be- 
touwetem grase G. vil der vamder diete (des fahrenden Volkes) 
N. die zwene hüene man N. 

2. Nach dirre kann sowol die starke als die schwache form 
stehen: dirre trüebe liehte scMn — dirre ungevüeger schal, dise 
guote heiligen. 

3. Nach aller ist die starke form regel, die schwache aus- 
nähme. 

4. Nach ein und nach dem Possessivpronomen steht die 
starke form im nom. und acc. sg. fast ausschliesslich wie im 
nhd., aber auch im gen., dat. und im pl. neben der schwachen: 
in einer kurzer stunt in siner Jcüneclicher hant Sogar beide 
formen neben einander: einer werden stierer minne Wo. 

5. In der anrede wird im pl. häufig die schwache form 
gebraucht, auch ohne vorgesetztes ir\ guoten Hute, werden Teint 
Im sg. fast nur die starke. 

6. Nach einem personalpron. kann starke und schwache 
fiexion gebraucht werden: ich armer — ich arme, mir armer 
— mir a/rmen, 

7. Die Possessivpronomina pflegen nur stark flectiert zu 
werden: die mine mäge (verwandte), die unser besten friunde. 
Auch substantivisch d&r min, daß; min. 

8. Vom superl., der ursprünglich immer schwach flectiert 
wurde, kommt auch im mhd. noch die schwache form vor in 
fällen, wo sonst die starke ttblich ist: des hUneges ncehsten 
möge, diene manne bcesten, dag dir manne beste Idne, aller 

dinge wirste (schlimmstes) ist der tot. 

Amn. lieber die Verwendung der schwachen form zur Substanti- 
vierung vgl. § 210. 

§ 227. Die sogenannte [unflectierte form hat im ahd» 
noch die gleiche function wie die flectierte starke form im 
nom. sg. (acc. sg. n.). Im mhd. ist eine Scheidung eingetreten, 
aber noch nicht so völlig wie im nhd. 

7* 


829675 


100 Syntax. I. Einfacher satz. 

1. Zuweilen steht noch die fleetierte form als praed. : nides 
was er voller Genesis, der tugint was er milder Alexander. 
sin jämer wart s6 vester H. 

Anm. Seltener steht die schwache fonn, abgesehen vom comparativ 
(vgl. § 138 anm. 3): ich was ad voUe scMltem Wa. Vgl. ELrans, Gedichte 
des 12. jahrh., zu V, 55. Nicht so selten sind, namentlich in jüngeren 
quellen formen des pari auf -e wie verworhte, unbekande (vgl. Kraus a. a. o. 
zu IX, 54), die aber wohl kaum vom Sprachgefühl als schwache formen 
empfunden sind. 

2. Die unfleetierte form ist neben der fleetierten in all- 
gemeinem gebrauch für den nom. sg. (acc. sg. n.) des attributiven 
adj. in der Stellung vor dem subst.: grö^ jämer, guot gebcerde, 
lieht gesteine, ein guot man, ein sidtn hemde, ein grüene gras etc. 
neben größer jämer etc. 

3. Bei nachstellung des attributiven adj. steht gewöhnlich 
die unfleetierte form ohne unterschied von casus, numerus oder 
geschlecht, vgl. § 189. Doch auch die fleetierte: herre guoter 
(in der anrede), an einen anger langen, ein wölken s6 trüebeg, 
nach siten hristenltchen. inre tagen iswelfen, boten manigen, jsins 
deheinen, 

Anm. Selten sogar, wenn das subst. den bestimmten art. vor sich 
hat: d&r knappe gv/oter. In diesem falle kommt zuweilen auch schwache 
flexion vor: (2er d^gen guote Biterolf. Ohne kongruenz steht z. b. in der 
Klage den hdt guote und d&m helde guote. 

4. Als praedicatives attribut wird das adj. in den obliquen 
casus flectiert, während jetzt die unfleetierte form gebraucht 
wird. Vgl. die beispiele in § 203. 

5. Als praedicat zu einem objectsaccusativ kann das adj. 
flectiert und unflectiert gebraucht werden, vgl. § 205. 

6. Von ein {dehein, kein) und vom possessivpron. wird der 
nom. sg. (acc. sg. n.) attributiv nur in unflectierter form gebraucht, 
auch im fem.: ein frouwe, min frouwe etc. 

7. Die flexionslose form al kann vor dem art. jede be- 
liebige fleetierte form vertreten: in al der werlte etc. 

8. Wenn ein, dehein, kein, iegelich, ieslich substantivisch 
verwendet werden, kann im nom. sg. (acc. sg. n.) die unfleetierte 
form gebraucht werden, falls ein gen. part. davon abhängt : ir 
iegeslich der zweier ein. Selten ohne gen. 

9. Es gibt einige adjectiva, die nur praedicativ in unflec- 
tierter form vorkommen wie gewar, gewon, gehag. 


Flexion des adjectivams. Congnieiiz. 101 

Anm. 1. Selten steht die onflectierte form eines adj. nach dem art.: 
O^möt dSr hochgemuot N. Qrämoflanz dSm höchgemuot Wo. die sorgen 
arm und die fremden rieh Wo. vntniu lant \md ouch diu (2m. d^r slüege 
dSn ungenennet Lohengrin. 

Anm. 2. Es kommt auch vor, dass mehrere durch und verbundene 
adjectiva verschieden fleotiert werden (vgl. Elrans, Gedichte des 12. jahrh., 
zu XI, 22): die getäten manegen töten tmde siech Roland, armen unde 
rtche Bother. armer unde her. Vgl. auch § 189 anm. 1. 

Congruenz. 

§ 228. Hinsiehtlieh der übereinstimmniig in genns, nnmerus 

und casus zwischen correspondierenden Wörtern innerhalb des 

einzelnen Satzes oder des Zusammenhanges der rede gelten für 

das mhd. im allgemeinen die gleichen regeln wie für das nhd. 

Die Übereinstimmung im casus geht nicht ganz so weit wie im 

lat, weil sie durch den gebrauch der unflectierten form des 

adj. eingeschränkt ist, aber noch weiter als im nhd., vgL § 203. 

205. 227, 3. 4. Die Übereinstimmung im genus und numerus 

ist vielfach dadurch beeinträchtigt, dass in viel höherem masse 

als im nhd. statt der grammatischen eine abweichende logische 

kategorie massgebend wird. 

Anm. Vgl. Schachinger, Die congmenz in der mittelhochdeutschen 
spräche, Wien 1889. 

§229. Häufig ist das natürliche geschlecht statt des 
grammatischen massgebend: ein edel magedin — si wart ein 
schcene wip. des hurcgräven tohterlin diu sprach, ein wip, diu 
guote tjoitze habe, diu teile ir manne mite (so fast immer, auf 
wtp bezogen, das fem.), da^ gotes Mnt, der uns erloste. Ver- 
einzelt kommt es sogar vor^ dass das attributive adj. sich nach 

dem natürlichen geschlechte richtet. 

Anm. Hierher gehört auch, dass bei eigennamen für rosse, Schwerter 
u. dergL nicht das geschlecht des eigennamens, sondern das der gattnngs- 
bezeichnung massgebend wird: Gringuljete (Gawans ross), da^ TJrjän er- 
warp Wo. ouch treit er Balmungen (Siegfirieds schwert), da^ er vil Obele 
gewan N. 

§ 230. Ebenso wird nicht selten statt des grammatischen 
sing, ein in der logischen auffassung möglicher plur. mass- 
gebend^ womit sich dann die unter § 229 besprochene anomalie 
verbinden kann: geistlich leben (der geistliche stand) triuget, 
die uns ze himele sölten siegen Wa. da^ richeste her, de'n 
Juno ie gap segeis luft Wo. dö kom ir ingesinde: die sümten 


102 Syntax. I. Einfacher satz. 

sidi des niht N. ander ingesinde sin, die sich auch gefliggen 

"hosten 6. alleg ir gesinde Jclagete mit ir lieben vrouwen N. 

diu ir ingesinde vor gesten solden tragen, mit werder diet^ 

von den ich mich Mute schiet Wo. dag inre volc gemeine gar 

gdhten an die0innenWo. uz beiden hern geselleschaft hörnen 

hie unde dort Wo. man e gen gast, die si doch gerne sähen Ku. 

manic degen guot schämten sich vil sere. maneger munter 

Teint vuor üf den gedingen (anf die boffnimg bin), dag si würben 

ere Ku. dag iesUcher recke in den satel sag und ir schar 

schihten (ordneten) En. ieweder lie dm stnen ligen und 

gahten (eilten) sus ze strite Wo. und über dag leite ie der 

man sine reisekappen (reisemantel) an und sägen üf ir ors 

(ross) also G. selbe funfzehende der m^rkis reit, die mit 

swertenprts heten da erhouwen Wo. swer gesiht die minnic- 

liehen, dem muog si wol behagen, dag si ir tugent prisent Ku. 

swer die mder reht hiuset oder in ir koste hat, die müegent 

alle got darumhe antwürten Berthold, swer da geste sin Wo, 

swag da was der vremeden, die sach man dannen gän. swag; 

der lebende sint (aber aueb swag boten drumbe reit) Ku. clo 

liefen im engegene vil der Guntheres rmm (aber aueb vil tüme 

ob [über] den zirmen stuont), hundert kanzwägene (lastwagen) 

eg möhten niht getragen. Aber aueb eg was bi den frouwen 

hundert ritter oder mSre {hundert subst, vgl. § 214) ; tüsent wider 

tüsent der Hartmuotes man dringen began. 

Anm. Wenn znr bezeidmung von zoständen der pl. angewendet 
wird (vgl. § 126 anm. 4), so kann ein darauf bezügliches pron. doch in den 
sg. gesetzt werden: dag ich dir sorgen bin erlän, diu manegen hat ge- 
bunden H. urloup ich nime zlhi fröud&n mtn\ diu wil nu ga/r von mir Wo. 
svoa^ iemen aaslden hat, diu muo^ von guoten wtben komen Lichtenstein. 
Vgl. zu Nib. 2269, 3 n. zn Iwein 8112. Aehnlich auch von mceren diu mir 
ist gesaget Tristan mönch. 

§ 231. Bei beziebung auf mebrere Wörter versebie- 
denen gescbleebtes wird in der regel das neut gebraucht: 
er vuorte dag wip und den man, und volgte im dewederg (keins 
von beiden) dan. guot spise und dar nach senfler släf diu 
wären im bereit wir wären kinder beidiu dö (sagt Grabmuret 
von sieb und Ampblise). 

Anm. Das neutram kommt auch vor, wo ohne beziehnng auf be- 
stimmte substantiva, ein mensch, sei es mann oder frau, bezeichnet werden 
soll: hast du mir danne ein ander^ (ein anderer oder eine andere) Bert- 


Gongrnenz. 103 

liold. ja gcebe etdtche^ vü gerne: so enhät B^ stn niht ib. i^ helfent sehs 
phenninge ein arme^ ib. 

§ 232. Der sg. nent. wird angewendet für etwas, was 
seiner natnr nach noch nicht bekannt ist und erst bestimmt 
werden soll: eg was ein sun, dag si gebar; vergl. die beispiele 
in § 238. Dieser ansdnick der nnbestimmtheit wird znweilen 
beibehalten, wo schon eine bestimmte bezeichnung vorangegangen 
ist: TOS unde Meider daß; stoup in von der hant N. fürsten 
isugen e Joint: dag wurden ouch edeU fürsten. richiu tuoch von 
golde geweben des wil ich dir den vollen (die fülle) geben Ort- 
nit. der herlichen gäbe, do ir uns brähtet her in Etaeln lant 
mit triuwen, des gedenket N. 0welf Mener man, dag starke 
risen wären N. mit den banden, dag die senden (an liebesnot 
leidenden) heigent minnebant Neifen. von der diet gescheiden, 
dag da heigent valschiu wip Neifen. 

§ 233. Neben mehreren durch und verbundenen sub- 

jecten steht das praedicatsverbum nicht immer im pL, sondern 

auch der sg. ist ziemlich häufig: umh si begunde sorgen wip 

unde man. des was in unmuote (in betrttbniss) der künic und 

ouch sin wip. wag iu enboten hat Günther unde Prünhilt 

VolkSr wnd Hagene sd sire wüeten began. Ha/rtmuot und Irolt 

auo einander spranc. Selbst wo das eine ein pl. ist: zertretet 

was von der Hute krefte bluomen unde gras Ku. Hetele und 

die sine guoten luft gewan Ku. 

Anm. Andererseits kommt der plnr. vor, wo an das snbj. ein snbst. 
durch mit angeknüpft ist: den guoten nahtaelden (nachtherbergen)) die er 
mit stnen Heiden ze Bechelären nämen Biterolf Eskilabön mit den atnen 
wären alle nu bereit Fleier. Noch auffallender mit Wechsel: da^ siu ir 
holde lie^e zouwen (sich beeilte) wnd mit rittem und mit vrouwen gein dir 
paveiüne (za dem zelte) riten Lanzelet. 

§ 234. Selbst neben einem subj. im plur. ist der sg. 
des verbums nicht selten, namentlich bei voranstellung des 
letzteren: an disen ahte frouwen was rocke grüener denne ein 
gras Wo. Aber auch bei nachstellung: driu grogiu viur ge- 
machet was Wo. in des hant älliu dinc besloggen stat da 
sehs tüsent ritter was Lanzelet. 

§ 235. Die Übereinstimmung im casus erleidet eine ein- 

schränkung bei titeln, die eng mit einem folgenden eigennamen 

verschmelzen : künec Artuses u. dergL 

Anm. Etwas analoges ist es, wenn znweUen von zwei durch und 


A 


104 Syntax. I. Einfacher satz. 

verbondenen adjectiven nur das letzte eine flexionsenclang annimmt: lieh 
und Iddiu vncere, arme und riche heten in liep unde w'irden G. 

§ 236. Männliche snbstantiva, die einen stand, ein ver- 
hältniss bezeichnen, haben in der regel entsprechende weibliche 
ableitungen auf -inne {-in) neben sich: Mnec — Mneginne, friunt 
— friundinne. Doch können sie in beschränktem masse auch 
für weibliche wesen gebraucht werden, jedoch nicht mit einer 
attributiven bestimmung im fem. : da von ise friunt er si gewan 
Biterolf. dag ir iuwer swester ze vriunde möhtet hän. geselle 
wird als anrede an ein mädchen gebraucht. Vgl. zu Lan- 
zelet 8035. 

§ 237. Auf einer logischen confasion beruht es, wenn ein 
relativpron. anstatt auf einen pluralischen gen. part. auf einen 
sing., von welchem derselbe abhängt, bezogen wird: doch 
wählen si der manigen der noch släfende h^ 'S. si nam an 
im war einer der wunden diu an im was wol erkant H. 

§ 238. Wo zu einem subj. im sg. ein substantivisches praed. 
im pl. tritt, kann sich die copula nach dem letzteren richten: 
eg heigent alleg degene. des weig ich al gemeine fri dag nu 
Jcünege sint genant, dö vant man dem wirte riten bi, dag ouch 
hünege hiegen, swelfunde d/rt. Vgl. die beispiele in §232. Seltener 
steht umgekehrt der sg. statt des pl. : dag die und ir ein dinc 
^ Berthold, als wigget dag die namen dri ein got ungescheiden 
si Freidank. 

§ 239. Hinsichtlich der personalformen des verbums ist 

folgendes zu bemerken. 

1. Sind mehrere subjecte von verschiedener person vorhanden, so 
steht das praed. im pl. nnd in der form der ersten person, falls eins von 
den subjecten erste ist, in der der zweiten person, falls zweite und dritte 
subject sind : wes suln ich und mtniu kint danne Üben Berthold, da^ du 
und diniu kint deste awecher müe^et sin Berthold. 

2. Ist das subj. ein relativpron., das sich auf ein pron. der zweiten 
person bezieht, so pflegt doch das praed. in der dritten zu stehen, wäh- 
rend wir jetzt ein „der du", „die ihr'* mit zweiter anwenden: du snitertn 
diu da^ kom ah dem velde sntdet Berthold, ir fürsten die dSs käneges 
gerne wceren dne (die ihr den könig gerne los wäret) Wa. ir Mrren die 
da lant und Hute hahent. Doch kommt daneben anch die zweite person 
vor, vgl. ich sehe wol, ir ait vurzaget die mit mir hie sit Herbort; so regel- 
mässig im Passional, z. b. du valscher man, der die ungerehten machest 
sUht. Dort findet sich auch entsprechende Verwendung der ersten person: 


Congruenz. Gebranch der casus: Acc. 105 

GanKdid bin ich genant, der hie vor in den alden tagen habe die meiater- 
schafl getragen. 


Gebrauch der casus. 

1. Accnsativns. 

§ 240. Im gebraneh des acc. als objectscasns stimmt 
das mhd. im allgemeinen mit dem nhd. überein. Doch ist in 
einigen fällen der acc. im gebrauch, wo jetzt der dat. oder 
eine praep. mit ihrem casus oder noch anderweitige verändernng 
der constniction eingetreten ist. Andrerseits hat in manchen 
fällen der gen. noch die fnnction des jetzigen acc. (darüber 
vgl. § 264). 

§ 241. Folgende fälle abweichender Verwendung des acc. 
sind hervorzuheben: mich hilfst neben mir hilf et \ mich anet 
neben mir anet; mich genüeget; mich vervähet (mir verfängt, 
nützt) ; mich stät höhe neben mir (es kommt mir teuer zu stehn), 
entprechend ringe, vergebene stän (wenig, nichts kosten); vgl. 
die verwandten Wendungen mich hebet, ahtet, wiget höhe oder 
ringe (mir kommt viel oder wenig worauf an), einen Jclagen, 
weinen (beklagen, beweinen); einen sümen (aufhalten); etewa^ 
zürnen (worüber zürnen); etewag dienen (verdienen); ein dinc 
werben (sich um etwas bemühen) neben werben umbe ein dinc. 
er erbarmet mich (mir) neben seltenerem ich erbarme mich über 
in. Acc. der person und gen. der sache an stelle jetzigen dativs 
der person und accusativs der sache steht bei erlägen, wem 
(gewähren), entw&m (verweigern); vgl er erlät dich sin niht 
(er erlässt dir es nicht, verschont dich nicht damit), er werte 
si der bete, des man in mit reht entw&rt swag ir gebietet, 
des Sit ir gewert. Man sagt ferner einen eines dinges bescheiden 
neben einem ein dinc bescheiden (einem worüber bescheid geben); 
in dem selben sinne einen eines dinges bewtsen. 

§ 242. Der sogenannte acc. des Inhalts ist auch im mhd. 
ziemlich gebräuchlich : den schug schög mit eilen dag Sigemundes 
kint so swachen strit ich nie gestreit. jener trat hinder einen 
trit dag wir varen herevart. man swenke in engegene den 
vil swinden widerswanc (man führe den starken vergeltungs- 
streich gegen sie), du volgest mir die vart Alphart. s6 geriten 
havereise helde sorclicher nie N. dag si swinde blicke an ir 


106 Syntax. I. Einfacher satz. 

mande säch N. er schrei mit michelem grimme ein freisliche 
stimme Stricker. 

Einen aec. des inbalts kann man auch in solchen fällen 
annehmen wie sine venje vollen (zum gebet auf die kniee fallen); 
gerihte sitzen (gerichtssitzung halten); die fürsten sä^en ander 
Tcür (hielten eine Sitzung zu neuer wähl) Wa; da? hete si sin 
geno^^en (den vorteil hatte sie von ihm) Wo. als Adam des 
libes siechtuom an dem apfel a?, also a? er der sele siechtuom 
an dem selben apfd Berthold. 

Anm. 1. Selten steht ein acc. des inhalts neben einem sonstigen 
objectsacc. : dö wurde in aber Linier tn durch die halsberge stn eine wunden 
tief unde wU Lanzelet. swBr ^ einen blic an sach Fleier, die stangen ^ nach 
dSm ritter sluoc einen so ungefüegen slac ib. Vgl. Behsighel, Eneide C m. 

Anm. 2. Der acc. des inhalts kann bei Umsetzung ins pass. znm subj. 
gemacht werden. Ein fclr uns auffallendes beispiel: wan Mute dSr atrU 
von iu wirt überwunden Lohengrin. 

§ 243. In freierer weise steht der acc, wie es auch noch 
im nhd. möglich ist, neben einem sonst intransitiven verb. in 
Verbindung mit einer praepositionalen bestimmung: e'ß; fluochte 
der engel hundert tüsent ze töde. dag man einen menschen 
von sinen eren liuget 

§ 244. Ein doppelter acc. steht nicht nur in Überein- 
stimmung mit dem nhd. bei leren und X^o^^en,. sondern auch bei 
heln (verhehlen), verheln, verdagen (verschweigen), verswigen: 
doch hal er die maget dag, wie hast du mich dag verdaget Bei 
der Umschreibung in das pass. tritt zu Uren der nom. der per- 
son und der acc. der sache: er was diu buoch geleret; doch 
auch nom. der sache und acc. der person; sage uns wie der 
name dich geleret st Eonrad v. Würzb.; zu verheln, verdagen 
und verswigen der nom. der sache und der acc. der person: der 
(schanz) sol dich iemer gar verholen s?w. dag sol iuch unver^ 

swigen stn. 

Anm. lieber einen doppelten acc. bei verben mit an, üf vgl. § 273. 
lieber zwei accusative, von denen der eine praedicativ ist, vgl. § 205. 

§ 245. Bei den verben der bewegung wird der acc. ge- 
braucht zur bezeichnung des terrains^ auf dem man sich be- 
wegt (vgl. Haupt zu Erec 3106): dSr vuor wagger unde wege 
(auf strömen und auf wegen), walt unde steine lief er. sus lief 
er nach im ümbe die rihte und die hrümbe (auf geradem und 
auf krummem wege). mit baren füegen streich er waU unde 


Gebranoh der casus: Acc. Dat 107 

bruoch (moor). er reit grd^ ungeverte (durch sehr unwegsame 
gegend). Bei einem transitivum kann dann ein doppelter acc. 
stehen : stis fuorten si in berge und tal. ob ich ein michel her 
nach ir vüeren solte erde unde mer Eu. hin totste mich der 
waltman einen siic. da^ si sich sanfte legeten den grieg hin 
ee tal (auf den sand nieder) Eu. dö sie die widervart heim 
muosten vliehen Lohengrin. Ein verwandter gebrauch: wir suln 
siben hundert man die reise mit uns füeren Eu. 6 dag die 
Hilden vriunde ir reise JcSrten wider, 

§ 246. Nach wol steht in der regel der acc. (wol mich, 
wol si soelec wip), seltener der dat. 

§ 247. Der acc. wird endlich gebraucht zur bezeichnung 
der erstreckung über einen bestimmten räum, eine bestimmte 
zeit oder ein bestimmtes tätigkeitsgebiet. Er kann dann auch 
neben einem objects-acc. stehen. 

1. Raum : nu riten si eine walsche mile. swelhen ende ich 
Teere (nach welcher richtung). dag er die virre (ttber eine weite 
strecke) mohte wol erhellen. Daher die adverbialen einhalp 
(auf der einen Seite), anderhalp, innerhalp etc., einstt, andersit, 
dissit, jensit etc. (Vgl § 126, anm. 7). 

2. Zeit: nu dühte ouch alle eite dag Guntheres wip, si 
strichen (fuhren) (Ke tage jsuo der naht, die tage, die (während 
deren) ich si genäden bite, ich bin aber gesunt ein jär. des er 
bedürfen wolde und ein jär (für ein jähr) haben solde, nu was 
diu höcheit geleit die blüenden vier wochen, nunc loufet eg die 
lenge niht (geht es auf die länge nicht). Mit dem gen. wechselnd 
si lühten nahtes als den tac Stricker. 

3. Tätigkeitsgebiet: ich diente im aJber etewag (in einer 
Sache), swag geweinte Kriemhilt ich welle ir dienen swag ich 
Ican, Vgl. femer alle wäge (in jeder hinsieht, durchaus), manege 
tois (auf manche weise), deheine wis etc., die mäge (dermassen), 
ein teil {zum teil), meisteil {= meiste teil meistens), alleg (immer- 
fort), iht (in irgend einer hinsieht). Hierher gehören eigentlich 
auch vil, mS, genuoc etc. in adverbialem gebrauch (vgl. § 212). 

2. Dativus. 

§ 248. Der gebrauch des dat. weicht wenig vom nhd. ab. 
Statt des jetzt üblichen acc. steht er in einem ruofen (erst in 


108 Syntax. I. Einfacher satz. 

jüngeren qnellen auch der acc); einem schirmen (daneben aee.); 
einem betten; dem rosse gürten, engürten, enthalten (eigentlich 
ihm den zügel halten); reflexiv nach fürhten {so möhten si in 
fürhten = sieh f.). Statt einer praep. mit ihrem casus bei flehen 
(zu), hmren (auf), warten (auf), gestriten (es mit einem auf- 
nehmen); bei sin^ z. b. wie ist disem muere (wie ist es mit dieser 
geschichte)? imistalsd; einem guot (woT) sprechen (von einem 
gutes sprechen). 

§ 249. Im mhd. mttssen schon wie im nhd. vielfach prae- 
positionen zu hülfe genommen werden, wo in der älteren zeit 
der blosse dat. genügte. Reste des älteren gebrauches haben 
sich in bestimmten ausdrücken erhalten, die sich der natur von 
adverbien nähern, a) Ortsbestimmungen: heidenthalben (auf 
beiden Seiten), allenthalben etc., vieren enden (an vier punkten), 
manegen enden, b) Zeitbestimmungen: wilen{t) (ehemals), nähten 
(abends); auch morgen ist dat., daher nebenform mome aus 
morgene. c) Modale bestimmungen: den Worten (unter der be- 
dingung), ma^en (massig), unmä^en (unmässig). 

3. Genitivus. 

§ 250. Im gebrauch des gen. bei Substantiven stimmt 
das mhd. mit dem nhd. überein, nur dass die Verwendung 
desselben noch etwas ausgedehnter und freier ist, vgl. der eren 
hagel (hagel, der die ehre vernichtet), schür (hagelwetter) der 
ritterschefte, dag goldes werc (arbeit aus gold), ein scharlaches 
mentelin (mäntelchen von Scharlach), ein brünne rotes goldes 
(panzer von gold), manegen goldes jsein (stab von gold), langes 
lebens wän (hoflfnung auf), üf ir wän (in der hoflfhung auf sie), 
vorhte des man (furcht vor dem mann), Samueles minne siner 
viende (zu seinen feinden) Mystiker, ir vröude stnes kumens, 
mit iuwer unschuldecheit aller tätlichen Sünden (in bezug auf 
alle totsünden) Berthold, eine Mösen niuwes büwes (neuerbaute 
klause) Wo. 

§ 251. Besonders hervorzuheben sind die genitive hande 
(vgl. §128), slahte, leie, alle in der bedeutung „art", die 
mit speciellen und allgemeinen zahlbezeichnungen, aber auch 
sonst mit adjectiven verbunden werden; dabei wird hande^ 
wiewol der form nach nur pl., auch singularisch gebraucht: 
dller, maneger, einer, zweier etc., ander, welher, guoter, jcemer- 


Gebranch der casus: Dat. Gen. 109 

Ucher hande (slahte, leie); vgl. die nhd. reste allerhand, aUer- 
lei ete. 

§ 252. Bei stoffbezeiehnnngen wird der gen. pari, an- 
gewendet, wo im nhd. das wort flexionslos gebraucht wird: 
ein stücke brotes. ein trunc wa^^ers. ein fuoder guoten wines, 
eine ma/rc Silbers. 

§ 253. Substantivische pronomina indefinita und in- 
terrogativa haben den gen. part. nach sich, wo im nhd. ein 
attributives verhältniss oder andere eonstructionsweisen an die 
stelle getreten sind. So ieman (irgend jemand) und nieman^ 
vgl. iemen armer Hute, niemen mäge (kein verwandter), ander 
{n)ieman (niemand von andern, sonst niemand), niemen guoter etc.; 
dass guoter wirklich als gen. plnr. aufzufassen ist, ergibt sich 
ans fallen wie der mir noch nieman guoter touc. iht (etwas) 
und niht: iht dinges (irgend ein ding); iht guoter friunde (ir- 
gend welche guten freunde); iht liehters\ niht schoeners, niht 
so wol getanes etc. wa^ mit gen. ist nhd. was von, was für: 
wag Wunders (was von wunderbaren dingen); wag mannes er 
woere (was für ein mann); wag eren an im wüchse. Ebenso 
wird das relative swag construiert: swag Jcumbers, sptse, eren etc. 
Seltener steht der gen. bei dem masc. {s)wen wer herren zuo 
dem tage quam; swer guoter des gert; swerg ander boten wcere. 
Selten auch bei dag: alleg dag der gäbe von in wart genomen. 
dag er ir Utsters hat getan H. lieber den gen. nach vil etc. 

vgl. § 212. 

Anm. 1. Dnrch eine art von attraction wird zuweilen sogar das 
praed. zu einem solchen pron. in den gen. gesetzt: niht goldes wm so 
guotea ; dem was niht geltchj unde ist <mch unmügeUch da^ im iht geliches 
würde H.; mit Wechsel der construction : mich dunket niht so guotes noch 
so lobesam Minnesinger. Eine noch auffallendere attraction findet statt nach 
wan (ausser) : ob ander niemen Übte wan stn unde din (niemand als er 
und du) N. Mit Wechsel der construction: den schaz wei^ nu niemen wan 
got Wide min N. Statt des acc. : der vertU niuwan eines sp'&rs Wo. nemt 
ander trcßster danne m\n Singenberg. 

Anm. 2. Zuweilen ist ein gen. part. von einem orts- oder zeitadv. 
abhängig: swar ich landes kire Hausen, des nahtes wol enmitten N. dö 
gestuont ir klage düs Itbes nimmer mire (hörte nie in ihrem leben auf) N. 

§ 254. Neben dem substantivum fungieren statt des gen. 
der personalpronomina die Possessivpronomina (doch vgl. 
§ 217). Der gen. ist aber in dem falle gebräuchlich, wo ein 
anderer gen. dazu appositioneil hinzutritt: durch stn eines hag 


110 Syntax. I. Einfacher satz. 

(aus hass gegen ihn allein), von ir einer listen, nach iuwer 
selbes willen (nach eurem eigenen willen), unser eilender tot 
(der tod von uns heimatslosen), min armer Kriemhilde not (die 
not, die ich arme Kriemhild habe). 

§ 255. Der von einem pron. oder dem substantivierten 
neutr. eines adj. abhängige gen. wird vielfach durch dazwischen 
gesetzte Wörter von dem regierenden werte getrennt: swa^ im 
immer hunde geschehen großer ere. wer hat mich guoter gelesen, 
oh wir iht haben friunde., richer siner mäge wart deheiner mer 
(reicher ward sonst keiner unter seinen verwandten). 

Anm. 1. Dnrch eine praeposition von dem regierenden snbst. ge- 
trennt findet sich der gen. in Wendungen wie: Küdrün gie mit im düs 
hovea an ein ende Eu. dSs pälasea an eine ^ten Wo. er hete ir vil ge- 
grüe^et dSs li^es an ein zil (so, dass ihr leben ein ziel, ein ende fand) Ku. 

Anm. 2. Selten sind andere trennungen, abgesehen von den in 
§ 256 behandelten faUlen : der marcgrdve dSs Schildes hin im swanc ein 
vil michel stücke N. '6^ enwart nie böte enphangen deheines fürsten has; 
N. welch dSr site wcere dSr Hute in dSm lande, diu ze den freuden wiset 
des Ewigen Uhens. 

§ 256. Der grammatisch eigentlich von einem einzelnen 
subst. abhängige gen. kann logisch von der Verbindung des 
subst mit einem verb. abhängig werden. Diese Verschiebung 
der Satzgliederung zeigt sich dann auch in der Wortstellung. 
Vgl. miner swcere der ist leider aUe vil (swcere ist logisches 
subject, vil praedicat); des schaden in dühte der volle K; die 
mit Büedegere ze hove solden gän, der sach man da gekleidet 
vil manegen Mrltchen man N. So häufig des ist, wirdet, dunket 
ze vil, genuoc u. dgl. ere, schände, frumen (vorteil) hän eines 
dinges u. dergl. des stt äne sorge; des ir habt sorge; des Ubes 
Jcom in sorge da der westliche gast N. dSs ir habet gedingen 
(hoflfnung); des ich guoten willen hän; si heten kurzewile und 
vil m^neger vröuden wän ; des enist mir niht ze muote (danach 
steht mein sinn nicht) etc. des ist not (dazu ist bedürfhiss vor- 
handen); des gät mir not (dazu bin ich gedrängt), des ist ßit 
des wirdet mir buo^ (davon wird mir abhülfe) ; des tuon ich im 
buog. des ist (wirdet) rät (dagegen gibt es mittel); des hän 
ich rät (das kann ich entbehren), si wurden des ze rate (be- 
rieten sich darüber), eines dinges künde gewinnen (etwas kennen 
lernen), eines dinges ze ende (an ein ende) komen (etwas ganz ge- 
nau erfahren), eines dinges ze buo^e stän (wofür büsse, ersatz leisten). 


Gebrauch der casas: Gen. 111 

eines genäde hän (sich gnädig gegen jemand beweisen). soUier 
hilgerine hete Wate liitzel minne Ku. $ines Jcomens heten ha^ 
der hunic und si/oer da fürsten sa^ Wo. mich hat (nimt) wunder 
eines dinges (mich wundert etwas, ich bin neugierig worauf); 
ähnlieh michnimt angest, fr eise (sehrecken) ; des nimt in untüre 
(er macht sich nichts daraus) ; dag es alle die mac jämer haben 
Alexander, wa^ weit ir min (von mir), des wiggen unr niht 
mosre Ku.; des lieg ich wttiu mcere homen (das machte ich 
weithin bekannt) N. des was ie der vater geselle Wa. des 
wart dö böte Günther N. Uhes unde guotes soltu min voget sin 
N. Mnes lebens was er ein gast Alphart, so Tcumestu denne 
der Sünden in ein gewonheit Berthold, dag ich alles mines 
scaden zuo dir fluht welle haben Yorauer Sündenklage. 

§ 257. Hierher gehört auch der häufige gen., welcher 
neben niht in folge der ursprünglich substantivischen natur 
des wertes steht, auch da, wo wir es einfach durch nicht über- 
setzen: des enmac niht gesin (das kann nicht sein). s6 briche 
ich miner triuwe niht. min vrouwe Mget iuwer niht. ich wil 
din ze boten niht. ich scheide ir von einander niht, 

Anm. Der gebrauch des geu. ist zuweilen auf solche negative sätze 
ausgedehnt, in denen die negationspartikel nicht ursprünglich substantivisch 
ist: mir kom so lieber geste nie. also größer krefte nie mir recke gewan. 

§ 258. Der gen. kann auch praedicativ wie ein adj. 
verwendet werden: sit 5i des goteshüses sint (da sie dem gottes- 
hause gehören), diu sorge ist min eines niht (ich bin nicht der 
einzige, der die sorge hat), ob du der Hute bist (zu den leuten 
gehörst), die ir gesindes wären, eg ist s6 hoher mäge der 
marcgrävinne lip (sie hat so hohe verwandte), hohes muotes 
Wesen, er wart so baldes harzen. M ich als armer vuore bin 
(ein so armseliges auftreten zeige), ir sit hoher mcere (habt 
grossen ruf), des wart vil maneger slähte 5»w gedinge (hoflf- 
nung). minne tuot den man niht arges muotes. ich weig in 
solhes m/uotes Alphart, die er erkande der soliden und der 
güete H. magetlicher zühte sih ich den degen rieh N. den edelen 
marcgräven unmuotes (in ttbeler Stimmung) man dö sach N. dag 
man ir keinen m^e hoehers löbes nie vernam Biterolf 

§ 259. Zu adjectiven, die einen relativen begriflf be- 
zeichnen, tritt der gen. ergänzend hinzu, um die beziehung zu 


112 Syntax. I. Einfacher satz. 

bestimmen. Im nhd. steht teils anch der gen., teils umselirei- 
bnng mit einer praep. 

Vgl. wildes vol, ditr armüete lasre, kindes swanger, stritea sat, fügende 
fiche, guotes arm, ganzer sinne hol, triuujen bar, aller sorgen blo^, nacket 
beider dSr sinne und dSr kleider, vreude eilende (der freude beraubt), dJer 
wBrke vrt, kumbers ledec, tugende lös, des tödes frö, lasters gewon (schände 
gewohnt), guotes milte^ gitec (gierig) Übeler dinge, strites vli^ec, des himels 
und dSr erde gewältec, stnes mw)tes veste, trürens la^ (langsam in bezng 
auf trauern, nicht dazu geneigt), d&r brioche wise, bluotes na^, goldes rot, 
zomes d/raste (hastig im zom), stntes die besten, drter wunden wwnt, eüens 
unbetrogen (in bezug auf tapferkeit nicht betrogen, wol damit versehen), 
vrägens verzagt, Aehnlich wird der gen. bei gewissen adverbien gebraucht: 
alles vcdsches eine (allein in bezog auf allen makel, d. h. frei davon) ; aUers 
eine (von der weit verlassen, ganz allein); tröstes dne (ohne hoffhung) 
gegen äne tröst (dne als praep.). 

§ 260. Mit dem adj. oder adv. steht der gen. in keiner 
so engen Verbindung wie mit einem regierenden snbst. und 
seine Stellung ist deshalb überall eine freie. Die Verbindung 
kann aber eine noch lockerere werden, so dass eine Verschie- 
bung der Satzgliederung eintritt, entsprechend der in § 256 
geschilderten: aiSiSe^ mines tröstes des hin ich eine hestän (aller 
meiner hoffnung bin ich beraubt), die des hüniges gerne wceren 
äne (den könig gern los wären), da von da^ lernt nu äne stät 
freude und maneger Sre. wer hat mich mines kindes und iuch 
des iuwern man äne getan (beraubt), da^ stnes löbes niht 
irre gat (sein lob nicht verfehlt). Vgl. besonders gewar werden 
eines (nhd. mit dem acc). 

§ 261. Eine besondere art der Verwendung des gen. neben 
adjectiven und adverbien ist die zur bestimmung des masses. 
Er steht hier zum teil statt des nhd. acc. Vgl. einen ger wol 
eweier spannen breit und wcere diu selbe stiege drier stiegen 
lanc, da^ diu näht drier järe wcere lanc. drier järe alt drier 
marke wert 

Besonders häufig ist der gen. bei comparativen, um 
das quantum des Unterschiedes zu bezeichnen: maneges he^^er 
(um vieles besser), michels mere (um vieles mehr), dicker eines 
dumen, langer drier siege (so viel länger, dass man drei schlage 
hätte tun können), eines loches näher, 

§ 262. Beim verbum kann der gen. von stoflfbezeich- 
nungen als partitivus gebraucht werden, dem französischen 
article partitif vergleichbar. Doch wird er nicht in gleicher 


Gebraach der casus: Gen. 113 

ansdehnuDg und mit der gleichen notwendigkeit angewendet 
wie dieser. Vgl. wand ich noch einer salben (etwas von einer 
salbe) hän, ich wil im mines brötes geben, der [wa^te] truoc 
der werde houbetman in allen geliche 6. twanet brach der 
lichten bluomen Wo. ja sach er ligen umbe sich d&r Hute sam 
der steine Klage, eines wilden wolves oe^e ich e. des brunnen 
(quellwasser) trinken, nu enbei^ ich doch des tranhes nie (nun 
habe ich doch den trank nie gekostet); und so nach enbtgen 
stets der gen. 

§ 263. Der gen. wird ferner als ergänzende bestim- 
mung gebraucht. So bei den verben, die aus adjectiven, wie 
die oben § 259 erwähnten abgeleitet sind: dän falte ich rotes 
goldes den Etzelen rant (dem füllte ich Etzels Schild mit rotem 
golde). Ebenso bei säten (satt machen), riehen (reich machen)^ 
losren, enblos^en, (er)l€ßsen, fröuwen, wonen (gewohnt werden), 
toenen (gewöhnen), bewisen (vgl. § 241), heilen^ irren (stören 
worin), änen (berauben) etc. Aber auch bei andern verben 
verwandter bedeutung: laden^ überladen^ entladen^ sich nieten 
(sich reichlich womit abgeben), sich warnen (sich womit ver- 
sehen), walten (verfügen worüber), beraten (versehen womit), 
bereiten (ausrüsten), wem (vgl. § 241), entwern {einen eines 
dinges einem etwas abschlagen), enbir^n, erlägen (vgl. § 241), 
behem und verhern (berauben), dürfen (bedürfen), darben, sich 
fligen (befleissigen), ilen (sich beeilen, beeifern in bezug auf), 
gähen (das selbe), ramen (zielen nach), vwren (streben nach), 
muoten {an einen eines dinges von jemand etwas begehren), 
genenden (sich erkühnen zu), machen (sich künmiern um, be- 
gehren), warten, {er)btten und {er)beiten (warten worauf), biten, 
fragen (nach), antwürten (auf), j'ehen (zugestehen, behaupten), 
manen (um), vollen (etwas verfehlen), sich bewegen (sich wozu 
entschliessen — worauf verzichten), sich verzihen (verzichten 
auf), sich gelouben (desgleichen), sich mägen (nachlassen womit), 
erwinden (ablassen wovon), {er)wenden (abbringen wovon), hin- 
dern (woran), sümen (hemmen wobei), berihten (zurecht weisen 
in bezug worauf, auch womit versehen), volgen (beistimmen in 
bezug auf), ergetzen {einen eines dinges einen etwas vergessen 
machen, ihm ersatz wofür verschaflFen) , gedagen (schweigen 
von), ebenso swigen, lachen (über), spotten, schimpfen (scherzen), 
loben, danken, Ionen, engelten (schaden wovon haben), genießen 

Paul, mittelhochdeutsche grammatik. 5 aufl. 3 


114 Syntax. I. Ein&cher satz. 

(vorteil wovon haben), erschrecken^ erkamen (erschrecken). VgL 
auch Verbindungen mit adverbien wie abe gän (wovon lassen^ 
c. dat. der person: einem etwas verweigern), ähnlich abe komen^ 
sich abe tuen (sich losmachen von), über werden (überhoben 
werden). 

§ 264. Besonders hervorzuheben sind diejenigen verba,. 
welche wir jetzt ausschliesslich oder überwiegend mit dem 
aec verbinden an stelle eines früheren genitivs: gern (be- 
gehren), wünschen (mit dem acc. nur in dem sinne „einen 
wohin wünschen"), bedürfen, günnen, wem (vgl. § 263), ver- 
bannen (missgOnnen, verweigern), enbem (entbehren), (ver)misseny 
vergessen, laugen (läugnen), verlangen , warnen, gewähenen (er- 
wähnen), swem (jedoch einen eit swem\ empfinden, beginneny 
schönen, hüeten, spiln, pflegen (aber auch mit abweichender 
bedeutung, ganz allgemein: sich womit abgeben). Bei gelouben 
und fürhten steht der gen. neben dem acc. 

Anm. 1. Zuweüen wird ein gen. analog dem aoc. des Inhalts (vgL 
§242) gebraucht: einer andern hUe er d6 bat Wo. ir 8%Ut dür bite in 
vriuntlichen biten N. dSs spiles dUs si geapilete Genesis. 

Anm. 2. Bei einem sonst den gen. regierenden verb. steht häafig 
der aoo. (die flexionslose form), wenn davon ein anderer gen. abhängig ist:. 
dar iht anders g'irt H. (föm gU si fröuden swa^ 'ir ir g'M Singenberg. 
dSrj(She mir mir noch flüste Wo. deich hart dir Nibelttnge niene gephlac 
N. versagens urUmp bat itr (um die erlaubniss zu versagen) Wo. (för 
Zinnen iesltch mit armbruste ein schütze phlac Wo. möhte ich gegen dSr 
die ich meine tüsent manne dienst gepfUgen Eristan von Hamle. da^ swM 
gehalf im prtses bqjac (zum erwerb von preis) Wo. ja wil ich dich er- 
getzen dines mannes tot N. wir mugen uns ir und Vriderünen Spiegel wol 
verkwnnen (auf sie und Fridenmens Spiegel wohl verzichten) Neidhard. 
swBs man da eines an sie gert, dir wurden si voüecltchen driu gewert 
Lohengrin. Weitere citate bei Erans, Deutsche ged. des 12. jahrh., zu 
XI, 66. 

§ 265. Nicht selten steht der gen. bei einem unpersön- 
lich gebrauchten verb., wo jetzt an seine stelle der subjects- 
nom. getreten ist. VgL micA verdriu^et dSs mich verdriesst 
das, in dem selben sinne auch mich bedriuget, betraget, bevüt 
gleichfalls mit gen., mid^ genüeget des mir genügt das, mich^ 
wundert des, mir (ge)bristet des mir gebricht das, mir jserinnet 
des mir zerrinnt das. VgL auch § 256. Durch nach wird der 
gen. jetzt ersetzt in mich {ge)lüstet des, mich be-, er-, ge-langet 
des (verlangt danach). Mich gezimt des bedeutet „mir gefällt. 


Gebrauch der casas: Gen. 115 

das, mich verlangt danach ''; dagegen mir geeimt da; „mir 
geziemt das^. mich {be)dunket des (mich bedttnkt das). 

§ 266. In freierer weise wird der gen. in Sätzen ver- 
schiedener art gebraucht, nm die beziehang aaszndrtteken^ 
in welcher sie gültig sind: 

(2gr was dSa Ifbes schcßne und wünnecltch G. da^ ir dBr worte (mit 
den Worten) sU 8Ö vH. si was tr edelen minne Stvride urUertdn N. 
wa^ dich dis dutike guot getan. dSr aüer dinge was ein hdt dJbr järe ein 
hinly der witze ein man H. du bist düs muotes nUU ein Jddsterman H. 
da^ er dir bt wone deheiner dienate (dir für irgend welche dienste znr 
verftigong stehe) N. so hilfe ich dir dSr reise N. bereitet iuch dSr sliten 
Neidhard. got sol iuch bewam dSr reise an aUen iren N. si auochte aturmes 
Ciamidi Wo. si füerent roubea eine maget Wo. iu ist biden strttes mit 
gespilt Wo. sin freude diu 8ttu)nt phandes (zum p&nde) Wo. deheiner 
hovereise bin ich sBlden hinder in bestän N. getritUtcher dienste wü ich 
mich nimmer van dir scheiden Kn. d&r mtdet spottes eUiu wtp Wo. dSr 
in getriuwes rätes i^ersiht (ihm keinen getreuen rat zu teil werden lässt) 
Singenberg. si begunden eines mundes ji^hen. (fös antwurte Sifrit. dSs 
ersten rüsches (bei dem ersten aofall) er sluoc din wirf H. Solche genilive 
können sich mehr oder weniger einem adv. nähern: d'is endes (in der 
richtung), dankes (aus freien stücken), Undankes (wider willen), iluges^ heiles 
(zum heile). Auch genitive von adj.: strackes (von strac straff, gerade), 
unlUtes (lautlos), gähes (eilends). Vgl. zu Iwein 5078. 

Anm. Hierher können wir wol auch das eigentümliche düs stellen, 
welches gebraucht wird, wenn angegeben wird, dass in bezng auf eine 
begebenheit, seit einer begebenheit ein bestimmter Zeitraum verflossen 
ist : e^ trowmte (dSs ist manec jär [seitdem ist manches jähr verflossen]) 
d&n künege, dis ist driuz'^hen jär, das; wir swuoren. das; ich i%uih niht 
ensachj dts ist mk lange zite. die bluomen sint verdorben, dSs ist nüit 
ze lanc. 

§ 267. Innerhalb gewisser grenzen kann der gen. znr 

bezeichnnng der nrsache verwendet werden. So ist allgemein 

des = deshalb, toes = weshalb: des sntdet in kein wäfen. 

wes la^et ir uns Uten (warten). Allgemein üblich ist femer 

der gen. cansae bei interjectionen wie wol, toS, ouwe, ach: 

wol mich dirre mcere. ouw^ des scheidens. ach miner scJumde. 

Bei verben ist der gebranch ein eingeschränkter, im allgemeinen 

an bestimmte verba gebunden, die meist schon § 263 aufgezählt 

sind. Vgl. 2LnB&erAeml[dises vil höhen gruoges lU maneger 

ungesunt N. sine mohte mit ir Jcreften des schu^^es niht gestän 

N. ir lip ir gäbe was getiuret (geehrt) Ku. Femer brötes, 

Walsers, des luftes leben. 

Anm. Seltener wird der gen. in einem concessiven sinne ge- 

8* 


116 Syntax. I. Einfacher satz. 

braucht, wo wir ein „bei" oder „trotz^ anwenden können: cd d4i8 spils 
das; er gdMe 80 smacte ie dSr veige alac (bei all seinem spiel stank immer 
sehie tötliche wunde) G. alles dSs da^ si gdeit von aendtcher arbeit, sone 
wiste si niht wa^ ir war (bei allem, was sie litt durch liebesnot, wusste 
sie nicht, was sie eigentlich bekümmerte) G. 

§ 268. Ansgedehnter und freier als im nhd. ist der ge- 

braneh des gen. znr zeitbestimmnng: tages, nahtes, morgens; 

Mutes (= Mute des) tages; anders tages; des selben tages; des 

nächsten morgens; des mäles, der {selben) wile, der ztte; des 

ersten (zuerst). 

Anm. Eigentümlich ist der praedicative gebrauch eines gen. temporis : 
do dSs andern tages wart, 

4. Instrumentalis. 

§ 269. Die reste des instrumentalis werden im mhd. fast 
nnr noch in abhängigkeit von praepositionen gebraneht Ausser- 
dem kommt vor diu in abhängigkeit von dem adv. geliche: 
diu g., woneben aber dem g. = dem entsprechend, so. Im 
älteren mhd. steht diu znweilen noch vor comparativen = 
deste, welches anf des diu zurückgeht. 

5. Bection der praepositionen. 

§ 270. Die hauptabweichungen vom nhd. in der rection 
der praepositionen sind folgende: gegen wird mit dem dat 
verbunden, nur erst vereinzelt mit dem acc; under mit dem 
dat. und acc; vor nur mit dem dat. und zur bezeichnung der 
ruhe, während statt des nhd. vor mit dem acc. für verwendet 
wird; sit mit dem dat. und gen. Ausserdem finden sich reste 
der früher weit verbreiteten construction mit dem instr. in 
mit diu, mit wiu, under diu, von diu, von wiu, ze diu, ze wi/u 
u. dergl. Gewöhnlich ist auch schon im mhd. der instr. des 
pron. dem. und interr. durch das betreffende ortsadverbium 
ersetzt, vgl. § 222. 

Anm. Vereinzelte reste älterer constructionsweisen sind ht das;, ge- 
wöhnlich heda^ (während dem dass), ze sich, vord^ (früher), lieber sonstige 
Verwendung des gen. statt des dat. vgl. Jänicke zu Biterolf 682. 

§ 271. Praepositionen, die jetzt ausser gebrauch gekommen 
sind, wenigstens als praepositionen, sind ab (von) c. dat., after 
(nach, über — hin) c. dat., selten acc. oder gen., innen wie 
das gleichbedeutende compositum binnen (= bi innen) c. dat 


Gebrauch der casus: Gen. Instr. Praepositlonen. 117 

oder gen., inner (innerhalb) c. dat., ob (über) c. dat. (vereinzelt 
acc. oder gen.), sunder (ohne) e. acc., e (vor, zeitlieh) c. gen. 
(seltener dat.). 

§ 272. Bei den praepositionen, welche mit dem dat. nnd 
acc. verbanden werden, wird im mhd. nicht immer die selbe 
ansehanmig des Verhältnisses zu gründe gelegt wie im nhd. 
YgL Sit uns wülekomen her in ditze land (die nrsprttngliehe 
bedentnng von w, ist noch lebendig, vgl zu Erec 5093). die 
recken enphiengen dise geste in ir Herren lant N. dag si 
herbSrge ncemen in dag lant N. wag ir wellet werben ze 
Wormeg an den Bin N. iWerg wagger stuont dag kastei Wo* 
genäde suoche ich an ir lip (bei ihr) Wa. si versuochtens an 
die Hiunen N. swer an mich strites gert, ich wil an die 
reinen lones muoten (beanspruchen). 

§ 273. In vielen fällen kann ohne erhebliche Verschiedenheit 
des Sinnes statt der praepos. das entsprechende adverbinm 
gesetzt werden. Es geschieht das in ansgedehnterem masse 
als im nhd. nnd die Verbindung des verbums mit dem adv. 
wird mehr in der eigentlichen sinnlichen bedeutung gebraucht, 
während im nhd. die bedeutung eine geistigere geworden ist. 
Diese Verbindung regiert den gleichen casus wie die praep. 

Vgl. mit dat.: dem habent sie immer hant an (daran haben 
sie) Berthold, als iu noch schinet an (wie noch an euch zu 
sehen ist) H. ich kosme in bi (käme in ihre nähe) N. er be- 
libet freuden bi Wo. So einem bi sin, wonen, sitzen, ligen, 
stän, haben (halten, vom reiter), halten etc. maneger hande 
spise fuorte man in mite (mit ihnen) N. So mite wesen, 
wonen, gän, riten, vom. im sol ^n mite geteilet swag wir 
gewinnen (nicht „ihm soll mitgeteilt'', sondern „mit ihm soll 
geteilt werden") Ku. und rette im höveschliche mite (redete 
mit ihm) Stricker, gotes segen was in obe (über ihnen) Pas- 
sional. ir name fuor den besten vrouwen obe (war überlegen) 
Eonrad v. Würzb. disen dingen hat diu werlt niht dinges obe 
(über diese dinge hinaus) Wa. ob ich wone die wile miner 
swester vone (entfernt von meiner Schwester verweile) H. 
ime ne mohte niht vore gehaben (vor ihm mochte nichts stand 
halten) Boland. der (paniere) vaht er ritterlichen vor Lohen- 
grin. dag im Iwein lebende vor schein (sich vor ihm zeigte) 
H. dag was im beshggen vor H. gote ist niht verborgen vor 


118 Syntax. I. Einfacher satz. 

Freidank. mit ungevüeger Jcrefte sa^te er sich ir wider N. 
do Jcom in Wate mit tüsent helden £uo Kn. mit girde si ime 
euo gie. vil fürsten im alle tage 0uo riten, den selben mdßren 
grifet zuo Wo. einsm imo sprechen ist einfach »= ze einem spr. 
Mit acc. Häufig sind Verbindungen mit am,{e): die von 
gehurt mich erbent an (mir als erbe zufallen), dag geho&ret 
einen weisen a/n. hie mite leerte in an minne (wendete sich 
gegen ihn), ir komet mich an mit unnützen mceren, einen 
an liegen (lügen von ihm sagen). Seltener Verbindungen mit 
üf: als didh uf erbet (dir dnrch erbschaft zufällt) j. Titurel. 
Noch seltener andere Verbindungen: dag er dag getwerc für 
spranc Stricker (vgl. auch zu Iwein 914). er gezach sich 
hinder nie Herbort. Auch bei einem durch sin umschriebenen 
perf. kann ein solcher acc. stehen: wie sit ir mich gevallen 
an mit (üso maneger arbeit G. diu Tcastel diu in wären an 
gevaUen (an ihn gefallen waren) G. Selten ist Umsetzung ins 
passivum: erst üf gelogen (ihm ist etwas vorgelogen) Wo. 
IhMTchy hinder, über, under, umbe gehen statt dessen eine feste 
Verbindung mit dem verb. ein, die dann auch mit dem acc. 
verbunden wird (ich durchvar dag lant = ich vor durch dag 
lant). Erst spätmhd. sind einige feste Verbindungen mit für 
(fUrkomen, -loufen), die dann auch den acc. regieren. 

§ 274. Tritt ane (üf) zu einem transitiven verbum, so 
kann bei demselben ein doppelter acc. stehen: eine gräfschaft 
die brähte in (acc. sg.) sin vater an. die siege, die man dich 
an leget er nam ze Jcinde sich den weisen an (doch steht 
daneben bei sich an nemen auch schon häufig der gen. wie 
im nhd., vgl. auch § 217 anm. 2). dag selbe viur warf si in 
an Wimt. trost truoc in an ir minne und einen lieben wän 
(hoffhung brachte ihm ihre liebe und eine liebliche aussieht) G. 
du hast mich ze dienste mit rede dich an gezogen (du hast mich 
als dienstbar fUr dich in ansprach genommen) N. Umsetzung 
in das pass.: von der hüsfrouwen wart geboten an getriuwelicher 
dienest dag Etzelen wip N. von wem ist mich üf geerbet (mir 
als erbe hinterlassen) dag ich bin su^ verderbet Wo. Dagegen 
als er an wart geleit (angekleidet war). 

§ 275. Die praep. ze wird vor Ortsnamen so usuell, 
dass diese Verbindung neben einer allgemeinen bezeichnung 


Gebi&nch der casus: Praepositionen. Tempora. 119 

^e stat, lant ganz gewöhnlich anch an die stelle jedes be- 
liebigen casns tritt: diu stat sie Borne, da^ lant ise Nibelungen, 
dag künicrich ee Brobare. in einer bürge, diu was ze Santen 
genant stt nante man eg da eem Wülpensande (vgl. § 329). 
in der guoten stat ze Parts, von dem lande ze Kiewen. 

§ 276. Verbindungen der praepositionen ze nnd gegen 
in der bedentung „ungefähr'^ können als snbject oder objeet 
eines satzes gebraneht werden: ze dripc tüsent marhen wart 
den armen gegeben, der mir gein einem häre wolte geben. 

Tempora. 

§ 277. Da sieh in der verbalflexion nnr zwei tempora 
erhalten haben (vgl. § 153), so mnss die spräche, wo es er- 
forderlieh ist feinere unterschiede zu bezeichnen, ihre Zuflucht 
zu Umschreibungen nehmen. Für das fut. braucht man 
zuweilen die Umschreibung mit ich sol und dem Inf., noch 
nicht wie im nhd. ich wirde (vgl. § 297 anm.). lieber die 
Umschreibungen für das perf. und plusq. vgl. § 288. 289. 

§ 278. Diese Umschreibungen aber werden nicht so häufig 
angewendet als im nhd. 

1. Statt des fut. verwendet man gewöhnlich das praes., 
zumal wenn durch eine adverbiale bestimmung angedeutet ist, 
dass die handlung in die zukunft fällt. 

2. Ebenso statt des fiit. exact. das perf.: dag ist schiere 
getan (das wird bald getan sein), dag hat man schiere ge- 
sehen, ob du iht von mir geruochest (wenn du irgend von 
mir etwas verlangst), dag ist alleg getan. 

3. Im sinne des perf kann das einfache praet. gebraucht 
werden, welches ja seinem Ursprünge nach (wenigstens in der 
starken form) perf ist, vgl dag ie was und iemer ist. du 
gcebe mirg, d/u nimest eg ouch wider, die diu werlt ie gewan 
oder iemer gewinnet, nach der min herze ie ranc, diu lät 
mich tröstes äne. si git im dag er nie gewan. 

4c. Statt des plusquamperfectums wird im abhängigen satze 
meistens das einfache praet. angewendet: dö du von ir schiede, 
jsehant sie starp (nachdem du von ihr geschieden warst, starb 
sie alsbald), do der vride wart getan (als der Waffenstillstand 
geschlossen worden war), dag volc huop sich von strite. lieber 


120 Syntax. I. Ein&cher satz. 

ein mittel, dies praet. von dem imperfectiviseh gebranchten 
zn nnterscheiden s. § 371. 

§ 279. Der conj. praet. hat im nhd. nicht mehr die 
bedentnng des vergangenen oder vollendeten gesehehens. Er 
wird entweder (in der indirekten rede) mit dem conj. praes. 
gleichwertig gebraucht, oder er unterscheidet sich von dem- 
selben nicht mehr temporal, sondern modal, indem er die 
irrealität bezeichnet. Auch im mhd. wird der conj. praet. 
bereits von einem in die gegenwart oder znknnft gesetzten, 
als irreal gedachten geschehen gebrancht. Aber seine prae- 
teritale bedentung ist noch nicht ganz erloschen. Das zeigt 
sich in folgenden erscheinnngen. 

1. Er kann zugleich irrealität und Vergangenheit be- 
zeichnen. Daher gebraucht man ihn in hypothetischen Vorder- 
sätzen und nachsätzen neben dem plusquamp. in fällen, wo 
im nhd. nur das plusquamp. angewendet werden kann: und 
sasikß % niht her Hartmuot (hätte es Herr H., nicht gesehen), 
ir wcere ir houhet da benomen, 

2. In der indirekten rede steht der conj. praes., wenn 
das regierende verbum ein praes., der conj. praet., wenn das 
regierende verbum ein praet. ist. 

3. Noch sehr häufig bezeichnet der conj. praet. im ab- 
hängigen Satze das im verhältniss zum hauptsatze vollendete 
oder vergangene geschehen, a) Perf. (praet): gedenke wie dir 
wasre, dö man sluoc dm vater. ich enweig wag in sit geschoehe. 
dag Hetelen got hcene, dag er mir ie s6 arges willen wcere. nu 
hitet in stn mcere, des S hegunnen wcere, volsagen. wtser denne 
ich wcere hin ich, b) Flusq. Morunc sagete sinen mtiot, dag 
si durch vroun Hilden hcBmen zuo dem lande, der wirt wart 

an dem morgen bag gemuot, danne er da vor wcere. 

Anm. Zu § 277—279 vgl. Behaghel, Der gebrauch der Zeitformen im 
konjunktivischen nebensatz des Deutschen, Paderborn 1899. Enepper, 
Tempora und modi bei Walther von der Vogelweide. Diss. Münster 1889. 

Modi. 

§ 280. Der conjunctiv wird im mhd. noch in der selben 
ausdehnung gebraucht wie im lateinischen. Im nhd. ist er 
einerseits häufig durch den ind. ersetzt, anderseits ist statt 
eines einfachen conj. häufig Umschreibung mit dem conj. eines 


Tempora. ModL 121 

hülfsverboms nnd dem inf. eingetreten. Doch hat diese Ver- 
schiebung nicht so sehr im hanptsatze als im nebensatze 
stattgefdnden. 

§281. In behanptnngssätzen steht der conj. praet 
wie im nhd. zur bezeichnnng der irrealität der anssage: e^ 
tvcere uns not = es wäre ans not, würde uns not sein; letztere 
constmction im mhd. noch nicht vorhanden. Hauptsächlich hat 
dieser conj. seine stelle im nachsatz eines hypothetischen Vorder- 
satzes. Aach in der frage kann er auftreten: iver wosre dag. 

Anm. Zuweilen wird der conj. praet. noch gebraucht, wo das ge- 
schehen nicht als mit der Wirklichkeit im Widerspruch, sondern nur als 
unsicher gedacht wird, wo er also die fonction eines potentiaiis hat: nu 
sprceche ein scBliger man (könnte vielleicht sprechen) G. Im abhängigen 
satze (fSr ist hie ad nähen, das; das; wol geschcehe Ku. 

§ 282. In aufforderungssätzen steht der conj. als 
Vertreter des mangelnden imp. der dritten person: er tuo so; 
öfter mit nachstellung des subj.: tuo si eht dneg. Das subject 
braucht auch gar nicht ausgedrückt zu werden, vgl. § 196, 2. 
Der aufforderungssatz nähert sich öfters einem blossen wünsche: 
got hüete din, nu stiure (unterstütze) uns got und gebe uns 
rät nu enwelle got zuo fliege im aller scelden flug, niht 
wildes mide sinen schug. übel geschehe in beiden, scelec st 
diu stunde, got hagge ienier sinen lip. Anderseits nähert er 
sich einer blossen concession: dag si (das mag sein, ich habe 
nichts dawider); ich läge iu iuwer guot und iuwer swester 
habe dag ir H. 

§ 283. Vom mhd. Standpunkte aus kann man auch sagen, 
dass die 1 pL conj. auffordernd gebraucht wird. Es liegt aber 
hier eine im ahd. noch deutlich charakterisierte form des 
adhortativus oder der 1. pl. imp. zu gründe, die im mhd. 
mit dem conj. confundiert ist. Auch hierbei kann das subjects- 
pronomen fehlen. Vgl. nu rwme ouch wir den tan (nun lasst 
auch uns den wald verlassen), da sterbent wan die vcigen 
(nur die zum tode bestimmten): die lagen ligen tot Änschouwe 
ist min lant: da wesen beide von genant (danach wollen wir 
beide benannt sein). 

§ 284. Ein wünsch kann durch den conj. praet. mit 
nachgestelltem subject ausgedrückt werden, wenn die Ver- 
wirklichung als unmöglich oder mindestens unwahrscheinlich 


122 Syntax. I. Einfacher satz. 

gedacht wird: ouwe, gescehe ich si under kränze! tvoldestu mir 
helfen! Wo die verwirklichmig als möglieh gedacht wird, 
wendet man den coi\j. praes. an, aber, wo der wnnBch nicht 
an anffordernng streift, wird das verb. müegen zu hülfe ge- 
nommen an stelle des nhd. „mögen^ : son müegestu mir niemer 
werden, disiu sumerzit diu müege in bag bekamen. 

§ 285. Ein anderes mittel wnnsch and auch anffordernng 
auszudrücken bietet sich dar durch die fragesätze mit wan 
(ältere formen wände ne, wanne) warum nicht, wan miigen 
si in raten „warum raten sie ihnen nicht?'' soviel als „mögen 
sie ihnen doch raten l'' Indem nun das bewusstsein der ur- 
sprünglichen bedeutung von wan schwindet, gebraucht man 
daneben den conj. praet. wie in einem Wunschsätze ohne con- 
junction: wa/n wcere ich dort! ouwi, wan hcete ich iuwer kunst! 
wolde got, wan wosre ich tot. wan het ich doch min swert 

Anm. lieber eine weitere form des Wunschsatzes vgl § 378, 2. 

Nominalformen des verbums. 

1. Participium. 

§ 286. Das part. praes. hat active bedeutung. Es tritt 
aber mitunter in einer freieren weise zu einem subst. um aus- 
zudrücken, dass überhaupt irgend eine beziehung zwischen 
diesem und der vom part. bezeichneten tätigkeit besteht. Vgl 
klagende swcere (bekümmemiss, um die man klagt), minnende 
not (liebeskummer), schämender ptn (pein der schäm), hangende 
ndt (die not zu hangen), lebende tage (lebtage), üf der jagenden 
weide (in dem Jagdrevier), der hohen Sterne komendiu eit (die 
zeit wo die steme kommen) Wo. Ein solches part. kann 
man bisweilen passivisch übersetzen: windende hende (bände, 
die gewunden werden), diz ane sehende leit, allen wi^^enden 
dingen. 

§ 287. Statt des einfachen praes. oder praet. eines verbums 
kann die Umschreibung durch das praes. oder praet des 
verbums sin mit dem part. praes. angewendet werden, aber 
immer nur, wenn die handlung als eine dauernde gedacht 
wird; die Umschreibung mit dem praet. hat demnach die be- 
deutung des lateinischen imperfectums. Vgl. da^ er der werlte 
schedeliche lebende ist Berthold, wd der fürste Herwic habende 


Modi. Nominalformen des verbnms. 123 

si die aller besten mäge (verwandten) En. mit klage ir helfende 
manic vrouwe was N. Hänfig ist die rnnschreibmig auch für 
den Inf.: da^ ivil ich iemer dienende umbe Kriemhilde sin N. 

so sei ich iu gerne iemer dienende sin En. 

Anm. 1. Seltener, mehr der späteren zeit eigen ist die nmsohreibnng 
mit werden, zum teil, aber nicht ansschliesslich in fntnrischem sinne: 
ja wirt ir dienende vü manic wastUcher man N. also wirt dXr walt ie hos; 
unde ie hos; zuo nSmende Berthold, da^ Hn martel nach Hme töde wahsende 
wirt ib. do wwrden sie trinkende ib. 

Anm. 2. Bei manchen dichtem dient die nmschreibnng als bequemes 
mittel einen passenden reim zu schafifen. 

§ 288. Das part. per f. eines transitiven verbnius wird 

in passiver bedentnng wie ein anderes adj. praedieativ und 

attributiv verwendet. Es dient in Verbindung mit dem verb. 

werden zur Umschreibung für das mangelnde praes. und praet. 

des passivums, in Verbindung mit sin zur Umschreibung für 

das perf. und plusq. pass. (ein ist [was\ worden mit dem part. 

existiert noch nicht). Ausserdem dient es in Verbindung mit 

dem praes. und praet. des verbums han zur Umschreibung für 

das perf. und plusq. activi. 

Anm. 1. Activen sinn haben nur einige participia, die zu reinen ad- 
jectiven geworden sind: trunken , ung^^en (nüchtern), geioi^^en (ver- 
ständig). Keine ausnähme von der regel ist geno^^en in dem sinne 
ifVorteil, keinen schaden habend", enbi^^en (geMhstttckt habend); denn 
genies;en (vorteil haben) und enbt^en sind nicht trandtiv, sondern werden 
mit dem gen. verbunden. Das gleiche gilt von dem activen verg^^en, 
unvergessen f wenn es nicht vielmehr zu dem reflexiven sich vergessen 
zu stellen ist Das adj. verswigen weist auf ein intransitives verswigen 
(verstununen) ; entsprechend unverdaget (unschweigsam). 

Anm. 2. Mit der allgemeinen regel steht es nicht in Widerspruch, 
dass einige adjectivische participia in ihrer bedentnng reflexiven verben 
entsprechen: verm^^^en — sich verm^s^en, verUgen — sich verligen (zu 
lange liegen, sich durch liegen verderben), erbolgen (zornig) — sich er- 
Mgjen (in zom geraten), verddht (in gedanken verloren) — sich verdenken, 
unversinnet (ohne besinnung, gedankenlos) — sich versinnen (zur besinnnng 
kommen, verständig sein). 

§ 289. Die participia perf. der intransitiven verba 

zerfallen in zwei klassen. Die einen werden in aetivem sinne 

praedieativ und attributiv verwendet. Sie dienen in Verbindung 

mit dem praes. und praet. des verbums sin zur Umschreibung 

tHJs das perf. und plusq. activi. Die andern werden weder 

praedieativ noch attributiv in aetivem sinne gebraucht, sondern 

nur in Verbindung mit dem verb. han zur Umschreibung des 


124 Syntax. I. Einfacher satz. 

perf. nnd plusq. activi and in yerbindnng mit dem verb. sin 
znr bildnng eines nnpersönliehen passivnms. 

Die scheidnng der beiden klassen ist im mhd. nicht ganz 
die gleiche wie im nhd. Es lässt sich darüber keine allgemeine 
regel geben, doch bilden alle verba, die das geraten in einen 
zustand ausdrücken, das perf. durch Umschreibung mit sin. 
Als ab weichungen vom nhd. merke man namentlich: ich hän 
gevolget, hän neben bin gevam, geloufen, geriten, gerant, ge- 
strichen, gestigen, entwichen; mir ist (selten hat) getroumet 
Ein unterschied ist zwischen ich hän gelegen (habe gelegen) 
— bin g, (habe mich gelegt, bin zu fall gekommen, liege), 
hän geseggen (habe gesessen) — bin g, (habe mich gesetzt, 
sitze), hän gestanden (habe gestanden) — bin g. (bin getreten), 
hän geswigen (habe geschwiegen) — bin g, (bin verstummt). 

§ 290. Zu unpersönlichen participialsätzen mit passi- 
vischem sinn können alle verba verwendet werden, die das 
perf. act. mit hän umschreiben, transitive und intransitive. 
Gewöhnlich enthalten sie eine nähere bestimmung des verbal- 
begriffes durch einen casus oder ein adv., vgl.: iu si groge 
genigen und aber des rehtes unverzigen (euch sei [durch ver- 
neigung] sehr gedankt und doch nicht auf das recht ver- 
zichtet) G. des was mir vil ungedäht (das war war mir nicht 
eingefallen), dem was ungeholfen. ob dir ungelonet woere Wo. 
hie ist gesungen (der gesang ist aus), hie ist wol gelobet 
hie muo^ beliben ungestriten Eonrad v. Würzb. Die bestimmung 
kann aber auch durch einen abhängigen satz gegeben werden: 
gesmoehet und gezieret ist swä etc. (schmach und ehre ist da 
zugeteilt, wo) Wo. eg ist geminnet, der sich durch die minne 
eilenden muog (das heisst geliebt, wenn jemand sich um der 
liebe willen in die fremde begeben muss) H, vgl. § 347, 2. 

§291. Auch als praedicatives object kann das part. 
ohne beziehung auf eine person oder Sache gebraucht werden: 
ich tuon nach iu gesant (ich bewirke, dass nach euch gesandt 
wird). Besonders werden so mit un- componierte participia 
abhängig von lägen gebraucht: si wil mir ungelonet län. ich 
wil ir ungefluochet län, ir solt ouch ungedanJcet niht den gesten 
lägen, der niemens ungespottet lieg. Derartige participia werden 
dann auch absolut (adverbial) gebraucht: dem ungedienet (ohne 
dass ein dienst vorangegangen ist) ie wil wol getane, ungevräget 


Nominalfonnen des verboms. 125 

bin ich von dannen gescheiden (ohne dass eine frage statt- 
gefanden hat = ohne gefragt zu haben), er sprach an ir ere 
unverschuldet (griff ihre ehre an, ohne dass das verdient war). 
die mich haggent wnverscholt Alexander gap unverspart (ohne 
zu sparen). So werden namentlich noch gebraucht ungedinget 
(ohne Verhandlung), ungedanJcet, ungeredet, ungesprochen, un- 

gespart, ungestriten, ungevohten, unge^^cn, ungetrunken, 

Anm. 1. Fälschlich werden diese participia teilweise als activ und 

persönlich anfgefasst. Zu dieser anffassung, die nur für einen teil der 

falle anwendbar ist (vgl. oben wngevräget), liegt gar kein gnrnd vor, da 

die oben aufgestellte für alle fälle zutrifift 

Anm. 2. Im späteren mhd. wird von dergleichen participien zuweilen 

ein gen. abhängig gemacht: da^ Sr % gSt unvorgoldin d&r achtdt. da ein 

mensche stvrhet sinea giUes vnvergiftet (ohne dass sein gut vermacht ist). 

YgL nhd. ungeachtet, unbeschadet etc. 

§ 292. Als praedicatives attribut (vgl. §203) wird 
das part. perf. vielfach angewendet, wo wir im nhd. zu andern 
constructionen greifen: wag wolte ich dar geseggen (was habe 
ich damit beabsichtigt, dass ich mich dahin gesetzt habe)? Wa. 
wßg touc diu rede gelenget (was nutzt es die rede lang aus- 
zudehnen)? G. was sol iu mS da von gesaget (was hat es für 
einen zweck euch mehr davon zu sagen)? dag ist iu Sre getan 
(es ist eine ehre fttr euch, wenn ihr das tut) N. Besondere 
beachtung verdienen diese participia neben einem adjectivischem 
praedicat: eg ist in sh-e guot gelesen (es ist ihnen sehr nützlich 
zu lesen) G. Hier ist nicht etwa guot adv. (das adv. lautet 
ja wol). Das entsprechende gilt von folgenden fällen: der ist 
scelic geborn (glücklich zu preisen, dass er das leben erhalten 
hat), uns ist noch Mute liep vemomen ir inneclichiu triuwe G. 
dag Jcindeltn wasre schedelich verlorn (es wäre schade, wenn 
es zu gründe ginge) H. mir wcere di& und elliu sw&rt unmcere 
umb mich gebunden Wo. 

2. Infinitiv und gerundium. 

§ 293. Inf. und ger. sind formen verschiedenen Ursprungs, 

die sich aber ihrer function nach gegenseitig ergänzen, weshalb 

denn auch das ger. als gen. und dal des Infinitivs oder als 

flectierter inf. bezeichnet wird. 

Anm. Vgl. 3. von Monsterberg-Münckenau, Der Infinitiv in den epen 
Hartmanns von Aue (Germanistische abhandlungen 5), Breslau 1885. Dazu 
Zeitschr. f. d. Phil. 18, 1. 144. 301. 


126 Syntax« L Einfacher satz. 

§ 294. Der inf. kann wie der nom. und aee. eines ge- 
wöhnlichen neutralen snbst. verwendet werden (substanti- 
vischer inf.) and dann anch den art, ein attributives adj. oder 
einen abhängigen gen. bei sich haben. Besonders zu beachten 
ist die häufige Verwendung der praep. durch mit dem inf.: 
durch schouteem um schauens willen, um zu schauen. Er wird 
aber auch, was das ursprüngliche und häufigere ist^ in eigen- 
artiger weise von einem yerb. abhängig gemacht, die nicht 
mehr in analogie zur Verwendung eines nominalen casus steht 
(rein verbaler inf.: idi mac sagen) und kann dann auch keine 
nur dem nomen zukommende bestimmung bei sich haben. 

Anm. Von den zahlreichen fällen, in denen im nhd. ans dem inf. 
ein wirkliches subst. erwachsen ist (vgl. verderben^ einkommen etc.), be- 
gegnen im mhd. erst wenige, vgl. Uhen^ wBsen; ^^en und trinken gehören 
wahrscheinlich nicht hierher. 

§ 295. Auch der gen. des ger. wird wie der gen. eines 
subst. verwendet und kann wenigstens ein possessivpron. (oder 
gen. des personalpron.) bei sich haben. Der dat. kommt nur ab- 
hängig von praepositionen vor und ohne attributive bestimmung. 
Bei weitem am häufigsten ist ise mit dem dat. ger. Auch ftir 
diese Verbindung hat sieh wie für den inf. eine eigenartige 
gebrauchsweise entwickelt, die zum teil von der sonstigen Ver- 
wendung der praep. ise unabhängig ist. 

Anm. Znweilen wird schon der nnflectierte inf. nach praepositionen 
gebraucht: von weinen und von klagen (im reim auf sagen) N. mit slähen 
und mit atüehen (: r^hen) Wo. 

§ 296. Der rein verbale inf. wird wie das verb. fin. con- 
struiert. Aber auch der substantivische inf. und das substan- 
tivische ger. können so construiert werden, selbst wenn sie ein 
attribut neben sich haben: einander küssen da geschach Wo. 
da wart vil michel grüegen die lieben geste getan (eine grosse 
begrttSBung der lieben gaste) N. güetUch umbevahen was da 
vil bereit von Sivrides armen da^ minnecltche kint (umarmung 
der lieblichen Jungfrau) N. durch behalten den Itp (um das 
leben zu bewahren) H. durch vertrtben swcere Stricker, wie 
ist iu tretens mich so gäch (wie habt ir solche eile mich zu 

treten) Wo. bitens wirt er nimmer sat die Hute. 

Anm. Bei dem substantivischen inf eines reflexiven verb. pflegt das 
reflexivpron. fortzubleiben: d6 wart in dibm lande ein michd Mioben N. iu 
enkunde ditze vlt^en (dieses sich befleissigen) ze ende nieman geaagen N. 


Nominalfonnen des verbums. 127 

§ 297. Der inf. nnd das ger. mit ze berühren sieh viel- 
faeh in ihrer gebranehsweise. Ersterer steht im mhd. noch in 
viden fällen, wo im nhd. eu gesetzt wird. So stets als snbj. 
des Satzes: ja zimet e; uns beiden lägen hag; nach pflegen, 
beginnen, {ge)ruochen (geruhen), (ge)denJcen, warnen, truwen (sieh 
getrauen, hoffen), fürhten, swem, lohen (geloben), gern (begehren), 
biten, gebieten, erlcmben, raten, manen, helfen, türren (wagen). 
Bei manchen unter diesen verben kommt allerdings jse mit dem 
ger. daneben vor. Ferner steht der inf. nach allen verben der 
bewegung, vgl. ich unl gSn min gebet tuon. dise fuoren sehen 
frouwen. ouch was Marke komen dar nemen dirre vnosre war. 
dag er nihi gähet (eilt) striten. ir Schilde behalten (zum auf- 
bewahren) man dö truoc. Nach wiegen steht der inf., wo jetzt 
ein abhängiger satz eintreten muss : er weste schaden gewinnen 
(dass er schaden erleiden würde). 

Anm. Selten ist umschreibniig des verbums durch den inf. mit 
tuon: da^ sie uns tuon bewam Wa. Seit der zweiten liälfte des 13. jahrh. 
kommt werden mit dem inf. auf, aber nicht wie fan nhd. zum aosdruck 
des fnt., sondern znr bezeichnong des eintritts einer bandlang, dämm auch 
häufig im praet.: so werdent sie trinken Berthold. Br wart weinen, 

§ 298. Nach den hülfsverben wellen, suln etc. steht nicht 
selten der inf. per f., wo man den inf. praes. erwartet. Häufig 
neben dem conj. praet., wo wir im nhd. das plusq. setzen (vgl. 
§ 279, 1) : im dürftet mich niht hän gemant (ihr hättet mich 
nicht zu mahnen gebraucht), dag mähtet ir gärne hän verdaget. 
der künde si bag gelobet hän. er solle mit in hän gestriten. 
Aber auch sonst: den wolde er gerne hän verslunden (ver- 
schlungen), woltet ir släfende uns ermordet hän. do der künic 
Sigenmnt wolde sin geriten. VgL jetzt Braune, Beiträge 25, 31» 

§ 299. Ein acc. cum inf. steht wie im nhd. nach lägen, 
heigen, sehen, hoeren, leren, doch noch in etwas freierer Ver- 
wendung^ vgl. die ptn siht sie denne vü grceger sin\ nach Uten 
(dnen herren er trüren lägen bat) ; femer nach tuon : sin man- 
heit tete si entwichen (brachte sie zum weichen); frumen: er 
frumte manegen vollen in das blu^t (bewirkte, dass mancher 
fiel); kiesen (gewahr werden): man kos ir zeichen schtnen Ku.; 
vinden: dieporten vant er offen st^\ ^niu ougen funden eine 
JUösen (klause) sten, da durch einen sneUen brunnen gen Wo. 
warnen (ungewöhnlich): er warnt bt dem gewcefen dtn dich 


\ 


128 Syntax. I. Einfacher satz. 

mtnen bruoder Ecken sin Eckenlied; sprechen (ungewöhnlich): 
diu zäher diu ich t üfstnem wange ligen sprach Vorauer novelle. 
Hier berührt sich der inf. in seiner Verwendung vielfach mit 
dem praedicativen part. Hiervon zu imterscheiden sind die 
fälle, in denen der acc. von dem inf. abhängt. Wo beiderlei 
accusative in dem selben satze stehen ist der vom inf. abhängige 
acc. Öfters dem regierenden verbum näher gerückt als dem 
abhängigen Infinitiv ich hat mich got genem, si bat diu nuMrc- 
grävinne got von himele bewarn, Küssen manegen enden (auf 
vielen punkten) man sich die frouwen sach, ir ritterschaft die 
geste bat man abe län (man bat die gaste ihre ritterliche Übung 
aufzugeben). Vgl. dazu Stellungen wie ich bite mir got helfen. 
si bäten sin got alle phlegen, 

Anm. 1. Zu beachten ist, dass, wenn das object des inf. mit dem 
snbj. des regierenden verb. identisch ist, stets das reflexivnm steht, 
auch abweichend vom nhd.: diu frouwe bat sich wiaen, ir gast si sich 
küssen bat üote bat die boten für sich gdn, 

Anm. 2. Selten steht statt des zweiten acc. beim inf. ein nom.: 
lä^e mich ir tore sin, lät mich der schuldige sin. Vgl. § 206 anm. 

§ 300. Das gerundium mit /se wird häufig gebraucht 
um anzugeben, in welcher hinsieht ein urteil gilt. Bei der 
Übertragung in das nhd. machen wir dann vielfach den inf. 
mit 0u zum subject des Satzes und das subj. oder das obj. des 
mittelhochdeutschen satzes oder einen abhängigen gen. zum 
obj. des inf.: uns simt disiu sorge ensamt ze tragenne. sw&r 
dn hete gegert ze koufenne, wand ich iu aller eren hie ze wer- 
benne gan, sit dag du min ze slahenne so gewis wilt sin H. 
ze sehenne hete ich des niht rät Biterolf. bi der lantsträge diu 
in ze ritenne geschach H. 

Verallgemeinernde Partikeln und pronomina. 

§ 301. Wie das einzelne wort entweder einen allgemeinen 
begriff bezeichnet oder ein bestimmtes, irespective mehrere be- 
stimmte wesen, so kann auch der satz entweder ausdruck ftir 
einen allgemeinen gedanken als solchen oder für ein bestimmtes 
factum sein. Im mhd. gibt es verschiedene mittel diesen unter- 
schied zu bezeichnen. 

§ 302. Zunächst gehören hierher die adverbia ie und 
iemer. Dieselben werden im mhd. ganz anders unterschieden 
als im nhd.; ie geht auf das vergangene, iemer (componiert aus 


Yerallgemeinemde Partikeln und pronomina. 129 

ie und mere in der bedeutnng „femer, von jetzt an") auf das 
künftige. Im übrigen entsprechen beide in ihrer funetion sowol 
dem nhd. je, als dem nhd. immer. VgL da^ beste dag ich ie 
gewan oder iemer mac gewinnen — da^ ie was und iemer ist. 
Die für unser jetziges Sprachgefühl auseinanderliegenden be- 
deutungen vereinigen sich so: in beiden fällen wird ausgedrückt, 
dass der gedanke auf jede beliebige zeit der Vergangenheit 
oder Zukunft zu beziehen ist Tritt dazu die Vorstellung der 
realität des gedankens, so wenden wir im nhd. immer an, 
während das mhd. den unterschied zwischen realität und 
blosser Vorstellung nicht durch eine Verschiedenheit des aus- 
drueks bezeichnet. Entsprechend geht natürlich auch nie auf 
die Vergangenheit, niemer auf die Zukunft, vgl. niemer wirf, 
nie wart dtn ebenmä^ (deinesgleichen). 

§ 303. In den selben Sätzen , in denen ie {iemer) = nhd. 
je ist, und mit entsprechender verallgemeinernder funetion 
werden gewisse indefinite pronomina und adverbia gebraucht, 
die zum teil composita mit ie als erstem gliede sind. Jedes 
dieser pronomina oder adverbia hat ein anderes (teilweise auch 
mehrere) zur Seite, welches im nhd. durch das gleiche wort 
widergegeben werden kann, aber in seiner bedeutung scharf 
davon zu trennen ist Das verhältniss ist analog dem von lat 
ullus — aliquis etc. So sind ieman imd etewer (neigwer) beide 
= nhd. jemand, aber etewer geht auf einen einzelnen, den 
man nicht näher bezeichnen kann oder will, ieman auf jeden 
beliebigen, der überhaupt gedacht werden kann. Analog ver- 
halten sich iht (irgend etwas, adverbial: in irgend einer hin- 
sieht) — etewag, dehein oder Jcein (irgend einer) — etelich 
(das einfache ein kann synonym mit beiden verwendet werden), 
deweder (irgend einer von zweien) — eintweder {= ein-deweder), 
iender oder iergen (irgendwo) — etewä, deheine wis (auf irgend 
welche weise) — etewie. Mit ie und iemer correspondiert 
etewenne, 

Anm. Die composita iegdich, iesltch, iegealich, ietw'ider (= iedew'ider) 
jentsprechen in ihrer bedeatong dem ie==nhd. immer. 

§ 804. Die reihe ie (= je), ieman etc. functioniert a) in 
negativen Sätzen: Jcein wunder mohte dem geliehen ie, VgL 
§ 810. 811, 1. 2. b) in fragesätzen: wer gesach ie beiger jär. 
sol ich iemer (je wider) s6 geligen, ist ieman der mir stäbe 

fftul, mittelhoohdeatsohe srammfttik. fi. »ufl. 9 


130 Syntax. I. Einfacher satz. 

(den eid abnimmt), ist iht vische hinne (ist irgend etwas von 
fischen hierin), e) in verschiedenen arten des abhängigen 
Satzes, worüber das nähere § 370. 

Anm. 1. Nach analogie eines abhängigen satzes ist auch die Ver- 
wendung nach dem comparativ zn beurteilen (vgl. § 370) : diu tccere mir 
lieber danne iht mi durch geselleschaft dan durch deheine trächeit 

Anm. 2. Desgleichen die Verwendung beim inf. nach einem verbnm 
mit negativem sinne (vgl. § 370) : reden Sr verbot iht des im wcere leit 

Anm. 3. Daraus, dass die reihe ieman etc. im selbständigen be- 
hauptungssatze nur bei Verneinung vorkommt, hat man die regel abstrahiert,, 
dass sie überhaupt nur dem satze mit negativem sinne zukomme, eine regele 
deren Unrichtigkeit auf der hand liegt. 


Gebrauch der partikel ge-, 
§ 305. Die partikel ge- hatte gemeingerm. die fnnction 
erhalten, das damit zusammengesetzte verb. zur bezeichnnng 
eines momentanen Vorgangs zn machen, so dass dasselbe dem 
griechischen aorist entspricht. Entweder wird durch die Zu- 
sammensetzung mit ge- das geraten in einen zustand bezeichnet^ 
während das einfache wort das andauern desselben ausdrückt,, 
oder der abschluss, das resultat eines Vorganges. Diese fimction 
von ge- ist im mhd. bereits im verfall begriffen. Allgemein 
besteht sie noch bei einer beschränkten anzahl von verben^ 
die unabhängig von allen syntaktischen Verhältnissen mit ge- 
verbunden erscheinen, z. b. gestän (sich stellen) gegen stdri 
(stehen), geligen (zum liegen kommen) gegen ligen (liegen),. 
gesitjsen (sich setzen) gegen sitjsien (sitzen), geswigen (verstum- 
men) gegen swigen (schweigen). Bei manchen besteht kaum 
noch ein unterschied, z. b. {ge)wern (gewähren), {ge)e&m€n (ge- 
ziemen), (ge)türren (wagen). Bei andern haben sich ander- 
weitige Verschiedenheiten der bedeutung angeschlossen, z. b. 
Jer» (tragen) — gehern (gebären). Sonst ist ge- zur bezeichnnng 
des momentanen neben dem verb. fin. im selbständigen satze 
schon selten geworden. Verhältnissmässig viele beispiele bietet 
noch das Nibelungenlied, vgL dm guoten Büedegere er M 
der hende genam, mit ir wt^en handen si den schilt gevia. 
den buhurt minnecliche dö der helt geschiet. an aller slahte 
wunden der helt eg schiere gebaut der Mnic gevolgete ubele 
Härenen. M getet ouch ir vrou Kriemhilt diu vil herzenlichen 
leit ich geriete im also leide. In andern quellen erseheint ea 


Gebranch der partikel ge-, 131 

öfter anf die zukunft bezogen als auf die yergangenheit: ich 
gelache in iemer an, humt mir der tdc. des geleme ich schiere 
vil, er geredet vil Ithte sines frumen aber etetvag. Nicht selten 
steht ge- neben Mme: vü Tcüme geantwurte si im dö. vil Mme 
diu hünegin gewant ir zöpfe üg siner starken hant Auch in 
wnnschsätzen findet es sich öfters: got gebegger dich, nu ge- 
mere got alle dine tugent dag dich schiere got gehobne, lieber 
den gebrauch in nebensätzen s. § 371. 

Anm. Vgl. Streitberg, Perfective und imperfective actionsart im 
Germanischen (Beiträge 15, s. 70, besprechnng der älteren literatnr, s. 77); 
ausserdem Eckhardt, Das präfix ^^ in verbalen znsammensetzmigen bei 
Berthold von Begensborg (Freiburger diss.). 

§ 306. Erst in jüngerer zeit entwickelt ist die Verwendung 
von ge- zur Verallgemeinerung, eine function die im mhd. 
lebendiger ist als die in § 305 besprochene. Am ausgedehntesten 
ist dieselbe in nebensätzen (s. § 372). In hauptsätzen steht 
ge- beim verb. fin. neben ie = je oder einem damit zusammen- 
gesetzten pron. oder adv., also in negativen oder fragenden 
Sätzen: sie getraf diu liebe nie. ich gelache niemer niht so 
getrürte ich (würde ich trauern) niemer tac. da noch nieman 
in getrat, wer gesach ie begger jär. Notwendig ist ge- in 
diesem falle nicht, und die dichter benutzen die freiheit in 
der wähl für den vers, vgl. z. b. kratzen noch gebigen künde 
eg niht den man. 

Anm. 1. Diese function von ge- wird aus der § 305 behandelten 
entsprungen sein. Ein ob ich das; ie getoste ist eigentlich = „wenn ich je 
dazu kam dies zu tmi", „wenn je der moment eintrat, dass ich dies tat". 
Es hat sich dann aber ein selbständiges gefühl dafür entwickelt, und dia 
Verwendung von ge- ist in dieser fonction häufiger geblieben als in der 
andern. 

Anm. 2. Hierher zu stellen ist wol auch ein zuweilen in allgemeinen 
Sentenzen, namentlich neben wol und Uhte auftretendes ge-i ad geliret 
dich einer dtn geno^ (einer von deinesgleichen) wol. ja geaprichet Wde 
ein wip des si niht sprechen solde. 

§ 307. Ungebräuchlich ist die Zusammensetzung mit ge- 
bei dürfen, kunnen, mügen, müegen, suln, wiggen, wellen, 
wenden, komen, bei lägen, wenn ein inf. davon abhängig ist; 
femer bei sin, wesen, haben (abzutrennen ist sich gehaben =3 
sieh benehmen) (s. § 309). 

Anm. In mitteldeutschen quellen und in Gotfrieds Tristan findet 
sich zuweilen geworden \ nur vereinzelt erscheinen gewi^^en, gewdien. . 

9* 


I 

132 Syntax. I. Einfacher satz. 

§ 308. Den abschluss eines Vorganges bezeichnet ge- nr- 
sprünglich auch beim part. perf., bei dem es alhnählich not- 
wendig geworden ist. Ohne ge- erscheinen die participia 
fanden, worden, komen, bräht, znweilen geben, weil die betreflFen- 
den yerba an sich immer einen momentanen Vorgang bezeichnen. 
Dagegen haben abweichend vom jetzigen gebrauch auch die 

fremdwörter mit unbetonter erster silbe im part. ge-. 

Anm. Ueber sonstiges vereinzeltes vorkommen von partidpien ohne 
ge- vgl. E[rauB, Deutsche ged. des 12. jahrh., zu X, 29. In späten ober- 
deutschen texten fehlt oft das ge- nnr scheinbar, indem nach ausstossung 
des e das g an den folgenden consonanten assimiliert ist. 

§ 309. Zu dem inf. kann ge- treten wie schon im ahd. 
neben den hülfsverben mügen, kunnen, tiirren, vgl. ich mac e^ 
fjool geheggem, du mäht die zit gesehen, da; mac niht gedn. 
ich Jean tu wol geraten, e; enkunde im niht geschaden. kanstu 
mir da; gesagen? künden wir gesingen (wünsch), die geturret 
ir gemartem. er getar da; niht gesagen. Selten erscheint ge- 
im allgemeinen nach suln, müe;enj dürfen, wellen, vgL da solt 
du rehte ein herze gevähen. wie sol ich tu gehelfen? er muo; 
e; gote gebüe;en. du darfst mir niht gesagen. so wil ich e; 
doch also werlichen niht gesprechen. Häufiger dagegen ist auch 
nach diesen verben ge- neben dem inf. in den fäUen, wo sonst 
das verb. fin. mit ge- üblich ist, so also namentlich neben ie etc. 
s6 sol er niem^r mSr über alter komen, noch messe gesingen, 
noch bihte gehcßren. des endarf ich in niemer gesagen. da; 
(= wenn) ir die seihen untugent niemer gelä;en woltet durch 
got, so mohtet ir e; doch dar umbe lä;en. Auch in Wunsch- 
sätzen mit müe;en ist ge- nicht selten: sin geist müe;e uns 
gevristen. min sele müe;e wol gevam. Unter denselben be- 
dingungen steht ge- neben dem inf. nach la;en, welches selbst 
kein ge- annehmen kann: Hagene in nie geruowen lie. den 
lät er niemer mere geheilen, lät mich nimmer niht gestrtten. 
Auch in Wunschsätzen: got lä;e iuch wol geleben, got lä;e 
iudi, liebe herren, euo den Hiunen wol gevam. Femer nach 
hei;en, hosren, sehen, helfen und andern den inf. regierenden 
verben, die dann ihrerseits auch noch ge- annehmen kennen: 
guot wip man nie gezürnen sach. ine horte man geprisen nie. 
diu mir nie half getragen, sine jgehie; mich nie geleben nach 
ir Ure. von be;;erm pirsgewcete gehörte ich nie gesagen. wSder 
uf dem lande noch in dem mer gesach ich rotte nie gevam. 


Partikel ge-, Verneinung. 133 

Verneinung. 

Vgl. W. Wackemagel in Hoffmanns Fnndgraben zur gesch. der 
deutschen spräche und lit I, s. 269 ff. 

§ 310. Zur yemeinimg eines satzes dient die partikel ne^ 
{en, n)j welche stets nnmittelbar vor dem verbum steht Dazu 
können negative pronomina oder adverbia treten, die ans einer 
Verschmelzung der negationspartikel mit einem pron. oder adv. 
der reihe ie, ieman (vgl. § 303) entstanden sind, wie nieman 
(= ne ieman) niemand, niht nichts, nie, niemer, niender nirgends, 
niergen nirgends. 

§ 311. Ans dem negativen pronomen niht ist eine Ver- 
neinungspartikel entstanden, ursprünglich aufzufassen als acc. 
4es tätigkeitsgebietes (vgl, § 247, 3) = „in keiner beziehung". 
Dieses niht, welches ursprünglich nach belieben dem einfachen 
ne pleonastisch beigesellt werden konnte, ist im laufe des 
zwölften Jahrhunderts für viele fälle unentbehrlich geworden. 
Man muss also sagen er enist niht guot, er enklaget niht etc. 
Die falle, in denen niht noch fehlen kann und zum teil muss, 
sind die folgenden: 

1. In Sätzen, welche ein anderes negatives pron. oder adv. 
enthalten: ja enwei^ hie nieman wer er ist. ern bot mir nie 
die ere. Doch auch ichn gelache niemer niht. 

2. In Sätzen, welche die pronomina dehein, dekein, kein, 
deweder (vgl. § 303) enthalten: eg enist dehein man. ine sorge 
umb ir deweders leben (ich sorge nicht um das leben irgend 
eines von den beiden). Doch auch ir deweder da niht langer sa;. 

3. In Sätzen, welche ein ander, anders, mere (im sinne von 
„weiter, etwas weiteres"), bag, fürbag enthalten: des enmohte 
ander rät sin (dagegen war nichts zu machen), nune mac ich 
anders wan also, ichn vinde es me. done möhte er getuon bag. 

4. In disjunctiven Sätzen, vgl. § 317. 

5. In kurzen parallelsätzen, die ohne Verbindungspartikel 
an einander gereiht werden: si tuot, si entuot. nun hän ich 
friunt, nun hän ich rät ichn tuon diu rehten werc, ichn hän 
die wären minne. 

6. Bei den hülfsverben mügen, künnen, dürfen, suln, wellen, 
türren, län, wenn kein inf. oder nebensatz davon abhängt (er 
ist dann aus dem zusammenhange zu ergänzen); ebenso bei 


134 Syntax. I. Einfacher satz. 

tuon, wo es ein voraufgegangenes verbnm vertritt (vgl. § 386), 
bei sin und han, wenn ein adj. oder das pari eines vorauf- 
gegangenen verb. zu ergänzen ist: Ht 86 hove Dietrich, (ant- 
wort): „herre, ich enmac^. da; mac nu leider niht gesin: eg 
enwil diu liehe frouwe min, der gerne biderbe wcere, wan dag 
in sin heree enlät (der gern tüchtig wäre, nur dass es ihn sein 
ierz nicht sein lässt). vor leide stirbet min wip. „sine tuoV^, 
„ist dir diu lere swosre ?^ „nein, herjse, noch si enist (noch ist 
sie es nicht)". 

7. Bei dem verbum ruochen (sich kümmern um), nicht 
bloss, wenn es absolut steht (z. b. nu enruoche nun lass dir 
das gleichgültig sein), sondern auch, wenn ein satz davon ab- 
hängig ist : ja enruoche ich^ ist eg ieman liep oder leit so en- 
ruoche ich, wes ein boßser giht s6 enruoche ich, ob er iemer 
klaget. So auch in gekürzten Sätzen, in denen das verbum 
.des hauptsatzes hinzuzuergänzen ist: er leite drin em ruochte 
wag (er legte etwas hinein, einerlei was). Auch bei wiggen 
mit abhängigem fragesatz ist niht entbehrlich: ichn weig, ob 
ich scheine bin, ichn weig, wie ichg erwerben mac. si enwesten 
wie gebären (wie sie sich benehmen sollten). Bei wellen mit 
abhängigem objectssatze fehlt niht nur in der formel nu en- 
welle got, 

8. In abhängigen conjunctivsätzen^ die nicht durch eine 
conjunction eingeleitet sind, vgl § 338 — 340. 

§ 312. Das ursprünglich nur als Verstärkung hinzutretende 
niht hat allmählich das ne entbehrlich gemacht. Schon um 
1200 kann man sagen er gät niht neben er engät niht. Später 
wird die weglassung immer häufiger, bis sie allgemein wird. 
Ebenso kann neben einem andern negativen werte wie nieman, 
nie das ne fehlen, auch neben dehein, kein, deweder, welche 
so aus der bedeutung „irgend ein" in die bedeutung „kein" 
übergehen. 

§ 313. Es können in dem selben satze mehrere negative 
pronomina oder adverbia neben einander stehen, ohne dass 
die negationen sich gegenseitig aufheben : ichn gehörte nie solhes 
niht gesagen. uns hat dag nieman niht geseit. wag ob er tu 
niemer mere niht gewirret (vielleicht wird er euch nie wider 
stören), dag umbe ir vart nie nieman nihtes innen wart weder 
urnbe sptse noch umbe niht (irgend etwas). 


Verneinung. Goordination von 9atzteilen. 135 

§ 314. Die negation kann verstärkt werden durch den 
aec. eines snbst., welches etwas sehr nnbedentendes ansdrückt: 
niht ein blat, ein hast, ein bröt, ein her, eine böne, ein ei, ein 
här, ein strö (strohhahn) u. dergL = „gar nichts'' oder „gar 
nicht". Solche Wörter vertreten auch ohne eine beigefügte Ver- 
neinungspartikel die stelle directer negation, z. b. ich sage tu 
ein hast = ich sage euch nichts, dar umbe gäben si ein ei. 
da? was ir als ein blat So werden namentlich gebraucht ein 
wint, ein wiht (eigentl. kleines unbedeutendes wesen), letzteres 
auch verschmolzen zu entviht (vgl. § 88). Vermöge einer ähn- 
lichen litotes sind lütael, wenec und Meine = „nichts" oder 
„nicht", lützel ieman = nieman, lützel dehein = „kein", selten 
= „nie". Dagegen liegt in ein lützel^ ein wenec immer die 

Vorstellung von etwas positiveuL 

Anm. VgL Zingerle, Ueber die bildliche Verstärkung der negation 
bei mittelhochdeutschen dichtem, Wien 1862 (Wiener Sitzungsber. 39, 414). 
Der negative sinn dieser Wörter macht sich so entschieden geltend, dass 
sogar dem verb. ein ne beigegeben werden kann: aon wei^ doch lützel 
ieman Wa. dSn entar d&r hagd alahen 8<SiUen H. son gaste ich umbe ir 
ntden kleine (so würde ich mir aus ihrem neide nichts machen) Wa. 
Selbst andere negative Wörter können hinzutreten: ä^ ist selten nimmer 
guot Lichtenstein, lützel iemen oder aber vü s'dten niemen Stricker; vgl 
auch die frouwen ir deheiner lützel vrcßliche vant N. 

§ 315. Beim part. kann die Verneinung durch un- aus- 
gedrückt werden, und zwar auch in fällen, in denen dasselbe 
nicht rein adjectivisch ist : da^ ist im unverseit im was noch 
hohes muotes unzerrunnen Ku. der lantgräve ist unerslagen 
hie von maneger hende Wo. den han ich ungelonet Upsalaer 
Sttndenklage. ich hän minen zehenden ungegeben ib. dag han 
ich ungedienet noch Wo. dennoch heten si unvemomen wen si 
jageten Wo. ich häte des gar ungedäht Landegge. 

Coordination von Satzteilen. 
§ 316. Zur parallelisierung von Satzteilen, wozu im 
nhd. die formel sowol — als auch angewendet wird, dient im 
mhd. ein vorgesetztes beidiu, gewöhnlicher beide. Beidiu man 
unde wip heisst eigentlich: beides, männer und frauen. Die 
ursprüngliche bedeutung von beide ist aber so verdunkelt^ dass 
es vor jeder beliebigen form und jeder beliebigen wortkategorie 
angewendet wird: beide des vater und des suns. beide späte 


136 Syntax. I. Einfacher satz. 

unde vruo, beide er beleip unde reit. Znweilen selbst vor drei 

gliedern: beide vriunt man unde mäge. Selten wird es nach« 

gestellt: meineide unde triuwelos beide, älsus zürne ich unde 

süene beide. 

Anm. Selten wird zu ähnlichem zwecke so-aö gebraucht : bö mit 
wärheit, so mit lüge G. 

§317. Eine disjunetive parallelisiernng wird wie im 
nhd. bewirkt dnreh eintweder (eigentl. eins von beiden) — oder; 
im negativen satze dnreh weder (woneben neweder, enweder, 
deweder) — noch, woneben das verb. noch die negationspartikel 
en- vor sieh haben kann. Statt dessen kann aber anch noch 
— noch gebraucht werden: em sach noch tröst noch zwivel 
(weder boffnung noch Verzweiflung) an\ dagn lieg ouch in noch 
dar noch dan. Ausserdem wird noch gebraucht ohne vorher- 
gehendes weder (oder noch), wobei das verb. noch eine nega- 
tion bei sich haben kann oder nicht: da nie niht an besenget 
noch verbrennet wart, kratzen noch gebigen Jcunde eg niht den 
man, dem sint die engel noch die frouwen holt, da er pfant 
noch bürgen hat. 

In der frage gebraucht man zur disjunction weder — odert 

weder wcere iu da mite liep oder leit geschehen, weder hast du 

dich dises willen selbe bedaht, oder bistu üf die rede bräht. 

Anm. In nebensätzen, die von einem negativen satze regiert werden, 
kommt w'iider — oder vor um auszudrücken , dass die negation des haupt- 
satzes für beide fälle gilt: mirst niht bekant, das; weder wa^^er oder lant 
inre drt^ec müen erbüwen st (dass wasser oder lant innerhalb 30 meilen 
bebaut sei) Wo. 

Vergleichung. 

§ 318. Zur bezeichnung der Übereinstimmung gebraucht 
man nicht wie im nhd. wie, welches vielmehr noch ausschliess- 
lich fragend ist, sondern verschiedene partikeln, die alle gleich- 
zeitig auch die bedeutung des nhd. so haben können (vgl. 
§ 343, 1) : sd, also, alse, als, sam, aUam. Vgl. eg ist uns also 
leit sd dir. wer gcebe ir solhen volleist (Unterstützung) so der 
frouwen. der ze mir armen hat also gröge minne als ze einer 
küniginne. sam zwei wildiu pantel (panter) si liefen durch dm^ 
kle, wig alsam ein swan. Dagegen gebraucht man an stelle 
des nhd. a2^ nach einem comparativ danne (denne, dan)i die 
sint noch wiger danne snL so scehe [ich si gerner an dan 


Vergleichnng. Sparsamkeit im ansdrack. 187 

himel oder Mmelwagen. Desgleichen nach anders: anders 
danne wol. 

§ 319. Mit der vergleichuBg berührt sich die bezeichnung 
der ausnähme. Hierfttr wird im mhd. die partikel wan ge- 
braucht, die im nhd. nach negation auch durch „als" wider- 
gegeben werden kann. Vgl. si jähens algemeine wan der truh- 
scege (ausser dem truehsess). si verkos üf si alle wan üf den 
einen man (sie verzieh ihnen allen ausser dem einen mann), wem 
mac ich si geliehen wan den Sirenen, diu schulde niemans ist 
wan min. im künde niht gevolgen wan Kriemhilde man, ern 
gedähte iuwer nie wan wol. Im negativen satze kann in 
gleichem sinne auch niuwan gebraucht werden, indem mit dem 
ersten bestandteil dieses wertes die negation noch einmal 
pleonastisch aufgenommen wird: dag er ir keiner wart gewar 
niuwan eine Kälogreant ern hat uns niht getan niwan guot. 
Sonst kann man niuwan, wenn keine andere negation vorher- 
geht durch nur übersetzen (eigentl. „nicht ausser") : diu frouwe 
niuwan jämers phlac. 

Ein schwanken zwischen dan{ne) und wan besteht schon 
im älteren mhd. nach anders oder einem comparativ in Ver- 
bindung mit einer negation. Es überwiegt wan: du endarft 
mir niht anders geben wan der einigen stiure, wil si anders 
niht wan dag, jon hänt niht mere sorge dise degene wan umhe 
die herherge. Frühzeitig tritt aber auch schon dan an die 
stelle von wan, niht dan an die von niht wan, niuwan ; selten 
erscheint wan nach comparativ in positivem satze. 

Sparsamkeit im ausdruck. 

§ 820. Mehrere durch einen plur. bezeichnete gegenstände 
können durch beigefügte bestimmende genitive (oder pronomina 
poss.) von einander unterschieden werden, ohne dass vor die- 
selben ein pron. tritt: si trunken umhe zwei heil, der sele und 
des Itbes (das der seele und das des leibes). ich hän zwo ere 
verlorn, miner muoter unde min. Selbst sin edel pirsgewant 
unde der gesellen. Doch auch die Guntheres mxm und oudi 
die Dietriches. 

Anm. So fehlt das pron. auch bei appositionellem verhältniss: ein 
tot mich lernt an fröuden gar, mtnes sunea (der meines sohnes) Wo. 


138 Syntax. I. Einfacher satz. 

§ 321. Wenn die gleiche bestimmung logisch zn mehreren 
coordinierten Satzteilen gehört, kann sie nicht bloss zum ersten 
•gesetzt und beim zweiten ergänzt werden, sondern auch um- 
gekehrt zum zweiten gesetzt und zum ersten ergänzt: Ubes 
und der seU tdt weder regen noch der snL mäge und mine 
man. sorge und iuwer not heim unde ir swert von bete 
oder dtnes herren dro. gelücke und Sifrides heil, die wären 
und iu verchsippe (blutsverwandt) sint dag ich muog und 
sterben sol, die des tages solden und turnierenwolden Stricker. 
da si da solundlonen wil. dö ich niene wolde noch beliben 

solde. Selbst swä lit und welsch gerihte lac Wo. 
Anm. Vgl. Haupt zu Erec 5812 und 8239. 

§ 322. Bezeichnungen der richtung werden häufig zu 
Verben gesetzt, die an und für sich keine bewegung ausdrücken, 
bei denen man die Vorstellung einer bewegung erst in folge 
der beigefügten richtungsbezeichnung ergänzen muss: wir mügen 
isuo einander niht. du muost üf den se, weit ir dar ? da hin 
was Riwalines ger, ich rate iu dar, in was ze hove erhübet 
(an den hof zu gehn erlaubt) N. den jungen sult ir se hove 
gebieten H. do hosten si in gerne mit in heim Stricker, ouwe 
des urloubes des ich dich hinnen wer (wehe über die erlaubniss, 
die ich dir gewähre, von hinnen zu gehen) Wa. sich bereite 
vom lande (zur fahrt aus dem lande) vil manic ritter starc N. 
dö soumte (lud auf die rosse) man den degenen von dannen 
wäfen und gewant N. diu ros man satelen began wider heim 
in ir lant Bother. boten ich bedörfte in des wilden Hagenen 
lant Ku. nu enweig ich niemen der mir da/r begger wasre. der 
meie ist in diu lant sd erbite ouch ich ze minem lande küme Ku. 

§323. Von eigentlichen ellipsen ist zu erwähnen: statt 
der volleren formel (vil) michel iuwer genäde (gross ist eure 
gnade) gebraucht man häufiger iuwer genäde und noch ge- 
wöhnlicher bloss genäde als ausdruck des dankes. Das verb. 
helfe ist zu ergänzen in so (sam, sem) mir got (so möge mir 
got helfen, wie das wahr ist, was ich sage). Aehnlich sam 
mir min lip, min bart u. a. 

§ 824. Eine erspamng, die meist dorcli den reimzwang veranlasst 
wird, ist es, wenn ein sahst unflektiert bleibt neben einem art, pron. 
oder adj., an dem die flexion genügend bezeichnet ist: im namen des 
vater und des sun Eaiserchron. anderhälp des back Türheim, keines smit 


Sparsamkeit Pleonasmns. 139 

Walberan. Oder naeh einem andern flektierten gabst., an das es ange- 
knüpft ist: wa^ dir ha^^es unde nU üfdtnem rucke lU Neidhard. Häufiger 
ist es, dass an dem ersten snbst. die flezion unterbleibt: zam unde wildes 
<Ü8Ö vil Bndolf v. Ems. da^ die urloup und fridea bceten J. Titorel. 
vriunt und mägen Graf Bndolf. Vgl. Kraus, Deutsche ged. des 12. jahrh., 
zu XI, 66. lieber sonstige ersparong der flezion vergl. noch § 227, 9 
amn. 1. 2. § 235. § 264 anm. 2. 


Pleonasmus. 

» 

§ 325. Häufig wird ein den satz eröffiiendes snbst. durch 
das dem.-pron. der noch einmal anfgenonunen : Dancwart der 
was marschälc. Günther unde Gemöt, die sint mir lange he- 
kant diu edelen Mndelin diu ladete man. sinen swertgenö^en 
den gap so vil sin hant, alles des si gerten, des was man in 
bereit swigen unde wesen unfro daß; was sin beste leben dö. 
ir waty die si truogen, vil hohe man die wac. Statt des pron. 
kann anch das adv. da stehen (vgl. § 222) : an einem friunde 
min, den besten den ich ie gewan, da habet ir mich beswmret 
an. Dabei kann das voranfgestellte snbst. als logisches snbj. 
des Satzes im nom. stehen, während das pron. in einem andern 
casns steht, wie ihn das grammatische verhältniss verlangt: 
rüemasre unde lügencere, swä die sin, den verbiute ich minen 
sanc, da; dritte phunt des sult ir gedenken, bluomen gras 
hup unde bluot und swa; dem ougen sanfte tuot, des was diu 
sumerouwe vol, die Hiunen durch ir ha; der garte (rüstete) 
sich zwei tüsent. diu genäde min von der bin ich ze verre ge- 
scheiden, lange swigen des häte ich gedäht. Das adv. da steht 
an stelle eines casus von der: Arofels ors, hie; Volatin, da üf 
sa; er dl zehant 

§ 326. Nicht ganz so hänfig ist die wideranfnahme durch 
^as pron. er: der selbe herre er woere ein Lohnoisosre. Tristan 
der eilende hnabe sinen mantel zoch er abe. die wa;;ermüeden 
helde ze Stade si da giengen. ^nen sin dm reinen ich wcene da; 
in feinen (feen) ze wunder haben gespunnen. — der junge wirt 
des landes, der degen Hartmuot, diu rede was im ande. guotiu 
wip, hant diu sin (verstand), deste werder ich in bin. Dabei 
kann das possessivpron. wie ein gen. fnnctionieren : Parziväl 
der valscheitswant (der vertilger der falschheit) sin triuwe in 
lerte. Gawän der reht gemuote sin eilen phlac der huote. 


140 Syntax. I. Einfacher satz. 

Anm. Anch ein sabst. kann zur wideranfnahme dienen: Hetele unde 
Herwtc vür ir beider man die guoteti ritter Sprüngen Ku. Halzebier dSr 
cläre mit reitbrünem häre und spannebreit zwischen brän, swa^ sterke 
heten sehs man, die trtwc von FcUfund^ dür künec Wo. die ritter die 
da wären, heim unde swM brdhte man den helden Ku. Darius, al da 
^ lac berunnen mit däm bluote, üf rihte sich djtr wtgant (held) Alexander. 

§ 327. Auch demonstrative adverbia werden so ge- 

brancht. Vgl an dem dritten morgen do Jcom Wate, dar nach 

vil unlange dd truogen si dag an. 

Hierher gehört insbesondere die sehr häufige Verwendung 
von so zur wideraufhahme des praedicates oder einer ad- 
verbialen bestimmung : äne mägen schcsne so was ir edel lip. 
ein marschalc so was ich genant äne recken minne sd wil ich 
immer ^n, mit gemeinem rate s6 liegen si den strit durch dag 
(deswegen) sd suoche ich iuwem rät. dar euo so nam ir MarJce 
war, hiemite sd gänt die kriege hin, iedoch so gie diu ere vor 

dem guote. 

Anm. Selten wird so der objectsacc. aufgenommen: versagens urloup 
sd bat er Wo. 

§ 328. Umgekehrt kann eine person oder sache zunächst 
in unbestimmter weise durch das pron. er bezeichnet werden, 
worauf dann erst die genauere bezeichnung durch ein subst 
folgt: wiejämerlkh eg stät dag here länt so legent si im tage 
(hinterhalt) die unsceligen tiuvel, si ist iemer ungeschriben, diu 
fröude die si häten, Herwic in guoten morgen bot den eilenden 
hinden, ir ros in giengen ebene des küenen Sivrides man, ir 
ist sd vil der tiuvel. Besonders häufig ist die vorwegnähme 
des praedicates durch eg: bistug Iwein oder wer? ich hing der 
sun, ^t irg der beste man. sit irg der recke, der nach uns 
hat gesant? und jähen dag sig wahren die Liudegeres man, 

§ 329. Ortsbestimmungen wird häufig ein demonstratives 
adv. vorgeschoben: da sse hove, da ze Wiene^ da zen Bur- 
gonden, da heime, da ze kemenäten. da her von Ormandtne. 
Vgl. auch die Zeitbestimmungen da zehant, da zestunt (alsbald). 


n. Zusammengesetzter satz. 

Coordination von s'ätzen. 

§ 880. Die zur verknüpfang coordinierter Sätze ange- 
wendeten Partikeln sind im allgemeinen die gleichen wie im 
nhd. und in ihrer fnnction wenig von der jetzigen verschieden. 
Hierher gehören und{e), oder, ouch^ aber, doch, iedock, do, nu, 
letzteres viel hänfiger angewendet, als es jetzt, znmal im schrift- 
liehen ansdmck gebraucht wird; disjunctiv einttoeäer — oder, 
weder — nodi, in der frage weder — oder (vgl. § 317). Zu 
beachten ist dabei noch folgendes: 

1. aber wird selten an den anfang des Satzes gestellt. 
Abweichend vom nhd. kann es zwischen das verb. und ein 
daran angelehntes pron. gestellt werden: bin aber ich. er hat 
aber im, 

2. Häufig tritt in einem mit unde angeknüpften satze die 
Stellung des fragesatzes ein (ohne dass, wie es im nhd. nötig 
sein würde, das nachgestellte subj. schon durch ein eis vorweg- 
genommen wird), namentlich wenn die subjecte der verbundenen 
Sätze in gegensatz zu einander gestellt werden: sie tvisentuns 
ze himele und varent sie s&r helle, der gap und gap und gap 
si im älliu rtche. so tuot si wol und Itt min trost da/r an. 
Doch selbst, wenn das subj. des zweiten Satzes mit dem des 
ersten identisch ist: da% e% getaget wa/rd under in und einjär 
vride getragen enein (zur Verhandlung kam und für ein jähr 
Waffenstillstand vereinbart wurde) und wart der von in beiden 
gestcetet. 

3. unde mit der Wortstellung des abhängigen satzes wird 
gebraucht um an einen frage- (ausrufungs-) satz einen andern 
damit in Widerspruch befindliehen satz anzuknüpfen, wo wir 
im nhd. einen mit während eingeleiteten abhängigen satz an- 
wenden können: wie selten ich dich prise und ich doch von 


142 Syntax. II. Zusammengesetzter satz. 

dir wort hän unde wise. war umbe hast du mir ein als 
arbeitsame^ (knmmeryolles) leben gegeben unde manigem s6 
grö^ ere unde guot geben hast, 

§ 331. Häufiger als im nhd. dient so zur verbinduDg von 
Sätzen. Es dient zur bezeiehnnng einer folge aus dem vorher- 
gehenden, wo wir gewöhnlich dann anwenden: ich sol si miden 
beide: son kan mir niemer missegän. giu^ üf den stein: so 
hastu guot heil. Femer zur parallelisierung zweier gedanken, 
auch wenn sie einander entgegengesetzt werden: min dach ist 
fül, so rtsent (fallen ein) mtne wende, ich bin ein Icünic riche, 
so bist du küneges man (lehnsmann). min lip ist hie, so wont 
bi ir mtn sin, si bete für si beidiu hie, so vert er für si 
beidiu dort. 

§332. An stelle des nhd. äann gebraucht man wände, 
gewöhnlich in verkürzter form wan: ich ma^ wol genesen; wan 
ich wil iu gehörsam wesen. Es kann auch gebraucht werden, 
wenn schon im vorhergehenden satze auf das causalverhältniss 
hingewiesen ist, wo wir es unübersetzt lassen oder etwa durch 
„nämlich'' widergeben müssen: daß; schreip der herre umbe da^: 
wand ein strit under sinen jungern was, dar zuo muose er ein 
dinc bewarn (sich vor einem dinge in acht nehmen): wan er 
vorhte des orses val. Mit der verkürzten form gleichlautend, 
aber ganz verschiedenen Ursprungs ist ein adversatives wan, 
welches im nhd. durch sondern, aber, jedoch, nur widergegeben 
werden kann. Vgl. er nam niht sorgen für sich war, wan lebete 
et dar (sondern lebte darauf los), ich mac wol jehen, da^ ich 
ir deheinen mere habe gesehen; wan (jedoch) Stfride geliche ir 
einer drunder stät, alle fürsten lebent nu mit eren; wan (nur) 
der hcehste ist geswachet (erniedrigt). Vgl. auch § 319. Von 
beiden wan ist das § 285 besprochene zu unterscheiden. 

§ 333. Zur anknüpfung einer antwort an eine frage 
gebraucht man häufig eine verbindende partikel, nämlich da, 
welches im nhd. nicht widergegeben werden kann: wie gehabete 
sich Stfrit? da wart er vröuden röt. sich, wie weinest du sus? 
da sluoc mich Greg&rius, 

Logische abhängigkeit ohne grammatische bezeichnung. 

§ 334« Die logische abhängigkeit eines Satzes von einem 
andern bleibt häufiger als im nhd. unbezeiehnet. Man kann 


Coordination. Logische abhäDgigkeit ohne grammatische bezeichnung. 143 

daher viele sätze, die der form nach hanptsätze sind, durch 
nebensätze widergeben. Hierher gehören folgende fälle: 

1. Ein hanptsatz ist logisches snbject oder object (anch an 
stelle eines genitivischen objects) eines andern satzes : e^ tet diu 
Jmsvrouwe durch einen grölen nit: sie hieg Kriemhilde stille 
stän. Kriemhilt niht langer lie : vor des Jcüneges wibe ing 
münster si dö gie (unterliess nicht zu gehen), diu jungfrouwe 
niht vermeit: mit zühten si sneit (unterliess nicht zu schneiden). 
dar nach diu frouwe niht vergag: sie gienc (vergass nicht zu 
gehen), do sahen Blcedelines num, ir herre lag erslagen (dasa 
ihr herr ersehlagen lag), ich weig wol, ir ist vil gewesen, ich 
wasne, si beide tdren sint, er gedahte: wie gesihe ich d. sage 
mir: wie bistu Mute also fruo. Hierher gehört die direkte rede. 
Vereinzelt kommt yoranstellung des abhängigen satzes vor „ich 
wil den hänic grüegen*' dö si im des verjach N. 

2. Ein hauptsatz steht zur näheren bestimmung eines be- 
griffes: dag ors einer site pflac; grög arbeit eg ringe wac* 
nu wären si under in beiden des willen ungescheiden: ir iet- 
weder gedahte sere üf des andern ere. umbe dag: er wolte S 
gestfiten bag, dag si uns des geniegen län: wir haben in niht 
getan, grög müede hat in dar euo bräht: die ganzen naht in 
dem leidster er beleip. ist aber der ein österman: sd er üf 
setzet stnen huot, er senket in M den oren nider. Der durch 
den logisch abhängigen satz bestimmte begriff ist zuweilen im 
regierenden satze zu ergänzen; sit geuns (= des gewis): ir 
werdet höhe empfangen. 

8. Eine abart des falles 2, die besonders häufig ist, sind 
modalsätze. Diese können sich auf ein demonstratives pron. 
oder adv. zurttckbeziehen, oft aber ist ein solches nur in ge- 
danken zu ergänzen. Vgl. sd sere fürhte ich den spot: ich 
wold & sin da nieman ist (dass ich lieber sein wollte), ich hän 
die hunst und ouch den sin, ich genise wol (dass ich mich wol 
am leben erhalte), da ist min swester üf, ein magt: swag munt 
von schcene hat gesagt, des hat si voUecUchen teil (eine Jung- 
frau von der art, dass sie an allem teil hat), nie man wart 
so Mene, eg sol im an sin leben gän (dass es ihm nicht an 
das leben gehen soll). 

4. Statt eines vergleichungssatzes: done muote mich niht 
sd sire: ern bot mir nie die ire (da schmerzte mich nichts so 


144 Syntax. II. Zusammengesetzter satz. 

sehr, als dass er) H. sone tuo dem hecke niht me : giu^ üf den 
stein des hrunnen ein teil H. 

5. Fragesatz statt eines relativsatzes: wie enphie iuch min 
swester, do ir Mmet in dag lant? sam sult ir enphahen dag 
Sifrides wip N. wä hat diu hehnsnuor ir stric? des turkoyten 
tjoste in traf aldä (wo die helmscbnnr znsammengeknüpft ist, 
da traf ihn der lanzenstoss des turkoiten) Wo. wie zieret goU 
den edelen stein? also tuont wäriu wort den Up Winsbeke. 

6. Imperativsatz statt eines bedingnngssatzes: lät mich an 
einem stehe gan, so hin ich doch der werden ein (gesetzt auch 
ich ginge an einem stabe). nu lät in sin min lantman, ich 
wolte im doch helfen (gesetzt auch er wäre nur mein lands- 
mann). 

7. Sehr häufig sind im mhd. ausserhalb der construetion 
stehende Zwischenbemerkungen (parenthesen): in den tagen 
vieren {man hat gesaget dag) ze drigic tüsent marken wart den 
armen gegeben, in vil kurzen ztten {ich wilg iuch hceren lan) 
sach man zuo zin riten. man sagete Büedegere (dag wart niht 
vermiten) unde Gotelinde, nu ist mir wol künde (dag ist mir 
leit genuoc) dag iuwer vater mtnen vater sluoc. Hagene vrägte 
lüte (grimme was sin muot) durch wag erg scheiden solde. dö 
sach Horant (eg was im wol hekant) ein kriuze in einem segele, 
fünf hundert ritter oder mer (oh den allen was einer her) die 
kömen im dö widerriten. mir ist von iuwern Sprüchen, dag 
wigget, leide geschehen. Hierher gehören auch beteuerungs- und 
beschwörungsformeln wie so helfe mir got (so möge mir got 
helfen, wie das wahr ist, was ich sage), sd helfe iu got (so, 
wie ihr tut, was ich begehre) u. dergL Femer die beinahe zu 
yersicherungspartikeln gewordenen deiswär (= dag ist war), 
got weigy weig got, wigge Krist. 

§ 335. Aus solchen ursprünglich unabhängigen Sätzen er- 
wachsen, aber doch schon als abhängig empfanden sind folgende 
constructionsweisen : 

1. Goncessivsätze in der form unabhängiger adhortativ- 
Sätze (vgl. § 282. 334,6). si habe den willen den si habe, min 
Wille ist guot. Besonders häufig disjunctivsätze : man enhceret 
nimmer mere, diu werlt sti kurz oder lanc, so wünnecltchen 
vogelsanc. si lone mir, si löne niht. ich welle sone welle (ich 
mag wollen oder nicht), dag ich in hegiege, ich enjfeltes oder 


Logische abhängigkeit ohne grammatische bezeichnimg. 145 

genieße (mag ich schaden oder vorteil davon haben)., eg wcere 
man oder wip, dm gebot si allen (allen, männem und fraaen 
in gleicher weise). Zuweilen wird die abhängigkeit auch durch 
die Wortstellung bezeichnet: da man ir gewcefen vant, eg der 
heim wcere oder des Schildes rant N. dö rieten, sine vriunde, 
eg li^ oder leit siner muoter wcere, dag er etc. Ku. 

2. Bedingungssätze in der form der directen frage wie 
im nhd.: gist du mir din swester, so wil ich eg tuon. Denselben 
geht häufig ein unde voraus, welches aber nicht als regierende 
<;onjunction betrachtet werden kann und daher auch nicht die 
nach conjunctionen übliche Wortfolge nach sich hat: wol im 
wart der vil gereit, und weig er rehte wag er seit eg wcere 
ze vilj und tcete ein tumber leie dag, zewa/re und bistu niht 
ein zage, so gesihestu wol. 

Mitunter wird diese construction nur als höf lichkeitsformel 
angewendet, während in Wirklichkeit die geltung des haupt- 
satzes von der des nebensatzes unabhängig ist: gebietet ir, so 
ist eg war, 

Sie greift vielfach über in die fnnction anderer construc- 

tionen. Goncessivsatz: da bt geloube ich dag, was Sifrit rieh 

des guotes, dag er nie gewan so manigen recken edelen. sol ich 

d&n munt mit spotte zem (sollte ich auch meinen mund mit 

spott aufbrauchen), ich wil minen friunt mit spotte nem. dem 

ich ze dienste, und wcere eg al der werlte zorn, muog sin gebom. 

Snbstantivsatz (vgl § 352, 1): em sol des niht engelten, habe 

ich Frünhilde iht getan (nicht dafür büssen, dass ich der 

Brunhild etwas getan habe), ir sult wol lägen schouwen, und 

habt ir riche wät N. dag si dag horte gerne, was Kriemhilt 

noch gesunt N. Relativsatz: gewan er ie kraft ode sin, diu 

warn im beide enpfüeret (die kraft und der verstand, die er 

je gehabt hatte). 

Anm. 1. Wird diese construction in concessivem sinne gebraucht, 
so kann ein cU (vgl. Bech, Germania V, 503) oder cUeine vortreten, welches 
eigentUch zum hauptsatze gehört, nun aber wie eine den nebensatz ein- 
leitende conjunction erscheint (jedoch ohne Veränderung der Wortstellung). 
Diese Verbindung kommt hauptsächlich in mitteldeutschen quellen vor: 
oZ si ich niht ein künegin, ich teil oiuih an dür auone stn (wenn ich auch 
keine königin bin) G. al sül si niht gekrcenet stn, si hat doch werdekeit 
bekant W. al was si hmiginne, ir stiionden doch ir sinne nach himd- 
riches gewinne Ebemant von Erfurt, aleine ai mir ir ha^^en leit, ^ ist 

Fftal, mittelhoohdeatsohe grammatik. 5. aufl. 10 


146 Syntax. II. Zusammengesetzter satz. 

iedoch ir toipheit G. aleine und stn 8% lange tot, ir euerer name äitr 
Isbet iedoch G. In späteren quellen erscheint oZein« mit nebensatzstellung: 
aUein er st des guotes bld^, doch ist 'dr von gebürte frt Benner. aüeine 
ich din umoirdig stj doch so habe ich dtn lange begitrt Herrn, v. Fritzlar. 
Vgl. Mensing (s. anm. 2) § 97—101. 

Anm. 2. Zu diesem paragraphen vgl. Erbe, lieber die conditionalsätze 
bei Wolfram von Eschenbach (Beitiilge 5, 1). Bothe, Die conditionabätze 
in GottMeds von Strassbnrg „Tristan und Isolde". Halle Diss. 1895. 
Mensing, Untersuchungen über die syntax der concessivsätze im alt- und 
mittelhochdeutschen mit besonderer rücksicht auf Wolframs Parzival, diss. 
Kiel 1891. Diese abhandlungen beziehen sich auch auf andere partieen^ 
namentlich auf § 334, 6. 338. 347, 2. 3. 348, 2—4. 6. 354. 


Bezeichnung der abhängigkeit durch den conjunctiv des verbums. 

§ 336. Die einfachste art die abhängigkeit eines Satzes 

zu bezeichnen, ist die Setzung des verbnms in den conj. ohne 

anwendnng einer conjnnction. Solche conjnnctivischen Sätze 

dienen wie die § 334, 1 besprochenen als snbject oder object 

des hauptsatzes oder stehen an stelle einer dnrch den gen. 

bezeichenbaren beziehnng. Hierher gehört insbesondere die 

indirecte einf ührong von reden oder gedanken, wobei das mhd. 

wie das nhd. verfährt. Doch wird diese constraction auch in 

manchen fällen angewandt, wo sie im nhd. nicht nachgeahmt 

werden kann. Vgl ouch trüwe ich wol, si si mvr holt ich hin 

getms, eg si ein rehter jaspis, du hast mich des wol innen 

hräht, möhtestu, du hülfest mir. die muosten im hestceten da^^ 

si ensagtenß; nimmer fürlag (das bekräftigen, dass sie es nie 

weiter sagen würden). Die Wortstellung bleibt dabei, wie die 

beispiele zeigen, die des unabhängigen Satzes. Doch findet 

sich zuweilen auch nachstellung des verb. wie in Sätzen, die 

von einer conj. abhängen: er wände eg sin schimpf wcere 

Lanzelet. ich vürhte eg im versmähe (dass es ihn verächtlich 

dttnke). 

Anm. Wenn warn = ich warne parenthetisch gebraucht wird, kann 
doch der satz, in den es eingeschoben ist, als davon abhängig behandelt 
und das verb. in den conj. gesetzt werden: des woen die pf äffen niht 
bestt dSs wcen ouch sich vü seine dSs küneges sorge gelege (deshalb wird^ 
glaube ich, auch der schmerz des königs nicht sobald gestillt werden). 

§ 337. Auch um auszudrücken, dass etwas geschehen soll^ 
kann der blosse conj. stehen: er sagete sinen degenen, si wceren 
das gewar (sie möchten das beachten), im rieten ^ne möge 


Bezeicbnnng der abhSogigkeit dorcb den conjnnctiy des yerbmns. 147 

(an verwandten), er würbe umbe ein wtp. man gebot dem her- 
jsogen Adelgire, er koeme schiere ee Lateran, Äa^ er des hcete 
willen, er nceme im siniu lant. 

§ 338. Sehr häufig ist die negation en (ohne niht) mit 
dem conj. im sinne von „wofern nicht, es sei denn dass^ : mich 
enma^ getrcesten niemen, si entuo^ (mir kann niemand hoffnnng 
geben, wenn sie es nicht tnt). den Itp wil ich Verliesen, sie 
enwerde min wip. diu enner dich, du bist ungenesen (wenn 
die dich nicht rettet, giebt es keine rettnng für dich), si scelic 
wip enspreche „sinc^, niemer me gesinge idh liet nu wag touc 
din ritterschaft, dune hetest guotes die kraft (was nützt es dir 
ritter zn sein, es sei denn, dass da anch gut in fülle hättest). 
In anderen fällen kann man mit „ausser dass^', „als dass^' über- 
setzen: waj; weit ir dag Gäwän nu tuo, ern besehe wag disiu 
mosre sin (was wollt ihr, dass O. jetzt tnn soll ausser zuzusehen, 
wie es sich mit dieser geschichte verhält), wag mähte der 
marcgräve tuon, em hete auch trurens dd genuoc. Besonders 
nach anders: man mac im anders niht gejehen, em phlege ir 
also wol, sone wirde ich anders niht erlöst, egn käme als ich 
mir hän gedäht. Dem abhängigen satze kann ein danne (denne) 
eingefügt werden: swag lebete in dem walde, eg entrünne danne 
baMe, dag was zehant tot^ Nicht selten ist die Umschreibung 

mit eg enst, eg enwcere (danne) dag. 

Anm. 1. Das en- kann wie in einem negativen hanptsatze anch 
fortfiillen: oueh wvrt disiu iibermüeticheit, man brücke uns denne triuwe 
und eit, niemer gesparU Mit dieser weglassnng lebt die constmction fort 
in nhd. es sei denn, dass, 

Anm. 2. Neben Sz enwasre kommt anch blosses newasre vor, welches 
sich zn einer conjnnclion entwickelt, die mit niutoan synonym ist = 
nhd. «ausser*', »nnr*' (vgL § 319. 832). Dnrch zosammenziehnng ist darans 
nhd. nur entstanden« 

§ 339. Femer wird en mit dem conj. verwendet nach 
negativen Sätzen imi den ausfluss aus der beschaffenheit eines 
gegenständes oder einer tätigkeit zn bezeichnen. Wir ttber- 
setzen im nhd« mit „dass nicht^, „ohne dass^, „ohne zu^' oder 
durch einen relativsatz. Vgl. idi wome nieman in der werlte 
ISbe, em habe ein leit (der nicht ein leid hat), jse kamere künde 
niht gestn, Brangame enmüese e'g wiggen. dehein koufinan hete 
ir Site, em verdürbe da mite^ mir enwart da vor nie so we, 
dSsn wasre nu verge'ggen, im habt niender solhen helt, em 

10* 


148 Syntax. II. Zusammengesetzter satz. 

la^e ifich nemen swm ir weit dag man der vremeden harte 

wenic vant, sine trüegen ir gesteine (wenic negativ, vgl. § 314). 
Anm. Besonders zu beachten sind perioden mit nie im hanptsatze, 
die wir im nhd. mit nmkehrong des abhangigkeitsverhältnisses zu über- 
setzen pflegen: jane get ^ nie so bälde, gm benahte in dem wälde (mag 
er anch noch so schnell gehen, er wird doch im walde von der nacht 
überrascht werden) H. Karl dSr nist nie so riche, eme müese im ent- 
wichen (mag Karl auch noch so mächtig sein, er mnss vor ihm weichen) 
Roland. 

§ 340. PleonaBtisch wird en gebraucht analog dem lat. 
quin nach negativen Sätzen, die ein verbnm oder nomen mit 
an sich negativem sinne enthalten, z. b. nach den begriffen des 
läugnens, hindems, vermeidens, verweigerns^ ablassens, ab- 
Wendens, unterbleibens, säumens, verfehlens^ vergessens, zwei- 
felns, verdriessens n. dgl.: des ist unlougen, mir enge trurens 
not (das ist nnlängbar, dass ich gegründete Ursache zu trauern 
habe), ich m>ac dag niht hewa/m, mim werde min ritterschaft 
benommen (ich kann das nicht verhüten, dass mir mein ritter- 
liches abenteuer weggenommen wird), so vergie in selten dag, 
ern getete ie ettewag (so ging das selten bei ihm vorüber = 
so unterblieb das selten von seiner seite, dass er etwas tat). 
desn ist dehein min gast erlän, eme müsse si bestän (keinem 
meiner gaste wird es erlassen, d^ss er mit ihnen kämpfen 
muss). egn ma^ niht beltben (unterbleiben), wim müegen leide 
ouch triben. nu enist des niht rät, ichn müege von iu scheiden 
(nun gibt es keinen rat dagegen = nun ist es unvermeidlich, 
dass ich von euch scheiden muss). ouch wart da niht ver- 
geggen, wim heten -alles des die Jcraft (auch war da nicht ver- 
absäumt, dass wir von alledem die fülle hatten), des ist ewivel 
dehein, ern werdes gewert (daran ist nicht zu zweifeln, dass 
es ihm gewährt wird). 

Wenn das subject des nebensatzes identisch ist mit einem 
schon im hauptsatze enthaltenen begriffe, übersetzen wir ge- 
wöhnlich durch den inf mit jsui ob ich dag verbcere, ichn ver- 
suochte (wenn ich es unterliesse zu versuchen), der mir die 
genäde niemer widerseit, ern bescherme mich vor di/r (der mir 
nimmer die gnade versagt mich vor dir zu beschirmen), dsr 
vischcere niht enlieg, ern toste, weit ir niht erwinden^ im weit 
zuo un^ gän (wollt ihr nicht davon abstehen zu uns gehen zu 
wollen), dar nach sumte er unlange, ern tmte im üfdieporte. 


Abhängige fragesatze. Belativsätze. 149 

da^ ir langer niht entwelt, im leget (nicht zögert zu legen). 
Parjsiväl des niht vergaß, em holte, dag niemen des bedro^ 

(verdross), em sprosche dn Sre. 

Anm. 1. Der hanptsatz braucht nicht der form, sondern nnr dem 
sinne nach negativ zu sein: da^ diz unwendic wesen sol, dir kämpfen- 
müe^e vür sich gän. sUten lie^ <tr da^j Ihm seehe sinen hSrren, wer ist 
d8r uns des wende (davon abhält), wime g'dben dSr rede ein ende? wie 
möhte ich eine län, ichn müese ir vingerzeigen liden? 

Anm. 2. Das en kann aach hier wegbleiben: da gevälte ich nie an, 
min merken würde wol bewant (in bezng darauf fehlte ich niemals, dass 
mein zielen gut angewendet wurde). 

Anm. 3. Zu § 338—340 vgl. Dittmaf, Zeitschr. für deutsche philoL, 
ergänzungsband, s. 183 ff. 

Abhängige fragesäbe. 
§ 341. Ein durch ein fragendes pron. oder adv. einge- 
leiteter satz wird dadurch in die form der abhängigkeit ge- 
bracht, dass die Wortstellung sich nach Schema 4 richtet (vgl. 
§ 183, 4). Vgl. ich sage iu wer uns wol behaget, so gesihestu 
wag diu rede ist. em weste wie er lac. dd'dähte ich mir wie 
man jser werlte solte leben. Dasselbe gilt für doppelfragen, die 
durch weder eingeleitet sind: weder e$ dd ndt oder übermuot 
geschüefe des enweig ich niht. Ueber die mit ob eingeleiteten 
fragen vgl § 354. 

§ 342. Die anknttpfung der fragesätze ist öfters ungenau, 
indem ein zwischengedanke nicht ausgedrückt wird : joch weinte 
vü der frouwen, wanne in got ir liebiu hint solte wider bringen. 
Ja was in mit gedanJcen liep unde swasre, wä dag werde inge- 
sinde wosre. Sie greifen in die function anderer constructions- 
weisen ttber. So ist wie zuweilen fast = dag: er seit uns 
danne wie dag riche ste verwarren. Ebenso wä = dag da : d6 
sach er wä ein hüs stuont. da hörte ich wä man sprach. 

Relativsätze. 

§ 343. Relative pronomina und adverbia (conjunctionen) 
entstehen 

1. aus den entsprechenden demonstrativen. Die meisten 
demonstrativa können auch relativ verwendet werden: der 
(derjenige — welcher), da (da — wo), darmen (daher — woher)^ 
dar (dahin — wohin), darinne (darin — worin), daruwibe (darum 


150 Syntax. II. Zusammengesetzter satz. 

— worum) etc., do (da temp., damals — als), so (so — wie), 
damit in der bedeutnng übereinstimmend das compositum also, 
abgeschwächt alse und als, ferner sam und alsam (ebenso 

— wie). 

2. aus den entsprechenden interrogativen (indefiniten), 
und zwar sind sie dann immer verallgemeinernd wie lat. qui^ 
cunque. Im ahd. wird dem interrogativum ein demonstratives 
sd vor und ein relatives nachgesetzt^ z. b. so huer so (so einer 
wie). Im mhd. verschmilzt das erste so mit dem pron. oder 
adv., so dass die formen entstehen swer, swa^, sweder (wer 
von zweien), swelch, swä, swar, swannen, swanne oder swenne 
(wenn), swie. Das zweite so bleibt gewöhnlich weg. Im vier- 
zehnten jahrh. drängen sich an die stelle dieser Zusammen- 
setzungen die einfachen interrogativa wer, wä etc., die in der 
älteren zeit nie relativ gebraucht werden. — Die verall- 
gemeinernde bedeutung ist übrigens an diese art der relativa 

nicht ausschliesslich gebunden. 

Anm. 1. Selten werden personalpronomina relativ gebraucht: mit 
dir, du eine kröne bist aller iren Mystiker, mtne vriunde, gedenket mtn, 
ir das; irbe da nieset ib. Mit da verbanden: Maria, du dd bist wäriu 
muoter Voraner Sündenklage, ho&re du, vrouwe, mtnen ruof, dich dd got 
zuo diu gescuof ib. 

Anm. 2. Zuweilen wird unde als Vertretung für ein relatives pron. 
oder adv. gebraucht, vgl. d&r leide und ir ir habet getan (der kj^kungen, 
die ihr ihr zugefQgt habt), dd mite und er si ersach G. dar nach und 
er gesellet sich (da nach, wie er sich seine gesellschaft sucht) Winsbeke. 
dd wider und (gegen das, was) nu hie geschiht Klage, die wile und ir 
da^ Üben hdt (so lange, wie er das leben hat), an dem Ersten anplicke 
tmde du die sile an sihst Mystiker. 

Anm. 3. Znweilen vertritt als das relativpron.: gein solher rede als 
ich im bot und der ich weite sin bereit Wo. so muoz diu Mlfe gar 
verdarben als ich Gyburge enthie^ Wo. Desgleichenst: von priesterlichem 
ampte so wir haben von gote Predigt, ujtplich güete in löne mit dem 
besten s6 si gU Ghanzler. Dieser gebrauch wird seit ca. 1300 immer 
häufiger. 

§ 344. Das selbe pron. oder adv. kann zugleich die function 

eines demonstrativums im hauptsatz und eines relativums im 

nebensatz haben^ z. b. ich hin der (derjenige, welcher) hie tot 

gellt si funden in da (da, wo) er lac, wag sol trüren mir 

dag nieman Jean erwenden {dag abhängig von vür und zugleich 

object des relativsatzes) Singenberg. Aehnlich dö dähte ich an 

dag jener sprach, dag ich singe ouwe von d&r ich iemer dienen 


Relativsätze. 151 

sah Dies ist auch möglich, wenn der haiiptsatz einen andern 
casus verlangt als der nebensatz. Zunächst dann, wenn die 
form der beiden casus die gleiche ist, vgl. daj; dühte ein michel 
tumpheit die in ab der burc sähen Lanzelet. under die da 
wären ie zuo den seäehceren gezalt (unter die, welche immer 
zu den räubern gerechnet waren). Aber aueh dann, wenn sie 
verschiedene formen haben. Bezieht sich dann das rel. auf 
subj. oder obj. des hauptsatzes, so wird es in dem casus gesetzt, 
welchen der nebensatz verlangt: dag ist den (der welchen) ir 
da meinet des prtset man mich m6re dan dem dn vater wunder 
lie (als denjenigen, welchem sein vater ausserordentliches hinter- 
lassen hat), do Team von dem (der, von welchem) ich sprechen 
wil. sus wart für Artusen bräht an dem got Wunders het er- 
daht Ist dagegen das pron. subj. oder obj. des relativsatzes, 
so pflegt es in dem casus zu stehen, den der hauptsatz ver* 
langt: ouwe des (wehe über das, was) da nach geschiht. swm 
genüeget des er hat (wer sich begnügen lässt an dem, was er 
hat). Doch nicht ausnahmslos, vgl. du eihest in dag doch nie 
geschach Wo. wan er lützel sich versach dag (= des dag) doch 
sider do geschach H. diejeneg gerne täten, was do bag da mite 
(= den was) Singenberg. 

Anm. 1. Selten wird bei anderweitiger incongmenz zwischen dem 
vom hauptsatze und dem vom nebensatze geforderten casus eio pron. 
gespart: das; ich mich undenounden hän d^m (= dSa d^m) alle Hute 
sprJ^hent wol Wa. um6e dSs du gerat Mystiker. 

Anm. 2. Bisweilen wird zugleich die widerholung einer praep. 
gespart: e^n wart mir niht bescheiden von dSm ich die rede habe (be- 
richtet von dem, von welchem ich die erzählung habe) Hartmann, wa^ ich 
hceser handelwnge (behandlnng) erliten hän von dSn icha wol erlägen möhte 
Btn Beinmar. 

Anm. 3. Auch ein mit einem subst. verbundenes dem. kann das 
rel. mitvertreten, wobei der casus immer durch den hauptsatz bestimmt 
wird: (för möhte mich ergetzen niht des mares mir iuwer munt vergiht 
(der könnte mich die nachricht nicht vergessen machen, die mir euer 
mund berichtet) Wo. dehein sül sich geliehen künde d^ grölen siU dd 
zwischen stuont Wo. 

Anm. 4t, Häufig steht da für dar da: ^ giedä (dahin, wo) ^ si vant. 

Anm. 5. Auch die verallgemeinemden relativa (sw'dr, swä etc.) ge- 
nügen für sich ohne ein besonderes demonstrativum, wie dies im allge- 
meinen auch im nhd. der fall ist, aber selbst auch nach einer praep.; vgl. 
Daniel sluoc durch swa^ dSr man ane truoc Stricker. Femer mit Wider- 
spruch zwischen den anforderungen des re^erenden satzes und des 


152 Syntax. II. Zusammengesetzter satz. 

abhängigen: äXir mac ef^o9rhen sw^ Sr g<irt Wa. ich muo^ verjBhen (zur 
gestehen) stoBa Br wü Wa. 8Ö wirt WilWudm mtn sun ergetzet stoa^ int 
wirret (schadlos gehalten für das, was ihn quält) Wo. 

§ 345. Der vom hanptsatz verlangte casns kann bei dem 
rel. auch dann statt des nom. oder aec. eintreten, wenn der 
begriff, auf den es sich bezieht, dnreh ein besonderes wort aus- 
gedrückt ist^ eine erscheinong, die man attraction zu nennen 
pflegt: daj; er alles des verphlac des im ze schaden mohte komen> 
(dass er alles das aufhörte zu treiben, was ihm zum schadea 
gereichen konnte), prtses des (welchen) erwarp stn hont, voit 
der not der ich dir geJdaget hän. 

Anm. Seltener ist die umgekehrte attraction, dass sich das dem. im 
casus nach dem rel. richtet. Dieser fall hat statt bei dem in § 325 be- 
sprochenen Pleonasmus. Vgl. dSn schaz dM 8fn vater lie^ d&r wart mit 
ir geteÜet H. dSn irsten kid d^n ir da vant, da wart ^ inne über hröhb 
Gesamtabenteuer, einen munt d^ Br da hat, d^ ist witer dann ein ein 
Stricker. dSm gote dXm ich da dienen 8ol, den enhüfent sie mir $6 niht 
loben Beinmar. alles dSs dBs Br began, da lanc im aller dickest an G. 
Vgl. J. Grimm, El. Sehr. III, 826. Noch merkwürdiger durch die Um- 
setzung der praep. ist für atte die si kömen, die muosen in dBs j'ihen N.. 

§ 346. Wenn an einen relativsatz ein zweiter mit unde 

anzuknüpfen wäre, so geht man häufig in demonstrative 

construetion ttber, jedoch mit der Wortstellung des relativsatzes^ 

namentlich wenn der zweite satz einen andern casus des pron. 

verlangt als der erste : den e hete betwungen diu Sifrides hant 

und in (den er) ee gisel brähte. die got da zuo henande und in 

(denen er) sin engel sande. den man lichter varwe jadi und 

anders niht von in sprach, swem er dag swert undergienc und 

in mit armen zim gevienc. den mir min vater ouch beschiet und 

mir an sine Ure riet, dem sin herre sin guot bevilhet und er 

da mite getrvuweliche wirbet. Weitere beispiele bei Eraus^ 

Deutsche ged. des 12. jahrh., zu II, 39. 

Anm. 1. Davon zu unterscheiden ist die ganz freie anknttpfung eine» 
Satzes durch wnde an einen vorhergehenden relativsatz, wobei der ange- 
knüpfte satz den begriff, auf welchen sich das rel. bezieht, gar nicht ia 
sich enthält, z. b.: swelhes; ich nu lä^e und da^ ander begdn (indem ich. 
das andere tue) N. (föm sin vater wunder lie und das; mit scharen 
zergie (ausserordentliches hinterliess, welches doch in schimpflicher weise 
vertan wurde) H. dtn schämt, die du danne hast unde (indem du) nacket 
vor mir stäst H. durch die luhe die '&r zuo ime hete und in nach im- 
s'dben gebildet hete Berthold, diu sich da sündet an mir und ich ir vil 
gedienet hän Dietmar. Anknüpfung mit noch: dXm du nie gewanctest 


Belativsätze. 153 

deheines dienstes (den du nie mit einem dienst in stich liessest) noch '&ir 
dir Wo. 

Anm. 2. Wider ein anderer Vorgang ist es, wenn die relative con- 
stroction verlassen wird durch Veränderung der Wortstellung, während 
doch das relativpron. auch zu dem mit unde angeknüpften satz gehört; 
die sich gar wtse dünkent und sint doch toren. 

Anm. 3. Selten wird an einen relativsatz ein zweiter mit und ohne 
widerholung des pron. angeknüpft, während doch ein anderer casus des- 
selben erforderlich wäre: swa^ ir gewinnen möhte und ze ^en wol töhte 
Lanzelet. die si hat von mir vemomen und ir nie ze hi6rzen künde komen 
(die acc. sg. im zweiten satze snbj.) Morungen. nach siten dir si pfldgen 
und man durch r'6ht hegie (acc. aus dem gen. zu er^uizen) N. dM w$ 
ist und (die) (2^ Ewigen tödes st'^bent Berthold. 

§ 347. Häufig steht ein relativsatz, wo mit genauerer an* 
passnng der grammatischen eonstraction an das logische ver- 
hältniss ein conjnnctionssatz zu gebrauchen wäre. 

1. Snbjects- oder objectssatz : ja tuot e^ manegem schadeuj 
der der habe ist überladen (dass er mit besitz überlastet ist) 
H. dag ist ein grogiu tugent, der fride machet (dass man) Bert- 
hold, swen ich iuch heige Mssen, dag sol sin getan N. nie 
niht beggers für die sünde wart danne bthte unde gebet unde 
der sich ßgecliche gote empfilhet Berthold, die schedeliche sint 
von hinnen gescheiden, dag ist von mir doch nicht gescJiehen 
Lohengrin. 

2. Bedingungssatz: swer (wenn jemand) mir anders tuot, 
dag ist mir leit. und ist im ein herzeleit sweme (wenn jemandem) 
dehein ere geschiht der uns zeinander liege, ich valte in (wenn 
man uns aneinander Hesse, würde ich ihn fallen), ders möhte 
han genomen war, mit guoter gehabe (haltung) ich reit, dag eg 
von grögen smlden was, der dannen Tcom oder da genas, diu 
ir wipheit rehte tuot, dane sol ich varwe prüeven niht. do zer- 
Stuben in die schilte, als der vedern würfe in den wint (da zer- 
stoben ihnen die Schilde, wie wenn man federn in den wind 
werfen würde), dd hörte er ein gebrummen, als der wol zweimec 
trumben slüege (wie wenn jemand zwanzig trommeln schlüge). 
swa du guotes wtbes vingerlin mügest erwerben, dag nim, 

3. Concessivsatz: swag si sagen, ich bin dir holt, junc man, 
in swelher ahte du bist, 

4. Modalsatz : einem s6 gewanten man der nie mäge hie ge^ 
wan (einem manne von solcher beschaflfenheit, dass er nie ver- 


154 Syntax. II. Zasammengesetzter satz. 

wandte hier gehabt hat), ein also riche Mrät diu wol nach 
dinem willen stat (eine so reiche partie, dass sie wol deiner 
neignng entsprechen wird), also freude riehen sin des ich ge- 
tiuret iemer hin (dass ich davon immer geehrt bin), so starke 

widerstrebe da von din name st geeret. 

Anm. 1. In dem letzten falle ist in den ausgaben öfters ein unge- 
rechtfertigtes dir (= da^ ür) oder dei^ (da^ df) eingesetzt. 

Anm. 2. Noch freiere, unlogische Verknüpfungen kommen vor, z. b. 
die i da sSre klagten^ dSs wart nu michel me N. 


Nebensätze von conjunctionen eingeleitet. 

Vgl. Eynast, Die temporalen adverbialsätze bei Hartmann von Aue, 
diss. Breslau 1880. Köhler, Der zusammengesetzte satz in den gedichten 
Heinrichs von Melk und in des armen Hartmann rede vom glauben I. teil, 
diss. Berlin 1895. Heuck, Die temporalsätze und ihre conjunctionen bei 
den lyrikem des XH. Jahrhunderts, diss. Berlin 1896. Ferner die zu § B35 
angefahrte literatur. 

§ 348. Die sogenannten conjunctionen, welche zur ein- 
leitung von nebensätzen dienen, sind sehr verschiedenen Ur- 
sprungs. Man rechnet dazu zunächst einen teil der relativen 
adver bia (vgl. § 343), nämlich diejenigen, die zur bestimmung' 
der zeit und der art und weise dienen. Hierher gehören: 

1. dö nur mit dem praet. (plusq.) verbunden = nhd. als. 

2. swanne^swenne „zu jeder zeit, wo", auf ein gescheheu 
bezogen, das sich mehrmals widerholt hat, oder von dem man 
erwartet, dass es sich mehrmals widerholt: swenne eg diu vuoge 
lie geschehen, so gruo$te si in (so oft es die schicklichkeit ge- 
stattete), swenne si min ouge an siht, so taget e^ in dem herzen 
min. Auf die Zukunft bezogen auch von einem einmaligen ge- 
schehen: swenne ir uns Jcomet, ir werdet hohe emphangen Die 
temporale bedeutung hat sich noch nicht wie bei nhd. wenn 
in eine rein hypothetische verwandelt. 

3. so = nhd. wie (so). Als besondere gebrauchsweise ist 
zu bemerken so ie — so ie = nhd. je — desto ; so ich ie mere 
mhte hän, so ich ie minner werdeJceit bejage. Sehr häufig wird 
so zeitlich gebraucht, synonym mit swenne: ich siufte, so ich 
'vrd bin. du kündest dl der werlde fröude meren, sd dug ee 
guoten dingen woldest leeren. 

4. also, alse, als = nhd. wie (so): so vil, als ich e^ iu 
bescheiden wil. als liep iu dag si (so lieb euch das sein mag). 


Nebensätze von conjonctionen eingeleitet. 155 

als er aller beste mohte (so gut er irgend konnte). Häufig »= 
nhd. als ob : ir houbet ist so wunnenrich, als eg min himel welle 
sin. sd liget er also er tdt si, swer nu vert wüetende als Sr tobe. 
Daneben auch als ob. Femer zeitlieh wie so, swenne: also der 
eine inne was, der ander vor den türen was. sie swiget iemer 
als ich klage, dag sol sin getan, als wir komen widere. Seltener 
ist die dem nhd. entsprechende Verwendung statt des gewöhn- 
liehen da zur angäbe eines einzelnen factums der Vergangen- 
heit: also der herre Blcedel für die tische gie, Dancwart in 
vligecliche enpfie. als er die stat an sach, euo den mamosren 
(sehiflFern) er do sprach. Zuweilen kann man die conj. als Ver- 
tretung eines relativpron. auflFassen; ir wärt der selbe als ir 
noch Sit gein solher rede als ich im bdt und der ich wolte 
sin bereit, es möhte jugent werden grä des gemaches also da 
Gdwdn an dem bette vant. do der ta^ kam als (an dem) diu 
rächunge (räche) sin solle, der jsweier buoche eineg als (wovon) 
ich iu jenes tages sagte. 

5. sam{e), alsam(e) = nhd. wie: doch tete si sam diu wip 
tuont = nhd. als ob: so die bluomen üg dem grase dringent, 
same si laichen gegen der sunnen. eg smecket (duftet) alsam eg 
balsme (baisam) si. er vert dem geliche, sam er uns welle er- 
dienen ein künicriche. 

6. swie = nhd. wie auch immer: swie sie sint, sd wil ich 
sin. tuo mir swie du wellest. = wie sehr auch : swie kure er 
wosre, stn kraft was grög. swie we eg im von hemen tuo, dag 
her/se stat doch ie da zuo. = wiewohl: nu volge aber ich, swie 
ich es niht geniege (wiewol ich keinen vorteil davon habe). 
Seltener temporal = sd: swie dag geschiht, so bin ich tot. 

§ 349. Die conjunction wände, wan (vgl. § 3B2) kann 
auch die Wortfolge des abhängigen Satzes nach sieh haben, 
und der damit eingeleitete satz kann dann auch demjenigen, 
welchem er zur begrttndung dient, vorangestellt werden. Wir 
ttbersetzen dann durch „da", „weil". Vgl wände des herren unde 
frouwen wol bedürfen, sd Uret man sie. 

§ 350. Ein mit oder eingeleiteter satz kann sich logisch 
dem correspondierenden satze derartig unterordnen, dass wir 
ttbersetzen können durch „es sei denn, dass". Die Wortfolge 
des hauptsatzes wird dabei beibehalten, die abhängigkeit zeigt 
sieh aber darin, dass der satz vorangestellt werden kann : vgl. 


156 Syntax. II. Zasammengesetzter satz. 

und brcehten dir die vrouwen, oder uns würden wunden üf dag 
herze cd durch den Up gehouwen En. oder uns hänt diu luoch 
gelogen, sd wart da diu schomste hdchgezU Lanzelet. oder eg 
w<Bre gar ein nidosre, so truog im da niemen ha^ H. 

Amn. In gleichem sinne wird auch oder das; gebraucht: d^ svn 
prts toirt hoch und ganz^ oder das; er jaget mich an die stat Wo. 

§ 351. Ein danne nach dem comparativ (vgl. § 318) kann 
anch zur einleitnng eines Satzes dienen, indem das verb. des 
hauptsatzes noch einmal widerholt wird oder ein anderes stell- 
vertretend dafttr eintritt: er ist niht wtser danne ich hin. ich 
wil Wesen tiurre dan ieman habe bekant deheine Jcüneginne. eg 
enwart nie fröude merre denne in leiden was geschehen. Anch 
da, wo zwei Sätze mit einander verglichen werden, genügt 
einfaches danne, ebensowol wie danne dag: mir ist lieber dag 
si mich verber (fem von mir bleibt) , dan mich ur^ jenen und 
disen gewer. noch beiger ist dag ich si mide, dan si äne huote 
wcßre und sprmche mir deheiner ze nide. dem man ist bag mit 

bou/we (aekerbau), danne er mit swerten houwe. 

Anm. Vereinzelt steht bei Walther schon einmal als nach comp.: 
da^ er gescehe ie grce^er glSbe, äU wir ze Wiene haben durch Bre enpfangen. 
Ebenso vereinzelt steht umgekehrt denne statt sd oder als: so vil dSr 
höhen vröude denne Br da gewan N. 

§ 352. Andere den nebensatz einleitende conjonctionen 
sind so entstanden, dass eine bestimmang^ die ursprüng- 
lich dem hanptsatz angehörte und auf den inhalt eines 
zunächst nur logisch abhängigen satzes hinwies, vom Sprach- 
gefühl allmählig in den letzteren hinübergezogen ist (auf die 
nämliche art ist auch das dem. zum rel. geworden). Hierher 
gehört vor allem die häufigste aller conjunctionen, dag, eigentlich 
nom. oder acc. sg. n. des demonstrativpronomens. Folgendes 
sind die wichtigsten verwendungsweisen von dag: 

1. Es dient zur bildung von Sätzen, die innerhalb des haupt^ 
Satzes wie sonst ein subst. fungieren, die wir daher substantiv* 
sätze nennen können. Diese fungieren als subj. oder obj., auch 
an stelle eines genitivischen objects {gedachten dag ouch si i 
wären aJmuosenosre)^ wobei noch einmal durch ein pron. auf 
sie hingewiesen sein kann. Femer nach damns (vgl § 318. 351). 
Nach wan (vgl. § 319) wag sol ich dir sagen mS, wan dag dir 
nieman holder ist. Abhängig von praepositionen: äne dag du 


Nebensätze von conjanctionen eingeleitet. 157 

triutest (ausser dass du liebkosest), heda;; dSr videUere die rede 
do vohprach (indem er ausgesprochen hatte), durch da$ si in 
dicke sähen i (weil sie ihn oft früher gesehen hatten), durch 
das; ^n künfiedichiu vröude werde als 6 (damit), sie länt un^ 
noch phender hie mir dag sie uns so dicke hänt verbrennet 
Lohengrin. für dag diu sele üg dem Übe kumt (ttber den Zeit- 
punkt hinaus dass) Berthold, umbe dag einiu ir lönes niht 
vergag (deswegen weil). In genitivischer form: innen des mich 
diu gebar. Es kann in allen diesen fällen noch durch ein 
demonstratiypron. im hanptsatze auf den abhängigen satz hin- 
gewiesen werden, und dann gehen die substantivsätze in die 
unter 2 besprochene satzart ttber: dag in des niht verdrog, dag 
ist ein wunder, dag wart durch dag getan, dag sie dag wolten 
wiggen. üf dag dag du si beMrtest (zu dem zwecke dass). 

2. Die Sätze mit dag dienen zur erläuterung eines begriffes 
im hauptsatze. Eines snbstantivums: der siechtuom dag si 
des kindes genas (die krankheit, die davon kam, dass sie von 
einem kinde entbunden wurde), da hat JEva zwo schulde: 
dag si dag obeg äg und dag sig ouch Adamen gap. von der 
hohen wirdekeit dag si des küneges muoter ist. stt des tages 
dag ich sach. den Worten dag (unter der bedingung dass, 
zu dem zwecke dass). Eines pronomens: ich han des reht 
dag min lip trüric st. dag Cunneware ist eerbert, iuwer freude 
es wirt verzert (eure freude wird deswegen vernichtet, weil 
Cunneware zerschlagen ist), er muog mich deste bag han dag 
er mir leide hat getan (darum um so besser weil). Eines einen 
pronominalcasus vertretenden ortsadverbiums: dag im vil leide 
dran geschach, dag er in riten niht enlie. darumbe was im 
also gäch, dag er des sk'e vorhte. davon dag wns unnütze 
gedanke zuo vliegent däzuo was er ze rtche, dag er iht nasme 
solt Eines sonstigen adverbiums: also stet min sin, dag ichg 
iemer diene. 

3. Die Sätze mit dag dienen zur bezeichnung logischer 
Verhältnisse sehr mannigfacher art, ohne dass dieselben wie 
bei den unter 2 besprochenen Sätzen noch durch ein nomen 
oder adv. besonders bestimmt sind. Y gl. dö half der küneginne 
bete dem herzogen dag er unde stne man riten (wofttr es auch 
heissen könnte des dag, in bezug darauf, dazu dass). er sazte 
ir gisel unde pfantj dag er al stne schulde buogte (wider = 


158 Syntax ü. Zusammengesetzter satz. 

des da$). si ist iu ee edel und ze rieh, dag ir si Icebesen (zur 
beischläferin machen) soldet (= da zuo daf). Am häufigsten 
bezeichnet daß; wie im nhd. absieht, folge, art und weise. 
Oefters mttssen wir jetzt eine compliciertere ansdrncksweise 
anwenden wie „von der art dass^: ein maget da$ da noch 
anderswä deheiniu schcener wart gesehen, sehs hundert kilener 
man dag nie künic deheiner begger degene gewan, ja vinde ich 
eteswä dag lant dag da niemen ist erkant dag hüs was dag er 
so schoenes nie niht gesach, si fuorten üg der bürge dag (so 
viel dass) eg zwene kiele künden niht getragen. Negative Sätze 
der art und weise übersetzen wir gewöhnlich dnrch „ohne 
dass^': dö seic si zuo der erden, dag si niht enspra>ch. got hörte 
Moyses gebet, dag er den munt nie üfgetet. Noch andere ans- 
drucksweisen müssen wir im nhd. einsetzen in fällen wie wir 
warnen dicke, wir dn vol genäden dag (während doch) noch vil 
Imres in uns is^ Mystiker, er enruochet wer diu scMfbeschirt, 
dag cht (wofern nur) im diu wolle wirt Freidank, dag (wenn 
auch) dir alUu diu w'erlt big an den jungesten tac hülfe büegen 
und vasten, du hostest dannoch die sünde niht nach rehte ge- 
büeget Berthold. Auch die Ursache kann durch einen satz mit 
dag ausgedrückt werden, nicht nur dem nhd. entsprechend in 
fällen wie wol uns, dag si den ie getruoc, sondern auch sonst: 
manec grdgiu herschaft nu zergät, dag si niht rehter erben hat 
Freidank, so ist sie ein übel maget, dag sie den site an iu 
niht klaget Wo. ietweders ouge blic (glänz) enphienc dag er 
den andern komen sach Wo. diu maget wa/rt riches muotes dag 
ers gerolgete gerne H. In dieser freieren weise wird auch wan 
dag häufig gebraucht: ichn kan ims niht gedanken, wan dag 
(ausser indem) ich tiefe nige. si wosre in dem leide erstorben, 
wan dag si dSr tröst labete (hätte sie nicht die hofihung er- 
quickt), wan dag im got half üg der not (hätte ihm nicht got 
geholfen), son kunder nimmer sin genesen, wan da^ ich ein 
lützel fuoge kan, so ist min schcene ein wint (ein wenig 
schicklichkeit verstehe ich wohl, aber meine Schönheit ist 

nichts). 

Anm. 1. Bisweflen, namentlich in jtlngeren quellen wird da^ einem 
interrogativen oder relativen adv. (adverbialer bestimmung) pleonastisch 
beigefügt: diu frouwe enwesse r'ihte wie dcu; si ir dSn list erdoehte Wo. 
und in gebot wie das; «i Üben solten Berthold, ich enwei^ in weihet zUe 
späte oder vruo da^ si begtmden siigden Eu. swewne das; vrou JPrünhiU 


I 




Nebensätze von conjunctionen eingeleitet. 159 

kcßme in ditze lant N. swenne da^ sie in mit kreften nider h'ähten Lohen- 
giin. lieber ersetzendes da^ vgl. § 385. 

Anm. 2. Nor in wenigen quellen kommt in fällen , wo wir einen 
ein&chen hanptsatz erwarten, ein pleonastisches da^ nach einem adv. vor: 
vil gezogentliche da^ '6r sprach Graf Budolf. lüte dat sie dö riep (rief) 
Floyris. 

Anm. 3. Vgl. Bätjer, Die Verwendung der conjonction da^ in Wolfram 
von Eschenbachs Parzival, diss. Marburg 1890. Ullsperger, lieber die 
syntaktische Verwendung der Verbindung uoan da^ im Mhd., programm^ 
£ger 1880. 

§ 353« In entsprechender weise sind in den nebensatz 
getreten : 

1. hig neben biß; da^;, welches nicht nur in dem neuhoch* 
deutschen sinne gebraucht wird, sondern auch in der bedeutung 
„so lange als", vgl. big dag ich nu geleben mac, big dirre jär* 
market wert 

2. unjs {unze) neben unz dag, synonym mit big: unze du 
behütest min gebot, sd bistu untotlich. unz dag er üg ze velde 
qiAom. ich hän gedrungen unz ich niht gedringen mac. 

3. Sit neben stt dag: Sit dag diu minnecUchiu minne ver^ 
darp, Sit sanc ich. sHt du mich dir dienen bmte. Häufig cansal 
= nhd. „da": s/it dag niemen äne fröude touc, so wolt ich vil 
gerne fröude hän. du bist ze hrump, M nieman dich gerihten 
nuic. Der abhängige satz kann auch einen gegensatz bezeichnen : 
dag du in liege minnen, sHt er din eigen ist (da er doch dein 
leibeigener ist.) 

4. e (bevor) neben ^ danne und e dag: e dan man si bat 
e dag wir wider wenden, i dag geschiht Auch in dem sinne 
„lieber als dass": e danne ich lange lebte also, dm Jcrebg wolte 
ich t eggen rb% 

5. nu neben nu dag. Zeitlich = nhd. als, nachdem; nu 
dag diu ma,get und der man den tranc getru/nken. nu si wurden 
gewar. Causal = nhd. da: nu ir sit so kiiene. nu er dunhe 
sich so biderbe. 

6« die wtle (während) neben die wile dag, die wtle und 
(vgL § 343 anm. 2) : die wtle dag er leben sol. die wile ich 
weig dri hove. die wile und wir gelSben. Auch die wtle unz% 

7. doch^ welches man dann mit „obgleich" ttbersetzen 
kann: d^^rch die ml ich mit fröuden stn, dock eg mich wenic 
hat vervän. eg enwas niht mit wine, doch eg im geltch wosre* 


160 Syntax. IL Zusammengesetzter satz. 

doch e^ im we von herzen tuo, da^ herze stät doch ie däzuo. 
doch tritt auch in nebensätze ein, die durch eine andere con- 
jonction eingeleitet sind: er was sd wol bescheiden, swie er doch 
wcere ein heiden, 

8. so = „so dass'^, in älteren denkmälern, am Niederrhein 
auch noch in späterer zeit: da aribeiti Cesar mer dan ein 
(zehn) jär, so her die meinstreinge (gewaltig starken) man ni 
conde nie bidtvingen Anno, die kuninge fähten unz an den 
driften ta^, so nieman da ne gesa^ch blodis mannes gebcere 
Alexander, üf dem bette ein man lag, s6 min ouge nie ne gesah 
mer so scönen alden man ib. 

9. Ursprünglich demonstratives so oder also mit einem 
darauf folgenden entsprechenden relativen so oder als6\ also 
hövesch so ir sit, sone saget niem^m wer ir sit (dem höfischen 
wesen entsprechend, das ihr habt). Häufig zur bezeiehnung 
eines gegensatzes : wer iu geriete disen wän, sd leide als ir mir 
habt getan, da? ich iemer tvurde iuwer wip (da ihr mir doch 
so grosses leid getan habt), so manec w&rt leben so liebe frumt 
(wie manches herrliche leben die liebe auch schafft). Das 
zweite sd kann auch durch unde vertreten werden (vgl. § 342 
anm. 2) oder ganz fehlen : sd vil und man ir guotes tuot so vil 
ze Saleme von arzenten meister ist (da es doch in Salerno so 
viele meister in der heilkunde gibt). 

§ 354. Die conjunction ob wird in zweifacher weise ge- 
braucht. 

1. Wie im nhd. zur einleitung abhängiger fragen. Die 
anknüpfung ist öfters eine freiere, so dass ein zwischengedanke 
zu ergänzen ist: dö blihte er ze berge gegen der zinne, ob (zu 
sehen ob) er iendert scehe dar inne sten sins herzen Mniginne. 
Hagene begonde wecken die recken, ob si zuo dem mimster 
wolden gän. 

2. Zur einleitung von bedingungssätzen =» nhd. „wenn^^ 
vgl § 347, 2. Diese Sätze werden gerade so wie die bedingungs- 
sätze ohne conjunction (vgl § 335, 2) als blosse höflichkeits- 
formein gebraucht und greifen ebenso in die function anderer 
eonstructionsweisen über. Concessivsatz : ob mir alle kröne 
wasren bereit, ich hän nach ir min hcehste Uit ich bestüende 
in doch durch äventiur, ob sin ätem gcebe fiur. dag ir unlange 
doch mit mir iuwer fröude mügent hä% ob ich joch lebende 


Gonjanctioneii. Nacbsatz. Wortstefiimg. 161 

hestän. Snbstantivsatz : ob ich dir vor allen w&>en guotes gan, sol 
ich des engelten. swer mir des vertan (missgönnt) ob ich si 
tninne. ob ich dag hete versolt (Yerdient), ob ir minen friunden 
toceret inneclichen holt, du sürbest i danne ob du masgic wcBrest 
Relativsatz: ob er ie Jcraft gewünne, diu was an sinem Übe 
Meine (die kraft, die er je gehabt hatte). 


Nachsatz. 

§ 355. Wird der hanptsatz dem von ihm abhängigen 

nebensatze nachgestellt, so kann er wie im nhd. dnreh ein auf 

letzteren zurückweisendes s6 eingeleitet werden, nach welchem 

die wortstellnng der frage eintritt: als (wenn) in der hunger 

hestuont (ergriff), s6 teter sam die toren tuont Dies sd ist aber 

nicht notwendig, yielmehr kann der nachsatz ohne jede modi- 

iScation behandelt werden wie ein ftlr sich stehender satz. Es 

steht entweder Schema 1 (4) (vgl. § 183) : d6 nu ee hove hörnen 

die Hartmuotes man, Hilde diu schoene grüegen si began, ob dug 

niht ermrbest, du muost doch iemer deste tiurer stn. also d&r 

junge solhe wandelunge an süner swester gesach, er nam si be- 

sunder, wan dag mang im durch got vertreit (wenn man es ihm 

nicht mn gottes willen hingehen liesse), man dulte eg unlange 

vrist. Oder Schema 3: dö si von dannen weiten, urloup nam 

dö Hartmuot. stt dö er sich bag versan (verständiger geworden 

war), ungeme het erg do getan, do er dag hint geshwc, dar 

v,mbe was er riuunc genuoc. swie Jcüene der von Tronege st, noch 

ist verre Mener der im sitzet bt. dö er in disen sorgen sag, 

nu widervuor im alleg dag. dö er den lintdraehen sluoc, ja 

badete sich in dem bluote. 

Anm. Vgl. B. Schnlze , Zwei ausgewählte kapitel der lehre von der 
mhd. wortstellnngy diss. BerUn 1892. 


Wortstellung in den abhängigen frage-, relativ- und 

conjunctions-sätzen. 

§ 356. Die normale Stellung des fragenden oder relativen 
pron. oder adv., sowie der conjnnction ist am anfange des 
Satzes. Ausnahmsweise aber kann in der poesie ein Satzteil, 
der besonders hervorgehoben werden soll, vorangestellt werden : 

P anl| mittelhoohdeatsohe grammatik. 6 aufl. 11 


162 Syntax. II. Zusammengesetzter satz. 

uf und euch zetal swer s6 hcere diesen mines homes schal Ku. 
ee rehter Sturmes ztte dag nieman da sin arbeit Verliese Ku. 
Gewöhnlieh aber wird dann der vorangestellte begriff noch 
einmal dnrch ein pron. (oder adv.) aufgenommen (ygL § 325) : 
nu ergienc eg als eg solde, diu junge künigin tsot dag si ir 
Uten und ir tdt ze aller erste gesach 6. alle mine meide, die 
hie verderbet sint, dag man si bade Mnte Kn. tugent und reine 
minne swer die suochen wil Wa. beide schouwen unde grüegen 
swag ich mich dar an versümet hän Wa. iuch möhte wol ge-- 
eemen, dm fride mines herren ob ir den ruochet nemen Ku. 
diu lere ob si mit triuwen si^ dag schtne an iu Wa. dtnen 
hohen pris wie den diu werlt beginnet Magen, muot unde guot, 
swer 0UO den ewein gerosten tu^t bescheidenheit 6. 

§ 357. Für die folge der einzelnen Satzglieder gilt iu der 
prosa, wie sehen in § 184 bemerkt ist, Schema 4. Doch wird 
nicht selten ein glied dem verb. fin. nachgesetzt, am häufigsten 
ein inf. oder ein ger.: die beJcert suln werden, die wir gote 
müegen wider reiten (zurück zahlen), dag du kein dinc üf solt 
schieben, dag dich der tievel deste minner mac geziehen zuo 
Sünden, dag er dir dag beste gebe ze tuonne, die uns got ze 
leben gegeben hat hie üf ertrtche. Noch häufiger ist diese frei- 
heit in den poetischen denkmälern: als in was e getan, dag 
man erdiegen horte palas unde sal, ob er vüeren solte mit im 
dan. Hier findet sich auch Schema 1: wie ein schomiu meit 
wcere in Burgonden. von wanne ir sit Tcomen her in ditze lant 
dem si wart sider undertän, dag ich habe von rehte Hute unde 
lant. Andere Variationen: nu sd gevüege din lieber herre rf. 
von swannen koemen die recken an den Bin, dag da komen 
wceren ritter vil gemeit. 


Modusgebrauch im nebensatze. 

Vgl. Lidforss, Beiträge zur kenntnis von dem gebranch des con* 
jonctivs im Deutschen (Uppsala universitets ärsskrift 1862). Holtheuer,. 
Der deutsche conjunctiv nach seinem gebrauche in Hartmanns Iweia 
(Zschr. f. deutsche philol., ergänzungsband s. 140 ff.). Bock, Ueber einige 
fälle des conjunctivs im Mhd., Strassburg 1878 (QF 27.). Weingartner^ 
Die von Bock aufgestellten kategorieen des conjunctivs, untersucht bei 
Hartmann von Aue, programm Troppau 1881. Ullsperger; Ueber den 
modusgebrauch in mittelhochdeutschen relativsätzen, programme SmichoTr 
1884—86. Göhl, Modi in den werken Wolframs von Eschenbach , diss. 


Modnsgebranch im nebensatze. * 163 

Leipzig 1889. Enepper (vgl. § 279 anm.). Ejederqvist, Untersnchnngen 
über den gebrauch des conjimctivs bei Berthold von Regensbiirg I, diss. 
Lund 1896. Auch in den zn § 835 und 358 ff. angeführten abhandlungen 
wird Über modnsgebranch gehandelt. 

§ 358. In Sätzen von loserer abhängigkeit hat der 
conj. die nämliehe fnnction wie im hanptsatze. Wimsehsätze|: 
do enpfienc er mich als schöne, als im got iemer Idne (lohnen 
möge), da^ liehe stiege vogelin, dag iemer stiege müege ^n. dag 
waere ir, so ich iemer wol gevar (so wahr es mir jemals wol 
ergehen möge = es möge mir nimmer wol ergehen, wenn ich 
nicht die Wahrheit sage), den hän ich, sd mir iemer müege Uep 
geschehen (so wahr mir jemals etwas angenehmes geschehen 
möge). Conj. praet. znm ansdmek der irrealität: an im hra^t 
al der tugende niht d&r herre haben solde, dag Jcumet von einer 
frouwen schcene, der ich gerne wcere 61. ir enflihet (liehet) mir 
michel arbeit, do ich wcere verhrant, oh irg niht hostet erwant^ 

§ 359. Der conj. steht in der regel in Sätzen, die von 
einem anderen conjnnctiyischen oder einem imperativischen satze 
abhängen, sobald es sich mn etwas noch nicht tatsächlich fest-^ 
gestelltes, sondern nnr angenommenes handelt. Vgl. swer samt 
mir var von hüs, dar var ouch mit mir heim, swa nu deheiniü 
st diu sich ir wtpheit schäme^ diu merke disen sanc, welle 
dag dich welle, minne dag dich minne. eg si nach tode oder 
um er lehe. sit hie ur^ ich min reht geneme. tuet mit mir 
rehte als iuch seihen dunJce guot So anch in conjnnctions- 
losen bedingnngssätzen (vgl. S. 335, 2): st iuwer deheime ge- 
schehen hag, oh [er nu welle, der sage dag» gedenket iuwer 
triuwe, gesende iuch got von hinnen. Selbst wo es sich nm 
schon feststehende tatsachen handelt, kommt der conj. neben 
dem ind. vor : nu lät den- knappen wider kamen von dem diu 
hotschaft si vemomen Wo. sende mir den kleinen schrin da 
miniu kleinste inne sin Gc. nu hitet in sin mosre, des i he- 
gtmnen wasre, durch iuwer liehe volsagen H. dag alle krä ge- 
dien (dass es allen krähen ergehen möge) als ich in des 
günne Wa. lät [si des geniegen dag si iuwer swester si N. 
got müege im lönen dag er mir wasge st (geneigt ist) Ka. nu 
er dunke sich s6 küene, sd traget in ir gewant N. nemt war 
wie gar unfuoge für sich dringe Wa. Notwendig ist der conj^ 
auch im ersteren falle nicht, vgl. swOs munt mich triegen wil^ 

11* 


164 Syntax. II. ZusammeiigeBetzter satz. 

der habe (behalte) $in lachen da. Ind. und conj. unmittelbar 
neben einander: sun, hebe daß; du getragen mäht; daß; dir ee 
swosre si, lä ligen Winsbeke. nu habe &r danc der si ebene 
me;s^ und dSr si ebene treit Wa. jBe machenne n'eme diz 
mcere ein man, der äventiure prüeven (erzählung dichten) Jean 
und rime Mnne sprechen Wo. 

Analog steht der conj. nach wünchendem wol oder we: 
wol im der uns fröude mere, wi im der uns truren lere. Da- 
gegen we im ders alrest began. 

Femer gewöhnlich nach suln, anch nach milegen, wein, 
mügenj wenn eine anfforderung darin liegt, nnd überhaupt nach 
Wörtern, die ein geschehen sollen ausdrücken: der danne jage 
dag beste, der sol des haben danc (dafür gepriesen sein), swem 
sin kunt diu masre, der sol mich niht verdagen. minne sol sin 
so gemeine dag si ge durch ewei herze, swä richer mcm ge- 
waitic st, da sol genäde wesen ht. s6 dag kint geboren st, so 
sult irg niht langer üf schieben, ob iug min vater, geheigCj 
so sult ir mirg künden, ir sult eg lägen stän, unz eg sich bag 
gevüege, versage er iu die reise, ir sult in vriuntltchen biten. 
wä sul wir htnte stn, da gerasten unser mcere (pferde). ir 
mäeget alle riten ums eg werde tac. wen wellen wir hie lern, 
der uns phlege der lande, der dar niht gerne welle, der 
mac hie heime bestän. si aber er s6 here dag er da zuo sitze, 
sd wünsche ich dag im sin zunge erlame Wo. er gerte stner 
gendge (standesgenossen) reht, hof da die fürsten wceren Wo. 
si suochte zuo ir State schate, schote der ir zuo ir State schirm und 
helfe beere da küele und eine (einsamkeit) woere 6. sinmuot 
stuont niuwan dar da er äventiure funde H. Auch hier zu- 
weilen, wo es sich um eine feststehende tatsache handelt: ich 
muog von rehten schulden hö tragen dag herze und die sinne, 
Sit mich der aller beste man verholne in sinem herzen minne 
Dietmar, nu so gevüege dtn lieber herre st, ich wil gen im 
nimmer das willen werden vrt Eu. ir sult Oäwänen lägen 
kernen, gein dem der kämpf da st genomen Wo. 

§ 360. Der conj. praet. steht zur bezeichnung der Irrealität 
in hypothetischen Vordersätzen, wozu im weiteren sinne auch 
die yerallgemeinernden relativsätze zu rechnen sind, in der 
regel einem conj. praet. des nachsatzes entsprechend: haste er 


ModntgebnHieh. 165 

sceldey ich tcete im guoL wag töhte, ob ich mich selben trüge, 
swer des vergcege, tcete mir leide. 

Anm. 1. ^sweüw steht mit einem Wechsel der anffasstmg im haupt- 
satze der ind., Im nebensatze der conj. praet.: wlir kan d^ harren von 
dem knShte scheiden, swä (r ir gebeine blödes; fände Wa. ob mir alle kröne 
wcBren bereit, ich hän nach ir mtn Juehste leit Wo. da^ da nach 
(beinahe) was ein dinc geschahen, hetens Hbd ougen niht geslthen Wo. 
Umgekehrt im nebensatze der ind., im hanptsatze der conj. praet Trcsaiei 
mich diu guote äleine, diu mich wol getrcesten mac, so gcebe ich umbe ir 
ntden kleine Wa. i^ müeae sin ein tounder, ob'i^ immer g es chiht Vgl. 
Behaghel, Eneide C lY. 

Anm. 2. Hiervon zu unterscheiden sind die flUle, in denen der ab- 
hängige satz nicht die voranssetznng für die gültigkeit des regierenden 
Satzes enthält, sondern nnr für die gültigkeit eines einzelnen wertes oder 
Satzteiles: do sach 'dr zuo im ü^ gän eine ritterlichiu maget (eine jongfran 
die ritterlich, stattlich gewesen wäre), hete si sich niht verklagt (durch 
klagen entstellt) H. enhete in sin zunge niht verworht (verdorben), sone 
gewan dSr hof nie titMrem man Wo. 

§ 361. Nach als, sam in der bedentnng „als ob'', natürlich 
auch nach als ob steht der conj., vgl. die beispiele § 348, 4. 5. 

§ 362. In Bnbstantivsätzen mit dag steht der conj., wenn 
das geschehen erst als gewollt oder bevorstehend gedacht wird ; 
du solt dag sagen Oirlinde, dag si uns erloube (erlauben möge) 
tra^gen, bite in dag er mir holt si, Ärntve gebot dag ir enkeiniu 
riefe, ich wilg gerne raten, dag eg diu maget tuo, wag wil 
er anders dag ich tuo, iedoch bin ich in sorgen, dag ich Ver- 
liese dm mtnen lieben man, dag ich iu den tot tuo (antnn 
sollte), da sit ir mir ze liep euo, dar zuo was er ee riche dag 
er iht nosme solt. Ebenso im abhängigen fragesatz: ja enweig 
ich wag ich tuo (tun soll), nu sage d&m Jcünic Hetele wag er 
darunibe tuo, nu rate ich wag man tuo, seht wag man mir 
eren biete, sie kirent alle ir liste zuo, wie sie uns die freude 
Verliesen (verderben mögen), dag sich s6 maneger fliget wa 
er ein schceneg wtp vervelle (zu falle bringen mag). In rela- 
tivsätzen: so müeget ir etswen kiesen, der iu in vriste unde 
hewar (der dazu dienen möge ihn zu beschirmen), heiget etswen 
Tcomen der sichs underwinde (der sich der Sache annehme). 
wä briche ich den kra/nz, des min dürkel fröude werde ganz 
(wovon meine durchlöcherte freude hergestellt werden soll). 
iffä sul wir hinte sin, da gerasten unser mcere (rosse), wen 
wellen wir hie län, der uns phlege der lande. 


166 Syntax. IL Zusammengesetzter satz. 

§ 363. Allgemein ist der conj. in absichtssäizen. 

§ 364 Nach den verben des sagens, denkens, glanbens etc. 
kann dag den ind. oder conj. neben sich haben, je nachdem 
der inhalt des Satzes mehr als blosse behanptnng oder meinnng 
oder als ein factum vorgestellt wird: dannoch seite si mir da 
l)i dag min düme ein vinger si — ich sage iu dag ich hin miner 
hosen hruoder sun, doch wil ich niht gelouiben dag eg wurde 
län — ich wil gelouben dag kein got enist ine trüwe es niht 
dag eg immer (je) geschehe — des wil ich niht getrüwen dag 
eg immer geschiht Doch werden manche yerba kanm anders 
als mit conj. constrniert, z. b. wcenenj abgesehen von ich waM{e\ 
und jehen ausser, wo es mit dat. verbunden das zugestehen 
einer tatsache bezeichnet, vgl. ich ml dir jehen dag du min 
dicke sere hoste Wa. Aehnlieh verhält es sieh in der indirecten 
frage: er seit uns wie dag riche st6 verwarten — er sagte im 
wie dag geschach. Wechsel: man möhte michel wunder von 
Sifride sagen, wag eren an im wüchse und wie schcene was 
sin lip, 

§ 365. Der conj. steht gewöhnlich in Substantiv-, modal- 
und relativsätzen, die von einem negativen satze abhängen : eg 
mac nimmer geschehen, dag ich iuwer wip werde, es ist unndt 
dag lernen miner verte vräge sone gevriesch (erfuhr) nie man 
deich ir iht sprceche wan guof, dag wunder nie geschach dag 
ie hwrgcere gcehen guot so ringe (ftlr einen so geringen preis). 
eg ist im selten e geschehen dag man in funde in unsiten, min 
herze stät mir niht dar zuo dag ich sin vriunt gewesen müge. 
done heten euch die Sähsen so hohe niht gestriten, dag man in 
lohes jcehe. so reine ist niht min leben dag ich mich des ge- 
rüemen müge, ich sihe hie niemen des si sin (dem sie gehören). 
doch ist ir deheine^ der versorgen mirjemer wS getuo. nun hän 
ich leider niht dämite ich sie gewer (womit ich sie befriedigen 
kann), nunc weig ich niht der leide diu min herre iu habe 
getan, Aehnlieh steht der coig. nach einem begriffe, der an 
sich negativ ist: eg hat diu werlt für eine lüge dag iemer un- 
ort gearten müge. wie wol dine Schenkel des bewart sint, dag 
si vrost oder wint iender habe gerüeret, im versmähte sSre 
(ihn dttnkte es verächtlich), dag er strite mit einem man. 

§ 366. Der conj. steht neben dem ind. in verallgemeinernden 
relativsätzen : swen ir kumbers nu gezem (wem ihre bedrängniss 


Modnsgebrauch. 167 

gefällt), der tuot e$ äne mtnen rat swer sir^ vater wcere, er 
mac wol stn ein helt guot swag si sagen\ ich hin dir holt 
rüemcere unde lügencere, swä die stn, dm verblute ich mtnen 
^anc. swieg umh alle vrouwen var (wie es mit allen damen 
t)eBtellt sein mag), wtp sint alle vrouwen, — dag M mir (durch 
mich) alle die nu leben immer sint gebeggert. also ist eg mit 
allem dem dag dir got gebe oder neme. — ist ieman der mir 
Stabe (den eid abnimmt), ob wir an dirre reise deheinen zagen 
(irgend ein feigling) han der wns entrinnen welle. — du er- 
Musest dir in dem walde einen boum der dir gevalle. er schale^ 
der dankes triege unde stnen herren lere dag er liege, Hier- 
lier gehören anch die fälle, in denen man das rel. im nhd. ttber- 
fletzen könnte „ein solcher, wie er", „von der art, dass'^: wir 
heigen boten fiten in dag lant, die hie niemen stn bekant Mit 
eigentümlichem Wechsel: ir habet mirs noch vil wenic her ee 
lande bräht, swie er min eigen wcere und ich stn wilent pflac 
N. swie got alle ett frd st und niemer truric wirt, so wirt doch 
got so frd Berthold. Auch nach dem superl. steht der relativ- 
täatz zuweilen im conj.: so gibet man iu diu besten diu man 
indert vinde Ku. 

§ 367. Nach Wendungen wie „es ist notwendig", „es ist 
gewöhnlich", „es ist recht" u. dergl. steht im abhängigen mit 
dag eingeleiteten satze gewöhnlich der conj.: dag muog iemer 
stn dag diu ett ir eigenschaft behalte, eg ist mtn site dag man 
mich iemer bt den tiursten (würdigsten) vinde. eg ist gewonltch 
dag man dem schuldigen man vergebe, ich han des reht dag 
min lip trurec st. a/n wtbe lobe stet wol dag man si heige 
schcene. 

§ 368. Nach einem von einem comparativ abhängigen 
danne steht überwiegend der conj., wenn der regierende satz 
positiv ist, dagegen fast ausnahmslos der ind., wenn derselbe 
negativ ist: diu kröne ist elter danne der künic PhiUppes st. 
^on dem dulte er merren spot dan er gewon wcere. Dagegen: 
ir habt keinen beggem vriunt danne er ist. er ist lüteel wtser 
denne ich bin. Doch auch: diu liebe stät der schoene bt bag 
dan gesteine dem golde tuot Wa. Vgl. weitere beispiele § 351. 
Unter diese rubrik gehören auch die Sätze mit e danne, & dag, 
i, von denen die gleiche regel gilt, vgl. § 353, 4. 


168 Syntax. II. Zmin—ii^ In Mir sata. 

§ 369. Zuweilen steht im abhängigen satze statt des sonst 
ttbliehen conj. der imp. wie im hanptsatze: ich sage dir wag 
du tuo (tnn sollst) Kaiserehronik. Ähnliche wendnngen mit 
tfwn im abhängigen satze sind häufig, vgl. J. Grimm, Kl. Sehr. 
YII, 338. Anderes selten, vgl. nu ruoche des gewerden (habe 
die gnade) dag du nUch erhcere S. Veit. 


Verallgemeinernde Partikeln und pronomina. 

§ 370. Ausgedehnter als im hauptsatze ist im nebensatze 
der gebrauch von ie, iemer im sinne von nhd. je (vgl. § 302), 
ganz dem gebrauch dieses wertes im nhd. entsprechend. 
Neben jedem solchen ie oder iemer kann ein pron. oder adv. 
aus der reihe ieman etc. (vgl. § 303) stehen. Ein solches kann 
auch ohne ein ie oder iemer auftreten ziemlich in allen fällen^ 
in denen diese vorkommen können. Es gehören hierher abge- 
sehen von denjenigen, die auch im hauptsatze möglich sind, 
hauptsächlich cUe folgenden. Bedingungssatz : hat in iemen . iht 
getan, hat si deheine triuwe. ob mir deheiniu guotes gan, ist 
unser deweder ein Anschevin. siht si iender gräweg här. Ver- 
allgemeinernder relativsatz : swer iht gewan. swag iemen reden 
hunde, swä deheiniu st diu sich ir wtpheit schäme, — so man^ 
iender regt Relativsatz nach Superlativ: die aller besten die 
man iender vant Nach dem comparativ: ich bin noch bag ein 
armeg wtp, danne ir deweder den lip durch mich sül Verliesen, 
e iemen dag erfände i dag dehein pilgerin von dem Stade (ge- 
stade) schiet. Nach ee mit einem adj.: dag ich iu iht herze- 
leides tuo^ da sit ir mir ze liep ssuo. Wo der regierende satz 
die betreffenden pronomina und adverbia enthalten kann, über- 
trägt sich die fähigkeit dazu auf den regierten : dag ich ie wände 
dag iht wcere (von dem ich immer glaubte, dass es etwas 
wäre), was dag iht? wie möhte eg sich gefüegen dag wir alle 
tot solden da beliben durch iemwnnes hag? überwinden hunde 
nieman dag wip, dag si minnen wolde deheines mannes lip, ich 
enbin nu niht müegic dar zuo, dag ich iu iht üf tuo. sorge niht 
wag ieman arger von im giht si enweste niht wer ir deheiniu 
wcere. und ist mir noch vil ungedäht dag iemer werde dehein 
wip diu von ir gescheide minen muot ich wcere äne alle sorge 
dag im ieman no&me sinen lip. wir hän selten vemomen von 


Verallgemeinernde partikeln und pronomina. Partikel ge-, 169 

Jceiner slahte mcere dag dehein ritter wcere. Wie nach einem 
negativen satze sind sie auch nach einem satze möglieh, der 
ein yerbum mit negativem sinne enthält: min herre uns verbot 
dag toir iht gäbe ncemen. wan ich der eren wol enbir dag mir 
diu genade iht geschehe dag ich im kome so nähen dag ich de- 
keinen hag von im dulten müese. 


Gebrauch der partikel ge-. 

§ 371. Die Verwendung von ge- zur bezeiehnnng des mo* 
mentanen (s. § 305) hat sieh im nebensatze lebendiger erhalten 
als im hanptsatze. Hänfig ist ge- in temporalsätzen neben dem 
prät, welches dadurch die fnnction des aorists erhält, während 
das einfache verb. die des imperfectums hat Es steht auch 
in solchen fällen, wo im lat. das plusquamp. gesetzt wird und 
im nhd. die entsprechende Umschreibung, z. b. do man gäg 
(= ge-äg) als man gegessen hatte, gegen innen des dö man äg 
während man ass. Vgl. den Wechsel: do er vür mich gestreit 
unde ug disem lante reit (als er für mich gestritten hatte und 
in begriff war aus diesem lande zu reiten). Femer findet sich 
ge- in temporalsätzen neben dem praes., wo im lat. meist das 
fut. ex. stehen würde: swenne iuwer sun gewähset (herange- 
wachsen sein wird), der trcestet iu den muot so si unser beider 
friiunde dort gegrüegen, so kdren (mögen sie kehren) dan. Häufig 
ist ge- nach un0 und big im sinne von „bis'', während da, 
wo sie den sinn „so lange als'' haben, das verb. natürlich du- 
rativ ist: dag eg den ougen deste vertregeltcher st big si ge- 
heilen, ir sult 6t uns sin drigic ta^e, um ich in aileg dag ge- 
sage, Aehnlich steht es nach e (dag): da hat manic hendel 
sine, vinger euo gerüeret, i si si gezierten, des bringe ich dich 
wol innen, e dag wir uns gescheiden. Auch sonst noch viel- 
fach, namentlich wo es sich um ein zukünftiges geschehen han- 
delt: im dürfet mir niht wan wagger geben und brotes dag 
ich drin gemer (einbrocke), su^ trinke ein iegelicher man, dag 
er den durst gebüege, ich muog sorgen, wanne diu lange naht 
zerge, dag ich si einest an gese (einmal erblicke), dag wir 
unser amt also geüeben und unser zit also an gelegen, dag eg 
gote lobelich si, und unsern ebenkristen also geminnen, des helfe 
uns der vater. alrerst get mir angest euo, wie er toider mich 


170 Syntax. IL Zusammengesetzter satz. 

getuo. nu hän wir z'ehen tüsent buoch, wie man dag guote 
getuo und dag übel geläge, wan er dl sin arbeit ime ze dienste 
Teerte, wie er stnen prts gemerte. 

§ 372. Verallgemeiiierndes ge- steht im nebensatze wie 
im hanptsatze neben einen pron. oder ady. der reihe ie, ieman 
etc. : wol ir dag si den ie getruoc, und muog mir wesen swasre 
dag ich si' iuch ie an gebot ob ich ie getrcete fuog von miner 
statte, geriet ich irg ie, dag tet ich. alleg dag guot dag er uns 
immer getuot alle die wtsheit die alle meister ie gelerten oder 
iemer me geUrent. sines herren arbeit, die Sr ie durch iuch 
geleit. ouch behagete ir der gast bag danne ie man getcete. Sr 
minnete Kriemhilden e si ie gesmhe dich, dag ie man gesprach 
oder iemer mere getuot Femer steht ge- in verallgemeinernden 
relatiysätzen, auch wenn sie kein ie etc. enthalten : mich hilfet 
niht, swag ich dar an geklopfe. swelch man getrinJcet swä du 
mich hin gestellest swenne du ein guot dinc getuost swie diu 
werlt nach im gestät swie vil man gote gediente oder ieman 
da gesanc. — alleg dag ich we geschrei. er ist tump der mit 
schaden richet dag man ime gesprichet niht half dag si ge- 
bäten. — spise diu wirt ringe (zerkleinert), so (wenn) si durch 
den munt gevert Anch in Sätzen, die von andern abhängig 
sind^ die ein ie enthalten, kann ge- stehen: dag iemer werde 
dehein wip, diu von ir gescheide minen muot ich wil nimmer 
des willen werden vri, ich gelone im (ihm zu lohnen). Femer 
in solchen, die von einem negativen satze abhängig sind ; auch 
ohne dass derselbe ein verallgemeinerndes pron. oder adv. ent- 
hält: nehein vürste hat die kraft dag er geande minen zorn. 
done mohte im state (gelegenheit) niht werden, dag eV so vil 
getcete dag er üf dag ors geswge. ich hän niht rosses, dag ich 
d<ir gerite. der so vil niht haben wolle der werlte da er sin 
houbet geneigete. min Jcunst mir des niht witze git, dag ich 
gesage disen strit In relativsätzen, die sich auf ein frage-pron. 
oder adv. beziehen: wä sul wir hinte sin, da gerasten unser 
moere (pferde). 

§ 373. Es ist nicht in allen föUen möglich zu bestimmen, 
was die eigentliche veranlassung zur Setzung des ge- gewesen 
ist, zu entscheiden, ob es dazu dient zu verallgemeinem oder 
das momentane des Vorganges auszudrücken. Das letztere wird 
anzunehmen sein, wo es ohne ein ie oder dergl in bedingungs* 


Gebranch der partikel ge-. Negation. 171 

«ätzen mit oh und solchen ohne eonj. steht, oh si den Mnic 
geniBme, e^ wcere ir wcerlichen guot geWhe ich une morgen 
vruo, ich sol iu füegen solhe klage, im solden wol getrüwen 
dise degene^ gewüehse er zeinem man. gesehent iuch siniu 
ougen, er gtt iu also vil 

Negation im abhängigen satze. 

§ 374. lieber die dnreh en eingeleiteten conjunetivsätze 
ist schon oben § 338—40 gehandelt. Anf die negativen begriffe, 
welche verneint en mit dem conj. nach sich haben (§ 340), 
folgt, wenn sie nicht verneint sind, dag gewöhnlich mit pleo- 
nastischer negation (doch nicht notwendig): lougent der 
herre dem man dag er ime niht zins gegeben habe, oh sig gar 
verspreche (verrede) dag sig niht entuo. dag ml ich tmderräten 
dag ir mich mit hesemen gesträfet nimmer mir. ich hete wol 
hehüetet dag (mich davor gehütet) dag ich niht vermeldet hete 
^nen lip. da heschirme uns der almahtige got vor dag wir 
nimmer dar Jcomen. dag sie im hasten henomen dag er niht 
möhte fürhag Stricker, wie Jcüme er dag verlie dag er niht 
toider si sprach, ja verhot ich iu an den lip dag ir niht soldet 
sprechen, mir und mtnen vriunden solte versmähen (unwürdig 
erscheinen) dag wir hie nieman viengen. ein magezoge dSr 
sol Wesen frt dag er niht wanhelmüetic ^. Diese construction 
kann anch nach der Verneinung angewendet werden neben dem 
häufigeren en mit dem conj.: si enhät dag niht verhorn (ver- 
säumt) dag si niht seihe nach iu reit, die habent des dehein ge- 

dinge (keine hoffnung) dag sie niemer mer (je) gesunt werden. 
Anm. Zuweilen steht pleonastische negation anch nach verneinten 
Sätzen, die keinen an sich negativen begrifT enthalten: lä niht gescMhen 
un mir diz valsche gespote, da^ ich die untruwen gote nimmer an geböte 
Passional. 

§ 375. Umgekehrt kann der ausdruck der negation fehlen 
neben einem pron. oder adv. der reihe ie, iemer in absichts- 
sätzen und in Substantivsätzen, die ein geschehen sollen aus- 
drücken, femer nach ich wcene. Es steht dann also ieman 
= nieman, iht = niht, ie = nie, iemer = niemer^ iender = 
niender: ir sultJcröne tragen, dag (damit) ich und iuwer muoter 
ieman hoßren sagen, dar abhet riet mir dag ich eg iht ver- 
beere (nicht unterUesse). darumbe schüefen si gerne dag eg zer 


172 Syntax. II. Zusammengeaetster satz. 

werlde iht koeme lebende, den gebot si dag si immer ritters 

wurden lut (dass sie nimmer das wort ritter in den mnnd 

nähmen), ich toosne das; ie geschach. dag, wcene ick, iender 

lebe ein toip. 

Anm. Aehnlich wie nach ich wcme fehlt die negation in einem satse 
wie deich in dSr toürU he^^er wip iender funde, s^ht dist min wän Hausen. 
Das gleiche ist auch nach wcetlich in der bedeatnng „vermutlich" möglich: 
mit also grölen iren, da^ wastlich iemer mir ergi (dass es wahrscheinlich 
nie wieder vorkommen wird) N. Zuweilen nach trutoen: gote ich wol ge- 
truwe das; iender Übe ein man Alphart 


Satzstellung. 

§ 376. Die stellnng der Bätze ist im mhd. eine freiere 
als im nhd. Es kann namentlich ein abhängiger satz dem 
regierenden vorangestellt werden, wo im nhd. naehstellnng oder 
einsehiebnng erforderlieh ist. 

1. Ein jeder relativsatz, nicht bloss der verallgemeinernde 
kann vorangestellt werden: die si üg dem scheffe stiegen, der 
wart vil maneger nag, an dem uns unser mäge erworben habent 
hulde, Hetele der rtche. dar nach ie ranc min her/se, wie wol 
ich dag verendet hdn. 

2. Ein relativsatz wird in den regierenden satz einge- 
schoben, aber vor den demonstrativen ansdmck gestellt: d6 
schihte er taugen dan, die sageten ander masre, s^wine siner 
man. da brähte man gesatelet, diu solden tragen dan si und 
ouch ir meide, diu ros vil wol getan, des dtnen guoten willen 
gibe ich dir ze Ibne, die ich tragen solde, miner muoter OSrlinde 
kröne, des sol min worteeichen sin, den ich hie bringe dirre 
schrtn Lohengrin. 

3. Sehr gewöhnlich wird ein von einem nebensatze ab- 
hängiger satz diesem vorangestellt, ganz in derselben weise, 
wie er einem regierenden hanptsatze vorausgeschickt werden 
kann. Dies kann geschehen sowol, wenn der hauptsatz den 
beiden nebensätzen nachfolgt, als wenn er voransteht. Es be- 
darf daher grosser anfmerksamkeit auf das abhängigkeitsver- 
hältniss. 

a) wä man in verhouwen solde, da er dag an mir ervant, 
me mohte ich des getrouwen (als er von mir erfahren hatte, wo 
man ihn verwunden könnte, wie hätte ich glauben sollen). 


Negation im abhängigen satze. Satzstellong. 173 

von den die smemcere seit, und hceten die durch liebe leit in 
einem hereen nikt getragen, so wcere ir name so manegen edelen 
herben niht ee frumen Jcomen. des ich aller serest ger, sd ich 
des bite, so git sig, einem toren e. 

b) dag wirt dm mtnen gesten also vergolten, hänt si ihtes 
gebresten, dag ich immer bin bescholten (dass ich, wenn sie an 
irgend etwas mangel leiden, immer beschimpft bin), nu hilf 
mir, h&rre Krist, der min da värende ist, dag ich mich dem ent- 
sage (dass ich mich dem, der mir nachstellt, entziehe), do hieg 
man nemen war, swag si füeren solden, dag si eg heten gar. 
war täte din vater sinen sin, dö er in üf dem gemeinen se vant, 
dag er in dem äbte lieg, ich entrihte (bringe in Unordnung) 
iu so die seilen, swenne ir die widervart ritet gegen Eine, dag 
irg wol müget sagen, der hete von den varnden dag vemomen, 
dag si alle wurden riche, dar nach stüende ir gedinge. nu gähet 
von dem sande, e dag eg morgen tage, dag wir sin ze Ludewiges 
selde. iu hieg her Hartmuot saugen, des er dinget, ob ir des niht 
entuot, dag ir in sehet ze Mateläne (dass ihr ihn in Matelane 
sehen werdet, wenn ihr das nicht tut^ was er verlangt), eg kan 
niht d geschehen, die wir da hän 0e landen, unz dag wir gesehen 
dag si sint swertmcegic (als bis wir sehen, dass die, welche wir 
zu kindem haben, fähig sind, das schwert zu führen). 

4. Wenn yon einem hauptsatze zwei nebensätze abhängig 
gemacht werden, so können sie beide vorangestellt werden: 
swer dir dag hat geseit, ob ich Mute stürbe, dag wcere im niht 
ee leit, swes schilt ie was zer werlte bereit üf hohen prts, ob 
er den gote nu verseil, der ist niht wis, 

§ 377. Eine freiheit, die sich in poetischen denkmälern 
nicht ganz selten findet, besteht darin, dass ein hauptsatz in 
den abhängigen satz eingeschoben wird, respective zwischen 
zwei nebensätze, von denen der eine von dem andern ab- 
hängig ist: 

ob unser tüsent wasren, wir Icegen alle töty der sippe dtner mäge 
(wenn unser tausend von dem geschlechte deiner verwandten wären) N. 
wcßre mtn lop gemeine^ das; hie^e ein wirde kleine, dem wtsen und (föm 
ttmben, d^ sUhten tmd dim krumben Wo. wie si ze JSIne sce^e, si gedähte 
an da^, hi ir edelen manne N. ist ieman ba^ enphangen, das; ist mir wn- 
bekantj dan die helde mcere N. taste '6^ anders iemen, so zwmte ich also 
sire, dan Ludewic dSr vater min, ich noeme im beide Itp und ire Ku. sw'ir 
anders giht, dJtr misseseit, wan das; man stcstiu wip mit stcetekeit erw'&rben 


174 Syntax. IL Zusammengesetzter satz. 

muo^ H. trüegen mine soume golt, so wceret ir mir aUe holt, aamU, phdle 
und ander wdt Wo. swltr also minnen kan, dSr habe undanc, und dd bi 
«tasten dienest iühersiht Wo. sw'&r mit tugenden hüses phligetj dSr [nimt 
an witrdekeit niht abe, und also mit der mä^e wiget Winsbeke. vrouwe, 
ob ich verdirbe, toa^ habt ir oder iemen deste mi?\unde ein leit enoirbe 
Singenberg. sint mtne mdge tot belegen, mit w'im sol ich nu fretuU pflegen ? 
dar zuo mtn dUnthafte man Wo. müg ich der Elbe ir fiu^ benSmen, ad 
tuo ai mir wol, dar zuo der Tuonouwe ir du^ Tannhäuser. des ir da habet 
muat, ich rate an rehten triuwen, da^ ir des niht entuot N. habe ich dar 
an missetän, die schulde rieh, da^ ich lieber liep zer w'irlte nie gewan 
Momngen. e da^ ich also minnete, i lie^e ich min Üben, da^ i^ da heime 
diuhte mtne mdge smcehe Eu. 


Form der abhängigkeit ohne regierenden satz. 

§ 378. Sätze, die mit der eonjunction dag eingeleitet sind, 
werden ohne einen regierenden satz gebraueht 

1. um ein bedauern auszudrücken: dag mir dag solte ge- 
schehen! dag iuch vrägens do verdrög! dag du niht eine wtle 
mohtest hiten! 

2. noch viel häufiger um einen wünsch auszudrücken, 
wobei das verb. im conj. steht: vrouwe, dag ir scelic sU! dag 
dag ros unscelic si! dag mir noch werde ir habedanc! dag dich 
schiere got gehoene! 

§ 379. Aus abhängigen fragen, die durch wag oder wie 
eingeleitet sind, hat sich die gewöhnliche ausdrucksweise für 
den bewundernden, staunenden ausruf entwickelt: wag mir 
leides sit geschach ! durch willen siner sele wag opfers man da 
truoc! zäi (ha), wie ich danne sunge von den vogellinen! hei, 
wie wol man in do sprach ! wie sere si dag räch ! me ungeme 
Stfrit dd hin wider reit! Seltener wird so die directe frage 
gebraucht. 

§ 380. Eingestreute fragen im sinne der zuhörer oder 
leser erhalten oft die form der indirecten frage: oh diu nahtegal 
iht singen künne'i ja, si singet ob sin wirt iht mit im va/r? er 
und sine ritter gar. wer nu der dritte wasre? des hceret ouch 
ein mcere, wes si do hedephlägen ? üfspringens mit den swerten. 
wie dd ir herzen waere? herre, dag soU du bewam (verhüten), 
dag wir dag iemer süln ervarn. ob er euo der frouwen rite? 
nein, er was erbeiget vor. 


Fonn der abhängigkeit ohne regierenden satz. Erspanmg. 175 

Ersparung. 

§ 381. In einem mit unde angeknüpften satze kann das 
Bnbj. fehlen, wenn es sich ans dem obliquen easns eines pro- 
nomens in dem vorhergehenden satze ergänzen lässt: dag truoc 
si in ir herzen und wart ouch wol verdeit man vert in (den 
weg) äne des libes not und (er) leitet üf den eungen tot. dag 
er in dinem vater nam und sin almuosencere (einer der 
von ihm aknosen empfängt) ist eg mohte uns wol gelingen und 
hro^hten dir die vrouwen. der heleip in stcete und wurden von 
einem stürme geslagen. des got nie ere gewan und wüestet 
doch die Hute, diu sin da vor vil dicke engalt und ir (der er) 
verwüestet hete ir lant Ans dem possessivpron. kann das ent- 
sprechende personalpron. ergänzt werden: ja was eg ie din site 
und hast mir da mite gemachet manege swaere. Ans dem statt 
eines casns fungierenden ortsadv. (vgl. § 222) das entsprechende 
pron.: da (an dem tage) Ulc vil miner vreuden an und (er) vreut 
noch wip unde man H. da mite so müegeget (kommt znr ruhe) 
der muot und (es) ist dem Übe ein michel guot 6. dar ug den 
hellemör (den teufel) stn valsch verstögen hat und noch den 
guoten offen stät H. Viel seltener ist die ergänzung aus dem 
obliquen casus eines subst: dag ist gotes lop unde siht dag 
Berthold, dag diu hünegin im eorn lieg und gendich wart 

verhorn Ulr. v. Eschenbach. 

Anm. 1. Auch noch gewagtere ergänzongen des snbj. kommen vor 
^ ist ein harte ataster man, nach dem ich da riten sol, und (ich) bedarf 
da stceter rede wol H. so ist geschahen d&s ir dd g'&rt und wasnent mir 
8l wol geschahen H. swa^ er dSn känic $ geschalt, des wart ir z'ihenstunt 
mir, und (er) jach si wasre gar ze hBr Wo. dd ir ze dSm hüse kirte, dd 
wart diu brücke nider Idn und (er) sach gegen im gän H. beUbe ich äne 
man btiu zweijär oder driu, so ist min hibrre Ithte tot und (ihr) kument in 
80 grö^e not H. diu 9^ im briet wnde söt, das; ^ ein süe^u sptse was und 
wol vor hunger genas H. sus bevalch in diu guote in des truhsce^en 
huote unde schieden sich sä H. dar vuorte si in bi dSr hant und sä^en 
zuo einander, hundert ritter ir gewan und fuoren in eime schiffe dan 
Ernst B. Eine mehrheit ans der nennnng eines einzelnen: diz lobete är 
unde schieden sich H. dö nande ir sich sä und gerümte vientschaft dd 
und gehuüen iemer mere enein (waren einträchtig). Ans einem passiven 
satze ist die person zu entnehmen, die bei aotiver wendung das subj. bil- 
den würde: mit zühten wart '6^ im verseit und jach (der versagende) 
Lohengrin. 

Anm. 2. Auch ein obliquer casus ist zuweilen aus einem anderen 
casus des vorhergehenden coordinierten satzes zu entnehmen: da^ wa^^er 


176 Syntax. II. Zusammengesetzter satz. 

hat vil Itsen flu^ und hcßrt got durch dir himde du^ (da^ wa^^er obj. im 
zweiten satze) Freidank, sit ir habt wol an mir getan und (mich) ze vriunt 
geruochet hän Fleier. Joseben 9r bat joch gebot (ihm) Genesis. dSm tievd 
opfern und (ihn) anbeten Eaiserchron. nu rate ich dir unde mane (dich) 
Alezander. 

§ 382. Im abhängigen satze ist zuweilen das snbj. ans 

dem snbj. des regierenden Satzes zu ergänzen. Am häufigsten 

kommt dies yor in Sätzen, deren nnterordnnng nicht dnrch ein 

pron. oder eine eonjnnction bezeichnet ist. Vgl. so warne ich 

hin dag schcenste tier Zweter. ja wände ich ergeteet (schadlos 

gehalten) wosre Wo. da wände ich stcete fünde H. — er wände 

in mohte twingen N. si sprach gerne vüere Oenesis. si jähen 

wolden tragen N. — nunc weig ich tvie es beginne G. westich nu wag 

getaute, wag rätes hie euo hoete 0. Seltener sind sätze wie nu 

wil ich hüten den got, dag mir verlihe den sin Wahrheit der 

Jcom so snelle alsam flüge Fleier. Ans dem abhängigen satze 

ist das snbj. im regierenden zn ergänzen: ich kan iu niht so 

v'erre genäden (so sehr danken) als oh ich künde vil gerne 

toste H. wigget dag ich willen hän, möht ich, tet iu gerne leit 

Fleier. 

Anm. 1. Auch ans einem obliquen casus des regierenden satzes ist 
zuweilen das snbj. des abhän^gen zu er^zen: dSni atn gem^^ede das; 
saget das; gotes hulde niene hcU>et Ava. dSm winden nie gezam dag (var. 
das; <6r) % prUe trcste W. ich gan iu dJüs wol dag recKe^ Fleier. 

Anm. 2. Auch wo zwei coordinierte sätze beide durch ein pron« 
relat. oder interrog. oder eine conj. eingeleitet sind, steht das snbj. zuweilen 
nur im ersten: dö huober ein atimmef dd Urte uns viande minnen Ate. 
wa^ siu verläsen hohen, niht wag geunnnen sulen Hohelied. 

Anm. 3. Viele weitere beispiele von den in §381.2 besprochenen 
ersparungen und manche von noch etwas anderer art bei Kraus, Deutsche 
ged. des 12. jahrh., zu II, 107 und X, 39. 

§ 383. Ein yerb. finitam kann ans einem yorhergehenden 
satze ergänzt werden wie meist aneh im nhd. : doch vröut sich 
lüteel iemen, er enwesse wes (ohne zn wissen worttber). die 
vinde ich, ich weig wol wä. wie histu mir henomen, ichn weig 
war umbe oder wie. Besonders häufig in der wechselrede. 
Eine eigentümlichkeit, die wir nicht nachahmen können, ist 
die widerholang eines pronominalen subjectes ohne das praedieat 
neben ja und nein: „lebet er noch" ,ja eV^ „weit ir mich" 
„nein ich", „geklagete si ir herren^^ „nein si niht^. ein klSsencere 
ob erg vertrüege? ich wcene er nein. 


Erspannfg. 177 

Anm. Nicht mehr nachahmbar ist auch die ergänzung des praed. in 
modalsätzen neben einem comparativ: si täten^ da ad nie ritter ba^ (dass 
es nie ein ritter besser getan liat) H. wider die kund 'dr gebaren so da 
ze hove nieman has; Lanzelet ej wart gestochen und geslagen von uns, da^ 
nie von zwein rittem has; Türlein. Vgl. zu Erec 2486. 

§ 384. Häufig ist ans einem yerb, fin. des Yorhergehenden 

Satzes ein inf. zu ergänzen : du solt ime ^n ungenmch wenden, 

also sol er dir. sie dienden im, also man lieben friunden sol 

dag ist min site und ist min rät, als eg mit triuwen sol, nach 

dar min Mree ie ranc und iemer muog. Herwic streit da selbe 

dag nieman kundß bag, der gerne biderbe wcere, wan dag in 

sin h&ree enlat, 

Anm. Seltener ist aus einem verb. ein part. zu ergänzen: ich unl 
jagen rUen, als ich vil dicke hän (wie ich oft geritten bin) N. da^ diu 
minne dich verleitet, cils si manegen hat. 

§ 385. Häufig ist die sogenannte constrnetion djco xoivov, 

besonders im yolksepos. Es wird ein Satzteil, der gleiehmässig 

zn zwei eoordinierten Sätzen gehört, in die mitte zwischen 

beide gestellt ohne copnlativpartikel : do spranc von dem ge- 

sidele her Hagene also sprach N. da von wart im hunt der 

Wille sines kindes was im harte leit N. si truogen für die 

tür siben tüsent toten würfen si derfür N. er beslog mit 

armen der scheinen lip vil süegicliche er kuste Ku. dem ist 

wol erkant alle site Hagenen (im ersten satze snbj., im 

zweiten obj.) hat er wol gesehen Ku. die wende gar behangen 

mit spSrn al umbevangen Wo. Auch ein ganzer satz kann 

djto xoivov gebraucht werden: ja hän ich des geswom, dag 

ich den hört iht zeige die wile dag si ISben, deheiner miner 

herren so sol ich in niemen geben. 

Anm. 1. Eine andere art von caio xoivov ist es, wenn bei anreihnng 
eines nicht der form nach, aber logisch abhängigen satzes das subject des- 
selben in einem Satzteile des regierenden satzes liegt: ein pheüe gap köst- 
lichen pris, ob im 9u;anc (ein Seidenstoff, der sich kostbar ausnahm, schwang 
sich über ihm) Wo. under einer banier grüne, was mit golde durcMeit 
(die mit gold durchlegt war) Alphart, mit zühten si ze hüse bat ein frouwe 
sas; darinne Klage, u;^ was ein man lac vor dem Gral? Wo. Besonders 
haafig ist diese construction bei heilet (vgl. J. Grimm, El. Sehr. Ill, 341): 
ein künic hei^etHemant (mit namen H.). umb eine^ heilet sorge Wo. da^ si ze 
schirme tragen eine^ heilet tarnkappen N. Der acc. in dem letzten beispiele 
zeigt die formelhafte erstarrung der wendong. 

Anm. 2. Selten ist dno xoivov zwischen regierendem und einem 
formeU abhangigen satze: dö in rMe wart bekant sin vancnus was in 
leit Fleier. 

Paul, mittelhochdeatsohe gTammatik. 6. aafl. 12 


178 Syntax. tL Zasammengesetzter satz. 

Ersatz des speciellen ausdrucks durch einen allgemeinen. 

§ 386. Häafig dient das yerb. tuon znm ersatz eines 
vorangegangenen verh,, wo im nhd. meistens das verb. wider- 
holt wird. Dieses tuon wird dann ebenso eonstrniert wie das 
verb., welches es vertritt. Vgl. sweder er lebe oder entuo (sei 
es dass er lebe oder nicht), der minen lieben friunden so wol 
tar vor gestän (zum schirme dienen), also min herre Sifrit tuet 
den vriunden ^n. da ich den schilt bag hangen vant, danne 
er iu ze halse tcete. den h'erren minne ich, also tuot er mich, 
sie sehent mich bt in gerne, also tuon ich sie, der si da truoc 
in herzen und lange hete getan. Selten an stelle dnes ace. 
wie im nhd. der dat. (Haupt zu Erec 98). 

§ 387. Diejenigen Wörter, welche recht eigentlich die 

fnnction haben auf speciellere bezeichnungen zurückzuweisen, 

sind die demonstrativen und relativen pronomia und adverbia. 

Es sind hier einige vom nhd. abweichende gebrauchsweisen 

hervorzuheben. Die adverbia so, also, sam, alsam dienen statt 

eines widerholten praedicates: der eren sult ir wesen frö, ich 

bin ouch also („ich bin auch froh" oder „ich bin es auch"). 

— Ein demonstrativpron. kann zum ersatz eines part. perf. 

dienen: wer ist dir erbolgen (erzürnt)? si spra>ch „dag ist der 

öheim din Wo. wie ist iu dort gelungen? dag ist die mäge 

wol (dermassen gut), wer hat dag getan? dag hat dSr herre 

Bloedel N. mich hat isuo ziu gesant Günther der herre . . . dag 

selbe hat ouch Hagene N. 

Anm. Ein pron., welches einen verbalbegriff vertritt, kann ebenso 
construiert werden wie das betreffende verb., sogar einen objectsacc. neben 
sich haben: sine wessen w'äfi si solden mit strtte dö bestän, sine tasten^ 
Günther wnde sine man N. w'6n hästu hie verkebeset (für ein kebsweib 
erklärt)? — da^ tuon ich dich N. diz sahen da^ ich in hän getan G. dgs 
Schaltens d&s in dür man tUe H. ^wOn sol ich gein in senden*^^ sprach 
her Dietrich, „da^ suU ir mich" sprach Alphart Alphart. ' Diese fälle sind 
nicht zn verwechseln mit den in § 386 besprochenen. 

§ 388. Die conjunction dag kann wie im französischen 
zum ersatz einer bestimmteren partikel gebraucht werden: dö 
gote do wart gedienet und dag m^n vol gesanc. do die boten 
kömen und dag er die vernam, swenne du dinem ebenkristen 
sin guot an gewunnen hast oder dag du von ieman hast ge- 
koufet körn, so diu loup entspringent und dag ouch in dem 
walde diu vogellin ir wise beste singent, sit er din eigen ist 


Ersatz. Pleonasmas. Mischung verschiedener constmetionen. 179 

und dag du über uns heidiu so gewaltic bist swä ir sigelos 
worden sit unde dag ir in sünde gevallen sit Auch an hypo- 
thetische Sätze ohne conjunction kann sich ein parallelsatz mit 
dag anschliessen : getrüege si immer kröne und dag si gewünne 
lant w(Bre ich ein guot mensche unde dag ich des himehiches 
sicher woere. Ebenso an einen pronominalen relativsatz: der 
mich gekoufet hate und dag er mir dl ^n guot levalech Genesis. 
alle die üfin niht haben houbethafter schulde unde dag sie (und 
die) die gelübede hohen behalten, die vamt den linden wec Berthold. 

Pleonasmus. 

§ 389. Nicht selten steht statt eines einfachen praedicats- 

verbums Umschreibung durch das verb. sin mit einem relativ- 

satze : ich bin der in nie gesach (ich habe ihn nie gesehen), ir 

sit der triuwe nie gewan, diu in iemer weinet, dag bin ich, got 

si der iuch erner. Aehnlich ist die Umschreibung durch das 

verb. sin mit einem durch dag eingeleiteten substantiysatz: ist 

aber, dag ich gesige (siege ich aber). Vgl. eg enst dag (§ 338). 
Anm. Beachtenswert sind aach umschreibnngen wie: da^ die vasen 
(fransen) seiden stn^ das; was ein netze gvMin H. das; diu buckel solde sin, 
dag was ein bluome gtddtn Wimt. da^ der zügel solde shij da^ wären bor- 
ten guldin Wimt Hier würden statt der relativsätze die einfachen sub- 
stantiva bwkel, zügel genügen. 

Mischung verschiedener constructionen. 

§ 390. Ein in einem substantiysatz mit dag enthaltenes 
nomen kann schon vorweg auch in den regierenden satz ge- 
setzt werden, ein Vorgang, den man wol als prolepsis zu be- 
zeichnen pflegt. Eine Vermischung zweier constructionen liegt 
darin insofern, als ein Satzteil zugleich einerseits durch das 
einzelne nomen, andererseits durch den ganzen satz vertreten 
wird. Vgl. dd ich sie hieg dag sie dir getriuwe wceren Bert- 
hold, ir tohter Ortrünen hieg vrou OSrlint, dag si sich Meite 
Ku. die wil ich dag sig merken (von denen will ich) Veldeke. 
ein phelle des man jach dag der tiure wcere (ein Seidenstoff 
von dem man behauptete, dass er kostbar wäre) Wo. swenne 
er sine sHe sasihe, dag si in tötsünden wosre Berthold, du 
muost in verkiesen dag er dir bt wone (darauf verzichten, dass) 
N. die liset man dag si wtlen wceren des wunderlichen 

12* 


180 Syntax. iL Zusammengesetzter satz. 

Alexandres man Anno, ich sol in wol erkennen^ ob im hie 
eimt diu kröne Kü. tiurres knaben was unnöt, dag den 
iem^n funde Biterolf. 

§ 391« Nach yerneintem wiggen steht in dnem abhängigen 
fragesatz^ wenn darin auBgedrückt werden soll, worüber man 
anentschlossen ist, der inf., als ob eine directe abhängigkeit 
von mggen stattfände: er enweste wie gebären (wusste nicht, 
wie er sich benehmen sollte), si enwesten niht wag ane gän 
(was sie beginnen sollten). Seltener statt dessen ze mit dem 
ger.: si enwessen wem ee klagenne N. 


Satzverschlingung. 

§ 392. Ein abhängiger satz kann mit dem regierenden 
derart zn einer einheit verschmelzen^ dass zwischen beiden 
keine grenzlinie mehr gezogen werden kann. Dies ist schon 
der fall, wo ein pron. oder adv. zugleich demonstrativ und 
relativ ist (vgl. § 344) und bei den den nebensatz einleitenden 
conjunctionen, die eigentlich dem hauptsatz angehören (vergl. 
§ 352. 3). Koch inniger ist die Verbindung in folgenden fällen. 

1. Wenn von einem parenthetischen ich enweig ein frage- 
pron. oder adv» abhängig gemacht wird, wozu das praed. und 
unter umständen auch das subj. aus dem regierenden satze zu 
ergänzen ist, so erscheint das fragewort als abhängig von dem 
verb. des regierenden Satzes, respective als subj. desselben: ir 
hat iuch an genomen irne wigget wag (euch befasst mit etwas, 
wovon ihr nicht wisst, was es ist), do truoc der hell ine weig 
wie manegen zobelbalc, er streich ine weig wie lange nach. 
So entstehen dann die Verbindungen neigwer (ich weiss nicht 
wer = irgend einer), neigwag, neigwie. 

2. Es kann ein glied eines abhängigen Satzes dem voran- 
gehenden regierenden vorgeschoben werden. Dies geschieht 
namentUch, wenn das betreffende glied zur Verknüpfung mit 
dem vorhergehenden dient: eg schinet (zeigt sich) noch als eg 
do schein und ich wcene eg iemer schine H. dag ich ie wände 
dag iht wcere (wovon ich immer glaubte, dass es etwas wäre) 
Wa. wag wiltu dag min werde Kaiserchron. swag man wolte 
dag der meie bringen solte G. swie boese ir wcenet dag 
er si wag weit ir dag der töre tuo. die enweig ich war ich 


Satzverschlingting. Nomen an stelle eines satzes. Anomalie. 181 

tuo (von denen weiss ich nichts wohin ich sie tun soll) H. 
swie sie wil, so wil ich dag min fröude ste. Selten in andern 
fällen : tiefe mantel wtt sach man dag si truogen Ku. jsuo sinem 
brütloufte (hochzeit) bat er dag si qucemen Alexander, auo 
Amelolt und Neren nu hceret wie er sprach Alphart. So auch, 
wo das abhängigkeitsverhältniss nur ein logisches ist: da man 
hegruop ir vriedel, wie selten si dag lie, mit trürigem muote si 
alle eit dar gie N. 


Nomen an stelle eines satzes. 

§ 393. Ein absolut stehendes subst. muss zuweilen die 
stelle eines ganzen satzes vertreten. Am häufigsten ist dieser 
,fall nach dem adversativen wan: ja brceche ich rösen wunder 
'(eine wunderbare menge rosen) wan der dorn (wäre nicht der 
dorn), die nie verloren wosren wan übel zungen, wan min 
Tcursit Salamander (wäre nicht mein leibrock aus salamander- 
haut gewesen) ich woere verbrunnen. wan ze leide Kriemhilde 
eg hete Prünhilt Verlan. Andere beispiele dieser primitiven 
constructionsweise sind: bi senedem leide müegekeit (wo bei 
liebeskunmier mangel an beschäftigung ist), da wahest iemer 
senede leit 6. der miuse Manc (wenn der klang der maus 
ertönt), humt si üg ir hlus, so schrien wir „ein müs, ein müs" 
Wa. Ein Inf. so gebraucht: wol gedingen unde iedoch niht 
volle wol geleben (wenn ich gute hoffnung haben und doch 
nicht vollständig gut leben soll), so vürhte ich Ithte ein ende 
nemen Singenberg. 

Anomalie. 

§ 394. Anakoluth findet sich in analoger weise wie in 
andern sprachen : wir suln dag ampt dag uns got verlihen hat, 
dag suln wir durch got üeben Berthold, dag aller der hunger 
den alliu diu weit ie gewan, der möhte disem hunger niht ge- 
liehen ib. dag Sälomön und Darius und der riche künec Augustus, 
den diente al diu erde, die enmöhten nach ^nem werde dag 
gezelt vergelten Lanzelet. dag diu maget Carpite von Laurente 
in dem strite noch Camille von Volcän, ir newederiu heteg so 
getan Wo. dag diu selbe ewikeit, als si allen dingen git ane- 
vanc, also git si in allen ir stcete Mystiker, ir wigget wol dag 


1 82 Syntax. II. ZuBammengesetzter satz. 

ein man, der ir iewederg nie gewan, rehte liep noch herjseleit, 
dem ist der munt niht so gereit H. nu seht ir wol, wie die 
geistlichen Hute, die orden habent in klöstern, dag die niemer 
getürren gereden Berthold. 

§395. Wechsel zwischen gleichbedeutenden con- 
Btrnctionsweisen: ir sult hine gän und wecket die Sifrides 
man Ni ob er ie hundert sper jsfebrach, gesluoc er viur üg helme 
ie, ob er mit manheit begie deheinen lobeltchen pris, wart er ie 
hövesch unde wis H. haibe ich mit sünde helfe din gedient 
(gelohnt), daß; si der sele leit, und ob ich /sagelichen streit Wo. 
Meljanj3en er si loßsen bat oder dag si erwürben im den Gral 
Wo. einen knaben hieg er rtten in den tan und dag er solde 
wol bewarn Biterolf. Besonders häufig ist Wechsel zwischen 
einem sabstantivsatz mit dag und dem conj. ohne conjnnction: 
Gäwänen des bedühte, eg wcere der ander Farziväl und dag er 
Oahmuretes mal hete Wo. eg wcere dag selbe gewant oder dag 
si von einer hant geworht wceren beide H. do sagete man ir 
umben Gral, dag üf erde niht so riches was und des pflcege 
ein künic, hieg Anfortas Wo. Sehr leicht ist der Übergang von 
indirecter zu direeter rede und findet oft innerhalb des selben 
Satzes statt: von sinen gesellen wart gesagt, si wisten eine 
(klause), ,da wont ein mageV Wo. swag ie mit swerten wcere 
geschehen, ,dag ist gein disem strtte ein niht W» sit dag er- 
storben wcere der schoßnen Heichen lip, sie sprächen, ,welt ir 
immer gewinnen edel wip^ N. vrägen er began, wannen si dar 
wceren komen in dag riche: ,wan mir gaben geste nie so 

hbeltche Ku. 

Anm. Selten ist der umgekehrte tibergang aus direeter in indirecte 
rede: wa^ weinent dise vrouwen? da^ het ich gdme erkant; oder von 
weihen schulden mich der künic habe besant N. si gedähte: ,ich wil d^n 
künic bitenj da^ er ir des gönde N. du mäht lieber vrägen: jWi^ ist der 
h'irre din? durch dM ich mich Itbes und lebens haste erw'egen Alphart. 
Vgl. zu diesem § Kraus, Deutsche ged. des 12. jahrh., zu II, 43 und X, 22. 

§ 396. Zuweilen wird ein satz fortgesetzt, ohne dass auf einen andern 
dazwischengeschobenenrücksicht genommen wird: ir stUt geloubm, iuwerr 
sele den tievel rouben (berauben), an den hoehsten got aleine Wo. 8r bat 
sine süne keren, und sülbe ir richeit meren, in diu lant swä si möhten Wo. 
da^ alle die besten hie hänt län, unde ir s'dber unpris (was ihnen zur 
schände gereicht) getan, das; ir neheiner mir sprach zuo Wo. Vgl. hierzu 
§ 377. Aehnliche und noch stärkere anomalien aus der Elaiserchron. stellt 
J. Meier zusammen, Literaturbl. f. germ. n. rom. phil. 16, 260. 


Anomalie. 183 

§ 397. Entnahme eines snbstantivn ms aus einem abgeleiteten 
verb. oder adj.: entwäpent wart dJhr tote man und an dSn lebenden gelegt 
(das subj. des zweiten satzes ,,die rUstung" aus entwäpent zu entnehmen) 
Wo. die wirs geh^rret (mit schlechteren herren versehen) waren und si 
die (diö herren) niht verbären (verschonten) H. in d^m palaa d^ wol ge- 
herzet was, die (auf ein zu entnehmendes herze bezogen) harte liehte 
brunnen Wo. 8r was starke gezan (mit starken zahnen versehen); ü^er- 
halp des mundes für ragten si (die zahne) im Mrfür H. Vgl. zu Erec 7814. 


Druck von Ehrhardt Earras, Halle a. S. 


Verlag von Max Nieiney«r in Halle a. 8. 


Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte 

* 

Herausgegeben von Wilhelm Braune. 

8. 

A. Hauptreihe. 

Bd. I. Ootische Grammatik mit einigen Lesestüeken uDd Wortver- 
zoiehnis von Wilh. Branne. 4. Anfl. 1895. MOS. ^2,60 

Bd. II. Mittelhoehdentsche Grammatik von Hermann Panl. 
5. Aufl. 1900. 183 S. .^3,00 

Bd. III. Angelsächsische (i^rainmatik von Ed. Sievers. 3. Aufl. 
1898. 8. X. 318 S. .^6,00 

Bd. IV. Altnordische Grammatik. I. Altisländische und alt- 
norwegische Grammatik unter Berücksichtigung des Ur- 
nordischen von Adolf Noreen. 1892. 2. Aufl. 314 S. ^ 6,U0 

Bd. V. Althochdeutsche Grammatik von Wilh. Branne. 2. Anfl. 
1891. XVI. 288 S. >i;5,20 

Bd. VI. Altsächsische Grammatik von 0. Behaghel und J. H. 
Gall^e. I. Hälfte: Laut- und Flexionslehre bearbeitet 
von J. H. Gall6e. 1891. X. 116 S. ^2,00 

Bd. VII. Mitteienglische Grammatik von LorenzMorsbach. 1 896. 
I.Hälfte. VIII. 192 S. ^4,00 

Bd.VIII. AltnordischeGrammatik.il. AltschwedischeGrammatik 
mit Einsehlnss des Altgutnischen von Adolf Noreen. 
I. Lfg. Einleitung und Sonanten. 1S97. 173 S. Jd 3,60 
IL Lfg. Konsonanten. 1899. S. 173— 279. JS 2,00 

B. Ergänzungsreihe. 

Bd. I. Nominale Stammbildnngslehre der altgermanischen Dialekte 

■ von Friedrieh Kluge. 2. Anfl. 1899. X. 119S. ^3,00 

Bd. IL Altgermanische Metrik von Eduard Sievers. 1892. XVi. 

252 S. Ji 5,00 

C. Abrisse. 

Nr. 1. Abriss der althochdeutschen Grammatik mit Berücksichti- 
gung des altsächsischen von WilhelmBraune. 3. Aufl. 1 900. 
64 S. Ji 1,50 

Nr. 2. Abriss der angelsächsischen GrammiRtik von Eduard 
Sievers. 2. Aufl. 1899. 60 S. .^1,50 

Nr. 3. Abriss der altnordischen (altisländ.) Grammatik von Adolf 
Noreen. 1896. 60 S. ^ ^1,50. 


Druck von Ehrhardt Karrus, Halle a. 8. 




,■7. j 


« 


\ 


THE NEW YORK PUBLIC LIBRARY 

REFESENGB DEPARTMENT 
takea from the BuildtoC 





- - - 










- 

- 

-~ 



- 








-- 






^ ^ 


'"""" 




um 


"-?>